Newspeak

Don’t you see that the whole aim of Newspeak is to narrow the range of thought? In the end we shall make thought-crime literally impossible, because there will be no words in which to express it.

bigstock-145816529_blogMit diesen Worten beschreibt Syme, ein Arbeitskollege von Winston, dem Protagonisten in George Orwells „1984“, das Ziel des „Neusprechs“, und an diese Zeilen muss ich denken, wenn ich mir mache Aussagen von PolitikerInnen zum geplanten „Autonomiepaket“ ansehe.

Echte Autonomie täte der Schule sicherlich gut. Schon Kant bezeichnete in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ Autonomie als den „Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“, und Adorno sah in ihr „die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz“, wie er es in seiner „Erziehung zur Mündigkeit“ ausdrückte.

Das geplante „Autonomiepaket“ hat kurz gesagt nur ein Ziel: eine massive Machterweiterung des Unterrichtsministeriums bei gleichzeitig massiver Beschneidung der Rechte aller anderen, die bisher im Schulwesen Mitspracherechte besitzen – Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen, DirektorInnen, Länder …

Seit einer Woche kursiert auf verschiedenen Schienen eine Zusammenfassung der geplanten Maßnahmen in tabellarischer Form, die ich den geschätzten LeserInnen nicht vorenthalten möchte:

Sie nennen es Es bedeutet Warum?
mehr Autonomie weniger Mitbestimmungsrechte der Eltern und Schüler/innen, Entmachtung der Schulpartner Entscheidungen trifft der Clusterleiter alleine.
mehr Flexibilität weniger Sprachenteilungen, größere Klassen, geringeres Angebot, weniger Individualisierung, Sparpaket keine Klassenschülerhöchst- und Teilungszahlen; diese fallen auch als Basis für die Mittelzuteilung an die Schulen weg. Unterdotierung des Bildungsbudgets
mehr Sozialarbeiter weniger Lehrer/innen Wer Unterstützungspersonal braucht, muss Lehrer/innen einsparen.
Qualitätssicherung und Bildungscontrolling mehr zentrale Testungen, weniger Unterricht Zusätzliche Testungen kosten Geld und Unterrichtszeit.
mehr soziale Gerechtigkeit mehr Mittel für einige Schulen auf Kosten aller anderen Es sind keine zusätzlichen finanziellen Mittel für Brennpunktschulen vorgesehen.
Schulcluster Anonymität in Großschulen, kein Direktor vor Ort, kein SGA vor Ort, Verlust der Vielfalt Zusammenschluss von unterschiedlichen Schularten (AHS, BMHS) zu einem Cluster mit bis zu 2500 Schüler/innen unter einer Leitung
Allgemeinbildende Pflichtschule des Bundes kein Gymnasium für 10- bis 14-Jährige, keine freie Schulwahl nach der Volksschule Schulsprengelpflicht bis 14 Gesamtschule, auch gegen den Willen der Betroffenen

Als Autonomie bezeichnet man den Zustand der Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit. Wer kann sie in diesem Paket entdecken?

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Gerhard Riegler: Das Ende einer fahrlässigen Schulpolitik

Der Absturz Baden-Württembergs beim innerdeutschen Leistungsvergleich von SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe (IQB-Bildungstrend 2015) könnte für Österreich Goldes wert sein. Der jähe Aufprall sollte nämlich einen Denkanstoß geben, und zwar auch über die Grenzen Deutschlands hinaus!

Baden-Württembergs SchülerInnen landeten bei derartigen Vergleichsstudien immer wieder in Deutschlands Spitzenfeld. Neben Bayern schien Baden-Württemberg einen Platz auf dem Podest gepachtet zu haben.

bildungswissenschaft-at_blogNach Jahren intensiver „Reformpolitik“, deren Phrasen bis ins Detail jener Propaganda glichen, der wir in Österreich schon so lang ausgesetzt sind, ist Baden-Württemberg von Deutschlands Spitze ins Mittelfeld abgerutscht und erreicht in etlichen Bereichen nicht einmal mehr durchschnittliche Ergebnisse.

Die Folgen einer Schulpolitik, die auf das Trommeln von Politphrasen statt auf das reiche Erfahrungswissen der PraktikerInnen und die ebenso reiche bildungswissenschaftliche Evidenz gesetzt hat, rufen jetzt Bestürzung in der schulpolitischen Chefetage hervor, aus der sich manche „Player“ inzwischen verabschieden mussten. Für die geschädigten jungen Menschen kommt dies leider zu spät. Unseren KollegInnen in Baden-Württemberg gilt meine tief empfundene Sympathie.

Eine Schulpolitik, die nicht genug Zeit findet, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, und die zu abgehoben ist, um das Wissen der LehrerInnen als Basis ihrer Arbeit zu nutzen, hat sich in fahrlässiger Art und Weise auf windige „ExpertInnen“ verlassen und damit der Schule massiven Schaden zugefügt. Und damit bin ich auch schon in Österreich gelandet.

Seit wenigen Tagen kann sich jeder schulpolitisch Interessierte – und das sollten politische EntscheidungsträgerInnen doch wenigstens sein – mit extrem wenig Aufwand auf www.bildungswissenschaft.at über aktuellste bildungswissenschaftliche Erkenntnisse informieren. Es steckt in dieser Website enorm viel Arbeitszeit. Bei der steirischen ZA-Mandatarin Gudrun Pennitz, ohne die ich dieses Werk nie geschafft hätte, möchte ich mich dafür herzlichst bedanken.

Wir wollten einer fahrlässigen Schulpolitik einen Riegel vorschieben. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelungen ist. Sollte nämlich weiterhin Schulpolitik an der bildungswissenschaftlichen Evidenz vorbeigeführt werden, kann nicht mehr von Fahrlässigkeit gesprochen werden. Dann ist Vorsatz am Werk, wenn es LehrerInnen sukzessive erschwert bis verunmöglicht wird, im Interesse ihrer SchülerInnen erfolgreiche Arbeit zu leisten.

Ich hoffe doch sehr, dass niemand unser Schulwesen vorsätzlich in den Graben fahren will.

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Herbert Weiß: Feinkostladen oder Supermarkt

Der Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Supermarktketten und der damit verbundene Verdrängungswettbewerb haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass Nahversorger und Feinkostläden zunehmend verschwunden sind. Das Bedürfnis vieler Menschen nach persönlicher Ansprache, das auch beim Einkaufen eine Rolle spielt, kann dadurch immer weniger berücksichtigt werden. Unpersönlicher sind nur mehr Onlineeinkäufe, die in Zukunft vielleicht schon von Drohnen zugestellt werden. Supermarktketten reagieren in jüngster Zeit auf die Bedürfnisse der KundInnen damit, dass sie einerseits „Qualitätsprodukte“ zu höheren Preisen anbieten und andererseits ihre Waren auch direkt zu den KundInnen bringen. Und neben den Großmärkten etablieren sich hochpreisige Feinkostgeschäfte.

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Nun scheint diese Entwicklung auch auf die Schulen überzugreifen. Man liest immer öfter davon, dass Kleinschulen geschlossen werden müssen. Angeblich werden bei Schulschließungen zwar auch Faktoren wie der Bauzustand oder die Entfernung zur nächsten Schule berücksichtigt, in Wahrheit zählen aber doch nur Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung.

Zur Verteidigung der Verantwortlichen könnte man anführen, dass von derartigen Aktivitäten ohnehin nur Kleinschulen betroffen seien und dass man auch bei den Schulen Sparsamkeit walten lassen müsse. Dem möchte ich entgegenhalten, dass Österreich für sein Schulwesen weit weniger Geld ausgibt, als das im OECD-Schnitt der Fall ist.

Das „Autonomiepaket“, das die Bundesregierung vor einigen Wochen vorgelegt hat, liefert Munition für zwangsweise Zusammenschlüsse mehrerer Schulen, bei denen in Wahrheit nur der Sparstift maßgeblich sein wird. Die angeführte Größe der geplanten „Cluster“ beträgt 2 bis 8 Schulen bzw. bis zu 2500 SchülerInnen. Von Kleinschulen kann also wohl keine Rede sein. Aufhorchen lässt, dass im Ministerratsvortrag zu diesem Thema immer wieder von Effizienzsteigerung oder Einsparungspotential die Rede ist.

Pädagogische Innovationen sollen damit angeblich ermöglicht werden. Wie diese aber angesichts des Drucks, den das Modell den Schulen auferlegt, umgesetzt werden sollen, kann sich niemand der Betroffenen vorstellen. Die Entwicklung soll nach den Reformplänen weggehen von individuellen Schulprofilen und LeiterInnen, die sich mit ihrer Schule identifizieren und den LehrerInnen als persönliche AnsprechpartnerInnen zur Verfügung stehen.

Wie bei Supermarktketten soll es LeiterInnen für mehrere Standorte geben, die das umsetzen müssen, was man ihnen von oben vorgibt. Dass sie dabei die Situation des einzelnen Standorts berücksichtigen können, erscheint angesichts des Spardrucks, der sich aus der Budgetknappheit und dem aus ihr resultierenden Effizienzzwang ergibt, mehr als fragwürdig.

Bleibt noch die Entwicklung hin zu teuren Qualitätsprodukten. Dieses „pädagogische Luxussegment“ fürchten schon seit langer Zeit alle, die sich mit den Entwicklungen in den traditionellen Gesamtschulländern beschäftigen. Hochwertige Bildung wird dort immer teurer und steht vielfach nur mehr den finanziellen Eliten offen. Vielleicht ist das aber das Ziel jener, die unser öffentliches Schulsystem sehenden Auges an die Wand fahren lassen. Nach deren Meinung reichen für die „NormalbürgerInnen“ anscheinend Brot und Spiele oder besser Burger und Handy.

Möge die Vernunft bald wieder Einzug in die Bildungspolitik halten, damit uns Fastfood-Gymnasien mit Handypflicht erspart bleiben.

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Wirksamkeitsnachweis

Als Autonomie bezeichnet man den Zustand der Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit. Seit einiger Zeit ist es das Lieblingswort österreichischer Bildungspolitiker (1). Leider scheinen diese eine andere Definition von „Autonomie“ entdeckt zu haben.

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Das im Ministerratsvortrag vom 18. Oktober 2016 beschriebene „Autonomiepaket“ hat eine ganz klare Zielsetzung: Stärkung des Unterrichtsministeriums und Stärkung einer neu zu schaffenden Führungsebene (Schulclusterleitungen) bei gleichzeitiger Entmachtung aller anderen, die bisher Einfluss ausüben konnten – Länder, Schulpartner, Direktoren etc.

Gesetzesentwürfe dazu sind noch nicht in Begutachtung, wohl aber zum geplanten Ausbau ganztägiger Schulformen. Hier zeigt sich dieselbe Tendenz der Bevormundung. Die politisch gewünschte, verschränkte Form der Ganztagsschule wird bevorzugt, der Ausbau offener ganztägiger Angebote massiv benachteiligt. Dass man dabei völlig am Bedarf vorbei investiert und die Wünsche der Eltern und Schüler ignoriert, scheint die Politik nicht zu interessieren. Im Schuljahr 2015/16 wurden laut BMB an 202 AHS-Standorten eine offene ganztägige Schulform, an 19 AHS-Standorten eine verschränkte Ganztagsschule und an 2 AHS-Standorten beide Varianten ganztägiger Schule geführt. (2)

Warum will man die über Jahrzehnte aufgebauten und gut funktionierenden schulpartnerschaftlichen Gremien ihrer Entscheidungsbefugnisse berauben? Warum möchte man zentralistische Durchgriffsmöglichkeiten unter völliger Missachtung des Subsidiaritätsprinzips? Wenn diese Maßnahmen alle so gut sind, wie die Politik sie darstellt, warum meint man, Eltern, Schüler und Lehrer dazu zwingen zu müssen?

Mich beschleicht das Gefühl, dass es in Wirklichkeit um Einsparungen und Machtspiele geht. Die Aufhebung der Klassenschülerhöchst- und Teilungszahlen eröffnen budgetäre Möglichkeiten. Die Anhebung der durchschnittlichen Klassenschülerzahl um nur eine Person spart 150 Millionen Euro jährlich. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt?

Jedenfalls geht es beim „Autonomiepaket“ ebenso wenig wie beim Ausbau von verschränkten Ganztagsschulen um die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Mehr Autonomie bringt nicht unbedingt bessere Leistungsergebnisse. Obwohl eine grundlegende Annahme darin besteht, dass Schulautonomie zu einer verbesserten Qualität des Lernens beitragen würde, gibt es überraschend wenig empirische Evidenz zu dieser Frage“, hält der Nationale Bildungsbericht 2015 fest. (3)

750 Millionen Euro stellt die Regierung für den Ausbau der Ganztagsschulen zur Verfügung. Für viele Familien klingt der Plan von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid nach einer wundervollen Verheißung: eine Schule, in der Nachhilfe und Nachmittagsbetreuung obsolet sind und Eltern von der Hausaufgabenbetreuung befreit werden.

Für den Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann hat dieses Bild nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun: ,Sicher löst das erst einmal ein Betreuungsproblem, womit vielen bürgerlichen Familien geholfen wird. Doch weniger Nachhilfe wird es dadurch nicht geben, wie sich in Ländern zeigt, in denen der Anteil an Ganztagsschulen hoch ist. Da geben Eltern weitaus mehr für Nachhilfe aus.‘“ (4)

Ich fordere einen Wirksamkeitsnachweis bei schulpolitischen Maßnahmen: Vor Neuerungen muss der theoretische und praktische Beweis erbracht sein, dass eine Reform pädagogischen Nutzen bringt, sonst ist sie zu unterlassen. Unsere Kinder haben schließlich nur eine, nicht wiederholbare Bildungslaufbahn.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe BMBF (Hrsg.), Ganztägige Schulformen an AHS – Schuljahr 2015/16.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 275.

(4) Ute Brühl, Was die Ganztagsschule bringt und was nicht. In: Kurier online vom 10. September 2016.

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Gerhard Riegler: Die halbe Wahrheit

Es gibt verschiedene Parameter, anhand derer man die Qualität eines Schulwesens messen kann. Einer der wichtigsten ist meines Erachtens die Anzahl der SchulabbrecherInnen, also die Quote jener jungen Menschen, die das Schulwesen verlassen, ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht zu haben.

Frühe Bildungsabbrecherinnen und -abbrecher sind in ihrem persönlichen und beruflichen Fortkommen massiv beeinträchtigt. […] Ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem System ohne ausreichende Qualifikationen schafft persönliche Perspektivenlosigkeit, verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten im Bildungssystem und gefährdet die gesellschaftliche Stabilität.“ (1)

Dieser Aussage, die in einer Publikation der Industriellenvereinigung zu lesen ist, stimme ich ebenso zu wie der folgenden: „Rund 49.000 junge Menschen zwischen 18 bis 24 – das sind 7 Prozent der entsprechenden Alterskohorte – zählten im Jahr 2014 zu sogenannten „Early School Leavern“ [sic!].“ (2)

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Was der Industriellenvereinigung keine Erwähnung wert ist, möchte ich ergänzen – den internationalen Vergleich und damit die Bewertung dieser Tatsache:

  • Österreich gehört mit seiner Schulabbrecherquote von 7,3 % zu den EU-Staaten mit den wenigsten 18- bis 24-Jährigen, die keinen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreichen. Der EU-Mittelwert liegt mit 11,0 % immerhin um die Hälfte über dem Österreichs. (3) In Südtirol, wohin sich unsere Unterrichtsministerin vor einer Woche auf der Suche nach einem schulpolitischen Vorbild verirrt hat, verlassen sogar fast doppelt so viele junge Menschen (13,1 %) erfolglos das Schulwesen. (4)
  • Österreichs Schulwesen und seinen LehrerInnen gelingt dieser so wichtige Erfolg trotz Rahmenbedingungen, die nicht mit dem internationalen Durchschnitt mithalten können, und trotz einer integrationspolitischen Herausforderung, die europaweit ihresgleichen sucht.

Dass darauf in der oben erwähnten Publikation der Industriellenvereinigung nicht hingewiesen wird, empfinde ich als unredlich. Nur die halbe Wahrheit auszusprechen täuscht die LeserInnen und ist Österreichs LehrerInnen und unserem Schulwesen gegenüber infam.

(1) IV (Hrsg.), Beste Bildung für Österreichs Zukunft (2016), S. 16.

(2) a.a.O.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 25. Oktober 2016.

(4) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 25. Oktober 2016.

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Herbert Weiß: Von Trommlern und Ruderern

Am 18. Oktober hat die Regierung das lange angekündigte „Autonomiepaket“ vorgestellt. Bei fast allen Gesprächen mit MedienvertreterInnen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, bin ich auf die Aussage meines Vorgängers Eckehard Quin angesprochen worden, in der er den Erstentwurf für die „Modellregionen“ mit den Worten „Schuldiktatur à la Nordkorea“ kommentiert hat. Machen Sie sich selbst ein Bild, ob das am Dienstag vorgelegte Paket eher in eine Diktatur oder eine Demokratie passt.

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Wohl nicht nur mir bleibt jedenfalls verborgen, was der aktuelle Entwurf mit einer Stärkung der Schulpartnerschaft auf allen Ebenen zu tun haben soll. Keine Spur von der groß versprochenen Einbindung der Betroffenen. (1)

Ich kenne keine gewählten Eltern-, Lehrer- oder SchülervertreterInnen, von denen ich weiß, dass sie in den Entstehungsprozess des von vielen Medien bejubelten Reformpapiers eingebunden gewesen wären. Mag sein, dass es einen handverlesenen Personenkreis gibt, den man eingebunden hat, weil man von ihm erwarten konnte, diesem nicht einmal geschickt getarnten Spar- und Entmachtungspaket zu applaudieren.

Manche Medien ließen selbsternannte ExpertInnen ausführlich zu Wort kommen. Den Mangel an gelebter Demokratie kann dies aber nicht kompensieren.

Statt die Schulpartnerschaft auch auf Landes- und Bundeseben endlich gesetzlich zu verankern, will der angesprochene Entwurf den schulpartnerschaftlichen Gremien ihre Entscheidungskompetenz rauben. Sämtliche Eröffnungs- und Teilungszahlen können bisher vom SGA geändert werden. In Zukunft sollen darüber die Schul(cluster)leitungen allein entscheiden. Bundesschulsprecher Harald Zierfuß brachte es auf den Punkt: „Aus dem bewährten SGA mit Entscheidungskompetenz würde ein Debattierklub werden, der in der Bedeutungslosigkeit versinkt.“ (2)

Im „Reformpapier“ wird wiederholt davon gesprochen, dass „die Schulen“ gestärkt werden sollen. Angesichts dessen, dass Entscheidungen, die bisher von der Direktion oder dem SGA der Schule zu treffen waren, in Zukunft von Direktion oder der der Direktion übergeordneten Clusterleitung zu treffen sind, empfinde ich das als Verhöhnung. In Wirklichkeit will das „Reformpapier“ den Schulpartnern vor Ort jede Entscheidungskompetenz nehmen und den DirektorInnen den Clusterleiter vorsetzen.

Geht es um Einsparungen? Wohl kaum ein demokratisches Gremium der SchulpartnerInnen würde etwa einer massiven Erhöhung von Klassenschülerzahlen an seinem Schulstandort zustimmen.

Von Stärkung „der Schulen“ oder der Demokratie kann man jedenfalls, wenn man bei der Wahrheit bleibt, nicht sprechen. Offensichtlich wollen wieder einmal die, die oben trommeln, jenen, die unten rudern, diktieren, was für sie gut ist.

(1) Siehe Ministerratsvortrag vom 18. Oktober 2016, S. 11.

(2) Bundesschulpartner warnen vor Aus der Mitbestimmung. OTS-Aussendung des B-SGA vom 19. Oktober 2016.

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Große Vorhaben verwirklichen

Der neue GÖD-Vorsitzende Dr. Norbert Schnedl machte sich bei seiner Antrittsrede auch Gedanken über die Folgen der Digitalisierung. Alle mir bekannten Studien zu diesem Thema sind sich darüber einig, dass in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten zwischen 40 und 55 Prozent aller heutigen Tätigkeiten von Programmen oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden. Je niedriger die Qualifikation der ArbeitnehmerInnen, umso stärker werden sie davon betroffen sein. Uneinigkeit besteht lediglich darüber, wie groß der Verlust an Arbeitsplätzen insgesamt sein wird, da durch den Wandel der Arbeitswelt immer auch neue Arbeitsplätze entstehen.

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Norbert Schnedl wagte nun die Aussage, dass Arbeit „neu verteilt werden muss. Mittelfristig ist daher auch eine 3,5-Tagewoche bei vollem Lohnausgleich denkbar. Denn von den Digitalisierungsgewinnen müssen in einer gerechten Arbeitswelt alle und nicht nur einige wenige profitieren“. (1)

Dass die Wirtschaft über solche Aussagen nicht glücklich ist, verwundert wenig. Daher ist auch der „Kurier“-Kommentar von Dr. Helmut Brandstätter wenig überraschend. Studien zu diesem Thema dürfte er allerdings keine gelesen haben, sonst würde er Norbert Schnedl nicht unterstellen zu spekulieren. (2)

Pikanter ist da schon das Statement von SPÖ-Parteichef Mag. Christian Kern, der den GÖD-Vorsitzenden wegen dieser Aussagen als „Scharlatan“ bezeichnete (3), hatte sich Kern doch selbst am SPÖ-Parteitag in Klagenfurt als ein solcher „Scharlatan“ geoutet: „Angesichts von Produktivitätsfortschritten müsse Arbeit neu verteilt werden – „Das Thema Arbeitszeitverkürzung wird auf die Agenda kommen.“ Das wird dem Koalitionspartner ÖVP nicht gefallen. Aber das ist von Kern einkalkuliert: „Die Menschen brennen nicht für Kompromisse, sie brennen für die Haltungen.“ Daher dürfe die SPÖ nicht gleich mit Kompromissangeboten in Verhandlungen gehen.“ (4) So der Herr Bundeskanzler im Juni 2016. Wie behend und/oder situationselastisch er seine Haltung ändern kann, hat er ja inzwischen nicht nur bei CETA bewiesen …

Themenwechsel: Im Sommer 2007 wagte der damalige GÖD-Vorsitzende Fritz Neugebauer einen Vorstoß: „Im Kurier-Gespräch drängt er auf neue Leistungstests: Mit Hilfe von Entwicklungspsychologen will er festschreiben, was ein Kind mit drei oder vier Jahren können sollte. Neugebauer will die Bildungsstandards erweitern, die derzeit festlegen, was Schüler können sollen.“ (5) Mehr hat er damals nicht gebraucht! Die SPÖ kritisierte, es ginge ihm „nur um Auslese-Tests, Disziplinierungsinstrumente und weitere Bildungsbarrieren“. (6) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek stellte die rhetorischen Fragen: „Was kommt als nächstes? Intelligenztests auf der Säulingsstation [sic!]?“ (7) Mittlerweile hat sich die Regierung im November 2015 auf die „Einführung einer verpflichtenden Potentialanalyse ab 3,5 Jahren“ geeinigt. (8) Österreichs Politik hat also 2015 beschlossen, was Fritz Neugebauer 2007 vorgedacht hat.

Fazit: Menschen, die die Herausforderungen der Zukunft erkennen und Lösungsansätze entwickeln, werden dafür oftmals von PolitikerInnen und JournalistInnen geprügelt, denen der nötige Weitblick fehlt. Ich bin froh, dass die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Vorsitzende hat, von denen man das nicht behaupten kann. Wie formulierte es Thomas Woodrow Wilson, Historiker und Präsident der USA, so treffend: „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnung zu erfüllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ (9)

(1) Schnedl: Arbeitszeitfrage und Digitalisierung hängen eng zusammen! OTS-Aussendung vom 14. Oktober 2016.

(2) Siehe Helmut Brandstätter, Über die vielen Wege, Unsinn zu verbreiten. In: Kurier online vom 15. Oktober 2016.

(3) Michael Bachner, 3,5-Tage-Woche ist für Kern „Scharlatanerie“. In: Kurier online vom 14. Oktober 2016.

(4) Conrad Seidl, Kern wirbt für Arbeitszeitverkürzung und Maschinensteuern. In: Standard online vom 4. Juni 2016.

(5) Bildung: Entwicklungstests für Dreijährige? In: Presse online vom 30. Juli 2007.

(6) a.a.O.

(7) a.a.O.

(8) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 1.

(9) „No man that does not see visions will ever realize any high hope or undertake any high enterprise.

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