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Gerhard Riegler: En Marche!

Emmanuel Macron hat mit einer neuen politischen Partei namens „En Marche“ das Vertrauen großer Teile der französischen Bevölkerung und damit am vergangenen Sonntag die Präsidentschaftswahlen überlegen gewonnen. Frankreichs bisherige Großparteien waren schon im ersten Wahlgang abgewählt worden.

Besonders beeindruckend waren für mich der hohe Anteil junger Menschen und deren Begeisterung bei den Wahlfeiern: junge Menschen, die ihre Hoffnung auf einen Jungpolitiker setzen, dessen Hauptbotschaft die ist, für eine neue Politik sorgen zu wollen.

Die Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand ist unter Frankreichs Jugend zurecht riesengroß. Es geht ihr im internationalen Vergleich wahrlich nicht gut. Dass dies so ist, liegt nicht zuletzt an Frankreichs Bildungssystem, das sich gerne mit dem Wort „égalité“ schmückt, dessen Wirklichkeit aber so weit von Chancengerechtigkeit entfernt ist wie in nur wenigen Staaten Europas. Das muss selbst die Bertelsmann Stiftung, die Gesamtschulsysteme gerne bewirbt, eingestehen: „The worst performers with regard to the influence of socioeconomic background on students’ educational success are Hungary, France, Bulgaria and Slovakia.“ (1)

Auch die EU-Kommission bestätigt, dass Frankreich Schulsystem soziale Ungleichheit nicht annähernd auszugleichen versteht, sondern sie sogar massiv verstärkt: „PISA surveys show that France is one of the countries in which the school system contributes most to widening inequalities.“ (2)

Frankreich setzte auf „Matura für alle“, wofür sich auch in Österreich manche PolitikerInnen aussprachen. In Frankreich kann man die Folgen dieses Irrwegs studieren: „In Frankreich machen drei Viertel eines Jahrgangs das Abitur (Baccalauréat). Diese außerordentlich hohe Studienanfängerquote wird nicht nur mit dem Preis einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit von 22 Prozent, also rund zweieinhalbmal so hoch wie in Deutschland, bezahlt, sondern auch mit einer exorbitant hohen Abbrecherquote in Höhe von 50 Prozent eines Jahrgangs!“ (3)

Auf eine Politik, die vielleicht wirklich an eine Chancengleichheit durch gleiche Abschlüsse für alle glaubte, folgte allerdings beinharte soziale Selektion: „Während normale Universitäten in Frankreich nichts kosten, zahlt man für ein Aufbaustudium an Elite-Unis wie der ENA, den „grandes écoles“, zwischen 7000 und 12000 Euro jährlich.“ (4) „Normale Universitäten“ werden immer mehr zu Stätten der Hoffnungslosigkeit, zu einem Parkplatz für junge Menschen, die nach dem Baccalauréat keinen Platz im Berufsleben finden. „Only students from elite schools or with a Doctorate stand a very good chance at getting top level jobs.“ (5)

Statt hier noch weitere Belege für das Scheitern des französischen Bildungssystems mit seinen verheerenden Auswirkungen auf Frankreichs Jugend anzuführen, appelliere ich an Österreichs BildungspolitikerInnen: Nehmt eure Aufgabe ernst, übt sie seriös aus, verspielt nicht die Chancen der Jugend! Beendet euer politisches Spiel, bevor ihr zu Recht das Vertrauen der Jugend verspielt. En Marche!

(1) Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Social Justice in the EU – Index Report 2015 (2015), S. 29.

(2) EU-Kommission (Hrsg.), Investing in children: Breaking the cycle of disadvantage. A study of national practices (2014), S. 72.

(3) Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer, Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten (2015), S. 39.

(4) Thomas Spang, Info: So viel zahlt man für Universitäten in Europa. In: Stuttgarter Nachrichten online vom 10. Mai 2015.

(5) Marie Duru-Bellat, Access to Higher Education: the French case (2015), S. 36.

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More important than cash

Vor wenigen Tagen erschien im „Standard“ ein Interview mit James Heckman, dem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2000. „Gleiche Chancen für alle Kinder wird es nie geben“, lautete der Titel. (1)

Comparison Food Is Much More Important Than Money

Heckman schrieb einige Arbeiten über die Wirkung von Sozialprogrammen auf Gesellschaft und Wirtschaft. Vor allem interessiert er sich für den Einfluss vorschulischer Faktoren auf den weiteren Lebensweg. Die Erkenntnisse sind erschreckend und ermutigend zugleich.

Die Förderung in der frühen Kindheit ist entscheidend für den späteren Erfolg im Leben. „Investment in early education for disadvantaged children from birth to age 5 helps reduce the achievement gap, reduce the need for special education, increase the likelihood of healthier lifestyles, lower the crime rate, and reduce overall social costs.“ (2)

Nicht nur soziale Argumente sprechen für möglichst frühzeitige Investitionen zugunsten benachteiligter Kinder, sondern auch rein ökonomische: „Wer Kinder mit weniger gut gebildeten Eltern fördere, könne ihre Chancen im späteren Leben massiv erhöhen. Es sei auch keine Frage des Geldes. Für einen Euro, den man ausgebe, bekomme man später deutlich mehr zurück.“ (3)

Der Anteil von Kleinkindern in Frühkindbetreuung ist jedoch nicht der entscheidende Faktor. Es geht „um die Qualität des Umfelds, in dem die Kinder aufwachsen. Schlechte Kinderbetreuung kann sogar sehr schädlich sein“. (4)

Für Förderung von Kindern ist es allerdings nie zu spät. „Man kann nur deutlich mehr erreichen, wenn man früh interveniert. Es gibt aber kein Alter, ab dem man sich nicht mehr um Probleme kümmern sollte.“ (5)

Die Familienpolitik ist gefordert. „Adverse impacts of genetic, parental, and environmental resources can be overturned through investments in quality early childhood education that provide children and their parents the resources they need to properly develop the cognitive and personality skills that create productivity.“ (6) Aber es geht nicht nur um Steigerung von Produktivität, sondern – aus meiner Sicht wesentlich wichtiger – um Vermeidung von sozialem Elend. „Eine auf Neuseeland bezogene Arbeit zeigte, dass 20 Prozent der Bevölkerung 80 Prozent der Probleme verursachen, also etwa Kriminalität, hohe Gesundheitskosten, wenig Bildung, Drogenmissbrauch. Im Alter von drei bis fünf Jahren kann man relativ gut vorhersagen, wer davon betroffen sein wird.“ (7)

Entscheidend ist die Eltern-Kind-Beziehung. „In allen Studien zeigt sich aber, dass eine stärkere Bindung zwischen Eltern und Kindern essenziell ist. Das ist der Schlüssel.“ (8) Oder anders ausgedrückt: „Good parenting is more important than cash.” (9)

(1) Starökonom Heckman: Gleiche Chancen für alle Kinder wird es nie geben. In: Standard online vom 17. Jänner 2017.

(2) James J. Heckman, The Economics of Inequality. The Value of Early Childhood Education. In: American Educator (Spring 2011), S. 31-47, hier S. 32.

(3) Heckman, Gleiche Chancen.

(4) a.a.O.

(5) a.a.O.

(6) Heckman, Economics of Inequality, S. 32.

(7) Heckman, Gleiche Chancen.

(8) Heckman, Gleiche Chancen.

(9) Heckman, Economics of Inequality, S. 33.

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Gerhard Riegler: Warten auf Taten

Wir stehen vor einer spektakulären Richtungsänderung österreichischer Schulpolitik, wenn die „faktenbasierte Schulpolitik“, die die neue Unterrichtsministerin angekündigt hat, nicht nur eine politische Floskel war, was ich nicht unterstellen will.

People Hold Red German Fakten Means Fact Blue Sky

Belegte und damit überprüfbare Daten stelle ich der neuen Unterrichtsministerin sehr gerne zur Verfügung. Denn eine seriöse Auseinandersetzung mit Fakten ist nach der desaströsen Politik der letzten Jahre dringend angesagt. Österreichs Schulwesen darf nicht dort enden, wo z. B. Englands Gesamtschulwesen gelandet ist: bei einer Zweiklassengesellschaft, die sich in Österreich hoffentlich niemand wünscht, der für unser Schulwesen Verantwortung trägt.

Für nur 4 % eines Jahrgangs reicht in England der Platz in den „grammar schools“, den wenigen verbliebenen Gymnasien, die nicht Opfer der vor Jahrzehnten verfolgten Gesamtschulpolitik geworden sind. Für fast doppelt so viele Kinder (7 %) geben Eltern Unsummen aus, um ihnen einen Platz in „independent schools“ zu verschaffen und sie so vor staatlichen Gesamtschulen zu bewahren. Eine Investition, die sich die große Mehrheit der Bevölkerung natürlich nicht leisten kann, die sich aber lohnt.

An dieser Stelle nur ein einziges Beispiel dafür, wie sehr die berufliche Laufbahn in England davon abhängt, ob man für sein Kind einen der raren „grammar school“-Plätze ergattert oder für einen an einer der sündteuren „independent schools“ mehr Geld zu zahlen bereit und imstande ist, als andere verdienen: „In medicine, 61 per cent of doctors were privately educated while 22 per cent went to selective state grammar schools and just 16 per cent to comprehensives.“ (1)

Neun von zehn jungen Menschen besuchen Gesamtschulen, aber fünf von sechs ÄrztInnen Englands blieb die staatliche Gesamtschule erspart!

Der Weg an Englands Elite-Universitäten wie Oxbridge führt selbstverständlich über „grammar schools“ und „independent schools“. Und somit schließt sich der Kreis. Damit sind wir nämlich auch bei denen, die der Bevölkerung Einheitsschulen als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit verkauft haben und es teilweise noch immer tun, Englands PolitikerInnen: „59 % of the Cabinet and 33 % of the Shadow Cabinet attended Oxbridge compared to less than 1 % of the UK population as a whole …“ (2)

Allen, die noch immer glauben, ein staatliches Gesamtschulwesen würde einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten, empfehle ich die Lektüre des im Jahr 2014 erschienenen Reports, dessen Titel „Elitist Britain?“ den Inhalt auf den Punkt bringt und aus dem dieses Zitat stammt. Allen, die darüber ohnehin Bescheid wissen, aber trotzdem nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, sich von ihren alten Dogmen zu befreien, machen sich schuldig, wenn Österreichs Zukunft Englands Gegenwart gleicht.

Hoffentlich gehört eine Politik, die Fakten vertuscht und auf den Kopf stellt, tatsächlich der Vergangenheit an, hoffentlich emanzipiert sich Österreichs Schulpolitik rasch von „BildungsexpertInnen“, deren Aussagen keiner Überprüfung standhalten.

Der Ankündigung der neuen Unterrichtsministerin mögen entsprechende Taten folgen!

(1) Richard Garner, Privately educated people dominate top British jobs, damning report finds. In: Independent online vom 24. Februar 2016.

(2) Social Mobiliy and Child Poverty Commission (Hrsg.), Elitist Britain? (2014), S. 26.

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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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Geschwätz

Die Familie Kapsch verfügt über ein Vermögen von 740 Millionen Euro. Bei Hannes Androsch ist man nicht so sicher. 100 bis 300 Millionen werden es wohl sein. (1) Wenn sich solche Großindustrielle den Kampf für die Rechte der „kleinen Leute“ an die Fahnen heften, beschleicht mich immer ein ungutes Gefühl, und wenn sie gar eine „Revolution“ fordern, schrillen bei mir die Alarmglocken. (2)

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Nun ist es wieder einmal so weit. „Androsch, Kapsch & Co. machen für Schul-Revolution mobil“, lautete diese Woche eine Schlagzeile im „Kurier“ anlässlich einer Pressekonferenz von „Neustart Schule“ der Industriellenvereinigung. „In kaum einem anderen Land entscheidet der Bildungsstand der Eltern so stark darüber, welchen Bildungsweg Kinder einschlagen. Bildung wird in Österreich immer noch sozial vererbt. Österreich gehört zu jenen drei Länder [sic!] in der OECD, in denen der Bildungsaufstieg am schlechtesten gelingt“, liest man auf der zugehörigen Website.

Bemerkenswert ist nicht das gebetsmühlenartige Wiederholen solcher Phrasen, die im Widerspruch zu unzähligen bildungswissenschaftlichen Publikationen stehen. Bemerkenswert ist vielmehr eine Publikation der Industriellenvereinigung selbst aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen“. Der „Grad der intergenerationalen sozialen Mobilität wurde kürzlich von der OECD für die EU-Staaten erhoben. Bemerkenswert dabei ist, dass in Österreich mit Abstand der höchste Grad an sozialer Mobilität in allen untersuchten Staaten vorhanden ist – sowohl bei der Bildung als auch bei den Einkommen. Beim Mittelwert der Frauen und Männer liegt nur Dänemark bei der Bildungsmobilität vor Österreich. Das bedeutet, dass die oft zitierte „gläserne Decke“ bei Bildung und Einkommen in Österreich am durchlässigsten ist und damit die Frage von Armut und Bildungsniveau in Österreich am wenigsten unter allen OECD-Staaten eine Frage der Geburt ist. Es entscheidet also in Österreich weniger die „Geburtsprämie“ als vielmehr die eigene Motivation und Leistung über Einkommen und Bildung“, wusste die Industriellenvereinigung noch vor drei Jahren zu berichten. (3)

Wurden die Verhältnisse in Österreich innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt, oder wechselt die „Expertise“ der Industriellenvereinigung je nach politischer Auftragslage? „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, sagte schon Konrad Adenauer …

(1) Siehe Die 100 reichsten Österreicher. In: Trend online vom 26. Mai 2015.

(2) Siehe dazu Lisa Nimmervoll, AHS-Lehrervertreter will keine „kognitiven Mastschweine“. In: Standard online vom 21. November 2014 und meinen Kommentar „Des Großschneiders Revolution“ vom 22. November 2014.

(3) Industriellenvereinigung (Hrsg.), Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen (Wien, August 2012, 4. überarbeitete Auflage), S. 27. Hervorhebung im Original.

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Gerhard Riegler: Fast-Food-Politik im Keller

„Essen im Keller“, so titelte der SPIEGEL kürzlich wohl bewusst doppeldeutig, was Qualität und Lokalität von Schulkantinen betrifft. (1)

Auch im Bereich ganztägiger Schulformen zeigt sich, wie sehr politische Versprechungen und schulische Wirklichkeit auseinanderklaffen. Niemand kann und darf die Augen davor verschließen, dass immer mehr Heranwachsende am Nachmittag sich selbst überlassen sind. Der Staat hat im Interesse der Betroffenen und ihrer Eltern, aber auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse die Pflicht, entsprechende Angebote zur Verfügung zu stellen. Betreuungsbedürftige Kinder dürfen nicht der Straße und ihrem Schicksal überlassen werden.

Dem Schicksal überlassen hat die Bildungs- und Sozialpolitik in diesem Punkt allerdings seit Jahren auch uns LehrerInnen: Man hat diese gesellschaftspolitische Aufgabe ganz einfach räumlich wie personell dafür absolut unzureichend ausgestatteten Schulen umgehängt und ihnen schulautonom viel Glück bei der Organisation der nachmittäglichen Betreuung gewünscht. So billig macht es sich eine Politik, deren Agieren alles andere als zu billigen ist und uns teuer zu stehen kommt!

Ich kann der Argumentation des SPIEGEL-Autors durchaus folgen, dass Ganztagsschulen „als eines der wenigen Mittel, mehr Chancengerechtigkeit für Unterschichtenkinder zu schaffen und gleichzeitig Eltern mehr Betreuungssicherheit zu bieten“ gelten. Doch wer sozialpolitisch A sagt, muss bildungspolitisch auch B sagen, und das mit allen finanziellen Konsequenzen. Wenn wir im Sinn der SPIEGEL-Überschrift keine Generation von „Kellerkindern“ heranziehen wollen, müssen entsprechende Rahmenbedingungen raschest und adäquat hergestellt werden. Dabei darf neben der Betreuung durch entsprechendes Fachpersonal aus der Freizeitpädagogik natürlich auch das Essen nicht unter den Tisch fallen. Denn auch ungesunde Ernährung – die USA sind hier ein warnendes Beispiel – zieht langfristig Folgekosten nach sich, die ins Gigantische wachsen.

Jeder Euro, der heute vernünftig in Bildung und Betreuung junger Menschen investiert wird, rechnet sich langfristig vielfach. Aber langfristige Überlegungen sind für eine Fast-Food-Politik, die um 80 Millionen Euro achtzigtausend ganztägige Schulplätze verspricht – 83 Euro pro Monat werden für ein Kellerabteil samt Betreuungspersonal schon genügen – schwer verdaulich.

(1) Kleinhubbert, Guido, Essen im Keller. In: Der Spiegel, Nr. 44, vom 30. Oktober 2010, S. 34-35.

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Zwei feindliche Schwestern?

Menschen sind nicht gleich. Sie unterscheiden sich z.T. ganz erheblich voneinander – Gott sei Dank, möchte ich hinzufügen. Diese Unterschiede zu leugnen, wäre nur dumm, sie beseitigen zu wollen, hingegen despotisch.

Freiheit und Gleichheit waren immer schon zwei Schwestern, die manchmal im Widerstreit liegen. Freiheit könnte man nämlich auch als das Recht auf Verschiedenheit definieren. Und doch setzt Freiheit eine gewisse Art von Gleichheit voraus wie etwa Gleichheit an Rechten und Würde.

Ich trete für Chancegerechtigkeit ein. Der Glaube daran, alle zum gleichen Ergebnis führen zu können, entspringt hingegen einem Machbarkeitswahn. Es ist im besten Fall naiv zu glauben, ungleiche Menschen könnten am Ende gleich sein. Gesamtschulideologen vertreten meist genau diese Position. Das ist legitim und zu akzeptieren. Gescheiter wird es deshalb aber nicht.

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