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Gerhard Riegler: En Marche!

Emmanuel Macron hat mit einer neuen politischen Partei namens „En Marche“ das Vertrauen großer Teile der französischen Bevölkerung und damit am vergangenen Sonntag die Präsidentschaftswahlen überlegen gewonnen. Frankreichs bisherige Großparteien waren schon im ersten Wahlgang abgewählt worden.

Besonders beeindruckend waren für mich der hohe Anteil junger Menschen und deren Begeisterung bei den Wahlfeiern: junge Menschen, die ihre Hoffnung auf einen Jungpolitiker setzen, dessen Hauptbotschaft die ist, für eine neue Politik sorgen zu wollen.

Die Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand ist unter Frankreichs Jugend zurecht riesengroß. Es geht ihr im internationalen Vergleich wahrlich nicht gut. Dass dies so ist, liegt nicht zuletzt an Frankreichs Bildungssystem, das sich gerne mit dem Wort „égalité“ schmückt, dessen Wirklichkeit aber so weit von Chancengerechtigkeit entfernt ist wie in nur wenigen Staaten Europas. Das muss selbst die Bertelsmann Stiftung, die Gesamtschulsysteme gerne bewirbt, eingestehen: „The worst performers with regard to the influence of socioeconomic background on students’ educational success are Hungary, France, Bulgaria and Slovakia.“ (1)

Auch die EU-Kommission bestätigt, dass Frankreich Schulsystem soziale Ungleichheit nicht annähernd auszugleichen versteht, sondern sie sogar massiv verstärkt: „PISA surveys show that France is one of the countries in which the school system contributes most to widening inequalities.“ (2)

Frankreich setzte auf „Matura für alle“, wofür sich auch in Österreich manche PolitikerInnen aussprachen. In Frankreich kann man die Folgen dieses Irrwegs studieren: „In Frankreich machen drei Viertel eines Jahrgangs das Abitur (Baccalauréat). Diese außerordentlich hohe Studienanfängerquote wird nicht nur mit dem Preis einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit von 22 Prozent, also rund zweieinhalbmal so hoch wie in Deutschland, bezahlt, sondern auch mit einer exorbitant hohen Abbrecherquote in Höhe von 50 Prozent eines Jahrgangs!“ (3)

Auf eine Politik, die vielleicht wirklich an eine Chancengleichheit durch gleiche Abschlüsse für alle glaubte, folgte allerdings beinharte soziale Selektion: „Während normale Universitäten in Frankreich nichts kosten, zahlt man für ein Aufbaustudium an Elite-Unis wie der ENA, den „grandes écoles“, zwischen 7000 und 12000 Euro jährlich.“ (4) „Normale Universitäten“ werden immer mehr zu Stätten der Hoffnungslosigkeit, zu einem Parkplatz für junge Menschen, die nach dem Baccalauréat keinen Platz im Berufsleben finden. „Only students from elite schools or with a Doctorate stand a very good chance at getting top level jobs.“ (5)

Statt hier noch weitere Belege für das Scheitern des französischen Bildungssystems mit seinen verheerenden Auswirkungen auf Frankreichs Jugend anzuführen, appelliere ich an Österreichs BildungspolitikerInnen: Nehmt eure Aufgabe ernst, übt sie seriös aus, verspielt nicht die Chancen der Jugend! Beendet euer politisches Spiel, bevor ihr zu Recht das Vertrauen der Jugend verspielt. En Marche!

(1) Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Social Justice in the EU – Index Report 2015 (2015), S. 29.

(2) EU-Kommission (Hrsg.), Investing in children: Breaking the cycle of disadvantage. A study of national practices (2014), S. 72.

(3) Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer, Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten (2015), S. 39.

(4) Thomas Spang, Info: So viel zahlt man für Universitäten in Europa. In: Stuttgarter Nachrichten online vom 10. Mai 2015.

(5) Marie Duru-Bellat, Access to Higher Education: the French case (2015), S. 36.

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Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

Ende Februar waren beim AMS insgesamt 24.500 Akademiker als arbeitslos gemeldet, um 1139 bzw. 4,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inklusive Schulungsteilnehmern waren es knapp 30.000.“ (1) Noch nie hat es in Österreich so viele arbeitslose AkademikerInnen gegeben. Zu „verdanken“ ist diese Tatsache nicht zuletzt einer Politik, die sich vom Vorwurf der OECD, Österreich habe eine zu geringe Akademikerquote, ins Bockshorn jagen ließ, statt sich dessen bewusst zu sein, dass Österreichs Schulwesen zu bieten hat, worum uns andere Staaten inzwischen beneiden.

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In unserem Land hatten und haben junge Menschen mit einem erfolgreichen Abschluss jeder Art von Sekundarstufe II – ob Lehre, mittlere oder höhere Schule – bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben als „AkademikerInnen“ in anderen Staaten. In Österreich sind nach den aktuellsten Daten der Eurostat nur sechs Prozent der 25- bis 29-jährigen AbsolventInnen einer Sekundarstufe II arbeitslos, im EU-Mittel aber über neun Prozent der JungakademikerInnen.

Entscheidend ist – nicht nur in Österreich -, die Sekundarstufe II erfolgreich abzuschließen, statt die Schullaufbahn als Dropout zu beenden. Es kommt also darauf an, dass junge Menschen den für sie richtigen Weg finden und ihn konsequent zu Ende gehen.

Während Österreichs Jugendarbeitslosenquote, noch vor wenigen Jahren die niedrigste aller EU-Staaten, langsam, aber sicher steigt, hat die Arbeitslosenquote Deutschlands den niedrigsten Wert seit einem Vierteljahrhundert erreicht. Finnlands hohe Akademikerquote, die Österreichs Politik vor die Nase gehalten wurde, und Finnlands Massen junger Menschen, die keine Arbeit finden, haben eine gemeinsame Wurzel, deren man sich bei unserem deutschen Nachbarn bewusst ist: „In Finnland gibt es kein vergleichbares System der beruflichen Bildung wie in Deutschland. Die extrem hohe Studienanfängerquote ist auch Ausdruck eines Defizits, es gibt keine nicht-akademische Berufsausbildung.“ (2)

Aber längst ist man sich nicht nur in Deutschland des Vorteils eines vielfältigen Bildungsangebots bewusst, sondern auch in immer mehr Staaten, denen die Vielfalt fehlt: „Viele Länder, u. a. das Vereinigte Königreich (modern apprenticeships), Spanien (nuevo contrato de la formación y aprendizaje) und Frankreich (apprentissage nouveau), setzen auf neue/modifizierte duale Ausbildungssysteme, um den hohen Jugendarbeitslosigkeits- und Schulabbruchquoten entgegenzuwirken.“ (3)

Bis nach Südostasien hat sich die duale Bildung als Erfolgsmodell durchgesprochen. Südkoreas Politik scheut auch nicht davor zurück, mit dem Namen „Meister Schools“ zu demonstrieren, wo man sich dieses Erfolgsmodell abgeschaut hat. „The employment rate of university graduates in 2013 was 56 %. […] For vocational institutions, the employment rate of Meister high-schools in 2013 was over 90 %.“ (4)

In Österreich aber feiert man es als Erfolg der NMS, dass mehr AbsolventInnen eine höhere Schule beginnen und weniger eine duale Bildung, als dies für die Hauptschule gegolten hat. Ob diese jungen Menschen den Weg zur Matura erfolgreich beenden oder als Dropout enden, ist für Österreichs Schulpolitik – vor wenigen Tagen einmal mehr im Unterrichtsministerium hautnah erlebt – kein Thema. Unglaublich, aber leider wahr.

(1) Anita Staudacher, Arbeitslosigkeit: Höchster Anstieg bei Akademikern. In: Kurier online vom 1. März 2017.

(2) Julian Nida-Rümelin in Hanns Seidel Stifung (Hrsg.), Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel (2016), S. 81.

(3) ibw (Hrsg.), Befragung österreichischer LehrabsolventInnen zwei Jahre nach Lehrabschluss (2016), S. 11.

(4) OECD (Hrsg.), OECD Skills Strategy Diagnostic Report Korea 2015 (2015), S. 50.

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Gerhard Riegler: Hoch lebe die Courage!

„Achtung, die Lektüre kann zu depressiven Verstimmungen führen.“ So oder so ähnlich könnte der Beipacktext lauten, würden Printmedien in Apotheken feilgeboten.

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In der letzten Woche konnte ich jedoch mehrere Medienbeiträge lesen, ohne meine Gesundheit zu gefährden. Besonders beeindruckt hat mich die Courage, die zwei Damen und zwei Herren beweisen. Lassen Sie mich zuerst die vier Personen beschreiben:

  1. eine britische Philosophin
  2. eine österreichische Journalistin
  3. ein deutscher Universitätsprofessor
  4. ein österreichischer Landesschulinspektor

Und hier deren vier Aussagen. Versuchen Sie bitte, diese via Multiple-Choice-Verfahren, das durch PISA & Co in den OECD-weiten Olymp aufgestiegene Prüfungsformat, den vier Personen zuzuordnen, noch bevor Sie den Blick in Richtung Fußnoten lenken:

Zitat 1: „Lösen wir uns auch endlich von der Illusion, dass alle Schüler gleich begabt sind, fördern wir (auch handwerklich!) Begabte mehr, stärken wir den Gründergeist.“ (1)

Zitat 2: „PISA war der demokratisch nicht legitimierte normgebende Angriff auf das bis dahin im deutschsprachigen Raum mehr auf Allgemeinbildung Wert legende Bildungssystem […]. Normgebend auch deshalb, weil die PISA-Studien keinesfalls die geltenden Lehrpläne in irgendeiner Form berücksichtigen, sondern angeblich Kompetenzen abprüfen, in denen halt problemorientierte Anwendungen, notfalls auch Scheinanwendungen vorgeben werden, die oftmals durch Lesekompetenz und geschickten Umgang mit Multiple-Choice-Verfahren nach dem „Wer wird Millionär“ Ausschlussprinzip erfolgreich zu lösen sind.“ (2)

Zitat 3: „Um Kinder zu inspirieren, sind vor allem Lehrer extrem wichtig. Aber wir können nicht erwarten, dass sie die gesamte Verantwortung alleine tragen. Die ganze Gesellschaft muss ihren Teil beisteuern: Eltern, Großeltern, Künstler, Wissenschaftler, Politiker und auch Unternehmer. Als ich jung war, hieß es immer: ‚Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen‘. Ich sage: es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen.“ (3)

Zitat 4: „Ob es allerdings im Sinne der Volkswirtschaft wäre, die Zahl der Lehrlinge weiter zu senken und jene der (arbeitslosen) Akademiker zu steigern, ist mehr als fraglich.“ (4)

Wenn Ihnen die Zuordnung nicht gelungen ist, wundert mich dies nicht. Ich glaube nämlich, dass sich die AutorInnen selbst nicht nur mit der jeweils eigenen Aussage identifizieren könnten. Sollten aber auch Sie den Zitaten zustimmen, werden Sie keine Bestseller auf Kosten des Schulwesens verkaufen, weil Sie die kompetenzorientierte Aufnahmeprüfung in den Kreis der „BildungsexpertInnen“ NICHT bestanden haben, wozu ich Ihnen herzlich gratuliere.

(1) Martina Salomon, Die Illusion von der Gleichheit. In: Kurier online vom 27. Februar 2016. Dr. Martina Salomon ist stellvertretende Chefredakteurin des „Kurier“.

(2) Axel Göhring, „Deutschland ist auf dem Weg in die Inkompetenz“. In: Wirtschaftswoche online vom 1. März 2016. Die zitierte Aussage stammt von Univ.-Prof. Dr. Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt.

(3) Jürgen Klatzer, „Es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen“. In: Kurier online vom 27. Februar 2016. Das Zitat stammt von Univ.-Prof. Dr. Angela Hobbs, Professorin für Public Understanding of Philosophy an der University of Sheffield in England.

(4) Thomas Plankensteiner, Das Handwerk als Bildungschance begreifen. In: Tiroler Tageszeitung vom 2. März 2016. HR Mag. Dr. Thomas Plankensteiner ist AHS-Landesschulinspektor in Tirol.

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Gerhard Riegler: Aufbruch in die Freiheit!

Die Auswahl der Zitate für das ÖPU-Podest vom Juli und August war heuer besonders schwierig, da es aus einer auffallend großen Menge „podestverdächtiger“ Aussagen drei auszuwählen galt.

Es freut mich, dass sich – wohl angesichts der in vielen Staaten der EU dramatisch hohen Jugendarbeitslosigkeit – immer mehr PolitikerInnen von Positionen befreien, die sich als Irrtum erwiesen haben.

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Drei der folgenden Aussagen stammen von sozialdemokratischen und Grünen PolitikerInnen. Gratulation an alle, die ohne einen vorherigen Blick auf die Fußnoten die richtige Zuordnung schaffen:

  1. Das Gesamtschulsystem anderer Länder zeigt: Die soziale Trennung ist mindestens so stark, oft aber sogar stärker als in unserem System.“ (1)
  2. Welche Schule am besten für ein Kind ist, das müssen die Bürger frei entscheiden können.“ (2)
  3. In vielen Klassenräumen, in denen ich gewesen bin, hängen Plakate mit Regeln. Aber es fehlt meist das ergänzende Plakat: Welche Konsequenzen folgen bei Regelübertretungen?“ (3)
  4. Wenn wir nicht wollen, dass uns ganze Stadtteile entgleisen, müssen wir etwas tun.“ (4)
  5. Spanische oder griechische Jugendarbeitslosigkeiten sind auch auf eine Überakademisierung zurückzuführen.“ (5)
  6. Es ist völlig illusorisch zu glauben, ein Lehrer könne für jeden Schüler einen eigenen, auf ihn zugeschnittenen Lehrplan entwickeln. Das kann zu einer Überforderung für alle Beteiligten führen.“ (6)
  7. Inklusion ist oft ein Etikettenschwindel. Kinder können im Unterricht dabei sein, aber sie werden nicht spezifisch gefördert.“ (7)
  8. In Finnland ist auch der Anteil der Akademikerkinder in den renommierten Universitäten extrem hoch. In Österreich funktioniert die soziale Durchlässigkeit besser.“ (8)

Höchst erfreulich ist es, dass sich nun endlich auch auf dem Feld der Bildungspolitik das Denken von alten Dogmen zu befreien scheint. Noch erfreulicher wäre es, wenn es diesen Aufbruch auch in Österreich gäbe. Aber in Österreich glaubt man offensichtlich noch immer, auf ahnungslose Pseudo-ExpertInnen setzen zu müssen.

Auf dem September-Podest der ÖPU sind noch drei Plätze frei. Gesucht sind PolitikerInnen, denen die Zukunft unserer Jugend ein größeres Anliegen ist als das sture Festhalten an alten Denkmustern, deren Scheitern heute sichtbarer denn je ist.

(1) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Kleine Zeitung online am 29. Juni 2014.

(2) Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im deutschen Bundestag, FAZ online am 23. August 2014.

(3) Dr. Walter Kowalczyk, Schulpsychologe und vielfacher Buchautor, bildungsklick.de am 5. August 2014.

(4) Heinz Buschkowsky, sozialdemokratischer Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Die Welt online am 28. August 2014.

(5) Dr. Klaus von Dohnanyi, sozialdemokratischer Bildungsminister Deutschlands a. D., Süddeutsche Zeitung online am 29. August 2014.

(6) Univ.-Prof. Dr. Bernd Ahrbeck, Der Spiegel vom 18. August 2014, S. 38.

(7) Univ.-Prof. Dr. Werner Dollase, profil (Zeitung des dphv) vom Juli/August 2014, S. 21.

(8) Univ.-Prof. Dr. Josef Aff, Die Presse online am 18. Juli 2014.

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Gerhard Riegler: Von Hellsichtigen und Blindwütigen

Julian Nida-Rümelin ist Philosoph. Julian Nida-Rümelin ist SPD-Mitglied, war Minister in der ersten Regierung Schröder und leitet seit 2010 die Grundwertekommission der SPD. Julian Nida-Rümelin lässt dennoch nicht sein Parteibuch für ihn denken, er nimmt sich das Recht heraus, sich über die Bildungspolitik in seinem Land eigenständig Gedanken zu machen und sie zu artikulieren.

bigstock-Creative-Power-44625271_blogJulian Nida-Rümelin hat als Philosophie-Professor in München die fatalen Folgen von „Akademisierungswahn“ und Bologna- Reform aus nächster Nähe miterlebt.

Julian Nida-Rümelin hat der F.A.Z. (1) ein Interview gegeben, das aufhorchen lässt:

„‚Wer es nicht bis zur Hochschulreife schafft, der ist gescheitert‘- das ist eine ganz gefährliche Botschaft.

„Gleicher Respekt vor allen Talenten. Jede Begabung ist gleichwertig, eine Elektrotechnikerin verdient die gleiche Anerkennung wie ein Professor oder ein Manager oder eine Erzieherin.“

Qualität bedeutet, dass „eine hochwertige Berufsausbildung weiter im dualen System erfolgt. Das kann aber nur funktionieren, wenn die Mehrzahl eines Jahrgangs weiter in die berufliche Lehre geht, nicht eine kleine Minderheit.“

„Was ich der Bildungspolitik aller Parteien – auch der SPD – vorwerfe, ist, dass sie einen Weg eingeschlagen hat, der dazu führen könnte, die einzigartige Qualität des deutschen Bildungssystems zu beschädigen oder zu zerstören – nämlich die Herausbildung einer exzellenten Facharbeiterschaft, die alle Schichten der Gesellschaft aufnimmt. Wir erleben ja gerade, dass ganz Europa in seiner Finanz- und Arbeitskrise neidisch auf Deutschland schaut – und auf sein Ausbildungsmodell.“

„Wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie, dass das ganze Pisa-Programm auf berufliche Verwertbarkeit und nicht auf Persönlichkeitsbildung ausgerichtet ist: Warum bezieht sich Lesekompetenz in den Testfragen fast ausschließlich auf Gebrauchstexte und nicht etwa auf literarische Texte?“

Julian Nida-Rümelin sollte BildungspolitikerInnen aller Parteien zu denken geben, müsste sie zu einem Umdenken motivieren. Doch statt Hellsichtigkeit orte ich, zumindest hierzulande, weit verbreitete Blindwütigkeit. Möge den Bildungsverantwortlichen bald ein Licht aufgehen, sonst schaut es finster aus für die Zukunft unserer Jugend!

Dass sich manch Arbeitgebervertretung eine höhere Jugendarbeitslosigkeit herbeisehnt, lässt diverse Wortmeldungen verstehen. Verständnis aber habe ich für eine derart kaltblütige Interessensvertretung nicht.

(1) Christian Füller, „Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen“. In: FAZ Online vom 1. September 2013.

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Wider den akademischen Snobismus

Jahrzehntelang haben die OECD und die ihr hörigen „Experten“ (1) Deutschland und Österreich wegen ihrer im internationalen Vergleich niedrigen Akademikerquoten gescholten. Wolle man den wirtschaftlichen Wohlstand sichern, führe, so hieß es apodiktisch, kein Weg vorbei an einer massiven Akademisierung breitester Bevölkerungsschichten. Andernfalls wären Not und Elend unvermeidlich. Alle, die etwa meinten, ein Schulwart müsse kein akademisch diplomierter „Facility Manager“ sein, wurden als hoffnungslos rückschrittlich gebrandmarkt.

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Wer glaubt, das Beispiel sei übertrieben, möge einen Blick nach Spanien riskieren: „Das Madrider Museum Prado sucht elf Portiere. Dafür beworben haben sich 18.254 Menschen, viele von ihnen mit zumindest einem Studienabschluss. Als Jahresgehalt werden 13.000 Euro geboten, damit kann man in Madrid kaum eine Wohnung zahlen.“ (2)

Irlands Bildungsminister Ruairi Quinn, Sozialdemokrat und somit über den Verdacht erhaben konservativ zu sein, sprach in einem Interview mit der Zeitung „Die Presse“ jetzt offen aus, was außerhalb von „Expertenkreisen“ ohnehin jeder weiß: Die Inflation an Akademikern ist vielfach einer Deflation an akademischem Anspruch geschuldet. „Die britische Regierungschefin Margret Thatcher hatte in den 1980er-Jahren polytechnische Lehranstalten in „Universitäten“ umbenannt, was ein Desaster war. Die Menschen dachten daraufhin, sie würden eine akademische Ausbildung erhalten. In Irland haben wir in den 1990-Jahre fast den gleichen Fehler gemacht: Regionale berufsbildende Schulen wurden in „Technologische Institute“ umgetauft. Woraufhin sie die Ambition entwickelten, universitärer zu werden …“ (3)

Und Ruairi Quinn streut dem österreichisch-deutschen Modell der breitgefächerten Ausbildung Rosen: „Wenn es darum geht, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist das duale Ausbildungssystem das bessere Modell. Wir müssen uns davor hüten, in akademischen Snobismus zu verfallen.“ (4) Und trotzdem hat sich Österreich dem internationalen Akademisierungswahn zu wenig widersetzt: „Wir produzieren „Master“ am Markt vorbei, während „Meister“ gute Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten hätten.“ (5)

Wer nun meint, der irische Bildungsminister stünde mit dieser Meinung allein auf weiter Flur, muss blind und/oder OECD-Experte sein. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt nämlich bis Ende 2015 pro Jahr 70 Milliarden Euro für zinsbegünstigte Kredite zur Verfügung. Die Vergabe der Gelder an Unternehmen in den Mitgliedsländern ist aber strikt an die Schaffung von Lehrstellen gekoppelt. (6)

Die Politiker und OECD-„Experten“, die das Bildungsschiff auf die akademische Sandbank haben auflaufen lassen, gehören endlich zum Teufel gejagt. Diese Clique hat schon viel zu lange menschliches Leid und wirtschaftlichen Schaden verursacht.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Helmut Brandstätter, Faymann bietet heimische Ausbildner an. In: Kurier Online vom 29. Mai 2013.

(3) „Nicht jeder Jugendliche hat das Zeug zum Akademiker“. In: Presse Printausgabe vom 25. Mai 2013.

(4) a.a.O.

(5) Martina Salomon, Akademisierung aller Lebensbereiche. In: Kurier Online vom 27. April 2013.

(6) Margaretha Kopeinig, EU-Bank macht 70 Mrd. für Jobs locker. In: Kurier Online vom 27. Mai 2013.

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Gerhard Riegler: Ein Dienstwagen für Lehrlinge

Treffen einander zwei Fünfzehnjährige nach der Schule. Sagt der eine: „Kommst du noch mit auf den Fußballplatz?“ Antwortet der andere: „Heute kann ich leider nicht, es kommen sich am Nachmittag noch drei Firmenchefs bei mir vorstellen.“

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Wer meint, die Realität würde mit diesem Witz nicht Schritt halten, könnte bald irren. Die Süddeutsche Zeitung berichtete vor wenigen Tagen unter dem Titel „Dienstwagen für Azubis“ (1) von Entwicklungen, die vor kurzem noch unvorstellbar schienen: Der Chef einer Lackiererei bietet tatsächlich jedem, der sich bei ihm mit einem Notendurchschnitt von unter 1,5 als Lehrling bewirbt, einen kostenlosen Kleinwagen. Als Draufgabe gibt es neben einem „Auto für gute Noten“ noch Bezahlung deutlich über dem Tarifvertrag.

Andere Firmen offerieren ihren Azubis nach bestandener Zwischenprüfung 500 Euro extra und, so berichtet die Süddeutsche, „bei Abschluss der Lehre gibt es weitere 500 Euro obendrauf“ (2). Goldene Zeiten für junge Menschen, die sich nicht in die Akademisierungsfalle locken lassen und bereit sind, einen Lehrberuf zu ergreifen.

Dass OECD und Konsorten weiterhin krampfhaft an der Matura für alle und danach am Bachelor für alle festhalten, führt junge Menschen in vielen Staaten massenweise in die Sackgasse, ist ein rücksichtsloses „Spiel“ mit jungen Menschen, für manche „PlayerInnen“ aber durchaus lukrativ. Denn die Marktgesetze regieren da wie dort, und während „azubi-willigen“ jungen Menschen – auch finanziell – der rote Teppich ausgerollt wird, sinkt der Preis (= Lohn) für massenhaft graduierte AkademikerInnen ebenso schnell. Manche US-amerikanische Firmen laden BewerberInnen ohne „bachelor degree“ gar nicht mehr zum Vorstellungsgespräch ein, und – so schreibt die New York Times – selbst BürobotInnen müssen einen College-Abschluss vorweisen, um dann mit einem Stundenlohn von 10 Dollar angestellt zu werden. (3)

Über derartige Löhne können deutsche FacharbeiterInnen nur müde lächeln, und mancher Azubi hat bei der Heimfahrt im Dienstwagen für arbeitslose Bachelor – OECD-weit bereits ein Heer von Millionen – wohl nur Mitleid und ein verständnisloses Kopfschütteln übrig. Durchaus möglich, dass ein Lehrling nach dem Vorstellungsgespräch auf Kosten des künftigen Chefs mit einem Taxi nach Hause fährt, an dessen Steuer ein Bachelor der Politikwissenschaften oder ein Magister der Publizistik sitzt, weit jenseits der Zwanzig und ohne realistische Aussicht auf einen facheinschlägigen Berufsweg. Die Frage, ob sich Europa – ganz abgesehen vom Leid für den Betroffenen – mit seiner extrem niedrigen Geburtenrate dieses „Spiel“ auf Dauer leisten kann, ist nicht nur eine akademische.

Doch es gibt den Silberstreifen am Horizont: In den letzten Jahren nimmt die Anzahl der EU-Staaten zu, die sich am deutsch-österreichischen Schulwesen orientieren und Vielfalt statt akademischer Monokultur rekultivieren wollen. Und in den USA, dem Hauptfinanzier der OECD, findet Präsident Obama sehr engagierte und ehrliche Worte über den desaströsen Zustand des US-amerikanischen Schulwesens, das immer mehr SchülerInnen als Dropouts verliert. Zeit, dass Österreich sein Schulwesen wie ein verspäteter Lemming nach überholten OECD-Vorgaben radikal umbaut? Ein Blick auf die Fakten und mehr Selbstbewusstsein wären im Interesse der Jugend angesagt!

(1) Thomas Öchsner, Dienstwagen für Azubis. In: Süddeutsche Online vom 18. Februar 2013.

(2) a.a.O.

(3) Catharine Rampell, It Takes a B.A. to Find a Job as a File Clerk. In: The New York Times Online vom 19. Februar 2013.

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