Herbert Weiß: „Selektion“

Als AHS-Gewerkschafter werde ich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, wir AHS-LehrerInnen wären nur an einer „Selektion“ der SchülerInnen interessiert und nicht an der Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche.

Unsere seit Jahren geforderten Unterstützungsmaßnahmen für die bestmögliche Schulwahl von Kindern werden aktuell durch einen Beitrag der emeritierten Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg Margrit Stamm in der Neuen Zürcher Zeitung beherzt unterstützt.

Stamms folgende Aussagen scheinen auf den ersten Blick den oben erwähnten Vorwurf gegen uns AHS-LehrerInnen bzw. die Gymnasien zu belegen: „Noch immer schaffen es Arbeiterkinder zu selten ans Gymnasium. Dabei ist Chancengerechtigkeit für unsere Gesellschaft unabdingbar. […] Dadurch gehen unserer Gesellschaft jedes Jahr eine grosse Zahl an intellektuell begabten jungen Menschen verloren. Es ist unabdingbar, das zu verändern. […] Noch immer entscheidet nicht der Grips, wer es ins Gymnasium schafft, sondern vor allem die Herkunft.“ (1)

Im Folgenden setzt sie sich mit den Gründen für diese Missstände auseinander. Den Lösungsansatz eines Aufnahmeverfahrens sieht sie positiv, zumal dadurch die Chancengerechtigkeit nachweisbar erhöht würde. Sie sieht aber auch die Grenzen eines solchen Verfahrens und plädiert für den Einsatz von MentorInnen. „Die Forschung belegt mit einiger Eindeutigkeit, dass intellektuell begabte und akademisch interessierte Arbeiterkinder ganz besonders auf die Unterstützung solcher Mentorinnen und Mentoren angewiesen sind.

Stamms folgenden Appellen kann ich nur mehr hinzuzufügen, dass die PolitikerInnen bzw. ihre BeraterInnen endlich ihre ideologischen Scheuklappen ablegen und an einer tatsächlichen Verbesserung unseres Schulsystems arbeiten sollten, ohne dessen Vorzüge über Bord zu werfen:

Das Gymnasium muss eine Bildungsstätte für intellektuell begabte junge Menschen jeglicher Herkunft werden. Deshalb muss unsere Gesellschaft das Ziel der Chancengerechtigkeit verfolgen, definiert als die Ermöglichung und Unterstützung fairer Chancen bei der Überwindung von Nachteilen und die Ausrichtung auf die Entdeckung von Potentialen.

Wer sich an einem solchen Verständnis von Chancengerechtigkeit orientiert, bekennt sich dazu, dass soziale Selektivität kein unabänderliches Schicksal ist. Den Ausschlag bei der Bildungs- und Berufswahl müssen Neigungen und Fähigkeiten geben, nicht soziale Herkunft oder familiäre Förderressourcen.

(1) Margrit Stamm, Schickt endlich die Richtigen ans Gymnasium! In: NZZ online vom 3. Mai 2021. Die weiteren Zitate stammen auch aus diesem Artikel.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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