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Gerhard Riegler: Demokratie ausschalten?

Die Schuldemokratie werde durch „Modellregionen“ doch nicht abgeschafft, versichern BildungspolitikerInnen und ihre „ExpertInnen“ treuherzig. Was aber sonst bedeutet der Plan, den die Koalitionsparteien am Dienstag im Rahmen der „Bildungsreform 2015“ verkündet haben? Nach diesem Übereinkommen, das manche als „fast geil“ (1) empfinden, bekommen die demokratischen Mitwirkungsrechte der Schulpartner neun „EIN/AUS“-Schalter, die, wenn es die Unterrichtsministerin erlaubt, von neun Landesfürsten nach Belieben betätigt werden können.

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15 Prozent – wenn es nach dem Wiener Bürgermeister, dem Vorarlberger Landeshauptmann und den Grünen geht, sogar 100 Prozent – der Gymnasien sollen künftig nicht mehr zustimmen müssen, bevor die Politik aus ihnen Gesamtschulen macht. Im 20. Jahrhundert mühsam errungene Elemente der schulischen Demokratie sollen außer Kraft gesetzt werden, um ideologische Ziele gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen zu können.

Für diejenigen, die sich der Zwangskonvertierung nicht unterwerfen wollen, hatte die Bildungsministerin bei der Präsentation der „Bildungsreform“ eine „Lösung“ zur Hand: „Wenn Eltern ihr Kind nicht in eine solche Schule schicken wollen, müssen sie ausweichen.“ (2) Ob diese Worte Ausdruck eines erschreckenden Zynismus sind oder sich die Bildungsministerin dessen nicht bewusst war, wie undemokratisch ihr Amtsverständnis ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wohin sich Zwangsbeglückte „schleichen“ sollen, hat sie meines Wissens nicht erklärt. Sollen 10- bis 14-jährige Kinder in ländlichen Regionen stundenlange Schulwege in Kauf nehmen? In welche Gymnasien sollen Kinder in städtischen Ballungsräumen, deren Gymnasien schon jetzt überfüllt sind, „ausweichen“?

Oder setzt die sozialdemokratische Bildungsministerin darauf, dass ohnehin sündteure Privatschulen gegründet werden, für die es nach der Liquidierung öffentlich finanzierter Gymnasien künftig auch in Österreich Bedarf geben wird? Ein Blick in Europas traditionsreiche Gesamtschulstaaten Frankreich und England zeigt, dass Eltern, die es sich leisten können, genau dorthin „ausweichen“. Eltern aber, die sich monatliche Schulgebühren von über 1000 Euro nicht leisten können, sind bereit, ihre Wohnung zu verpfänden, um ihre Kinder staatlichen Einheitsschulen zu entziehen. Dass am Dienstag in der IV und der Wirtschaftskammer die Champagnerkorken geknallt haben, ist nicht belegt, aber vorstellbar.

Der Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss (B-SGA) hat zu diesem Versuch, die Betroffenen vor Ort zu entmündigen, eine unmissverständliche Antwort gegeben, die auf demokratischem Weg erarbeitet worden ist. (3)

Man darf Frösche nicht fragen, wenn man ihren Teich trockenlegen will.“ (4) Diese Devise beschreibt das derzeitige „Demokratieverständnis“ gewählter RepräsentantInnen unserer Demokratie leider trefflich. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen vehement zur Wehr setzen werden, wenn man ihr Gymnasium „trockenlegen“ will.

Wie erfolgreich dieser Widerstand für die Schule und wie verheerend er für eine abgehobene Politschickeria sein kann, hat der Aufstand der Hamburger Bevölkerung gegen die damals bereits beschlossene Amputation des Gymnasiums im Jahr 2010 bewiesen. Das Gymnasium überstand den Hamburger Anschlag unversehrt, Politikerkarrieren aber endeten abrupt, und Parteien wurde bei der folgenden Wahl von der Bevölkerung die Rechnungen präsentiert, die sie sich verdient hatten.

Wer glaubt, die von der Schule unmittelbar Betroffenen entmündigen zu können, soll und wird erfahren, dass nicht jede Prinzessin, die einen Frosch gegen die Wand wirft, dadurch ihr Glück erfährt.

(1) So charakterisiert Staatssekretär Mag. Dr. Harald Mahrer die „Bildungsreform“. Siehe ZiB2 vom 17. November 2015.

(2) Zit. n. Julia Neuhauser und Bernadette Bayrhammer, Reform: „Mutlos“ und „Nordkorea“: Gesamtschule polarisiert. In: Presse online vom 17. November 2015.

(3) Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss: Entmündigung der Schulpartner inakzeptabel. OTS-Aussendung vom 20. November 2015.

(4) Univ.-Prof. Dr. Detlef Müller-Böling, zit. n. Thomas Schuler, Bertelsmannrepublik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik (Frankfurt 2010), S. 150.

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Gerhard Riegler: Fakten auf den Tisch!

Der 2. Band einer Studie mit dem sperrigen Titel „Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg, Bildungserwartungen, Schulorganisation, Pädagogische Konzepte, rechtliche Rahmenbedingungen. Projektbericht Band 2“ (ISBN: 978-3-7065-5474-9) sorgte nicht nur in Vorarlberg in den letzten Tagen für gehörige Aufregung. Die Vorarlberger Politik nahm den Bericht als Grundlage für die Ankündigung, in Vorarlberg spätestens in zehn Jahren die Gesamtschule der 10- bis 14-Jähringen einzuführen und damit Sonderschulen, die NMS und die AHS-Unterstufe abzuschaffen.

Ich wollte dieses schicksalsschwangere Werk umgehend erwerben, um es einer seriösen Analyse zu unterziehen. Im Gegensatz zu PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und den von ihnen „gefütterten“ Medien äußere ich mich zu Bildungsstudien erst NACH deren Lektüre.

Doch meine Versuche, das Buch zu kaufen, scheiterten kläglich. Der Band würde „Ende Mai“ erscheinen, war vom Verlag zu erfahren. Genaues wisse man aber nicht, das Buch sei derzeit noch nicht erhältlich – ein unglaublicher Verstoß gegen jegliche Seriosität, von Wissenschaftlichkeit ganz zu schweigen: Die verantwortlichen Ländle-PolitikerInnen zitieren aus einer Studie, die der Öffentlichkeit bis auf Weiteres vorenthalten wird, und versuchen so, via mediale Berichterstattung Tatsachen zu schaffen, die einer seriösen Überprüfung entzogen werden.

Nach Erscheinen des ersten Bandes gelang es mir, rasch an den Bericht heranzukommen. Seine Analyse hat Vorarlberger GesamtschulfetischistInnen wenig Freude bereitet. Ein Grund für die jetzt gewählte Vorgangsweise? Ein paar Kostproben daraus:

  • 72 % der Eltern mit einem Kind an der NMS und 82 % der Eltern mit einem Kind in der AHS geben an, dass ihr Kind gerne zur Schule geht.
  • 81 % der SchülerInnen in der 6. und 8. Schulstufe an einer NMS und 84 % an der AHS sagen, sie seien mit ihrer Schule sehr zufrieden bzw. zufrieden.
  • Sehr hoch ist die Zufriedenheit der Eltern mit der Schule ihres Kindes – ohne Unterschied zwischen NMS und AHS: 90 % der Eltern wissen ihr Kind in guten Händen.
  • Sehr viele Eltern und SchülerInnen würden ihre Schule wieder auswählen.

Das durchsichtige Propagandamanöver mit der unter Verschluss gehaltenen Studie wird nach Vorliegen der Fakten wohl einmal mehr wie eine Seifenblase zerplatzen.

Die am Mittwoch veröffentlichten Ergebnisse der Mathematikklausuren bei der Zentralmaturapremiere haben bei manchen Vorarlberger Verantwortlichen aber schon jetzt für ein öffentlich wahrnehmbares Umdenken gesorgt. So berichten die „Vorarlberger Nachrichten“, dass Landesschulinspektorin Christine Schreiber „die vergleichsweise vielen Mathematik-‚Fünfer‘ auf den hohen Anteil an Oberstufenrealgymnasien“ zurückführt und – Geheimstudie hin oder her – Konsequenzen daraus zieht: „Angesichts der Ergebnisse gelte es jedenfalls, die Entscheidung, eine flächendeckende Gesamtschule einzuführen, nochmals zu überdenken …“ (1)

(1) Vorarlberg will aus „roter Laterne“ in Mathematik lernen. In: Vorarlberg online vom 27. Mai 2015.

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Gerhard Riegler: Das Gymnasium hat Zukunft!

Die „Schicksalswahlen“ für das Gymnasium endeten vorgestern mit einem erfreulichen Ergebnis.

K1024_OEPU-buttonIch danke allen Kolleginnen und Kollegen, die der ÖPU / FCG in so schwierigen und kritischen Zeiten bei den Personalvertretungswahlen ihr Vertrauen geschenkt haben. Mit einem Stimmenanteil von fast 60 Prozent werden wir uns weiterhin mit aller Kraft für das Gymnasium, das wir in seiner Lang- und Kurzform für einen unverzichtbaren Wert halten, und seine Lehrerinnen und Lehrer einsetzen.

Wie wichtig dieses für Politik und Medien unübersehbare Votum ist, zeigen die laut Medienberichten geradezu skurrilen Ergebnisse der gestern präsentierten „Studie“ zur „Gemeinsamen Schule“ in Vorarlberg: Für eine „Schule für alle“ waren 56 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern, für den Erhalt des aktuellen Systems gab es Zustimmung vom 51 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern. (1) Offenbar handelt es sich bei der Auswertung um „kompetenzorientiertes“ Prozentrechnen.

Für LH Wallner, den Grünen Bildungssprecher Walser (2) und den IV-Präsidenten Kapsch bedeutet diese „Studie“ wohl trotzdem Wasser auf ihre Gesamtschulmühlen.

Meine bayrischen KollegInnen, mit denen ich seit Jahren in intensivem Kontakt stehe, schütteln ob dieser Gesamtschul-Initiativen nur ungläubig den Kopf. Der Wirtschaftsstandort Bayern, der keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht, basiert auf einem höchst vielfältigen Schulsystem.

Auch die Vorarlberger Bevölkerung lehnt laut jüngsten Umfragen die Gesamtschule mit weit über 70 Prozent ab. Doch Vorarlbergs und Tirols Landeshauptleute wenden bei ihrem Blick über die Grenze Bayern den Rücken zu und fabulieren vom Vorbild Südtirol. „Studien“ wie die zur „Gemeinsamen Schule“ in Vorarlberg sollen dafür dann auch noch den Auftrag der Bevölkerung simulieren.

Gemeinsam werden wir der Abschaffung des Gymnasiums entschlossenen Widerstand entgegensetzen. Das Wahlergebnis ist ein eindrucksvoller Auftrag dafür!

(1) Siehe Julia Neuhauser, Gesamtschule: Mehrheit sieht Vorteile. In: Presse online vom 27. November 2014.

(2) Siehe Gesamtschule: „Frau Minister, worauf warten Sie noch?“ In: Presse online vom 28. November 2014.

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Rückgratverkrümmung

17 Prozent der Vorarlberger (1) haben bei den Landtagswahlen die Grünen gewählt – immerhin jeder sechste Wahlberechtigte, der seine Stimme abgegeben hat. Ob für alle Grün-Wähler die „Abschaffung der Gymnasien“ im Ländle ein Wahlmotiv war, sei dahingestellt.

Skoliose_blogDie „Tiroler Tageszeitung“ ließ kurz nach Durchsickern der schwarz-grünen Gesamtschulpläne in einer Online-Umfrage erheben, was die Bevölkerung davon hält. Das Ergebnis war mehr als eindeutig: Gerade einmal 10 Prozent sprachen sich für die flächendeckende Gesamtschule aus. (2)

Dass die Befindlichkeit der Tiroler ganz anders ist als die der Vorarlberger, glaubt wohl auch LH Wallner nicht, denn er relativierte daraufhin das Attribut „flächendeckend“ deutlich. Nicht so sein Grüner Koalitionspartner. Der künftige LH-Stellvertreter zeigte sich von der Meinung der Bevölkerung völlig unbeeindruckt. Wenn schon nicht „flächendeckend“, dann zumindest das gesamte Rheintal mit seinen rund 280.000 Bewohnern – etwa zwei Drittel der Vorarlberger Bevölkerung –, forderte er kühn. (3)

Die Vorarlberger SPÖ sagt, was Sache ist. „Eines ist klar – einen Schulversuch zur gemeinsamen Schule beispielsweise nur im Bregenzerwald zu machen, in welchem es nicht einmal eine Unterstufe der AHS gibt, macht keinen Sinn“, kritisiert auch SPÖ-Bildungssprecherin Gabi Sprickler-Falschlunger. „Dann kann man es gleich lassen, da es nichts anderes als eine Mogelpackung ist.“ Sie befürchtet eine „Schülerflucht“, sollte es zu einem regional beschränkten Versuch kommen. Diejenigen, die mobil seien und Geld besäßen, könnten nämlich den Bezirk verlassen.“ (4)

Gesamtschulversuche könnte man jederzeit durchführen, wenn sie von den Betroffenen der beteiligten Schulstandorte gewünscht würden. Die geplante Modellregion Lustenau scheiterte 2012 jedoch binnen 48 Stunden am Widerstand der betroffenen Schulpartner. „Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt“, denken offenbar die meisten Vorarlberger Politiker und fordern ein Ende dieses Mitspracherechts.

In Sonntagsreden von Schulautonomie, mehr Mitbestimmung, Ausbau der direkten Demokratie etc. zu faseln und dann so zu agieren, zeugt von äußerst schmerzhafter Skoliose, um es vorsichtig auszudrücken.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) „Soll das Gymnasium in dieser Form erhalten bleiben oder soll die Schule einer Gesamtschule weichen?“, lautete die Fragestellung. Nur 10 Prozent wählten die Antwort „Das Gymnasium sollte abgeschafft werden, eine gemeinsame Schule für alle wäre besser.

(3) Vorarlberg: Rauch (Grüne) ist „stolz“. In: Ö1-Mittagsjournal vom 8. Oktober 2014.

(4) Schwarz-Grüne Bildungspolitik am Pranger. In: ORF online vom 8. Oktober 2014.

Bild von http://www.jameda.de/gesundheits-lexikon/skoliose/.

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Alternativlos

Es ist schnell gegangen im Ländle. Nur zwei Wochen nach der Landtagswahl ist die schwarz-grüne Koalition praktisch besiegelt. „Sowohl die ÖVP als auch die Grünen bekennen sich zur gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen als landesweitem Schulversuch“, entnehme ich den Medien. (1)

many different euro bills. photo icon for wealth and investment

Was die Befürworter (2) der Gesamtschule gerne verschweigen: Eine Gesamtschule ist dann und nur dann eine Gesamtschule, wenn sie alternativlos ist, also wenn ausnahmslos alle Schüler eines bestimmten Alters diese besuchen müssen. Die Einführung der Gesamtschule – auch nur im Schulversuch – geht daher zwingend mit der Abschaffung von Gymnasien, Hauptschulen, Neuen Mittelschulen, Sonderschulen, Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Informatik etc. Hand in Hand. Egal ob hochbegabt oder mit extremem sonderpädagogischen Förderbedarf, alle sollen, ja müssen gemeinsam miteinander lernen.

Man kann in einer westlichen Demokratie wohl die staatliche Gesamtschule einführen, aber keine Privatschulen verbieten. Und so flüchten alle, die es sich leisten können, aus dem dann schlechten öffentlichen ins gute private Schulwesen – unter immensem finanziellen Aufwand. Im traditionsreichen Gesamtschulland Großbritannien finanzieren die Eltern mit ihrem Schulgeld 11,2 % der Kosten des Schulwesens (Österreich 2,8 %). (3) 7,8 % der 15-Jährigen besuchen dort frei finanzierte Privatschulen (Österreich 1,1 %). (4) Und das britische Schulgeld ist mit dem, das derzeit an Österreichs Privatschulen zu bezahlen ist, nicht zu vergleichen. Aber auch bei uns geht es schon los. In der International School St. Gilgen fällt neben der wohlfeilen Antragsgebühr von bloß 200 Euro und der nicht unbeträchtlichen Einschreibgebühr von 3.500 Euro ein jährliches Schulgeld von bis zu 42.500 Euro an. Fürs Vollinternat muss man nochmals 21.000 Euro drauflegen. (5)

Fazit: In Vorarlberg möchte die neue Koalition Eltern und ihren Kindern die derzeit bestehenden Wahlmöglichkeiten rauben und qualitätsvolle Bildung den Kindern vermögender Eltern vorbehalten. Nur diese haben eine Alternative. Alle anderen haben sie erst bei der nächsten Landtagswahl …

(1) Realität straft Klischees Lügen. In: ORF online vom 6. Oktober 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B3.1.

(4) Education at a Glance 2014, Table C7.2.

(5) http://www.stgis.at/admissions/fees-and-charges.html

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Gerhard Riegler: Alle Macht den Häuptlingen?

Geht es nach der präsumtiven schwarz-grünen Landesregierung Vorarlbergs, droht dem Gymnasium in Ländle ein „Tod auf Raten“. Auf ein für vier Jahre verordnetes Zwangskoma für die gymnasiale Unterstufe soll offensichtlich dessen anschließendes Begräbnis erster Klasse folgen. Getarnt wird der Anschlag auf das Gymnasium als „Forschungsprojekt“ mit anschließendem „Schulversuch“ …

Woman domination concept with shoes and man

Die zwischen den beiden Herren Wallner und Rauch angeblich bereits paktierte „Modellregion Gemeinsame Schule“ tritt die Meinung der Vorarlberger Bevölkerung mit Füßen. Wie Michaela Germann, die Vorsitzende der ÖPU Vorarlberg, in ihrer Reaktion auf diesen Anschlag feststellt, hat sich im Ländle erst vor knapp zwei Jahren der Standpunkt der Betroffenen klar gezeigt: Innerhalb von 48 Stunden ist die politisch geplante „Modellregion Lustenau“ am geschlossenen Widerstand von SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen gescheitert.

Dass sich Wallner und Rauch nach dieser Pleite jetzt trickreich um die Zustimmung der betroffenen Schulpartner drücken wollen, empört Michaela Germann zurecht: „Wenn ein Schulstandort einen Schulversuch starten will, kann er das mit der entsprechenden Mehrheit von Schülern, Eltern und Lehrer beschließen, beim Unterrichtsministerium beantragen und durchführen.

Doch hier soll mit einer unglaublichen Arroganz Schulautonomie, von PolitikerInnen in Sonntagsreden gerühmt, mit Füßen getreten werden. „Der Vorstoß in Richtung einer ‚Modellregion gemeinsame Schule Vorarlberg‘ zielt nämlich darauf ab, die Mitbestimmung der betroffenen Schulpartner zu beseitigen und daraus eine rein politische Entscheidung zu machen“, so die ÖPU-Vorsitzende Vorarlbergs. Das schwarz-grüne Gymnasialbeseitigungsbündnis sollte allerdings den Champagner noch im Kühlschrank lassen. Denn die Zeiten Ludwig XIV. sind vorbei …

Was Wallner und Rauch geflissentlich verschweigen: Bei Einführung der Gesamtschule treten bildungsaffine Eltern, die es sich leisten können, die Flucht in gewinnorientierte, sündteure Privatschulen an. Für tausende Pfund bzw. Dollar pro Monat gibt es in Gesamtschulstaaten wie Großbritannien oder den USA höhere Bildung zu kaufen. Oder glauben die beiden Herren allen Ernstes, in Österreich die Gründung derartiger Schulen verbieten zu können? Aber vielleicht ist das ja sogar die Intention. Denn über gewinnorientierte Privatinstitute sind die höchsten Renditen zu erzielen.

Während sich westlich des Arlbergs der Absolutismus aus seinem Grab erhebt, meldete sich auf der anderen Seite des Arlbergs am Donnerstag Widerstand durch eine neu gegründete Initiative „Pro Gymnasium“ zu Wort: Der Erhalt des achtjährigen Gymnasiums, die Vielfalt des Angebots für eine Vielfalt der Begabungen und Interessen stehen ebenso auf deren Agenda wie die Erhaltung der Wahlmöglichkeit für Eltern.

Wer höhere Bildung nicht zum Privileg weniger Wohlhabender werden lassen will, sondern Österreichs wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand zu schätzen weiß, lässt das öffentlich finanzierte Gymnasium nicht zertreten. Eine Unterschrift auf www.progymnasium.at ist ein erster Schritt zivilen Widerstands gegen eine Politik, die die Bevölkerung mit Füßen tritt! Die Tiroler Initiative bittet um Unterstützung, braucht und verdient sie – aus ganz Österreich.

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Gerhard Riegler: Mit 10 sind die Würfel längst gefallen

Wir brauchen ein „radikales“ Umdenken in der Bildungspolitik. Das ist kein Zitat eines Koalitionsverhandlers, sondern meine felsenfeste Überzeugung.

bigstock-The-words-Learn-Practice-and-I-44419135_blogViel zu vielen fehlt es an grundlegenden Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. Dieses Problem ist seit Langem unübersehbar und muss endlich entschlossen an der Wurzel gepackt werden. Nicht einmal die „ExpertInnen“ aus dem Dunstkreis der scheidenden Unterrichtsministerin wagen noch zu behaupten, das diesbezügliche Können unserer 10-Jährigen sei zufriedenstellend. Das krasse Gegenteil ist nämlich der Fall.

Ich habe mich mit dem Leistungsstand der österreichischen 10-Jährigen, soweit er durch PIRLS und TIMSS gemessen wird, in einer Artikelserie des „gymnasium“, unserer Gewerkschaftszeitung, ausführlich auseinandergesetzt. (1) An dieser Stelle möchte ich daher keine weiteren wissenschaftlichen Belege für Zustand und Ursachen auflisten, sondern nur auf zwei aktuelle Zeitungsartikel hinweisen, die die Dringlichkeit eines radikalen Umdenkens in der Bildungspolitik untermauern.

Ein höchst lesenswerter Artikel aus „The Guardian“ bringt es schon in der Überschrift auf den Punkt: „Poor children’s life chances are decided in primary school“ (2). Hoffentlich wird aber nicht nur die Überschrift rezipiert! Denn im Beitrag wird – im Einklang mit bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die seit vielen Jahren auf dem Tisch liegen – festgestellt, dass Lern- und Entwicklungsrückstände von Siebenjährigen kaum mehr aufzuholen sind.

Wer Kindern aus bildungsfernem Elternhaus bessere Chancen auf sozialen Aufstieg geben will, darf Bildungspolitik nicht auf Schulpolitik reduzieren. Wer sozial Schwachen durch eine Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen helfen zu können glaubt, beweist seine eigene Bildungsferne.

Besteht nicht das Hauptproblem des österreichischen Schulwesens in dem Umstand, dass zahlreiche Kinder nach der Volksschule nur beschränkt lesen, schreiben und rechnen können? Ist nicht dieses Phänomen keineswegs auf Kinder mit dem viel zitierten Migrationshintergrund beschränkt? Leiden nicht auch die österreichischen Kinder unter für Zehnjährige unerträglichen Defiziten?“ (3)

Lassen Ronald Barazons rhetorische Fragen Menschen kalt, die heute Österreichs Bildungspolitik von morgen verhandeln? Werden sie scheuklappenbewehrt weiterhin die Einheitsschule bis 15 (oder 18) fordern? Werden sie einmal mehr gefährlich geringe Lesekompetenz und Immunität gegenüber Fakten beweisen?

(1) Gerhard Riegler, Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen. In: gymnasium Nr. 2/2013, S. 15-17, Nr. 3/2013, S. 16f, und Nr. 4/2013, S. 18-20.

(2) Randeep Ramesh, Poor children’s life chances are decided in primary school, report finds. In: The Guardian Online vom 8. Oktober 2013.

(3) Ronald Barazon, Geht es nicht um die Leseschwäche der 10-Jährigen? In: Salzburger Nachrichten Online vom 12. Oktober 2013.

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