Gerhard Riegler: Genug der Ehre

Soll ich mich am Beginn des Schuljahres mit einem „Experten“ auseinandersetzen, der vor wenigen Tagen gefordert hat, die Mitwirkungsrechte der Lehrervertretung im Schulwesen auf ein Minimum zu reduzieren? (1) Oder ist für ihn die Erwähnung in den Fußnoten der Ehre genug?

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Soll ich in Erinnerung rufen, dass dieser „Experte“ vor einem Jahr davon geschwärmt hat, dass in der Privatwirtschaft DienstgeberInnen über „eine schlagkräftige Organisation“ verfügen, der die DienstnehmerInnen kaum etwas Gleichwertiges entgegensetzen können, und darüber geklagt hat, dass im österreichischen Schulwesen „die Situation hier offensichtlich umgekehrt gestaltet“ sei. (2) Oder ist für ihn die Erwähnung in den Fußnoten der Ehre genug?

Soll ich mich mit Aussagen von PolitikerInnen befassen, die diese nach der Präsentation der aktuellen Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ getätigt haben? Oder verdienen Menschen, die Studien kommentieren, die sie ganz offensichtlich nicht gelesen haben, nicht einmal eine Erwähnung in den Fußnoten?

Ich will es mit Eckehard Quin halten: „Ich muss nicht zu jedem Schwachsinn etwas sagen.“ (3) Ich will stattdessen grundlegende Ergebnisse der OECD-Studie skizzieren, die über 500 Seiten umfasst, zu denen noch hunderte Tabellen hinzukommen, die nur online präsentiert werden:

Österreich gehört zu den Staaten, in denen

  • die wenigsten jungen Menschen als SchulabbrecherInnen das Schulwesen verlassen,
  • SchülerInnen vergleichsweise jung den Abschluss der Sekundarstufe II erreichen und
  • die meisten jungen Menschen, von denen kein Elternteil einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht hat, diesen so wichtigen Bildungsabschluss schaffen. Da in Österreich jahrzehntelang Integrationspolitik verabsäumt wurde, gelingt Menschen mit Migrationshintergrund der Bildungsaufstieg leider weit seltener.

Österreichs Schulwesen ist im internationalen Vergleich erfolgreich, obwohl uns weit weniger Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, als uns zustünden. Auch „Education at a Glance 2016“ belegt diese gravierende Unterfinanzierung: 3,2 % des Bruttoinlandsprodukts fließen in unserem Land ins Schulwesen, 3,8 % sind es im OECD-Mittel, nicht weniger als 4,8 % in Großbritannien. (4) Im OECD-Mittel ist der BIP-Anteil für das Schulwesen in den letzten beiden Jahrzehnten leicht gewachsen, in Österreich wurde er von „Reform“ zu „Reform“ verkleinert – in Summe um nicht weniger als ein Viertel! 0,6 % des BIP, die unserem Schulwesen für eine lediglich mittelmäßige Ressourcenausstattung fehlen, bedeuten zwei Milliarden Euro jährlich!

Unterstützt wurde die Politik des Sparens auf Kosten der Bildung von „ExpertInnen“ und ihrer zweifach irrwitzigen Parole, Österreich habe ein leistungsschwaches, aber teures Schulsystem.

Österreichs Schulwesen und seinen LehrerInnen, die unter schwierigsten Rahmenbedingungen Hervorragendes leisten, kann nicht genug der Ehre widerfahren. Sie verdienen maximale Unterstützung. Der in die Fußnote verbannte „Experte“ aber verdient die scharfe Kritik des Jugendsoziologen Mag. Bernhard Heinzlmaier, die soeben auf meinem Bildschirm gelandet ist: „Heute erscheint Arroganz, Dünkel und Überheblichkeit in Kombination mit dem zügellosen Einsatz von Manipulation und parteilicher Demagogie zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden zu sein.

(1) Siehe Petra Stuiber, Experte will Schulreform mit Lehrern, aber ohne Gewerkschaft. In: Standard online vom 20. September 2016.

(2) Lorenz Lassnigg, Politics – Policy – Practice. Eckpunkte einer sinnvollen Weiterentwicklung des Schulwesens (2015), S. 45.

(3) Zit. n. Lisa Kogelnik, Lehrergewerkschaft wehrt sich. In: Standard online vom 21. September 2016.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2.

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Die Bildungsmilliarde oder Entwicklungshilfe für Deutschland

Ziel der UNO ist es, dass Industriestaaten 0,7 % des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen. In Österreich wären das 2015 2.379 Millionen Euro gewesen. (1) Tatsächlich stagnieren die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit seit 2014 bei 77 Millionen Euro. Im April wurde beschlossen, das diesbezügliche Budget bis 2021 auf 154 Millionen Euro jährlich zu verdoppeln. (2)

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Schauplatzwechsel: Im Budget der Unterrichtsministerin fehlen allein heuer 550 Millionen Euro. Die Universitäten scheinen auch nicht gerade üppig dotiert zu werden, zumindest wenn man Mag. Dr. Sonja Hammerschmid Glauben schenkt, die im vergangenen Mai in ihrer damaligen Funktion als Präsidentin der Universitätenkonferenz die Regierung kritisierte. Diese habe angekündigt, die Ausgaben für Wissenschaft und Forschung bis 2020 auf 2 % des BIP zu erhöhen. „Es geht uns um 500 Millionen Euro pro Jahr von 2019 bis 2021. Und die sind im Finanzrahmen nicht vorgesehen.“ (3)

Die Zahl internationaler Studierender an Österreichs öffentlichen Universitäten, also junger Menschen, die mit einer im Ausland erworbenen Hochschulberechtigung nach Österreich kommen, um bei uns zu studieren, ist innerhalb von 13 Jahren um über 160 % gestiegen und lag 2014/2015 bei über 71.000. 37 % davon kamen aus Deutschland. Mittlerweile sind fast 40 % der erstimmatrikulierenden ordentlichen Studierenden an Österreichs öffentlichen Universitäten internationale Studierende. (4) In Psychologie, wo Deutschland einen Numerus Clausus hat, allerdings keine Quotenregelung in Österreich existiert, gibt es schon seit einigen Jahren mehr deutsche als österreichische Studierende im ersten Jahr. (5) Das alles wäre volkswirtschaftlich nicht so schlimm, würden ausländische AbsolventInnen nach ihrem Studienabschluss in Österreich arbeiten. Dem ist aber nicht so. Die große Mehrheit von ihnen will nicht in Österreich bleiben und bleibt auch nicht.

Der jährliche Finanzaufwand der Universitäten pro Kopf variiert sehr stark und reicht von 6.337 Euro an der Universität Wien bis zu 79.252 Euro an der Medizinischen Universität Innsbruck. Durchschnittlich waren es 2014 13.001 Euro. (6) Internationale Studierende belasteten daher im Jahr 2014 das österreichische Bildungsbudget mit 927 Millionen Euro, wenn man von den Durchschnittskosten ausgeht. 345 Millionen davon wurden für deutsche Studierende ausgegeben; Tendenz stark steigend.

Eine europarechtlich zulässige Lösung wäre ganz einfach: kostendeckende Studiengebühren für alle Studierenden und gleichzeitig Erhöhung der österreichischen Familienbeihilfe für Studierende um eben diesen Betrag.

Um mich nicht falsch zu verstehen: Eine Universität kann von internationalen Studierenden profitieren. Ich möchte sie nicht missen. Ich sehe aber nicht ein, warum mittlerweile etwa eine Milliarde österreichischen Steuergeldes diesen Personen zugutekommt. Wollen und können wir uns ein paar hundert Millionen „Entwicklungshilfe“ für Deutschland leisten?

Die Bildungsmilliarde liegt Jahr für Jahr auf dem Tisch. Ob sie richtig eingesetzt wird, wage ich zu bezweifeln.

(1) Das österreichische Bruttoinlandsprodukt lag 2015 bei rund 339,9 Milliarden Euro. Siehe Statistik Austria, Österreichs Wirtschaft wuchs 2015 um 1,0 % (2016).

(2) Siehe Budget für Entwicklungs­hilfe wird bis 2021 verdoppelt. In: Kurier online vom 21. April 2016.

(3) Zit. n. Ulla Grünbacher, Große Lücke im Budget für Bildung. In: Kurier online vom 9. Mai 2016.

(4) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15 – Tabellenband (2016), S. 313, 319 und 330.

(5) Ein Drittel der Medizin-Absolventen will ins Ausland. In: Standard online vom 24. August 2016.

(6) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15 – Schlüsselindikatoren und Analysen (2016), S. 87.

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Gerhard Riegler: Ich habe von meiner Ministerin geträumt

Die Aussagen unserer neuen Unterrichtsministerin heben sich bisher von denen ihrer Vorgängerinnen derart wohltuend ab, dass sich Mag. Dr. Sonja Hammerschmid auch in meine Träume eingeschlichen hat.

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Geträumt habe ich, dass sie mich anrief und sich für die informativen „facts statt fakes“-Seiten im „gymnasium“ und die inzwischen zweiundsechzig Ausgaben meines „daten.dienst.tag“ bedankte. Sie sei vom Ministerbüro gleich zu Beginn ihrer Amtszeit auf diese Daten hingewiesen worden, habe sie von MitarbeiterInnen ihres Hauses auf die sachliche Richtigkeit überprüfen lassen und sie nach deren Bestätigung Blatt für Blatt studiert.

Sie gebe zu, dass für sie viele der Inhalte extrem überraschend waren und ihr Bild von Schule ordentlich zurechtgerückt haben. Sie sei nämlich noch vor wenigen Wochen der Meinung gewesen, dass der Wirklichkeit entspricht, was Politik und „ExpertInnen“ transportierten. Nie und nimmer habe sie z. B. vermutet,

  • dass in Deutschland oder auch den Niederlanden doppelt so viele SchülerInnen wie bei uns repetieren,
  • dass Österreich zu den OECD-Staaten gehört, in denen die wenigsten jungen Menschen ihre Schullaufbahn erfolglos abbrechen,
  • dass unser Schulwesen im Kontext der Migration mit Aufgaben konfrontiert ist, die in kaum einem anderen Staat Europas eine ähnliche Dimension aufweisen,
  • dass Österreichs Schulwesen im internationalen Vergleich deutlich unterdotiert ist,
  • dass unsere Lehrergehälter weit unter denen Deutschlands liegen,
  • dass sich Österreichs SchülerInnen ihrer Schule so stark verbunden fühlen, wie dies in keinem anderen OECD-Staat der Fall ist,
  • und vieles andere mehr.

Zweifelsohne werde dieses Datenkompendium für sie DIE Grundlage des von ihr angekündigten faktenbasierten Handelns bilden. Sie wolle sich seiner aber nicht bedienen, ohne sich bei mir dafür bedankt zu haben.

Der Gedanke, dass sich Österreichs Unterrichtsministerin aus dem Reich der Propaganda verabschiedet, der Gedanke, dass alle, die für unser Schulwesen verantwortlich sind, die Ärmel aufkrempeln, um gemeinsam den Schutt wegzuräumen, den die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hinterlassen hat, hatte sich in meinen Schlaf eingeschlichen. Bin ich deshalb ein urlaubsreifer Träumer, ein Fantast?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer. Viele Ihrer Träume mögen in Erfüllung gehen! Meiner, Frau Bundesministerin, bitte auch!

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Ein weiter Weg

Eine faktenbasierte Politik, das wäre was! Sie setzt zweierlei voraus: das Vorhandensein valider Daten und den Willen der Politik, diese auch zur Kenntnis zu nehmen.

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Am vergangenen Donnerstag zeigte das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) in einer Presseaussendung den Mangel an Daten auf. Im über 600 Seiten umfassenden und Ende Mai 2016 präsentierten „Nationalen Bildungsbericht“ des BIFIE sei „die Förderung von begabten Schülern im gesamten Bericht kein Thema […]. Und das, obwohl im Regierungsübereinkommen schwarz auf weiß zu lesen ist (S. 44): Ziel: Begabungs- und Begabtenförderung – Entdecken und fördern aller Talente und Begabungen.“ Zwar fänden sich in Band 1 des Bildungsberichts ein paar Daten zu SpitzenschülerInnen, in „Band 2, in dem die wesentlichen Empfehlungen für das österreichische Schulsystem festgehalten werden, kommt das Wort „begabt“ nicht einmal vor. Und das, obwohl es laut BIFIE ohnehin nur sehr wenige Spitzenschüler im Vergleich zu anderen Ländern gibt.“ (1)

In einem anderen Bereich gibt es Daten und Fakten, die aber von Teilen der Politik ignoriert, geleugnet und nicht selten sogar auf den Kopf gestellt werden. In einer Nationalratssitzung Mitte Juni lobte der Vizekanzler – völlig zu Recht – das duale Bildungswesen in Österreich, um dann beachtenswerte „Fakten“ zu nennen. Es „müssten die Drop-out-Quoten bei der Lehrausbildung weiter gesenkt werden, ungeachtet der Tatsache, dass die betriebliche Lehre mit rund 13% eine weit niedrigere Abbruchsrate aufweist als allgemeinbildende höhere Schulen, rechnete der Vizekanzler vor. Der über 40%-ige Drop-out-Anteil bei überbetrieblichen Lehrwerkstätten ist für Mitterlehner unter anderem darauf zurückzuführen, dass hier meist nicht im Wunschberuf ausgebildet werden kann …“ (2)

Besonders erheitert mich daran, dass der Vizekanzler das laut Parlamentskorrespondenz „vorgerechnet“ haben soll. Ich weiß nicht, welcher Zahlen er sich dabei bedient hat. Nimmt man die Statistik Austria als Quelle, ergibt sich jedenfalls folgendes Bild: Die Abbruchquote liegt in der Lehre bei 8,1 %, in der BMS bei 5,0 %, in der BHS bei 3,7 % und in der AHS bei 3,1 %. (3)

Österreich gehört zu den Ländern Europas mit den niedrigsten Schulabbruchsraten“, hält tatsächlich „faktenbasiert“ eine Studie fest, die – man höre und staune – im Auftrag des Unterrichtsministeriums erstellt worden ist. (4) Warum findet eine solche Meldung keinen Eingang in ministerielle Presseaussendungen?

Der Weg zu einer faktenbasierten Bildungspolitik ist wohl noch weit.

(1) Verdienen begabte Kinder keine Förderung? Presseaussendung des ÖZBF vom 23. Juni 2016.

(2) Steigende Jugendarbeitslosigkeit trotz dualer Ausbildung. Parlamentskorrespondenz Nr. 670 vom 15. Juni 2016.

(3) Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum 2009/2009 bis 2010/2011. Jüngere Daten liegen nicht mir vor. Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Ergebnisse aus dem Bildungsbezogenen Erwerbskarrierenmonitoring (BibEr) (2015), S. 9, Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2008/09 – Tabellenband (2010), S. 93, Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2009/10 – Tabellenband (2011), S. 93, und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2010/11 – Tabellenband (2012), S. 97.

(4) Susanne Linde und Klaus Linde-Leimer, „… damit niemand rausfällt!” Grundlagen, Methoden und Werkzeuge für Schulen zur Verhinderung von frühzeitigem (Aus-)Bildungsabbruch (Wien 2014, 2. Auflage), S. 21.

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Gerhard Riegler: Warten auf Taten

Wir stehen vor einer spektakulären Richtungsänderung österreichischer Schulpolitik, wenn die „faktenbasierte Schulpolitik“, die die neue Unterrichtsministerin angekündigt hat, nicht nur eine politische Floskel war, was ich nicht unterstellen will.

People Hold Red German Fakten Means Fact Blue Sky

Belegte und damit überprüfbare Daten stelle ich der neuen Unterrichtsministerin sehr gerne zur Verfügung. Denn eine seriöse Auseinandersetzung mit Fakten ist nach der desaströsen Politik der letzten Jahre dringend angesagt. Österreichs Schulwesen darf nicht dort enden, wo z. B. Englands Gesamtschulwesen gelandet ist: bei einer Zweiklassengesellschaft, die sich in Österreich hoffentlich niemand wünscht, der für unser Schulwesen Verantwortung trägt.

Für nur 4 % eines Jahrgangs reicht in England der Platz in den „grammar schools“, den wenigen verbliebenen Gymnasien, die nicht Opfer der vor Jahrzehnten verfolgten Gesamtschulpolitik geworden sind. Für fast doppelt so viele Kinder (7 %) geben Eltern Unsummen aus, um ihnen einen Platz in „independent schools“ zu verschaffen und sie so vor staatlichen Gesamtschulen zu bewahren. Eine Investition, die sich die große Mehrheit der Bevölkerung natürlich nicht leisten kann, die sich aber lohnt.

An dieser Stelle nur ein einziges Beispiel dafür, wie sehr die berufliche Laufbahn in England davon abhängt, ob man für sein Kind einen der raren „grammar school“-Plätze ergattert oder für einen an einer der sündteuren „independent schools“ mehr Geld zu zahlen bereit und imstande ist, als andere verdienen: „In medicine, 61 per cent of doctors were privately educated while 22 per cent went to selective state grammar schools and just 16 per cent to comprehensives.“ (1)

Neun von zehn jungen Menschen besuchen Gesamtschulen, aber fünf von sechs ÄrztInnen Englands blieb die staatliche Gesamtschule erspart!

Der Weg an Englands Elite-Universitäten wie Oxbridge führt selbstverständlich über „grammar schools“ und „independent schools“. Und somit schließt sich der Kreis. Damit sind wir nämlich auch bei denen, die der Bevölkerung Einheitsschulen als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit verkauft haben und es teilweise noch immer tun, Englands PolitikerInnen: „59 % of the Cabinet and 33 % of the Shadow Cabinet attended Oxbridge compared to less than 1 % of the UK population as a whole …“ (2)

Allen, die noch immer glauben, ein staatliches Gesamtschulwesen würde einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten, empfehle ich die Lektüre des im Jahr 2014 erschienenen Reports, dessen Titel „Elitist Britain?“ den Inhalt auf den Punkt bringt und aus dem dieses Zitat stammt. Allen, die darüber ohnehin Bescheid wissen, aber trotzdem nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, sich von ihren alten Dogmen zu befreien, machen sich schuldig, wenn Österreichs Zukunft Englands Gegenwart gleicht.

Hoffentlich gehört eine Politik, die Fakten vertuscht und auf den Kopf stellt, tatsächlich der Vergangenheit an, hoffentlich emanzipiert sich Österreichs Schulpolitik rasch von „BildungsexpertInnen“, deren Aussagen keiner Überprüfung standhalten.

Der Ankündigung der neuen Unterrichtsministerin mögen entsprechende Taten folgen!

(1) Richard Garner, Privately educated people dominate top British jobs, damning report finds. In: Independent online vom 24. Februar 2016.

(2) Social Mobiliy and Child Poverty Commission (Hrsg.), Elitist Britain? (2014), S. 26.

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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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Gerhard Riegler: Eine Erkenntnis reicher

Am Mittwoch der Vorwoche präsentierte das BIFIE um 10 Uhr MedienvertreterInnen den „Nationalen Bildungsbericht“. Wer wie ich dieses alle drei Jahre erscheinende Werk sofort nachlesen wollte und deshalb die BIFIE-Website besuchte, erfuhr, dass man es im Lauf des Nachmittags zum Download anbieten werde. Offensichtlich sollten Medien ausschließlich anhand dessen berichten können, was man ihnen in der Pressekonferenz präsentierte. Das gelang …

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Drei Tage habe ich in die Lektüre des über 600 Seiten umfassenden Berichts investiert, für den nicht wenig Steuergeld ausgegeben wird.

Der erste Tag war der Tag der Enttäuschung. Die Hoffnung, neueste Daten vorzufinden, die ich in meine Datenbank einspeisen kann, wurde nicht erfüllt. Geboten wird eine Auswahl längst bekannter Daten, die teilweise sogar schon überholt sind.

Der zweite Tag war der Tag der Empörung. Über weite Strecken glaubt man, ein politisches Propagandawerk vor sich zu haben und keinen „Nationalen Bildungsbericht“. Zentrales Thema der Propaganda war, wie könnte es anders sein, das Schlechtreden unseres differenzierten Schulwesens. Keine Erwähnung finden durfte hier natürlich,

  • dass es unserem differenzierten Schulwesen gelingt, die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der kritisierten Sekundarstufe I zu reduzieren, und
  • dass die Leistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, was ich schon vor Jahren nachgewiesen habe. (1)

Der dritte Tag aber war der Tag der Erkenntnis. Seit Jahren wundere ich mich, dass Österreichs Schulpolitik und ihre „ExpertInnen“ immer wieder horrende Zahlen betreff Schulabbruch in Umlauf bringen, während internationale Analysen unserem Schulwesen diesbezüglich ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Laut Eurostat haben in Österreich nur 7,3 % der 18- bis 24-Jährigen ihre Schullaufbahn ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II abgebrochen, während es im EU-Mittel um die Hälfte mehr sind. (2)

Nun weiß ich den Grund: „Auch das BMBF selbst kann Übergänge von Schülerinnen und Schülern von der Sekundarstufe I in land- und forstwirtschaftliche und Gesundheitsschulen nicht nachvollziehen und somit Analysen des Bildungsabbruchs nur eingeschränkt durchführen.“ (3)

Und wie löst man das ministerielle Informationsdefizit? Ganz einfach: Die fast 40.000 jungen Menschen, die das BMBF aus dem Blick verliert, weil sie die oben genannten Schulen besuchen, werden zu denen hinzugerechnet, die als SchulabbrecherInnen aus unserem Schulwesen fallen.

Dazu fällt mir Univ.-Prof. Hopmanns Bilanz der Bildungsdebatte ein: „Die österreichische Debatte ist extrem von Überzeugungen geprägt, die sich relativ unbeschadet von empirischem Wissen verhalten.“ (4)

Empirisches Wissen habe ich mir vom „Nationalen Bildungsbericht“ erhofft. Für die Qualität des Gebotenen trägt die neue Unterrichtsministerin selbstverständlich keinerlei Verantwortung. Dringend geboten erscheint aber die Entscheidung, ob der Bericht die in ihn investierten Ressourcen des Unterrichtsbudgets wert ist.

Da die neue Unterrichtsministerin erfreulicherweise eine faktenbasierte Schulpolitik angekündigt hat, wird sie auf einen „Nationalen Bildungsbericht“ nicht verzichten wollen. Dann ist aber schnellstens zu entscheiden, wem die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut wird, einen „Nationalen Bildungsbericht“ zu verfassen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

(1) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 2. Juni 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 189.

(4) Zit. n. Gesamtschule: „Kasperl aus dem Sack“. In: Presse online vom 5. April 2016.

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