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Herbert Weiß: Potemkinsche Dörfer

Österreichs BildungspolitikerInnen haben ebenso wie Österreichs selbst- oder von der Politik ernannte „BildungsexpertInnen“ gegenüber den viel gescholtenen LehrergewerkschafterInnen einen großen Vorteil: Sie werden bei der Entwicklung ihrer Utopien nicht durch Kenntnisse über die wirkliche Situation in den österreichischen Schulen belastet und gebremst.

Während die LehrergewerkschafterInnen lange Jahre selbst LehrerInnen waren und meist auch noch sind, kennen Politik und „BildungsexpertInnen“ die Schulen – abgesehen von ihrer Schulzeit – meist nur von außen oder von lange vorangekündigten und wohl vorbereiteten Besuchen, die ihnen oft Potemkinsche Dörfer zeigen. Manche der Damen und Herren halten dies vielleicht tatsächlich für die schulische Realität.

Wenn diese Personen nun glauben, dass man im österreichischen Schulwesen alles umkrempeln müsse, und so viel Unsinn verzapfen, dass wir kaum mehr mit den Richtigstellungen nachkommen, könnte man ob ihrer Ahnungslosigkeit fast schon Mitleid empfinden. Ich erwarte mir aber von Leuten, die sich als BildungspolitikerInnen bezeichnen oder mit ihren „Expertisen“ über die Schule viel Geld verdienen, mehr Bezug zur Realität.

Dass aber jemand, der selbst lange Zeit Schuldirektor war, wie dies beim Bildungssprecher der Grünen der Fall ist, auch nur darüber nachdenken kann, einer Reform wie dem „Autonomiepaket“ zuzustimmen, die den Weg für größere Klassen und Gruppen an Österreichs Schulen ebnet, ist mir unbegreiflich. Kann es vielleicht daran liegen, dass er in seiner ideologischen Verbohrtheit, endlich die Gesamtschule in Österreich etablieren zu wollen, alle Nachteile billigend in Kauf nimmt? Oder will er gar die Staatsfinanzen auf Kosten der Bildungsqualität in Österreich sanieren? Dafür spräche folgende Forderung, die Mag. Dr. Harald Walser als Bildungssprecher der Grünen schon vor über drei Jahren gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Faymann aufgestellt hat: „Machen Sie eine gemeinsame Schule, da hätten Sie ein Einsparungspotenzial.“ (1)

Wie treffend formulierte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Was das Bildungsverständnis betrifft, sind auch viele unserer Bildungsexperten und Bildungspolitiker Bildungsferne.“ (2)

(1) Faymann verteidigt Heinisch-Hosek. In: Niederösterreichische Nachrichten online vom 24. April 2014.

(2) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild: Potemkin Village Facade Auckland, Wikimedia Commons.

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Vom Entmachtungs- zum Ermöglichungspaket?

Wir erleben nun fünf Monate Wahlkampf, eine ziemlich lange Zeit der „fokussierten Unintelligenz“ (© Dr. Michael Häupl). Ich wage daher keinerlei Prognose über die Zukunft des „Autonomiepakets“, denn auch ohne Wahlkampf wäre das Schicksals dieses Gesetzespakets schwer abzuschätzen, benötigt man doch wegen der darin enthaltenen Verfassungsbestimmungen eine 2/3-Mehrheit im Parlament, die nur mit Zugeständnissen an die Grünen oder die FPÖ erreichbar ist.

Entgegen anderslautender Ankündigungen haben auch nach Ende der Begutachtungsfrist Verhandlungen mit der Gewerkschaft stattgefunden, nicht bloß „Gespräche“ (1) oder eine „Information“ (2), wie BM Mag. Dr. Hammerschmid zunächst angekündigt hatte. Am Donnerstag, dem 18. Mai, drehten wir die bisher letzte Verhandlungsrunde mit der Dienstgeberseite.

In den Verhandlungen wurden alle von den verschiedenen Gewerkschaften vorgebrachten Kritikpunkte besprochen, eingehend über große Knackpunkte (wie etwa Freiwilligkeit der Clusterbildung, Klassen- und Gruppengrößen, Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik) einschließlich möglicher Lösungen diskutiert und manche Änderung vereinbart. Auch von Dienstgeberseite wurden Wünsche vorgebracht und eingehend erörtert.

Nun werden die Gesetzestexte vom Unterrichtsministerium überarbeitet und in Folge der Gewerkschaft übermittelt. Wir werden die Texte dann zu beurteilen haben. Fest steht jedenfalls schon jetzt: Beim „Autonomiepaket“ handelt es sich in erster Linie um ein Strukturpaket (Stichwörter „Bildungsdirektion“, „Schulcluster“ …), das kaum etwas zur Lösung der konkreten Herausforderungen an den Schulen beitragen wird, aber das ist bei der von der Regierung selbst verordneten „Kostenneutralität“ der Reform in vielen Bereichen auch nicht möglich.

Entscheidend für Zustimmung oder Ablehnung wird sein, ob dem am Beginn der Verhandlungen vorliegenden „Autonomiepaket“ die Giftzähne gezogen werden konnten. Entgegen der medialen Aussagen von PolitikerInnen handelte es sich nämlich ursprünglich nicht um ein Ermöglichungs-, sondern um ein Entmachtungspaket der Schulen. Die „Autonomie“ wäre bloß eine der Behörde gewesen.

Bei aller Kritik möchte ich festhalten, dass es manchmal zwar sehr harte und emotionale, aber konstruktive Verhandlungen waren. Sollte am Ende des Tages keine Einigung möglich sein, liegt es jedenfalls an politischen Vorgaben und nicht an den MitarbeiterInnen des Unterrichtsministeriums und anderer Behörden und Institutionen, mit denen wir die Verhandlungen geführt haben. Diesen Personen, die die immense operative Arbeit im Hintergrund der PolitikerInnen leisten, sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich für ihr Engagement gedankt.

(1) Siehe Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(2) Siehe Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

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Herbert Weiß: Wortbrüchig?

Nach der Beendigung der Begutachtungsphase haben die Geschehnisse rund um das „Autonomiepaket“ der Bundesregierung geradezu skurrile Formen angenommen. Offensichtlich kann oder will sich auf Regierungsseite niemand mehr daran erinnern, was im Vorfeld oder während der Begutachtungsphase versprochen wurde.

In dem am 16. März 2017 in der ARGE LehrerInnen gefassten Beschluss heißt es unter anderem, dass nach der Begutachtungsphase „Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung“ zu führen seien. Solche „Schlussverhandlungen“ wurden seitens des Ministeriums zugesagt. Nach Beendigung der Begutachtungsphase klingt das jetzt allerdings anders.

Zuerst wurde davon gesprochen, dass man mit der Gewerkschaft noch einen Termin habe. (1) Später betonte man schon, dass es sich „nur um ein Gespräch und nicht um Verhandlungen handle“. (2) Am Abend des 2. Mai hieß es schließlich, dass man die Lehrergewerkschaft am 8. Mai noch „informieren, aber nicht mehr mit ihr diskutieren“ wolle. (3)

Ebenso ist wenig von den Versprechungen der Bildungsministerin übrig geblieben, die wochenlang landauf und landab von einem „Ermöglichungspaket“ gesprochen hat, das keine Schule zwingen würde, mit einer anderen gegen ihren Willen verclustert zu werden. Auch dem Versprechen, dass es sich beim „Autonomiepaket“ nicht um ein Sparpaket handle, könnte ich erst glauben, wenn den Schulen nicht nur die Ressourcen zur Einhaltung der bisher gesetzlich festgeschriebenen – und vom Ministerium trotzdem ignorierten – Klassenschülerhöchstzahlen, sondern auch die für die bisher in der Eröffnungs- und Teilungszahlenverordnung definierten Gruppenteilungen garantiert würden. Davon ist derzeit leider keine Rede.

Vielmehr streut man hinter vorgehaltener Hand völlig unzutreffende Behauptungen, in der Hoffnung, dass Medien auf den Schwindel hereinfallen und die Märchen vom Minoritenplatz als Tatsachen verbreiten. Zum Teil scheint das sogar gelungen zu sein, wie die folgende Meldung zeigt: „Es gebe derzeit ohnehin keine Klassen mit 25 Schülern, also werde es nachher auch keine mit 30 geben.“ (4)

Wenn man weiß, dass allein in der AHS-Unterstufe im Schuljahr 2015/16 fast 40 % der SchülerInnen in Klassen mit mehr als 25 SchülerInnen unterrichtet wurden, sehe ich diese Äußerung als gefährliche Drohung. (5)

Natürlich rücken jetzt auch wieder Leute aus, die in den Medien sogar als „ausgewiesene Experten des Bildungssystems“ bezeichnet werden, um die Gewerkschaft wie üblich als Blockierer hinzustellen und zu fordern, dass die Regierung das angeblich so wichtige und tolle Projekt durchziehen solle, ohne auf die Betroffenen zu hören. (6)

Die Betroffenen sehen sich inzwischen zurecht oftmals als „in einem Hamsterrad“. Eine schlecht vorbereitete oder auch unsinnige Reform jagt die andere, während man den Schulen vorwirft, sich nicht zu bewegen und sich gegen alle Reformen zu stemmen.

Ich fordere die Bildungsministerin auf, zu ihrem Wort zu stehen anstatt den letzten Rest an Vertrauen, den Österreichs Schulpolitik bei der Lehrerschaft genießt, zu verspielen.

(1) Debora Knob, Ich ziehe Schul-Reform jetzt durch. In: Österreich online vom 1. Mai. 2017.

(2) Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(3) Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

(4) Doris Vettermann, Schulreformpaket nicht mehr aufschnüren! In: Krone online vom 2. Mai 2017.

(5) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik vom 1. Februar 2017.

(6) Bernhard Gaul, Warum die Schule nicht reif fürs Leben macht. In: Kurier online vom 4. Mai 2017.

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Herbert Weiß: Von Trommlern und Ruderern

Am 18. Oktober hat die Regierung das lange angekündigte „Autonomiepaket“ vorgestellt. Bei fast allen Gesprächen mit MedienvertreterInnen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, bin ich auf die Aussage meines Vorgängers Eckehard Quin angesprochen worden, in der er den Erstentwurf für die „Modellregionen“ mit den Worten „Schuldiktatur à la Nordkorea“ kommentiert hat. Machen Sie sich selbst ein Bild, ob das am Dienstag vorgelegte Paket eher in eine Diktatur oder eine Demokratie passt.

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Wohl nicht nur mir bleibt jedenfalls verborgen, was der aktuelle Entwurf mit einer Stärkung der Schulpartnerschaft auf allen Ebenen zu tun haben soll. Keine Spur von der groß versprochenen Einbindung der Betroffenen. (1)

Ich kenne keine gewählten Eltern-, Lehrer- oder SchülervertreterInnen, von denen ich weiß, dass sie in den Entstehungsprozess des von vielen Medien bejubelten Reformpapiers eingebunden gewesen wären. Mag sein, dass es einen handverlesenen Personenkreis gibt, den man eingebunden hat, weil man von ihm erwarten konnte, diesem nicht einmal geschickt getarnten Spar- und Entmachtungspaket zu applaudieren.

Manche Medien ließen selbsternannte ExpertInnen ausführlich zu Wort kommen. Den Mangel an gelebter Demokratie kann dies aber nicht kompensieren.

Statt die Schulpartnerschaft auch auf Landes- und Bundeseben endlich gesetzlich zu verankern, will der angesprochene Entwurf den schulpartnerschaftlichen Gremien ihre Entscheidungskompetenz rauben. Sämtliche Eröffnungs- und Teilungszahlen können bisher vom SGA geändert werden. In Zukunft sollen darüber die Schul(cluster)leitungen allein entscheiden. Bundesschulsprecher Harald Zierfuß brachte es auf den Punkt: „Aus dem bewährten SGA mit Entscheidungskompetenz würde ein Debattierklub werden, der in der Bedeutungslosigkeit versinkt.“ (2)

Im „Reformpapier“ wird wiederholt davon gesprochen, dass „die Schulen“ gestärkt werden sollen. Angesichts dessen, dass Entscheidungen, die bisher von der Direktion oder dem SGA der Schule zu treffen waren, in Zukunft von Direktion oder der der Direktion übergeordneten Clusterleitung zu treffen sind, empfinde ich das als Verhöhnung. In Wirklichkeit will das „Reformpapier“ den Schulpartnern vor Ort jede Entscheidungskompetenz nehmen und den DirektorInnen den Clusterleiter vorsetzen.

Geht es um Einsparungen? Wohl kaum ein demokratisches Gremium der SchulpartnerInnen würde etwa einer massiven Erhöhung von Klassenschülerzahlen an seinem Schulstandort zustimmen.

Von Stärkung „der Schulen“ oder der Demokratie kann man jedenfalls, wenn man bei der Wahrheit bleibt, nicht sprechen. Offensichtlich wollen wieder einmal die, die oben trommeln, jenen, die unten rudern, diktieren, was für sie gut ist.

(1) Siehe Ministerratsvortrag vom 18. Oktober 2016, S. 11.

(2) Bundesschulpartner warnen vor Aus der Mitbestimmung. OTS-Aussendung des B-SGA vom 19. Oktober 2016.

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Gerhard Riegler: Nicht schon wieder!

Für 18. Oktober hat sich die Regierung erneut eine Deadline gesetzt.“ (1)

Not Again.Die nächste Welle der sogenannten Bildungsreform rollt auf uns zu. Ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der von Schule Betroffenen diesem Ereignis mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen entgegenschaut.

Zu oft haben wir im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte „Bildungsreformen“ erlebt, die in Wirklichkeit Sparprogramme für das Schulwesen bedeuteten und dem Schulwesen geänderte Rahmenbedingungen bescherten, die es LehrerInnen immer schwerer machten, Schule erfolgreich zu gestalten.

Wer mir jetzt Mangel an Optimismus vorwirft, wird wohl durch die Kulissen eines Besseren belehrt, die in den letzten Tagen auf die Bühne der Schulpolitik geschoben wurden, um einen passenden Hintergrund für einen als Reform getarnten Anschlag zu bieten. Schon wieder wird im Orchestergraben das sattsam bekannte Lied vom zu teuren Schulwesen, den zu kleinen Klassen und den zu hohen Lehrergehältern angestimmt.

Wir haben den Nationalratsabgeordneten, Regierungsmitgliedern und Medien schon zu oft belegte und damit überprüfbare Fakten auf den Tisch gelegt, als dass ich noch glauben könnte, dass diejenigen, die schon wieder die Stimmung gegen Österreichs Schulwesen anheizen, an ihre „Argumente“ glauben.

Es muss der österreichischen Schulpolitik bekannt sein, dass, wie auch die aktuelle Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ belegt,

  • Österreich Schulwesen 2 Milliarden Euro pro Jahr weniger zur Verfügung stehen, als es gemessen am Bruttoinlandsprodukt dem OECD-Mittel entspräche, (2)
  • der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der unserem Schulwesen gewidmet wird, zwischen 1997 und 2013 um mehr als ein Viertel (von 4,3 auf 3,2 %) reduziert wurde, was zu dem unerträglichen Ressourcenmangel an Österreichs Schulen geführt hat, unter dem wir leiden, (3)
  • die Klassen in Finnlands Schulen, aber auch in denen Südtirols, das von der Schulpolitik immer wieder als Vorbild zitiert wird, deutlich kleiner sind als die Österreichs (4) und
  • das Gehalt der LehrerInnen nach 15 Unterrichtsjahren in Österreich viel weiter unter dem durchschnittlichen Gehalt von AkademikerInnen liegt, als dies in den allermeisten OECD-Staaten der Fall ist. (5)

Wer unser Schulwesen als im internationalen Vergleich teuer diffamiert und Österreichs LehrerInnen als überbezahlt bezeichnet, ist ahnungslos oder verlogen.

Österreichs neue Unterrichtsministerin steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe. Wenn sie mit der desaströsen Politik ihrer Vorgängerinnen brechen und der unverantwortlichen Stimmungsmache mit einer faktenbasierten Politik für das Schulwesen begegnen will, hat sie uns an ihrer Seite. Andernfalls steuern wir auf den nächsten Konflikt großen Ausmaßes zu. Nicht schon wieder!

(1) Lisa Kogelnik, Wien gibt bei Modellregion zu Gesamtschule nach. In: Standard online vom 4. Oktober 2016.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance (2000), Table B1.1d.; OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table B2.2.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure D2.1., und Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014 -2015 (2015), S. 39.

(5) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table D3.2b.

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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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Gerhard Riegler: Déjà-vu

Am Montag hat die Statistik Austria die aktuelle Ausgabe ihres alljährlichen Monumentalwerks „Bildung in Zahlen“ präsentiert. Über 600 Seiten liefern Unmengen von Daten zu Österreichs Bildungswesen. Und einmal mehr reagierten PolitikerInnen mit Propaganda, statt sich auf die Fakten einzulassen, sie zu analysieren und aus ihnen seriöse Konsequenzen zu ziehen.

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Aus dem Mund der Unterrichtsministerin lautete dies zum Beispiel so: „Gerade in Österreich, wo Bildung nach wie vor stark vom Elternhaus vererbt wird, ist dieser Beleg für den Erfolg der Neuen Mittelschule eine weitere wichtige Bestätigung.“ (1)

Unter Erfolg versteht BM Heinisch-Hosek, dass mehr NMS-SchülerInnen nach der Sekundarstufe I in eine AHS oder BHS übertreten, während sich AbsolventInnen der Hauptschule eher für die duale Bildung entschieden hatten. Dass weniger NMS- als HauptschulabsolventInnen nach dem ersten Jahr in einer höheren Schule in die nächste Klasse aufsteigen, ist der Unterrichtsministerin egal? Dabei hätte sie für diese Information nicht einmal die Studie lesen müssen. Ein Blick in die Medien genügt: „Absolventen einer Neuen Mittelschule (NMS) schaffen zwar öfter den Aufstieg in eine AHS-Oberstufe oder an eine berufsbildende mittlere und höhere Schule (BMHS) als Hauptschulabsolventen. Sie tun sich dann aber anteilsmäßig schwerer mit dem Aufstieg in die nächste Klasse dieser Schule.“ (2)

Auch dass AbsolventInnen einer Lehre aufgrund der großen Nachfrage nach ihnen weniger von Armut bedroht sind als MaturantInnen und diesbezüglich schon fast mit den AkademikerInnen gleichgezogen haben, hätte die Unterrichtsministerin in der Studie nachlesen können. Auch dass nichts für die Zukunft eines jungen Menschen gefährlicher ist, als die Schullaufbahn ohne Abschluss der Sekundarstufe II zu beenden. (3)

Die Statistik Austria hat der Politik am Montag viel Stoff zum Nach- und Umdenken auf den Tisch gelegt. Werden sich Österreichs PolitikerInnen die Zeit fürs Lesen und Reflektieren nehmen? Wollen sie überhaupt wissen, dass noch immer 35 % der SchülerInnen der AHS-Unterstufe in Klassen unterrichtet werden, die die gesetzliche Schülerhöchstzahl von 25 sprengen? (4) Wollen sie überhaupt wissen, dass mehr als drei Viertel der SchülerInnen, deren Eltern keinen Abschluss der Sekundarstufe II erworben haben, diesen Bildungsabschluss schaffen und sich damit die Tür zum sozialen Aufstieg öffnen? (5) Wollen sie überhaupt faktenbasiertes Wissen, das ihr vermeintliches „Wissen“ als Irren entlarvt?

Manche Daten und Informationen der aktuellen Studie stimmen sehr nachdenklich, z. B. dass immer mehr junge Menschen nach Abschluss ihres Studiums unser Land verlassen: „Vergleicht man die Wegzüge österreichischer Staatsangehöriger in das Ausland nach dem Bildungsstand, so zeigen sich besonders hohe Abwanderungsraten bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen – insbesondere bei Personen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung. […] Die stärkste Abwanderung fand in den Altersklassen zwischen 25 und 35 Jahren statt.“ (6)

Antworten junge AkademikerInnen mit ihrem Exodus auf eine Politik, die sie als Gefahr für Österreichs Wohlstand von morgen wahrnehmen? Wie lange noch müssen wir uns eine propagandistische Politshow auf Kosten der Zukunft ansehen?

(1) Mehr Mittelschüler gehen ins Gymnasium als früher. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 18. April 2016.

(2) Mittelschüler vom Land haben größere Chancen als Stadtkinder. In: Salzburger Nachrichten online vom 19. April 2016.

(3) Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014-15, Schlüsselindikatoren und Analysen (2016), S. 99.

(4) ibidem, S. 80.

(5) ibidem, S. 95.

(6) ibidem, S. 102.

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