Gerhard Riegler: Nicht schon wieder!

Für 18. Oktober hat sich die Regierung erneut eine Deadline gesetzt.“ (1)

Not Again.Die nächste Welle der sogenannten Bildungsreform rollt auf uns zu. Ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der von Schule Betroffenen diesem Ereignis mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen entgegenschaut.

Zu oft haben wir im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte „Bildungsreformen“ erlebt, die in Wirklichkeit Sparprogramme für das Schulwesen bedeuteten und dem Schulwesen geänderte Rahmenbedingungen bescherten, die es LehrerInnen immer schwerer machten, Schule erfolgreich zu gestalten.

Wer mir jetzt Mangel an Optimismus vorwirft, wird wohl durch die Kulissen eines Besseren belehrt, die in den letzten Tagen auf die Bühne der Schulpolitik geschoben wurden, um einen passenden Hintergrund für einen als Reform getarnten Anschlag zu bieten. Schon wieder wird im Orchestergraben das sattsam bekannte Lied vom zu teuren Schulwesen, den zu kleinen Klassen und den zu hohen Lehrergehältern angestimmt.

Wir haben den Nationalratsabgeordneten, Regierungsmitgliedern und Medien schon zu oft belegte und damit überprüfbare Fakten auf den Tisch gelegt, als dass ich noch glauben könnte, dass diejenigen, die schon wieder die Stimmung gegen Österreichs Schulwesen anheizen, an ihre „Argumente“ glauben.

Es muss der österreichischen Schulpolitik bekannt sein, dass, wie auch die aktuelle Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ belegt,

  • Österreich Schulwesen 2 Milliarden Euro pro Jahr weniger zur Verfügung stehen, als es gemessen am Bruttoinlandsprodukt dem OECD-Mittel entspräche, (2)
  • der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der unserem Schulwesen gewidmet wird, zwischen 1997 und 2013 um mehr als ein Viertel (von 4,3 auf 3,2 %) reduziert wurde, was zu dem unerträglichen Ressourcenmangel an Österreichs Schulen geführt hat, unter dem wir leiden, (3)
  • die Klassen in Finnlands Schulen, aber auch in denen Südtirols, das von der Schulpolitik immer wieder als Vorbild zitiert wird, deutlich kleiner sind als die Österreichs (4) und
  • das Gehalt der LehrerInnen nach 15 Unterrichtsjahren in Österreich viel weiter unter dem durchschnittlichen Gehalt von AkademikerInnen liegt, als dies in den allermeisten OECD-Staaten der Fall ist. (5)

Wer unser Schulwesen als im internationalen Vergleich teuer diffamiert und Österreichs LehrerInnen als überbezahlt bezeichnet, ist ahnungslos oder verlogen.

Österreichs neue Unterrichtsministerin steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe. Wenn sie mit der desaströsen Politik ihrer Vorgängerinnen brechen und der unverantwortlichen Stimmungsmache mit einer faktenbasierten Politik für das Schulwesen begegnen will, hat sie uns an ihrer Seite. Andernfalls steuern wir auf den nächsten Konflikt großen Ausmaßes zu. Nicht schon wieder!

(1) Lisa Kogelnik, Wien gibt bei Modellregion zu Gesamtschule nach. In: Standard online vom 4. Oktober 2016.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance (2000), Table B1.1d.; OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table B2.2.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure D2.1., und Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014 -2015 (2015), S. 39.

(5) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table D3.2b.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Nicht schon wieder!

  1. „Wir haben den Nationalratsabgeordneten, Regierungsmitgliedern und Medien schon zu oft belegte und damit überprüfbare Fakten auf den Tisch gelegt, als dass ich noch glauben könnte, dass diejenigen, die schon wieder die Stimmung gegen Österreichs Schulwesen anheizen, an ihre „Argumente“ glauben.“ (G. Riegler)

    Kollege Riegler hat ja Recht, wenn er unseren Politikern vorhält, die Augen vor Fakten zu verschließen. Dieses Verhalten ist aber nicht nur Politikern eigen:
    Auf der Homepage des Bildungsministeriums kann man die Ergebnisse der heurigen Zentralmatura nachlesen: In der AHS gab es demnach in Deutsch 19,1% Sehr gut und 1,1% Nicht genügend (nach dem Weichspülgang der Kompensationsprüfungen). In Englisch stehen sagenhafte 26,2% Sehr gut zu Buche bei 2,1% Nicht genügend. Nur in Mathematik schaut es realistisch aus: 8,6% Sehr gut und 6,9% Nicht genügend.

    Die gesetzlichen Notendefinitionen für „Sehr gut“ und für „Nicht genügend“ sind für alle Unterrichtsgegenstände gleich. Es können sich daher bei einer zentralen Leistungsfeststellung unmöglich solche Differenzen auftun wie die zwischen Mathematik und Deutsch bzw. Englisch.

    Inwieweit 1/4 Sehr gut in Englisch und 1/5 Sehr gut in Deutsch ein seriöses Abbild eines Unterrichtsgegenstandes sind, mögen die MitleserInnen beurteilen. Wer das bejaht, muss jedenfalls selber seinerzeit in eine unseriöse Schule gegangen sein.

    Ein Vergleich der Zentralmatura-Noten 2016 und 2015 zeigt ebenfalls unerklärliche Differenzen, und zwar bei den Nicht genügend: Mathematik 2015: 1,1% Nicht genügend (heuer waren es sechsmal so viele!), Englisch 2015: 0,5% Nicht genügend (heuer waren es vielmal so viele!). Den Vogel schießt aber Deutsch ab: 2015 gab es 0,1 % Nicht genügend. Das ist nicht nur ein Elftel von heuer, sondern bedeutet auch, verglichen mit 19,9% Sehr gut, dass im Jahr 2015 in Deutsch auf ein Nicht genügend 199 (!!) Sehr gut entfielen. (Die Zahlen für 2015 publizierte das Ministerium am 6. Mai 2016, also mit einem Jahr Verspätung, die Zahlen für 2016 bereits im Juni.)

    So – und wo ist jetzt die Rezeption bzw. Diskussion dieser auf der Ministeriums-Homepage nachzulesenden Pleite der Zentralmatura seitens der Lehrerschaft? Ich habe nirgendwo auch nur einen Muckser vernommen. Dass Politiker Fakten negieren, ist wahr – aber ein Lehrer, der im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

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