Gerhard Riegler: Fast-Food-Politik im Keller

„Essen im Keller“, so titelte der SPIEGEL kürzlich wohl bewusst doppeldeutig, was Qualität und Lokalität von Schulkantinen betrifft. (1)

Auch im Bereich ganztägiger Schulformen zeigt sich, wie sehr politische Versprechungen und schulische Wirklichkeit auseinanderklaffen. Niemand kann und darf die Augen davor verschließen, dass immer mehr Heranwachsende am Nachmittag sich selbst überlassen sind. Der Staat hat im Interesse der Betroffenen und ihrer Eltern, aber auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse die Pflicht, entsprechende Angebote zur Verfügung zu stellen. Betreuungsbedürftige Kinder dürfen nicht der Straße und ihrem Schicksal überlassen werden.

Dem Schicksal überlassen hat die Bildungs- und Sozialpolitik in diesem Punkt allerdings seit Jahren auch uns LehrerInnen: Man hat diese gesellschaftspolitische Aufgabe ganz einfach räumlich wie personell dafür absolut unzureichend ausgestatteten Schulen umgehängt und ihnen schulautonom viel Glück bei der Organisation der nachmittäglichen Betreuung gewünscht. So billig macht es sich eine Politik, deren Agieren alles andere als zu billigen ist und uns teuer zu stehen kommt!

Ich kann der Argumentation des SPIEGEL-Autors durchaus folgen, dass Ganztagsschulen „als eines der wenigen Mittel, mehr Chancengerechtigkeit für Unterschichtenkinder zu schaffen und gleichzeitig Eltern mehr Betreuungssicherheit zu bieten“ gelten. Doch wer sozialpolitisch A sagt, muss bildungspolitisch auch B sagen, und das mit allen finanziellen Konsequenzen. Wenn wir im Sinn der SPIEGEL-Überschrift keine Generation von „Kellerkindern“ heranziehen wollen, müssen entsprechende Rahmenbedingungen raschest und adäquat hergestellt werden. Dabei darf neben der Betreuung durch entsprechendes Fachpersonal aus der Freizeitpädagogik natürlich auch das Essen nicht unter den Tisch fallen. Denn auch ungesunde Ernährung – die USA sind hier ein warnendes Beispiel – zieht langfristig Folgekosten nach sich, die ins Gigantische wachsen.

Jeder Euro, der heute vernünftig in Bildung und Betreuung junger Menschen investiert wird, rechnet sich langfristig vielfach. Aber langfristige Überlegungen sind für eine Fast-Food-Politik, die um 80 Millionen Euro achtzigtausend ganztägige Schulplätze verspricht – 83 Euro pro Monat werden für ein Kellerabteil samt Betreuungspersonal schon genügen – schwer verdaulich.

(1) Kleinhubbert, Guido, Essen im Keller. In: Der Spiegel, Nr. 44, vom 30. Oktober 2010, S. 34-35.

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