Gerhard Riegler: Die Bildungspolitik braucht eine Reform

Am Montag ist das schon drei Tage zuvor den Medien vollmundig präsentierte „Autonomiepaket“ nun tatsächlich in Begutachtung gegangen. Wenn ich mir ansehe, was von all dem, was ursprünglich geplant war, nicht mehr enthalten ist, bin ich sehr froh und dem Verhandlungsteam der Lehrergewerkschaften sehr dankbar.

Angesichts dessen, dass unsere Schulen dringend Hilfe bräuchten, um zusätzliche Herausforderungen meistern zu können, die nicht zuletzt durch politisches Versagen verursacht sind, und angesichts dessen, dass in diesem riesigen Paket kein bisschen Hilfe zu finden ist, packt mich allerdings die Wut. „Was jetzt gemacht wird, geht an den Kernproblemen des Bildungswesens um Lichtjahre vorbei“, lautet die Diagnose des ehemaligen Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Mag. Dr. Kurt Scholz, mit der er mir aus dem Herzen spricht. (1)

Am Dienstag ist „unsere“ Ministerin mit einer Aussage in die Öffentlichkeit getreten, die ich, um höflich zu bleiben, als Entgleisung bezeichne: „Wir haben eines der teuersten Schulsysteme im OECD-Vergleich, schneiden bei internationalen Testungen aber maximal durchschnittlich ab. Das zeigt ganz klar, dass das Problem nicht am Mangel an finanziellen Mitteln liegt.“ Und das, obwohl die Ministerin ganz genau weiß, dass unserem Schulwesen im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte massiv Ressourcen entzogen wurden, obwohl sie weiß, dass Österreichs Schulwesen jährlich zwei Milliarden Euro mehr bekommen müsste, um denselben Anteil am Brutto-Inlandsprodukt nutzen zu können, der den Schulen im OECD-Mittel vergönnt ist.

Nein, BM Mag. Dr. Sonja Hammerschmid wurde nicht falsch zitiert, nein, dieser unsägliche Sager ist ihr auch nicht im Rahmen eines Interviews durch ein intellektuelles Blackout passiert. Nein, er stammt aus einer Presseaussendung, sollte also wohlüberlegt sein. (2)

Finanziert wurde diese Presseaussendung vom Bildungsministerium, dem das Geld fehlt, um zumindest die Klassenschülerhöchstzahl 25 auch nur annähernd gesetzeskonform umzusetzen. Dessen Chefin aber verspürt das Bedürfnis, unser Schulwesen als teuer und uns LehrerInnen als das Problem hinzustellen. Österreichs Schulwesen leidet tatsächlich nicht nur unter massiver Unterfinanzierung.

Dringender Reformbedarf besteht in der Bildungspolitik, nicht im Bildungswesen“, bringt es Ronald Barazon, der langjährige Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, auf den Punkt. (3)

(1) Zit. n. Die Zukunft in Schwarz und Weiß. In: Kleine Zeitung vom 23. März 2017.

(2) Hammerschmid: Bildungssystem braucht moderne Pädagogik, nicht mehr Ressourcen. Presseaussendung vom 21. März 2017.

(3) Ronald Barazon, Die Vernichtung des Bildungswesens. Videokommentar vom 16. März 2017.

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Herbert Weiß: Spreu und Weizen

Im Moment fühle ich mich manchmal so wie jemand, dem man eine Fuhre Mist vors Haus gekippt hat, und der dann gemeinsam mit vielen anderen sehr viel Zeit damit verbracht hat, den Mist wegzuräumen. Kann es sein, dass am Ende doch nur Dreck übriggeblieben ist?

Entspringt mein Bild nur der Erschöpfung, der in den letzten Tagen wohl alle nahe waren, die an den wochenlangen Verhandlungen um das „Autonomiepaket“ teilgenommen haben? Schließlich mussten die zähen Gespräche Runde für Runde intensiv vorbereitet und vorbesprochen werden, ganz zu schweigen von hunderten Seiten Textanalyse.

Das ursprüngliche Paket generell als Mist zu bezeichnen, klingt unfair. Die Grundidee, den Schulen mehr Gestaltungsspielraum zu geben, ist lobenswert. Schade ist nur, dass die „Erweiterung der Autonomie“ so geplant war, dass sie niemand der Betroffenen, damit meine ich SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und DirektorInnen, als Verbesserung des Systems erkennen hätte können.

Ist das Bild von Spreu und Weizen treffender? Von Regierungsseite gab man sich überzeugt, dass man uns eigentlich Weizen „pur“ vorgesetzt habe, den wir ihnen aus der Hand fressen sollten. Im Lauf der Verhandlungen haben wir unserem Gegenüber klar gemacht, dass sie uns massenweise Spreu unter die Nase halten. Viel davon konnten wir gemeinsam entsorgen.

Interessant war für mich bei diesem Prozess, dass es immer wieder Personen gab, denen es „gelang“, den Weizen von Runde zu Runde mit weiterem Spreu zu durchmischen. Ob es sich dabei um Ungeschicklichkeit oder Boshaftigkeit handelte, sei dahingestellt.

Besonders „hilfreich“ empfand ich jene, die uns von außen gute Tipps gaben, die oft nur darin bestanden, dass wir das Paket verbessern sollten, indem wir es als unsortierbar bezeichnen und die weitere Sortierarbeit verweigern. Manche mögen es gut gemeint haben. Bei anderen ging es aber offensichtlich nur darum, sich selbst zu profilieren, indem man das Scheitern der Bemühungen vorhersagt.

Nun sind wir alle gemeinsam an einem Punkt angelangt, an dem wir der Erschöpfung nahe, aber mit einem gewissen Stolz auf die getane Arbeit zurückblicken können. Der vorliegende Begutachtungsentwurf begeistert mich nicht. Dazu war das „Autonomiepaket“ nämlich von Anfang an nicht geeignet. Der vorliegende Entwurf kann von der Gewerkschaft zur Begutachtung freigegeben werden. Nach der Begutachtungsphase werden Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu führen sein.

Zeit wäre es allerdings für eine Reform, die den tatsächlichen Problemen gerecht wird. Dafür müsste man freilich ins Bildungswesen investieren. Das wäre die Aufgabe einer Regierung, nicht der hilflose Versuch, Leute „auf Linie zu bringen“, wie es sich Österreichs Bundeskanzler gewünscht hat. (1)

(1) Kern mahnt von ÖVP „Umgangsformen“ ein. In: ORF online vom 11. März 2017.

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Reden ist Silber

Wir alle kennen es aus den Medien – das jährliche Ritual von Gehaltsverhandlungen. So unterschiedlich sie von Jahr zu Jahr und von Berufssparte zu Berufssparte auch verlaufen mögen, eines haben sie alle gemein: Über die konkreten Inhalte wird hinter verschlossenen Türen gesprochen und erst das Ergebnis medial verkündet.

Das hat einen guten Grund: Verhandlungen, die mit einem von beiden Seiten vertretbaren Ergebnis enden sollen, führen immer zu einem Kompromiss. Weder Dienstgeber- noch Dienstnehmerseite werden dabei ihre Vorstellungen zur Gänze umsetzen können. Würden konkrete Inhalte der Gespräche öffentlich, hätten die Verhandlungspartner ständigen Erklärungsbedarf, warum sie auf die Forderung A verzichten, um B durchzusetzen. Außerdem ist bei komplexeren Themen als einer Gehaltserhöhung immer nur ein „Gesamtpaket“ beurteilbar. Einzelne Details zeichnen notgedrungen ein unvollständiges und falsches Bild. Es wäre so, als wollte man das Aussehen einer Person anhand des Fotos ihres Handgelenks beurteilen wollen.

Bei den Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ hat leider, wie so oft, die vereinbarte Verschwiegenheit nicht gehalten. Bereits am Morgen des 3. März wurden im Radio Passagen aus den Erläuterungen zitiert, obwohl noch einige Verhandlungsrunden vereinbart waren. Seither berichten verschiedene Medien mit mehr oder weniger Wahrheitsgehalt über die geplanten Reformen.

Die Politik wäre gut beraten, zu den sozialpartnerschaftlichen Gepflogenheiten zurückzukehren. Das Ablenken von (vermeintlichen?) Skandalen rund um Subventionen für Pleitefirmen mag ein Grund für plötzliche mediale Aktivität sein. Das Finden eines sozialpartnerschaftlichen Kompromisses erleichtert es jedenfalls nicht. „Es ist Unsinn, Türen zuzuschlagen, wenn man sie angelehnt lassen kann“, wusste schon der US-Demokrat James William Fulbright.

Im Verhandlungsteam sind die Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden aller fünf Lehrergewerkschaften und damit auch alle Fraktionen vertreten. Sie haben unter der Führung von Paul Kimberger, dem Vorsitzenden der ARGE LehrerInnen in der GÖD, schon viel erreicht und einen weiten Weg vom ersten Referentenentwurf bis zum derzeitigen Verhandlungsstand zurückgelegt. Am Ende des Tages wird jedenfalls das Gesamtpaket einer genauen Analyse zu unterziehen und zu beurteilen sein. Danach werden die Lehrergewerkschaften die KollegInnen umfassend und korrekt informieren, denn wie sagte einer meiner pensionierten Kollegen immer: „Ist es wahr, oder steht es in der Zeitung?

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Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

Ende Februar waren beim AMS insgesamt 24.500 Akademiker als arbeitslos gemeldet, um 1139 bzw. 4,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inklusive Schulungsteilnehmern waren es knapp 30.000.“ (1) Noch nie hat es in Österreich so viele arbeitslose AkademikerInnen gegeben. Zu „verdanken“ ist diese Tatsache nicht zuletzt einer Politik, die sich vom Vorwurf der OECD, Österreich habe eine zu geringe Akademikerquote, ins Bockshorn jagen ließ, statt sich dessen bewusst zu sein, dass Österreichs Schulwesen zu bieten hat, worum uns andere Staaten inzwischen beneiden.

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In unserem Land hatten und haben junge Menschen mit einem erfolgreichen Abschluss jeder Art von Sekundarstufe II – ob Lehre, mittlere oder höhere Schule – bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben als „AkademikerInnen“ in anderen Staaten. In Österreich sind nach den aktuellsten Daten der Eurostat nur sechs Prozent der 25- bis 29-jährigen AbsolventInnen einer Sekundarstufe II arbeitslos, im EU-Mittel aber über neun Prozent der JungakademikerInnen.

Entscheidend ist – nicht nur in Österreich -, die Sekundarstufe II erfolgreich abzuschließen, statt die Schullaufbahn als Dropout zu beenden. Es kommt also darauf an, dass junge Menschen den für sie richtigen Weg finden und ihn konsequent zu Ende gehen.

Während Österreichs Jugendarbeitslosenquote, noch vor wenigen Jahren die niedrigste aller EU-Staaten, langsam, aber sicher steigt, hat die Arbeitslosenquote Deutschlands den niedrigsten Wert seit einem Vierteljahrhundert erreicht. Finnlands hohe Akademikerquote, die Österreichs Politik vor die Nase gehalten wurde, und Finnlands Massen junger Menschen, die keine Arbeit finden, haben eine gemeinsame Wurzel, deren man sich bei unserem deutschen Nachbarn bewusst ist: „In Finnland gibt es kein vergleichbares System der beruflichen Bildung wie in Deutschland. Die extrem hohe Studienanfängerquote ist auch Ausdruck eines Defizits, es gibt keine nicht-akademische Berufsausbildung.“ (2)

Aber längst ist man sich nicht nur in Deutschland des Vorteils eines vielfältigen Bildungsangebots bewusst, sondern auch in immer mehr Staaten, denen die Vielfalt fehlt: „Viele Länder, u. a. das Vereinigte Königreich (modern apprenticeships), Spanien (nuevo contrato de la formación y aprendizaje) und Frankreich (apprentissage nouveau), setzen auf neue/modifizierte duale Ausbildungssysteme, um den hohen Jugendarbeitslosigkeits- und Schulabbruchquoten entgegenzuwirken.“ (3)

Bis nach Südostasien hat sich die duale Bildung als Erfolgsmodell durchgesprochen. Südkoreas Politik scheut auch nicht davor zurück, mit dem Namen „Meister Schools“ zu demonstrieren, wo man sich dieses Erfolgsmodell abgeschaut hat. „The employment rate of university graduates in 2013 was 56 %. […] For vocational institutions, the employment rate of Meister high-schools in 2013 was over 90 %.“ (4)

In Österreich aber feiert man es als Erfolg der NMS, dass mehr AbsolventInnen eine höhere Schule beginnen und weniger eine duale Bildung, als dies für die Hauptschule gegolten hat. Ob diese jungen Menschen den Weg zur Matura erfolgreich beenden oder als Dropout enden, ist für Österreichs Schulpolitik – vor wenigen Tagen einmal mehr im Unterrichtsministerium hautnah erlebt – kein Thema. Unglaublich, aber leider wahr.

(1) Anita Staudacher, Arbeitslosigkeit: Höchster Anstieg bei Akademikern. In: Kurier online vom 1. März 2017.

(2) Julian Nida-Rümelin in Hanns Seidel Stifung (Hrsg.), Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel (2016), S. 81.

(3) ibw (Hrsg.), Befragung österreichischer LehrabsolventInnen zwei Jahre nach Lehrabschluss (2016), S. 11.

(4) OECD (Hrsg.), OECD Skills Strategy Diagnostic Report Korea 2015 (2015), S. 50.

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Problemlösungskompetenz

In unserer kompetenzvernarrten Bildungswelt wäre es schön, wenn die zuständigen PolitikerInnen Problemlösungskompetenz bewiesen. Gelegenheit dazu gäbe es genug, wie allein die Lektüre der Tageszeitungen vom 21. und 22. Februar zeigt.

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So war etwa am Dienstag in der „Presse“ (1) zu lesen, dass ein Viertel der Schüler zuhause nicht Deutsch spricht, und in Wien der Anteil von SchülerInnen mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch bereits 50 Prozent beträgt, womit die Bundeshauptstadt in eine Situation geraten ist, die es meines Wissens OECD-weit in keiner anderen Metropole gibt. Dass Arabisch und Rumänisch beim Zuwachs ganz vorn liegen, wird die pädagogischen Herausforderungen wohl auch nicht verringern.

Ein weiterer „Presse“-Artikel beschäftigte sich am darauffolgenden Tag mit der aktuellen Allianz-Studie zum Thema Stress. Darin heißt es wörtlich: „Am meisten gestresst sind die Lehrer (45 Prozent), gefolgt von der Handelsbranche (43 Prozent) und dem Transportwesen (42 Prozent)“. (2)

Zweifellos ist die in den letzten Jahren konstant gewachsene Stressbelastung der LehrerInnen nicht monokausal mit der drastischen Zunahme des Anteils jener Kinder verknüpft, die zuhause nicht Deutsch sprechen, gibt es doch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es Eltern schwer machen, ihren Aufgaben in Erziehung und Förderung ihrer Kinder gerecht zu werden. Schule verkommt seit vielen Jahren immer mehr zur Reparaturwerkstätte sozialer Nöte. Dass angesichts all dieser Umstände die Stressbelastung für annähernd die Hälfte der PädagogInnen mittlerweile unerträglich geworden ist, kann nur praxisferne „ExpertInnen“ verwundern.

Müssten die zuständigen PolitikerInnen nach Lektüre der beiden Artikel nicht darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist, und überlegen, was sie für Österreichs Schule und ihre LehrerInnen tun können? Hätten sie nicht jeden Grund dazu, ihre Problemlösungskompetenz zu beweisen? „Handreichungen“ der Lehrergewerkschaften, mit welchen dringend gebotenen Schritten dem Burnout der LehrerInnen und dem Kollaps der Schule entgegengewirkt werden müsste, stehen ihnen in jeder Menge zur Verfügung.

Die Bildungsministerin hat sich tatsächlich prompt zu Wort gemeldet: „Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt“, titelte die „Presse“ (3) am Donnerstag. Die „Modellregionen“ seien „nicht vergessen und nicht gestorben“, sagte die Ministerin. Ist das Problemlösungskompetenz?

(1) Ein Viertel der Schüler spricht zuhause nicht Deutsch. In: Presse online vom 21. Februar 2017.

(2) Stress-Studie: Am meisten leiden die Lehrer. In: Presse online vom 22. Februar 2017.

(3) Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt. In: Presse online vom 23. Februar 2017.

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Herbert Weiß: Durchziehen oder durchdenken?

Kanzler Kern und Vizekanzler Mitterlehner erklärten sich im KURIER-Interview wild entschlossen, die Reform diesmal durchzuziehen – auch wenn es mit Ländern und Gewerkschaft haarig wird.“ (1) Die Regierung will also ihre jüngst propagierte Geschlossenheit mit allen Mitteln beweisen. Ob sich dafür gerade das Thema Bildung bzw. die derzeit vorliegenden Ideen eignen, sei dahingestellt. Von Dienstgeberseite wurde das „Autonomiepaket“ jedenfalls als die größte Reform der Zweiten Republik angepriesen. Die will man offensichtlich durchziehen, auch wenn man sich dafür über alle Betroffenen hinwegsetzen muss.

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Glücklicherweise gibt es unter denen, die derzeit die österreichische Bildungslandschaft mitbestimmen, auch andere Meinungen. HR Fritz Enzenhofer, amtsführender Präsident des Landesschulrates für Oberösterreichs, meint: „Es kann nicht funktionieren, etwas gegen die Gewerkschaft, sprich etwas gegen die eigenen Bediensteten zu tun. Wer Menschen führen will, muss hinter ihnen stehen.“ (2)

Die Einstellung der Schulpolitik gegenüber den Lehrergewerkschaften ist eines der Merkmale, die Finnlands Schule von der US-amerikanischen deutlich unterscheidet. Im hohen Norden wurden sie als selbstverständlicher Partner verstanden, jenseits des Atlantiks als Gegner bekämpft:

For decades, ministers of education have, without fail, understood that carrying out a reform will be infinitely easier if the experts from the teachers’ union have been involved in the preparatory work for the reform.“ (3)

Eliminating unions does not produce higher achievement, better teachers, or even higher test scores. Eliminating unions silences the most powerful advocate for public education in every state.“ (4)

Diese Erkenntnisse sind offensichtlich nicht bis zu allen vorgedrungen, die auf der Seite des Dienstgebers die Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ mit uns GewerkschafterInnen führen. Wie könnte es sonst sein, dass auf der Dienstgeberseite ernsthaft Stimmen laut werden, die Verhandlungen mit der Gewerkschaft als Zeitverschwendung bezeichnen, wenn sich die beiden Regierungspartner ohnehin schon auf die Kernpunkte der Reform geeinigt hätten?

Im Ministerratsvortrag zum „Autonomiepaket“ vom 18. Oktober 2016 heißt es wörtlich: „Im Zuge des Gesetzgebungsprozesses wird das BMB die rechtlichen Änderungen der einzelnen Maßnahmenpakete sozialpartnerschaftlich abstimmen.“ Am Ende des Tages wird es sich zeigen, ob Österreichs Regierungsspitze ihren eigenen Beschluss ernst nimmt oder ob es ihr bloß um Selbstinszenierung geht.

(1) Ute Brühl und Daniela Kittner, Bildungsreform: Bund und Länder ringen um Macht. In: Kurier online vom 10. Februar 2017.

(2) Josef Ertl, „Die Einstellung bringt den Erfolg“. In: Kurier online vom 24. Juli 2016.

(3) Jukka Sarjala, Equality and Cooperation. Finland’s Path to Excellence. In: American Educator (Frühjahr 2013), S. 36.

(4) Diane Ravitch, Reign of Error. The Hoax of the Privatization Movement and the Danger to America’s Public Schools (2013), S. 126.

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Gerhard Riegler: Hainburg

Aus der Geschichte zu lernen, empfehle ich Österreichs Schulpolitik. Sie hat sich nämlich in eine Situation manövriert, die mich an Hainburg erinnert.

Die Jungen unter uns, denen „Hainburg“ kein Begriff mehr ist, der Erinnerungen an den zivilen Ungehorsam wach- und Bilder des beherzten Widerstands vor Augen ruft, bitte ich um einen Blick in den entsprechenden Wikipedia-Eintrag, da an dieser Stelle kein Platz für einen historischen Exkurs vorhanden ist. (1)

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Der Weg, der Österreichs Schulpolitik in Opposition zu den von ihr Betroffenen geführt hat, war lang und von Abgehobenheit und Rücksichtslosigkeit geprägt. Sonst hätten zwei Jahrzehnte, in denen eine „heilsbringende“ Reform die andere jagte, nicht dazu geführt, dass meiner Einschätzung nach mindestens 80 Prozent der LehrerInnen heute den Zustand der Schule vor zwanzig Jahren statt des heutigen wählen würden, könnten sie denn wählen, ohne Vergangenes verklären zu wollen.

  • Gibt es ein vernichtenderes Zeugnis für eine Politik als das Urteil der betroffenen Fachleute, dass in Summe Schaden angerichtet wurde?
  • Gibt es einen blamableren Offenbarungseid, als dass die Schulpolitik den Betroffenen über ein „Autonomiepaket“ das Mitwirkungsrecht entziehen will, um von oben auf ihre Schule zugreifen und sie nach Belieben (um)gestalten zu können?
  • Gibt es einen ungeschickter getarnten Versuch, der AHS-Langform den Garaus zu machen, als die Schulen nach Belieben gegen den Willen der Betroffenen „clustern“ zu können?

Die Besetzung der Hainburger Au im Dezember 1984 war „sowohl von umweltpolitischer als auch von demokratiepolitischer Bedeutung für Österreich“. (2) Die einjährige Nachdenkpause, die sich die österreichische Bundesregierung am 4. Jänner 1985 verordnete, brachte nicht nur den sofortigen Stopp eines Konflikts, der kurz vor der völligen Eskalation stand, sondern in Folge auch ein umweltpolitisches Umdenken, von dem Österreich profitierte und noch heute profitiert.

Ich hoffe, Österreichs Schulpolitik hat genug Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein, die Eskalation zu vermeiden und sich aus der Enge, in die sie sich manövriert hat, durch Reflexion zu befreien. Statt die Rechte der Betroffenen abzuschaffen, möge die Schulpolitik Mut zur Selbstkritik beweisen.

Kettensägen sind kein taugliches Mittel, den von einer Schulpolitik der Arroganz angerichteten Schaden zu beheben. Österreichs Schule braucht sozialpartnerschaftlichen Dialog, Wertschätzung für LehrerInnen, SchülerInnen und deren Eltern und endlich wieder die Ressourcen, die der Schule über all die Reformen der letzten zwanzig Jahre entzogen wurden. Für die Verwendung dieser Ressourcen gibt es an jeder Schule mehr als genug Bedarf und schulautonome Kompetenz, sie für das Gelingen von Schule sinnvoll einzusetzen.

Eine Nachdenkpause, die auch wirklich zum Nach- und Umdenken genutzt wurde, folgte auf den 4. Jänner 1985. Eine sinnvoll genutzte Nachdenkpause ist Österreichs Schulpolitik heute dringend zu empfehlen.

(1) Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Besetzung_der_Hainburger_Au.

(2) Ibidem.

Bild: Stopfenreuther Au, Wikimedia Commons.

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