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Die Linie der Bundes-ÖVP

Man kann der Bundes-ÖVP sicher nicht vorwerfen, sie habe keine Linie. Auch eine Schlangenlinie ist ein solche. Aber der Reihe nach …

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Am 17. November 2015 präsentierten SPÖ und ÖVP, vertreten durch BM Heinisch-Hosek und StS Mahrer, ein „fast geilesReformpapier. Darin heißt es betreffend Modellregionen zur achtjährigen Volksschule: „Die Gesamtzahl der Standorte in den Modell-Regionen darf in keinem Bundesland 15% aller Standorte der jeweiligen Schulart sowie 15% aller Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Schulart überschreiten.

Schon kurz danach brach Streit darüber aus. Die Unterrichtsministerin erklärte, „dass es bei der 15-Prozent-Obergrenze für die Modellregionen zur gemeinsamen Schule noch Bewegung nach oben geben könnte“ (1), was prompt die Reaktionen der Bundes-ÖVP provozierte. „Ich sehe hier überhaupt keinen Bedarf zu einer Änderung zu kommen. Jetzt haben wir diese Einigung und die sollten wir gemeinsam vertreten […] Sie [Anm.: SPÖ-Verhandlerin BM Heinisch-Hosek] hat das ja noch bejubelt mit Staatssekretär Mahrer“, meinte der ÖVP-Klubobmann im Nationalrat Reinhold Lopatka. (2) Der genannte Staatssekretär hielt fest: „Die 15 Prozent sind eine Einigung der Bundesregierung und genauso hat die Einigung der Bund-Länderkommission auch ausgesehen und die 15 Prozent sind die 15 Prozent. (…) Wir haben das gerade erst vor zwei Wochen fixiert, ich sehe überhaupt gar keine Notwendigkeit, an den 15 Prozent irgendwie umzurütteln.“ (3)

Die Bundes-ÖVP hat mit dieser Positionierung schon eine gehörige Portion an Selbstzerstörungstrieb bewiesen. Denn in einem groß beworbenen „Evolutionsprozess“ für die Entwicklung eines neuen Parteiprogramms hatten sich bei einer Umfrage unter den Parteimitgliedern 84 % „für ein differenziertes Schulsystem“ ausgesprochen. Dies führte zu einer unmissverständlichen Textierung im neuen Parteiprogramm: „Wir bekennen uns zum Leistungsprinzip und zu einem differenzierten Schulsystem, das den unterschiedlichen Talenten und Interessen der Kinder gerecht wird. Daher bekennen wir uns auch zum Gymnasium und allen anderen Schularten in einem differenzierten Schulwesen …“ (4)

Dementsprechend ist auch die Linie der bedeutenden Landesparteiorganisationen. Beispielhaft sei Niederösterreich genannt: „Gesamtschultendenzen sind bildungspolitischer Wahnsinn. Gleichmacherei und Nivellierung nach unten bringen junge Menschen morgen nicht nach vorne. Wir brauchen Ausbildungsstätten auf hohem Niveau und werden für den Erhalt unserer AHS-Schulen kämpfen.“ (5)

Und nun ist heute am Titelblatt der „Vorarlberger Nachrichten“ zu lesen: „Mitterlehner für echte Schul-Modellregion“. Und weiter heißt es dann, dass sich der Vizekanzler „dezidiert dafür ausgesprochen hat, sich in den entsprechenden Gremien für das Vorarlberger Modell der Gemeinsamen Schule einsetzen zu wollen“ – ein Modell, das die Einführung der achtjährigen Volksschule flächendeckend in ganz Vorarlberg vorsieht.

Und ich dachte bisher, im Liegen könne man nicht umfallen …

(1) Heinisch-Hosek glaubt an Bewegung bei Gesamtschulquote. In: Standard online vom 28. November 2015.

(2) Ö1-Morgenjournal vom 2. Dezember 2015.

(3) a.a.O.

(4) Grundsatzprogramm 2015 der Österreichischen Volkspartei in der Fassung vom 12. Mai 2015, S. 38.

(5) Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka, zit. n. Martin Gebhart, Plädoyer für Gymnasien. In: NÖN online vom 1. März 2016.

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„Mander – ’s isch Zeit!“

Andreas Hofer, unbekannter Maler, Mitte des 19. Jahrhunderts, Tiroler Kaiserjägermuseum Innsbruck (Bild von Wikimedia Commons)

Andreas Hofer, unbekannter Maler, Mitte des 19. Jahrhunderts, Tiroler Kaiserjägermuseum Innsbruck (Bild von Wikimedia Commons)

Am 28. Februar finden in Tirol Gemeinderatswahlen statt. Und daher musste ich an die bekannte Definition des Wiener Bürgermeisters von Wahlkampf als der Zeit fokussierter Unintelligenz denken, als mir ein Schreiben aus Tirol auf den Bildschirm flatterte. Darin reitet die Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader doch tatsächlich allen Ernstes eine Attacke gegen die gesamte Schulgemeinschaft des Gymnasiums Landeck – also SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen, weil diese den Plan, ihre Schule einer Modellregion zur achtjährigen Volksschule zu opfern, alles andere als „fast geil“ findet. Der Schulgemeinschaftsausschuss habe in einer Einladung zu einem Elternabend „unsachlich und niveaulos absolut falsche Informationen an die Eltern/Erziehungsberechtigten kommuniziert“. Den weiteren Inhalt dieses Elternbriefs habe ich teilweise bereits analysiert. (1)

Den Brief der Bildungslandesrätin mussten die DirektorInnen der Pflichtschulen im Bezirk Landeck auf deren Weisung hin allen SchülerInnen für ihre Eltern mitgeben. An der Tatsache, dass eine Politikerin SchuldirektorInnen dazu eine Weisung erteilt, stößt sich in Tirol niemand? Palfrader steht ein Weisungsrecht zu, denn sie ist nicht nur ÖVP-Regierungsmitglied, sondern auch amtsführende Präsidentin des Landesschulrates für Tirol. Wahrscheinlich versteht die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung diese Ämterkumulierung als „Entpolitisierung“ des Schulwesens.

Aber gerade als Politikerin sollte die Landesrätin besser mit Kritik umgehen können. Ihre Nerven müssen blank liegen, wenn sie so agiert. Es stellt sich wohl nicht nur mir die Frage, wie lange sich ein Landeshauptmann ein solches Regierungsmitglied politisch leisten kann. Interessant wird auch sein, ob sich die Unterrichtsministerin zu Wort meldet. Denn sie könnte der amtsführenden Präsidentin Palfrader per Weisung Einhalt gebieten.

Bemerkenswert ist, welches Ergebnis eine Befragung der SpitzenkandidatInnen für die Tiroler Gemeinderatswahlen an den Standorten von Gymnasien gebracht hat: Fast alle wahlwerbenden Gruppierungen in Lienz, Kufstein, St. Johann in Tirol, Wörgl, Schwaz, Hall, Telfs, Landeck, Imst und Reutte erklärten, sich für den Weiterbestand des achtjährigen Gymnasiums einzusetzen und eine Modellregion verhindern zu wollen. Es gab zwei Ausnahmen: die Grünen in Reutte und eine Namensliste in Kufstein. (2)

Da scheint sich ein gehöriger Volksaufstand gegen eine abgehobene Politik anzubahnen, deren Ziel die Entmachtung der Schulpartner vor Ort ist. Wie meinte Andreas Hofer so treffend: „Mander – ’s isch Zeit!

(1) Eckehard Quin, Mist-Reiter. In: QUINtessenzen vom 23. Februar 2016.

(2) Die Tiroler wollen die Gesamtschule nicht! Presseaussendung von „Pro Gymnasium“ vom 23. Februar 2016.

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Gerhard Riegler: Vorurteile

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat.“ (1)

bigstock-Set-Of-Stamps-60259196_blogSo hat Eckehard Quin die Flut an Presseaussendungen aus Politbüros infolge einer weiteren OECD-Publikation zu den PISA-Ergebnissen des Jahres 2012 vor einer Woche kommentiert. Ich habe die angesprochene Publikation inzwischen studiert und muss ihm völlig Recht geben.

Auch wenn der ministerielle Vorstoß, die Leistungsbeurteilung in den ersten drei Klassen der Volksschule ebenso wie das Repetieren abschaffen zu wollen, im Moment die Medien füllt, möchte ich heute darlegen, was in der OECD-Publikation „Low-Performing Students“ wirklich zu lesen gewesen wäre und noch immer zu lesen ist.

Meine Forderung nach einer gemeinsamen Schule hat positive Auswirkungen auf die Leistungen der SchülerInnen“, glaubte Österreichs Unterrichtsministerin der Studie entnehmen zu können. (2) Wo sie dies gelesen hat, wird sie uns vielleicht noch verraten. Ich entnehme Seite 184, dass Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen international im Kommen ist („Ability grouping appears to be becoming popular again“), und Seite 142, dass im OECD-Mittel inzwischen nur mehr an jeder vierten Schule auf leistungsdifferenzierten Unterricht verzichtet wird: „On average across OECD countries, 26 % of students attend schools whose principal reported that ability grouping is not used in any classes …

Auf Seite 183 nennt die OECD (!) Österreich sogar als Beispiel für einen jener Staaten, die ein hohes Ausmaß an äußerer Differenzierung aufweisen und im internationalen Vergleich wenig SchülerInnen haben, die beim PISA-Test schwache Leistungen erbringen: „Austria, Belgium and the Netherlands, for example, have high values on the index (Anm.: Ausmaß an äußerer Differenzierung) but small shares of underachieving students …

Da ich nicht annehme, dass die Englischkompetenz der österreichischen Unterrichtsministerin dermaßen schwach ist, dass sie deshalb den Text nicht verstand, und da ich einer Ministerin nicht unterstellen will, die Bevölkerung in einer ministeriellen Presseaussendung vorsätzlich hinters Licht zu führen, kann ich nur schließen, dass Eckehard Quins Einschätzung unsere Unterrichtsministerin betreffend korrekt war. Für die meisten der anderen Presseaussendungen, die die OECD-Publikation wenige Stunden nach ihrer Präsentation kommentierten, gilt dies analog.

Ich könnte die Flut an skurrilen Wortmeldungen als verspäteten und völlig misslungenen Faschingsscherz abtun, wären in dieser Publikation nicht so viele Themen angesprochen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienen:

  • Österreichs Politik hätte erfahren, dass es einen starken Zusammenhang gibt zwischen der pädagogischen Freiheit, die man LehrerInnen gewährt, und dem Unterrichtserfolg.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie bedeutend Disziplin und Arbeitshaltung der SchülerInnen für ihren Lernerfolg sind, z. B. auf Seite 112:„… being perseverant and determined is important for academic success.
  • Österreichs Politik, die immer wieder von einer Schule ohne Hausübungen träumt, hätte vom starken Zusammenhang zwischen der in Hausübungen investierten Zeit und dem PISA-Ergebnis gelesen, z. B. auf Seite 108: „Performance in mathematics is strongly associated with the time spent on homework.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie wichtig fachspezifisch ausgebildete Lehrkräfte für den Unterrichtserfolg sind, und auch, dass OECD-weit mehr als ein Drittel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund zur Gruppe der Low-Performer zählt, in Österreich 37 %, in Finnland sogar 45 %.

Aber all das scheint die meisten SchulpolitikerInnen der Alpenrepublik nicht zu interessieren. Offensichtlich wollen sie nicht erfahren, wie weit ihre bildungspolitischen Vorurteile von der Wirklichkeit entfernt sind.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2016.

(2) Heinisch-Hosek: PISA-Ergebnisse bestätigen Konzept der Ganztagsschule. Presseaussendung vom 10. Februar 2016.

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Gerhard Riegler: Demokratie ausschalten?

Die Schuldemokratie werde durch „Modellregionen“ doch nicht abgeschafft, versichern BildungspolitikerInnen und ihre „ExpertInnen“ treuherzig. Was aber sonst bedeutet der Plan, den die Koalitionsparteien am Dienstag im Rahmen der „Bildungsreform 2015“ verkündet haben? Nach diesem Übereinkommen, das manche als „fast geil“ (1) empfinden, bekommen die demokratischen Mitwirkungsrechte der Schulpartner neun „EIN/AUS“-Schalter, die, wenn es die Unterrichtsministerin erlaubt, von neun Landesfürsten nach Belieben betätigt werden können.

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15 Prozent – wenn es nach dem Wiener Bürgermeister, dem Vorarlberger Landeshauptmann und den Grünen geht, sogar 100 Prozent – der Gymnasien sollen künftig nicht mehr zustimmen müssen, bevor die Politik aus ihnen Gesamtschulen macht. Im 20. Jahrhundert mühsam errungene Elemente der schulischen Demokratie sollen außer Kraft gesetzt werden, um ideologische Ziele gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen zu können.

Für diejenigen, die sich der Zwangskonvertierung nicht unterwerfen wollen, hatte die Bildungsministerin bei der Präsentation der „Bildungsreform“ eine „Lösung“ zur Hand: „Wenn Eltern ihr Kind nicht in eine solche Schule schicken wollen, müssen sie ausweichen.“ (2) Ob diese Worte Ausdruck eines erschreckenden Zynismus sind oder sich die Bildungsministerin dessen nicht bewusst war, wie undemokratisch ihr Amtsverständnis ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wohin sich Zwangsbeglückte „schleichen“ sollen, hat sie meines Wissens nicht erklärt. Sollen 10- bis 14-jährige Kinder in ländlichen Regionen stundenlange Schulwege in Kauf nehmen? In welche Gymnasien sollen Kinder in städtischen Ballungsräumen, deren Gymnasien schon jetzt überfüllt sind, „ausweichen“?

Oder setzt die sozialdemokratische Bildungsministerin darauf, dass ohnehin sündteure Privatschulen gegründet werden, für die es nach der Liquidierung öffentlich finanzierter Gymnasien künftig auch in Österreich Bedarf geben wird? Ein Blick in Europas traditionsreiche Gesamtschulstaaten Frankreich und England zeigt, dass Eltern, die es sich leisten können, genau dorthin „ausweichen“. Eltern aber, die sich monatliche Schulgebühren von über 1000 Euro nicht leisten können, sind bereit, ihre Wohnung zu verpfänden, um ihre Kinder staatlichen Einheitsschulen zu entziehen. Dass am Dienstag in der IV und der Wirtschaftskammer die Champagnerkorken geknallt haben, ist nicht belegt, aber vorstellbar.

Der Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss (B-SGA) hat zu diesem Versuch, die Betroffenen vor Ort zu entmündigen, eine unmissverständliche Antwort gegeben, die auf demokratischem Weg erarbeitet worden ist. (3)

Man darf Frösche nicht fragen, wenn man ihren Teich trockenlegen will.“ (4) Diese Devise beschreibt das derzeitige „Demokratieverständnis“ gewählter RepräsentantInnen unserer Demokratie leider trefflich. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen vehement zur Wehr setzen werden, wenn man ihr Gymnasium „trockenlegen“ will.

Wie erfolgreich dieser Widerstand für die Schule und wie verheerend er für eine abgehobene Politschickeria sein kann, hat der Aufstand der Hamburger Bevölkerung gegen die damals bereits beschlossene Amputation des Gymnasiums im Jahr 2010 bewiesen. Das Gymnasium überstand den Hamburger Anschlag unversehrt, Politikerkarrieren aber endeten abrupt, und Parteien wurde bei der folgenden Wahl von der Bevölkerung die Rechnungen präsentiert, die sie sich verdient hatten.

Wer glaubt, die von der Schule unmittelbar Betroffenen entmündigen zu können, soll und wird erfahren, dass nicht jede Prinzessin, die einen Frosch gegen die Wand wirft, dadurch ihr Glück erfährt.

(1) So charakterisiert Staatssekretär Mag. Dr. Harald Mahrer die „Bildungsreform“. Siehe ZiB2 vom 17. November 2015.

(2) Zit. n. Julia Neuhauser und Bernadette Bayrhammer, Reform: „Mutlos“ und „Nordkorea“: Gesamtschule polarisiert. In: Presse online vom 17. November 2015.

(3) Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss: Entmündigung der Schulpartner inakzeptabel. OTS-Aussendung vom 20. November 2015.

(4) Univ.-Prof. Dr. Detlef Müller-Böling, zit. n. Thomas Schuler, Bertelsmannrepublik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik (Frankfurt 2010), S. 150.

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Wertschätzung

Am 8. Juni 2015 ließ die Bundesbildungsministerin in einem Interview mit der auflagenstärksten Tageszeitung aufhorchen: „Die Erwartung an Lehrer ist unermesslich. Sie sollen alles reparieren, was bei den Kindern irgendwann schiefgelaufen ist. Hinter dieser Erwartung können sie nur zurückbleiben.“ (1)

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Wer jetzt hofft, dass Gabriele Heinisch-Hosek der „Krone“ ein derartiges Interview gegeben hat, muss leider enttäuscht werden. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) fand in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ klare Worte zur permanenten Überforderung der Lehrerschaft.

Dabei hätte „unsere“ Bildungsministerin bereits im März 2015 in der „Kleinen Zeitung“ nachlesen können, was das im Sozialministerium angesiedelte Arbeitsinspektorat zum Thema Stressbelastung verschiedener Berufsgruppen festgestellt hatte: „… 37 Prozent der Befragten arbeiten nach eigenen Angaben unter ständigem Druck und haben keine Zeit zum Verschnaufen. In den Berufsgruppen führen Lehrer (66 Prozent belastet), medizinische Pflegekräfte (65 Prozent) und Berufsfahrer (64 Prozent) das Stress-Ranking an.“ (2)

Wäre diese Studie nicht vor, sondern nach dem ersten Volldurchgang der Zentralmatura durchgeführt worden, wäre die Stressbelastung der Lehrerschaft wohl von der Zweidrittel- zur Dreiviertel-Marke hochgeschnellt. Denn kaum jemals waren Anspannung und Belastung so hoch wie in diesem Schuljahr.

Es ist mir daher ein ehrliches Bedürfnis, Ihnen allen dafür zu danken, dass Sie der „Generation der maturierenden Versuchskaninchen“ mit unglaublichem Einsatz eine weitgehend reibungslose Reifeprüfung ermöglicht haben. Das Gelingen der Zentralmatura ist nämlich nur zu einem verschwindend kleinen Teil der Ministerin und/oder dem BIFIE zu verdanken, sondern in erster Linie dem höchst professionellen Einsatz von LehrerInnen und Schulleitungen.

Mein Dank gilt ganz ausdrücklich auch jener großen Mehrheit von DirektorInnen, die sich nicht in vorauseilendem Gehorsam zusätzliche Belastungen ausgedacht haben, sondern Augenmaß und praktische Vernunft haben walten lassen, als es um die operative Umsetzung der Reifeprüfung, insbesondere der mündlichen, ging. Wie ich selbst als Prüfer und Beisitzer erleben konnte, wie ich aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen weiß, gelang das an sehr vielen Schulen. Für mich setzten all diese SchulleiterInnen ein klares Zeichen des Vertrauens und der Wertschätzung für ihre LehrerInnen.

Für derartige Bekundungen hat „unsere“ Ministerin bis dato keine Zeit gefunden. „Die Wertschätzung für die Lehrer ist in den vergangenen Jahren aber stark gestiegen. Das ist gut“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (3). Um sie können wir unsere deutschen KollegInnen nur beneiden!

(1) Zit. n. Bundesbildungsministerin Wanka: „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“. In: News4teachers online vom 8. Juni 2015.

(2) Stress am Arbeitsplatz: Jeder Zweite ist belastet. In: Kleine Zeitung online vom 20. März 2015.

(3) Zit. n. „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“.

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Gerhard Riegler: Nie mehr Hausübungen?

In der vorigen Woche erreichte Gewerkschaft und Personalvertretung ein Verordnungsentwurf der Unterrichtsministerin, dessen Kurztitel „Betreuungsplan“ nichts Dramatisches vermuten ließ. Bei genauer Lektüre stellte sich allerdings heraus, dass die Implementierung dieses Entwurfs einerseits eine unerträgliche Verbürokratisierung schulischer Betreuungsformen und andererseits de facto ein Hausübungsverbot an Standorten mit Nachmittagsbetreuung nach sich zöge. Details dazu sind in den ausführlichen Stellungnahmen der Standesvertretung nachzulesen (1), sie würden den Rahmen dieses Editorials sprengen.

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Während das „schweißfreie“ Fitnessstudio nach wie vor Utopie ist, soll, wenn es nach den Vorstellungen der Unterrichtsministerin geht, die hausübungsbefreite Schule in Österreich ab Herbst geschaffen sein. „Freizeit pur“ wochentags ab 16:00 Uhr, so offensichtlich der Traum der obersten politischen Bildungsverantwortlichen, der bei den derzeit hochsommerlichen Temperaturen Urlaubsstimmung aufkommen lässt.

Dass in südostasiatischen PISA-Siegerstaaten SchülerInnen täglich bis spät in die Nacht büffeln müssen, um ihre Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zu wahren, halte ich für erschütternd und menschenverachtend. Österreichs LehrerInnen und unserem Schulwesen, um das uns immer mehr Staaten beneiden, vorzuwerfen, dass wir keine PISA-Ergebnisse aufzuweisen haben wie Südkorea, Hongkong, Singapur etc., ist meines Erachtens Ausdruck einer Politik, die von der Sache keine Ahnung hat oder aber bei ihrer Hetze auf die Ahnungslosigkeit der Bevölkerung setzt.

Ein Blick in die einschlägige Bildungsforschung zeigt, dass uns der vorliegende spaßpädagogische Ansatz des Unterrichtsministeriums aber ebenso auf einen Abweg führen würde. Der Wert des Übens für die Festigung von Wissen und Können und für das Finden des eigenen Bildungszugangs muss im dritten Jahrtausend zwar längst nicht mehr entdeckt werden, wird aber auch durch aktuelle Studien immer wieder und in immer neuen Facetten bestätigt.

Der „Zeitgeist der Unbildung“ (© Konrad Paul Liessmann) geht um und scheint im BMBF Verehrung zu finden. Manche glauben offensichtlich, dass Österreich auch morgen eine Insel der Seligen sein wird, wenn wir heute jungen Menschen vermitteln, Bildung sei ein Konsumgut, das man sich in der Schule servieren lässt.

Wachstum entsteht durch Anstrengung, durch ein eigenständiges Meistern von Aufgaben und Problemen“, so der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Albert Wunsch. „Wer nicht von klein auf Herausforderungen kennt, der wird auch später keine Herausforderungen meistern.“ (2)

Unsere Insel der Seligen ist heftiger Brandung und weltweit wirkenden wirtschaftspolitischen Beben ausgesetzt. Wer sich müßig in die Hängematte legt, wird diese Insel beim Erwachen vielleicht nicht mehr erkennen. Wenn uns unsere Jugend und ihre Zukunft am Herzen liegen, sollten wir uns keine spaßpädagogischen Träume leisten. Aufwachen, BITTE!

(1) Die Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft ist hier abrufbar.

(2) Albert Wunsch, Spaßgesellschaft und Leistungsanforderung. Vortrag im Rahmen der Herbsttagung 2014 der Ordensgemeinschaften Österreich im Kardinal-König-Haus, Wien am 26. November 2014.

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Die drei Arten von Lügen

Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer weist einmal mehr auf die Vorteile der verschränkten ganztägigen Schule hin. So gaben an verschränkten Ganztagsschulen signifikant weniger Eltern an, täglich mit ihren Kindern zu lernen bzw. für Nachhilfe zu bezahlen“, meinte BM Gabriele Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. (1) Zwei Tage später verstärkte sie diese Aussage noch. „Der wahre Schlüssel, um nachhaltig Kosten für Eltern zu senken, liege nicht in Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung, sondern in einer verschränkten ganztägigen Schule, wo für SchülerInnen Abwechslung zwischen Bewegung, Kreativität und Wiederholen des Lernstoffes möglich ist, wie die Ministerin meint.“ (2)

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Nun findet sich in der besagten AK-Studie tatsächlich folgender Satz: „Einen positiven Effekt auf eine Reduzierung der bezahlten Nachhilfe hat offenkundig die Ganztagsschule. Eltern, deren Kind in eine solche Schulform geht, haben zu geringeren Anteilen auf eine bezahlte Nachhilfe zurückgreifen müssen (17 %).“ (3) Insgesamt geben laut AK-Studie 21 % der Eltern an, dass sie im Lauf des Schuljahres für „Nachhilfe“ Geld ausgegeben haben. (4) (Dazu werden auch Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien gerechnet.) Die Unterrichtsministerin hat also scheinbar recht, aber eben nur scheinbar.

Die ganztägige Schule in ihrer verschränkten Form, also die klassische „Ganztagsschule“, gibt es insgesamt wegen mangelnder Nachfrage nur sehr selten, dann aber in erster Linie im Volksschulbereich. (5) Und nur 5 % der Eltern von Volkschulkindern geben an, bezahlte Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. (6) Man darf seriöserweise daher die 17 % nicht mit den 21 % vergleichen (siehe vorigen Absatz), sondern viel eher mit den 5 %. Die Ganztagsschule erhöht also den Nachhilfebedarf!

Das ist übrigens keine Neuigkeit, sondern ein hinlänglich bekanntes Faktum. „In Ländern mit Ganztagsschulen sind die außerschulischen Aufwendungen um ein Vielfaches höher“, stellte etwa Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann erst vor wenigen Monaten in einem Interview fest. (7)

Was manche PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und JournalistInnen aus Zahlen ableiten, lässt mich an ein wohl fälschlicherweise dem einstigen britischen Premierminister Benjamin Disraeli zugeschriebenes Zitat denken: „Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, infame Lügen und Statistik.“ (8)

(1) Heinisch-Hosek am Weltelterntag: Ganztägige Schulformen bringen mehr Chancen für Kinder und Eltern. OTS-Aussendung vom 1. Juni 2015.

(2) Vorläufige Ergebnisse der schriftlichen Zentralmatura liegen vor. Parlamentskorrespondenz Nr. 593 vom 3. Juni 2015.

(3) IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015), S. 24.

(4) AK-Studie, S. 26. Das steht in keinem Widerspruch zur Angabe in meinem Posting „Das halbvolle Glas“ vom 23. Mai 2015, dass nur 13 % der SchülerInnen bezahlte „Nachhilfe“ bekommen haben. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen den Eltern, die ja im Schnitt nicht nur ein Kind haben, und den SchülerInnen.

(5) Ich habe einander sehr stark widersprechende Zahlen gefunden, die aber insofern übereinstimmen, dass sie „Ganztagsschule“ v. a. im Volksschulbereich umgesetzt sehen. Lt. BMUKK (Bildungspolitische Sommergespräche, Teil 1. Die Ganztagsschule im Praxistest (Wien, 20. August 2013), S. 9) haben im Schuljahr 2012/2013 14.236 PflichtschülerInnen und 2.061 AHS-SchülerInnen Ganztagsschulen besucht. Lt. BIFIE (BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2 (Graz 2012), S. 286) besuchten 2011/2012 „hochgerechnet“ 11.800 VolksschülerInnen und 9.200 SchülerInnen der Sekundarstufe I Ganztagsschulen.

(6) AK-Studie, S. 26.

(7) Michael Prock, „Bitte keine Modellversuche“. In: Vorarlberger Nachrichten online vom 13. September 2014.

(8) „There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.“ Dieser Ausspruch wurde v. a. durch Mark Twain bekannt, der ihn Benjamin Disraeli zuschrieb. Allerdings ist er in Disraelis Schriften nicht zu finden und tauchte erstmals Jahre nach dessen Tod auf.

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