Gerhard Riegler: Ich habe von meiner Ministerin geträumt

Die Aussagen unserer neuen Unterrichtsministerin heben sich bisher von denen ihrer Vorgängerinnen derart wohltuend ab, dass sich Mag. Dr. Sonja Hammerschmid auch in meine Träume eingeschlichen hat.

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Geträumt habe ich, dass sie mich anrief und sich für die informativen „facts statt fakes“-Seiten im „gymnasium“ und die inzwischen zweiundsechzig Ausgaben meines „daten.dienst.tag“ bedankte. Sie sei vom Ministerbüro gleich zu Beginn ihrer Amtszeit auf diese Daten hingewiesen worden, habe sie von MitarbeiterInnen ihres Hauses auf die sachliche Richtigkeit überprüfen lassen und sie nach deren Bestätigung Blatt für Blatt studiert.

Sie gebe zu, dass für sie viele der Inhalte extrem überraschend waren und ihr Bild von Schule ordentlich zurechtgerückt haben. Sie sei nämlich noch vor wenigen Wochen der Meinung gewesen, dass der Wirklichkeit entspricht, was Politik und „ExpertInnen“ transportierten. Nie und nimmer habe sie z. B. vermutet,

  • dass in Deutschland oder auch den Niederlanden doppelt so viele SchülerInnen wie bei uns repetieren,
  • dass Österreich zu den OECD-Staaten gehört, in denen die wenigsten jungen Menschen ihre Schullaufbahn erfolglos abbrechen,
  • dass unser Schulwesen im Kontext der Migration mit Aufgaben konfrontiert ist, die in kaum einem anderen Staat Europas eine ähnliche Dimension aufweisen,
  • dass Österreichs Schulwesen im internationalen Vergleich deutlich unterdotiert ist,
  • dass unsere Lehrergehälter weit unter denen Deutschlands liegen,
  • dass sich Österreichs SchülerInnen ihrer Schule so stark verbunden fühlen, wie dies in keinem anderen OECD-Staat der Fall ist,
  • und vieles andere mehr.

Zweifelsohne werde dieses Datenkompendium für sie DIE Grundlage des von ihr angekündigten faktenbasierten Handelns bilden. Sie wolle sich seiner aber nicht bedienen, ohne sich bei mir dafür bedankt zu haben.

Der Gedanke, dass sich Österreichs Unterrichtsministerin aus dem Reich der Propaganda verabschiedet, der Gedanke, dass alle, die für unser Schulwesen verantwortlich sind, die Ärmel aufkrempeln, um gemeinsam den Schutt wegzuräumen, den die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hinterlassen hat, hatte sich in meinen Schlaf eingeschlichen. Bin ich deshalb ein urlaubsreifer Träumer, ein Fantast?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer. Viele Ihrer Träume mögen in Erfüllung gehen! Meiner, Frau Bundesministerin, bitte auch!

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Ein weiter Weg

Eine faktenbasierte Politik, das wäre was! Sie setzt zweierlei voraus: das Vorhandensein valider Daten und den Willen der Politik, diese auch zur Kenntnis zu nehmen.

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Am vergangenen Donnerstag zeigte das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) in einer Presseaussendung den Mangel an Daten auf. Im über 600 Seiten umfassenden und Ende Mai 2016 präsentierten „Nationalen Bildungsbericht“ des BIFIE sei „die Förderung von begabten Schülern im gesamten Bericht kein Thema […]. Und das, obwohl im Regierungsübereinkommen schwarz auf weiß zu lesen ist (S. 44): Ziel: Begabungs- und Begabtenförderung – Entdecken und fördern aller Talente und Begabungen.“ Zwar fänden sich in Band 1 des Bildungsberichts ein paar Daten zu SpitzenschülerInnen, in „Band 2, in dem die wesentlichen Empfehlungen für das österreichische Schulsystem festgehalten werden, kommt das Wort „begabt“ nicht einmal vor. Und das, obwohl es laut BIFIE ohnehin nur sehr wenige Spitzenschüler im Vergleich zu anderen Ländern gibt.“ (1)

In einem anderen Bereich gibt es Daten und Fakten, die aber von Teilen der Politik ignoriert, geleugnet und nicht selten sogar auf den Kopf gestellt werden. In einer Nationalratssitzung Mitte Juni lobte der Vizekanzler – völlig zu Recht – das duale Bildungswesen in Österreich, um dann beachtenswerte „Fakten“ zu nennen. Es „müssten die Drop-out-Quoten bei der Lehrausbildung weiter gesenkt werden, ungeachtet der Tatsache, dass die betriebliche Lehre mit rund 13% eine weit niedrigere Abbruchsrate aufweist als allgemeinbildende höhere Schulen, rechnete der Vizekanzler vor. Der über 40%-ige Drop-out-Anteil bei überbetrieblichen Lehrwerkstätten ist für Mitterlehner unter anderem darauf zurückzuführen, dass hier meist nicht im Wunschberuf ausgebildet werden kann …“ (2)

Besonders erheitert mich daran, dass der Vizekanzler das laut Parlamentskorrespondenz „vorgerechnet“ haben soll. Ich weiß nicht, welcher Zahlen er sich dabei bedient hat. Nimmt man die Statistik Austria als Quelle, ergibt sich jedenfalls folgendes Bild: Die Abbruchquote liegt in der Lehre bei 8,1 %, in der BMS bei 5,0 %, in der BHS bei 3,7 % und in der AHS bei 3,1 %. (3)

Österreich gehört zu den Ländern Europas mit den niedrigsten Schulabbruchsraten“, hält tatsächlich „faktenbasiert“ eine Studie fest, die – man höre und staune – im Auftrag des Unterrichtsministeriums erstellt worden ist. (4) Warum findet eine solche Meldung keinen Eingang in ministerielle Presseaussendungen?

Der Weg zu einer faktenbasierten Bildungspolitik ist wohl noch weit.

(1) Verdienen begabte Kinder keine Förderung? Presseaussendung des ÖZBF vom 23. Juni 2016.

(2) Steigende Jugendarbeitslosigkeit trotz dualer Ausbildung. Parlamentskorrespondenz Nr. 670 vom 15. Juni 2016.

(3) Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum 2009/2009 bis 2010/2011. Jüngere Daten liegen nicht mir vor. Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Ergebnisse aus dem Bildungsbezogenen Erwerbskarrierenmonitoring (BibEr) (2015), S. 9, Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2008/09 – Tabellenband (2010), S. 93, Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2009/10 – Tabellenband (2011), S. 93, und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2010/11 – Tabellenband (2012), S. 97.

(4) Susanne Linde und Klaus Linde-Leimer, „… damit niemand rausfällt!” Grundlagen, Methoden und Werkzeuge für Schulen zur Verhinderung von frühzeitigem (Aus-)Bildungsabbruch (Wien 2014, 2. Auflage), S. 21.

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Gerhard Riegler: Warten auf Taten

Wir stehen vor einer spektakulären Richtungsänderung österreichischer Schulpolitik, wenn die „faktenbasierte Schulpolitik“, die die neue Unterrichtsministerin angekündigt hat, nicht nur eine politische Floskel war, was ich nicht unterstellen will.

People Hold Red German Fakten Means Fact Blue Sky

Belegte und damit überprüfbare Daten stelle ich der neuen Unterrichtsministerin sehr gerne zur Verfügung. Denn eine seriöse Auseinandersetzung mit Fakten ist nach der desaströsen Politik der letzten Jahre dringend angesagt. Österreichs Schulwesen darf nicht dort enden, wo z. B. Englands Gesamtschulwesen gelandet ist: bei einer Zweiklassengesellschaft, die sich in Österreich hoffentlich niemand wünscht, der für unser Schulwesen Verantwortung trägt.

Für nur 4 % eines Jahrgangs reicht in England der Platz in den „grammar schools“, den wenigen verbliebenen Gymnasien, die nicht Opfer der vor Jahrzehnten verfolgten Gesamtschulpolitik geworden sind. Für fast doppelt so viele Kinder (7 %) geben Eltern Unsummen aus, um ihnen einen Platz in „independent schools“ zu verschaffen und sie so vor staatlichen Gesamtschulen zu bewahren. Eine Investition, die sich die große Mehrheit der Bevölkerung natürlich nicht leisten kann, die sich aber lohnt.

An dieser Stelle nur ein einziges Beispiel dafür, wie sehr die berufliche Laufbahn in England davon abhängt, ob man für sein Kind einen der raren „grammar school“-Plätze ergattert oder für einen an einer der sündteuren „independent schools“ mehr Geld zu zahlen bereit und imstande ist, als andere verdienen: „In medicine, 61 per cent of doctors were privately educated while 22 per cent went to selective state grammar schools and just 16 per cent to comprehensives.“ (1)

Neun von zehn jungen Menschen besuchen Gesamtschulen, aber fünf von sechs ÄrztInnen Englands blieb die staatliche Gesamtschule erspart!

Der Weg an Englands Elite-Universitäten wie Oxbridge führt selbstverständlich über „grammar schools“ und „independent schools“. Und somit schließt sich der Kreis. Damit sind wir nämlich auch bei denen, die der Bevölkerung Einheitsschulen als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit verkauft haben und es teilweise noch immer tun, Englands PolitikerInnen: „59 % of the Cabinet and 33 % of the Shadow Cabinet attended Oxbridge compared to less than 1 % of the UK population as a whole …“ (2)

Allen, die noch immer glauben, ein staatliches Gesamtschulwesen würde einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten, empfehle ich die Lektüre des im Jahr 2014 erschienenen Reports, dessen Titel „Elitist Britain?“ den Inhalt auf den Punkt bringt und aus dem dieses Zitat stammt. Allen, die darüber ohnehin Bescheid wissen, aber trotzdem nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, sich von ihren alten Dogmen zu befreien, machen sich schuldig, wenn Österreichs Zukunft Englands Gegenwart gleicht.

Hoffentlich gehört eine Politik, die Fakten vertuscht und auf den Kopf stellt, tatsächlich der Vergangenheit an, hoffentlich emanzipiert sich Österreichs Schulpolitik rasch von „BildungsexpertInnen“, deren Aussagen keiner Überprüfung standhalten.

Der Ankündigung der neuen Unterrichtsministerin mögen entsprechende Taten folgen!

(1) Richard Garner, Privately educated people dominate top British jobs, damning report finds. In: Independent online vom 24. Februar 2016.

(2) Social Mobiliy and Child Poverty Commission (Hrsg.), Elitist Britain? (2014), S. 26.

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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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Gerhard Riegler: Eine Erkenntnis reicher

Am Mittwoch der Vorwoche präsentierte das BIFIE um 10 Uhr MedienvertreterInnen den „Nationalen Bildungsbericht“. Wer wie ich dieses alle drei Jahre erscheinende Werk sofort nachlesen wollte und deshalb die BIFIE-Website besuchte, erfuhr, dass man es im Lauf des Nachmittags zum Download anbieten werde. Offensichtlich sollten Medien ausschließlich anhand dessen berichten können, was man ihnen in der Pressekonferenz präsentierte. Das gelang …

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Drei Tage habe ich in die Lektüre des über 600 Seiten umfassenden Berichts investiert, für den nicht wenig Steuergeld ausgegeben wird.

Der erste Tag war der Tag der Enttäuschung. Die Hoffnung, neueste Daten vorzufinden, die ich in meine Datenbank einspeisen kann, wurde nicht erfüllt. Geboten wird eine Auswahl längst bekannter Daten, die teilweise sogar schon überholt sind.

Der zweite Tag war der Tag der Empörung. Über weite Strecken glaubt man, ein politisches Propagandawerk vor sich zu haben und keinen „Nationalen Bildungsbericht“. Zentrales Thema der Propaganda war, wie könnte es anders sein, das Schlechtreden unseres differenzierten Schulwesens. Keine Erwähnung finden durfte hier natürlich,

  • dass es unserem differenzierten Schulwesen gelingt, die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der kritisierten Sekundarstufe I zu reduzieren, und
  • dass die Leistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, was ich schon vor Jahren nachgewiesen habe. (1)

Der dritte Tag aber war der Tag der Erkenntnis. Seit Jahren wundere ich mich, dass Österreichs Schulpolitik und ihre „ExpertInnen“ immer wieder horrende Zahlen betreff Schulabbruch in Umlauf bringen, während internationale Analysen unserem Schulwesen diesbezüglich ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Laut Eurostat haben in Österreich nur 7,3 % der 18- bis 24-Jährigen ihre Schullaufbahn ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II abgebrochen, während es im EU-Mittel um die Hälfte mehr sind. (2)

Nun weiß ich den Grund: „Auch das BMBF selbst kann Übergänge von Schülerinnen und Schülern von der Sekundarstufe I in land- und forstwirtschaftliche und Gesundheitsschulen nicht nachvollziehen und somit Analysen des Bildungsabbruchs nur eingeschränkt durchführen.“ (3)

Und wie löst man das ministerielle Informationsdefizit? Ganz einfach: Die fast 40.000 jungen Menschen, die das BMBF aus dem Blick verliert, weil sie die oben genannten Schulen besuchen, werden zu denen hinzugerechnet, die als SchulabbrecherInnen aus unserem Schulwesen fallen.

Dazu fällt mir Univ.-Prof. Hopmanns Bilanz der Bildungsdebatte ein: „Die österreichische Debatte ist extrem von Überzeugungen geprägt, die sich relativ unbeschadet von empirischem Wissen verhalten.“ (4)

Empirisches Wissen habe ich mir vom „Nationalen Bildungsbericht“ erhofft. Für die Qualität des Gebotenen trägt die neue Unterrichtsministerin selbstverständlich keinerlei Verantwortung. Dringend geboten erscheint aber die Entscheidung, ob der Bericht die in ihn investierten Ressourcen des Unterrichtsbudgets wert ist.

Da die neue Unterrichtsministerin erfreulicherweise eine faktenbasierte Schulpolitik angekündigt hat, wird sie auf einen „Nationalen Bildungsbericht“ nicht verzichten wollen. Dann ist aber schnellstens zu entscheiden, wem die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut wird, einen „Nationalen Bildungsbericht“ zu verfassen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

(1) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 2. Juni 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 189.

(4) Zit. n. Gesamtschule: „Kasperl aus dem Sack“. In: Presse online vom 5. April 2016.

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Das gespaltene Land

Viel ist in den letzten Tagen in Medien und sozialen Foren über die „Spaltung Österreichs“ diskutiert worden. Und es gibt tatsächlich einen immer tiefer werdenden Graben in unserer Gesellschaft, allerdings nicht unbedingt einen politischen, sondern vielmehr einen ökonomischen.

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Die OECD steht wohl kaum unter Verdacht, eine politisch linke oder gar klassenkämpferische Organisation zu sein. Daher ist eine von ihr publizierte Studie umso bemerkenswerter, in der sie sich mit den Folgen einer sehr ungleichen Vermögensverteilung innerhalb der Gesellschaft auseinandersetzt. (1)

Die Ergebnisse sind aus meiner Sicht erschreckend. In den meisten Staaten ist die Kluft zwischen Arm und Reich auf dem höchsten Stand seit dreißig Jahren. In den meisten Staaten hat die Einkommensungleichheit sogar einen historischen Höchststand erreicht. (2) „Temporary and part-time work and self-employment now account for about a third of total employment in OECD countries. Since the mid-1990s, more than half of all job creation was in the form of non-standard work.“ (3) Und die Vermögensverteilung ist noch ungleicher als die Einkommensverteilung. (4)

Österreich ist von dieser Entwicklung keineswegs ausgenommen. „In Austria, Denmark, France and the United States, incomes at the top increased in real terms while they fell at the bottom.” (5) Der Anteil am Gesamtlohneinkommen, den die am wenigsten verdienenden 20 % der ÖsterreicherInnen erhielten, fiel von 1995 auf 2012 um ein Drittel (von 3 % auf 2 %), wohingegen der der meist verdienenden 20 % der ÖsterreicherInnen um 9 % (von 44 % auf 48 %) stieg. (6)

Die vermögensmäßig „untere Hälfte“ der Haushalte (Das sind Haushalte mit einem Bruttovermögen bis 93.000 Euro.) besitzt 4 % des gesamten Bruttovermögens. Die Top-5 %-Haushalte (ab rund 979.000 Euro) können sich hingegen über 45 % des gesamten Bruttovermögens freuen. (7)

Mag. Hans Bürger, ORF-Ressortleiter Innenpolitik und EU, antwortete auf die Frage, wie der designierte Bundespräsident die viel zitierte Spaltung Österreichs überwinden könne: „Wenn er es schafft, diese Spaltung richtig zu definieren. Es geht da nicht um links und rechts oder grün und blau, es geht eigentlich um Wohlstandsverlierer und Wohlstandsbewahrer, um es einmal so zu sehen. Und die Wohlstandsverlierer werden in diesem Land so lange Protest oder in diesem Fall blau wählen, bis sie mehr Wohlstand auch wieder gewinnen können. Und die Formel heißt „Wohlstand anders verteilen“.“ (8)

Ob die Regierungsparteien das begriffen haben, bleibt abzuwarten.

(1) OECD (Hrsg.), In It Together: Why Less Inequality Benefits All (Mai 2015).

(2) Siehe OECD (Hrsg.), In It Together, S. 15 und S. 20.

(3) OECD (Hrsg.), In It Together, S. 15.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), In It Together, S. 16.

(5) OECD (Hrsg.), In It Together, S. 24.

(6) Siehe BMASK (Hrsg.), Einkommensverteilung in Österreich (November 2015), S. 4.

(7) Siehe Michael Andreasch et al., Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich. In: BMASK (Hrsg.), Sozialbericht 2011-2012 (November 2012), S. 247-266, hier S. 257 und S. 261.

(8) Mag. Hans Bürger in der ZiB 1 am 23. Mai 2016.

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Gerhard Riegler: Das Ende der Talfahrt?

Wenn wir dieses Schauspiel weiter liefern, ein Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit, dann haben wir nur noch wenige Monate bis zum endgültigen Aufprall.“ (1) Mit deutlichen Worten bewertete Mag. Christian Kern, Österreichs neuer Bundeskanzler, am Dienstag eine Politik, die der Vergangenheit angehören soll. Zwei Tage später ergänzte er in seiner Antrittsrede vor dem Nationalrat: „Politischer Inhalt wurde durch taktischen Opportunismus ersetzt, und genau das ist es, womit wir brechen müssen.“ (2)

Turn Around Road Sign with Dramatic Clouds and Sky.

Aus schulpolitischer Perspektive kann ich die Diagnose des neuen Bundeskanzlers nur vollinhaltlich bestätigen. Und ich meine damit nicht nur die bisherige Bildungsministerin und nicht nur die letzten Jahre. Bundeskanzler Kern spricht mir aus dem Herzen: „Ich konnte das schlicht und einfach nicht mehr hören.“ (3)

Nach zwei Jahrzehnten der Demontage unseres Schulwesens – zuerst aus finanziellen und anschließend zusätzlich aus ideologischen Gründen – ist es höchste Zeit, die Zukunftsvergessenheit abzulegen. Sonst werden die Probleme, die durch sie in großer Anzahl und enormer Dimension geschaffen wurden, nicht mehr zu bewältigen sein – auch nicht von den engagiertesten LehrerInnen, die Österreichs Schulwesen bisher vor größerem Schaden bewahrt haben.

Mag. Dr. Sonja Hammerschmid, Österreichs neue Bildungsministerin, scheint sich der Verantwortung, die sie übernommen hat, bewusst zu sein: Österreich verfüge über nahezu keine Rohstoffe, „daher brauchen wir kluge Köpfe und hervorragende Ideen, Produkte und Dienstleistungen, die unserer Wirtschaft helfen. Diese klugen Köpfe gilt es zu entwickeln.“ (4)

Wertschätzung für LehrerInnen und Signale in Richtung Vielfalt und Qualität statt Nivellierung und Normierung standen wohltuend am Beginn ihrer Amtszeit: „Wir brauchen motivierte PädagogInnen, die mit Leidenschaft ihren Beruf vertreten, mit Leidenschaft unterrichten und unsere Kinder fördern.“ Es gehe „vor allem um die Talente und Neigungen der Kinder […], die gefördert werden müssen.“ (5)

Vizekanzler Dr. Reinhold Mitterlehner betonte anhand der dualen Bildung die Qualität und den Erfolg eines vielfältigen Angebots in der Berufsbildung: „Gerade die betriebliche Lehre ist ein Vorzeigemodell, das international auf großes Interesse stößt. Daher wollen wir auch andere Länder dabei unterstützen, ein erfolgreiches System aufzubauen.“ (6) Noch vor wenigen Wochen wollte es Österreichs damalige Bildungsministerin der Bevölkerung als Erfolg verkaufen, dass sich weniger junge Menschen für eben diese betriebliche Lehre entschieden.

Finstere Kapitel der österreichischen Schulgeschichte mögen nicht nur in Worten, sondern auch tatsächlich der Vergangenheit angehören! Viel schulpolitischer Schutt ist aufzuräumen, enorme Aufgaben liegen vor uns, von deren Bewältigung Österreichs Wohlstand und sozialer Frieden von morgen abhängt. Und das Morgen ist uns in den vergangenen Jahren schon sehr nahe gekommen.

Hoffentlich hat Österreichs Politik ihre Lektion wirklich und nachhaltig gelernt!

(1) Dieter Zirnig, Transkript zur ersten Pressekonferenz von Christian Kern (SPÖ Parteichef und Bundeskanzler) vom 17. Mai 2016.

(2) „Geben Sie uns eine Chance“. In: ORF online vom 19. Mai 2016.

(3) Zirnig, Transkript.

(4) Nationalrat – Hammerschmid: „Gemeinsam Bildungssystem entwickeln, in dem alle Chance auf beste Bildung haben“. OTS-Aussendung der SPÖ vom 19. Mai 2016.

(5) a.a.O.

(6) Österreichische Ausbildungssysteme als Vorbild für Westbalkanländer. Presseaussendung des BMWFW vom 18. Mai 2016.

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