Gerhard Riegler: Warten auf Taten

Wir stehen vor einer spektakulären Richtungsänderung österreichischer Schulpolitik, wenn die „faktenbasierte Schulpolitik“, die die neue Unterrichtsministerin angekündigt hat, nicht nur eine politische Floskel war, was ich nicht unterstellen will.

People Hold Red German Fakten Means Fact Blue Sky

Belegte und damit überprüfbare Daten stelle ich der neuen Unterrichtsministerin sehr gerne zur Verfügung. Denn eine seriöse Auseinandersetzung mit Fakten ist nach der desaströsen Politik der letzten Jahre dringend angesagt. Österreichs Schulwesen darf nicht dort enden, wo z. B. Englands Gesamtschulwesen gelandet ist: bei einer Zweiklassengesellschaft, die sich in Österreich hoffentlich niemand wünscht, der für unser Schulwesen Verantwortung trägt.

Für nur 4 % eines Jahrgangs reicht in England der Platz in den „grammar schools“, den wenigen verbliebenen Gymnasien, die nicht Opfer der vor Jahrzehnten verfolgten Gesamtschulpolitik geworden sind. Für fast doppelt so viele Kinder (7 %) geben Eltern Unsummen aus, um ihnen einen Platz in „independent schools“ zu verschaffen und sie so vor staatlichen Gesamtschulen zu bewahren. Eine Investition, die sich die große Mehrheit der Bevölkerung natürlich nicht leisten kann, die sich aber lohnt.

An dieser Stelle nur ein einziges Beispiel dafür, wie sehr die berufliche Laufbahn in England davon abhängt, ob man für sein Kind einen der raren „grammar school“-Plätze ergattert oder für einen an einer der sündteuren „independent schools“ mehr Geld zu zahlen bereit und imstande ist, als andere verdienen: „In medicine, 61 per cent of doctors were privately educated while 22 per cent went to selective state grammar schools and just 16 per cent to comprehensives.“ (1)

Neun von zehn jungen Menschen besuchen Gesamtschulen, aber fünf von sechs ÄrztInnen Englands blieb die staatliche Gesamtschule erspart!

Der Weg an Englands Elite-Universitäten wie Oxbridge führt selbstverständlich über „grammar schools“ und „independent schools“. Und somit schließt sich der Kreis. Damit sind wir nämlich auch bei denen, die der Bevölkerung Einheitsschulen als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit verkauft haben und es teilweise noch immer tun, Englands PolitikerInnen: „59 % of the Cabinet and 33 % of the Shadow Cabinet attended Oxbridge compared to less than 1 % of the UK population as a whole …“ (2)

Allen, die noch immer glauben, ein staatliches Gesamtschulwesen würde einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten, empfehle ich die Lektüre des im Jahr 2014 erschienenen Reports, dessen Titel „Elitist Britain?“ den Inhalt auf den Punkt bringt und aus dem dieses Zitat stammt. Allen, die darüber ohnehin Bescheid wissen, aber trotzdem nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, sich von ihren alten Dogmen zu befreien, machen sich schuldig, wenn Österreichs Zukunft Englands Gegenwart gleicht.

Hoffentlich gehört eine Politik, die Fakten vertuscht und auf den Kopf stellt, tatsächlich der Vergangenheit an, hoffentlich emanzipiert sich Österreichs Schulpolitik rasch von „BildungsexpertInnen“, deren Aussagen keiner Überprüfung standhalten.

Der Ankündigung der neuen Unterrichtsministerin mögen entsprechende Taten folgen!

(1) Richard Garner, Privately educated people dominate top British jobs, damning report finds. In: Independent online vom 24. Februar 2016.

(2) Social Mobiliy and Child Poverty Commission (Hrsg.), Elitist Britain? (2014), S. 26.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

3 Antworten zu “Gerhard Riegler: Warten auf Taten

  1. Markus Artner

    Lieber Gerhard
    Ich danke dir für diesen ausgezeichneten Kommentar!
    Wie auch für alle deiner vorhergehenden Analysen von Bildungsberichten die diese eindeutigen Fakten transportieren und (gerade deshalb) trotzdem ignoriert werden.

    Es ist von immanenter Wichtigkeit, diese Informationen möglichst oft und weit gefächert medial zu verbreiten, gerade weil ich weiß, wie indoktriniert in inhaltsloser Phrasendrescherei innerhalb der Partei die von den letzten Ministerinnen verfolgte Bildungspolitik war (wer nichts weiß, muss alles glauben), hoffe ich inständig dass sich hier was ändert.

  2. Lieber Markus, herzlichen Dank für deine motivierenden Zeilen!

  3. Erich Wallner

    „Denn eine seriöse Auseinandersetzung mit Fakten ist nach der desaströsen Politik der letzten Jahre dringend angesagt.“ (Gerhard Riegler)

    Ja, und wer hindert, bitteschön, Gerhard Riegler et al. daran, sich mit Fakten auseinanderzusetzen?
    Seit Anfang Mai sind Fakten auf der Homepage der Bildungsministeriums nachzulesen:
    Zentralmatura 2015 (nach Kompensationsprüfungen): In Mathematik kamen auf ein Nicht genügend elf Sehr gut, in Englisch kamen auf ein Nicht genügend 48 Sehr gut, und in Deutsch kamen auf ein Nicht genügend 199 (!) Sehr gut.

    Fakten sind also z.B.: 1. Das Verhältnis in Deutsch ist komplett jenseitig. Da es aber aus einem Sample von 20.000 Schülern entstanden (und daher nicht zufällig) ist, kann etwas mit der Aufgabenstellung und/oder den Bewertungsgrundlagen nicht stimmen.
    Wir werden ja (bald) sehen, wie es heuer aussieht: Entweder es ist ähnlich, dann ist bewiesen, dass der Fehler systemimmanent ist. Oder ist sieht heuer realistischer aus, dann bedarf es einer Erklärung, wie zwei Jahrgänge hintereinander (AHS 2015 und AHS 2016) so weit auseinander liegen können.
    2. Ein Unterschied fast um das Zwanzigfache wie in Deutsch – Mathematik ist nicht argumentierbar – noch dazu, wo das die beiden Pflichtfächer sind, die niemand abwählen kann. Offenbar hat sich nie jemand mit der Frage beschäftigt, was überhaupt eine realistische Durchfallsquote ist (sonst könnten diese nicht so stark differieren). Bei der Wahl des Schwierigkeitsgrades der Aufgaben kann man aber diesen Aspekt nicht einfach ausblenden.

    Mich hat immer schon fasziniert, dass es in Österreich nie Beschwerden darüber gegeben hat, dass die Durchfallsquote bei der Führerscheinprüfung ein Vielfaches derer bei der Matura ist. Beim Führerschein gibt es offenbar einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass es nicht gut ist, wenn fast jeder Prüfling gleich beim ersten Mal den Schein in die Hand gedrückt bekommt: Es könnte ja der Fahrer sein, der mir morgen auf der Straße in einer unübersichtlichen Kurve entgegenkommt.
    Bei der Matura gibt es solche Bedenken nicht – was tief blicken lässt hinsichtlich des Werts, den die Gesellschaft diesem Papier in Wirklichkeit zumisst. Dazu passt auch der Umstand, dass nicht einmal das Wissenschaftsministerium die Zentralmatura anerkennt – sonst gäbe es bei uns keine Aufnahmeprüfungen für die Uni, sondern ein Numerus-clausus-System wie in Deutschland.

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