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Die drei Arten von Lügen

Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer weist einmal mehr auf die Vorteile der verschränkten ganztägigen Schule hin. So gaben an verschränkten Ganztagsschulen signifikant weniger Eltern an, täglich mit ihren Kindern zu lernen bzw. für Nachhilfe zu bezahlen“, meinte BM Gabriele Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. (1) Zwei Tage später verstärkte sie diese Aussage noch. „Der wahre Schlüssel, um nachhaltig Kosten für Eltern zu senken, liege nicht in Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung, sondern in einer verschränkten ganztägigen Schule, wo für SchülerInnen Abwechslung zwischen Bewegung, Kreativität und Wiederholen des Lernstoffes möglich ist, wie die Ministerin meint.“ (2)

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Nun findet sich in der besagten AK-Studie tatsächlich folgender Satz: „Einen positiven Effekt auf eine Reduzierung der bezahlten Nachhilfe hat offenkundig die Ganztagsschule. Eltern, deren Kind in eine solche Schulform geht, haben zu geringeren Anteilen auf eine bezahlte Nachhilfe zurückgreifen müssen (17 %).“ (3) Insgesamt geben laut AK-Studie 21 % der Eltern an, dass sie im Lauf des Schuljahres für „Nachhilfe“ Geld ausgegeben haben. (4) (Dazu werden auch Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien gerechnet.) Die Unterrichtsministerin hat also scheinbar recht, aber eben nur scheinbar.

Die ganztägige Schule in ihrer verschränkten Form, also die klassische „Ganztagsschule“, gibt es insgesamt wegen mangelnder Nachfrage nur sehr selten, dann aber in erster Linie im Volksschulbereich. (5) Und nur 5 % der Eltern von Volkschulkindern geben an, bezahlte Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. (6) Man darf seriöserweise daher die 17 % nicht mit den 21 % vergleichen (siehe vorigen Absatz), sondern viel eher mit den 5 %. Die Ganztagsschule erhöht also den Nachhilfebedarf!

Das ist übrigens keine Neuigkeit, sondern ein hinlänglich bekanntes Faktum. „In Ländern mit Ganztagsschulen sind die außerschulischen Aufwendungen um ein Vielfaches höher“, stellte etwa Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann erst vor wenigen Monaten in einem Interview fest. (7)

Was manche PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und JournalistInnen aus Zahlen ableiten, lässt mich an ein wohl fälschlicherweise dem einstigen britischen Premierminister Benjamin Disraeli zugeschriebenes Zitat denken: „Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, infame Lügen und Statistik.“ (8)

(1) Heinisch-Hosek am Weltelterntag: Ganztägige Schulformen bringen mehr Chancen für Kinder und Eltern. OTS-Aussendung vom 1. Juni 2015.

(2) Vorläufige Ergebnisse der schriftlichen Zentralmatura liegen vor. Parlamentskorrespondenz Nr. 593 vom 3. Juni 2015.

(3) IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015), S. 24.

(4) AK-Studie, S. 26. Das steht in keinem Widerspruch zur Angabe in meinem Posting „Das halbvolle Glas“ vom 23. Mai 2015, dass nur 13 % der SchülerInnen bezahlte „Nachhilfe“ bekommen haben. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen den Eltern, die ja im Schnitt nicht nur ein Kind haben, und den SchülerInnen.

(5) Ich habe einander sehr stark widersprechende Zahlen gefunden, die aber insofern übereinstimmen, dass sie „Ganztagsschule“ v. a. im Volksschulbereich umgesetzt sehen. Lt. BMUKK (Bildungspolitische Sommergespräche, Teil 1. Die Ganztagsschule im Praxistest (Wien, 20. August 2013), S. 9) haben im Schuljahr 2012/2013 14.236 PflichtschülerInnen und 2.061 AHS-SchülerInnen Ganztagsschulen besucht. Lt. BIFIE (BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2 (Graz 2012), S. 286) besuchten 2011/2012 „hochgerechnet“ 11.800 VolksschülerInnen und 9.200 SchülerInnen der Sekundarstufe I Ganztagsschulen.

(6) AK-Studie, S. 26.

(7) Michael Prock, „Bitte keine Modellversuche“. In: Vorarlberger Nachrichten online vom 13. September 2014.

(8) „There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.“ Dieser Ausspruch wurde v. a. durch Mark Twain bekannt, der ihn Benjamin Disraeli zuschrieb. Allerdings ist er in Disraelis Schriften nicht zu finden und tauchte erstmals Jahre nach dessen Tod auf.

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Das halbvolle Glas

Irgendwie ist es schön, dass es in unserer schnelllebigen Zeit noch Konstanten gibt. Eine davon ist die „Nachhilfestudie“, die das IFES-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien jährlich erstellt. Die daraus abgeleiteten Forderungen inkl. Pressemeldungen liegen seit Jahren in den Schubladen und werden jeden Mai hervorgezogen.

on whiteDie Studie zeige „sehr deutlich, dass Wien mit dem Projekt der Gratis-Nachhilfe für 6 bis 14-Jährige genau auf dem richtigen Weg ist“, betont der Wiener SPÖ-Bildungsstadtrat. (1) Für den Leiter der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien sind die verschränkte Ganztagsschule sowie die Gratisnachhilfe in Wien „Lichtblicke“. (2) Der steirische AK-Präsident „fordert, gemäß SPÖ-Parteilinie, den Ausbau von Ganztagesschulen mit verschränktem Unterricht, sowie die Etablierung kostenloser Nachhilfe in den Schulen.“ (3) AK-Präsident Rudolf Kaske behauptet: „Die klassische Halbtagsschule nimmt zu wenig Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder wahr.“ (4)

Auch „Bildungsexperten“ (5) sondern – alle Jahre wieder – ihre Expertise ab. Andreas Salcher trete schon „seit Jahren“ für „echte Ganztagsschulen“ ein (Was sind eigentlich unechte?), aber auch die Lehrerausbildung müsse dringend verbessert werden. „In Mathematik gibt es ein massives pädagogisches Problem. Viele Lehrer sind zwar fachlich gut ausgebildet, haben aber nicht gelernt, wie sie ihr Wissen rüberbringen.“ (6) Salchers legendäre Blamage bei „Wir sind Kaiser“ (7) legt nahe, dass er aus eigener Erfahrung spricht.

Aber werfen wir doch einen Blick in die Studie selbst! (8) Davor noch eine wichtige Anmerkung: In die Kosten für „Nachhilfe“ sind – und das ist eine üble Täuschung der Öffentlichkeit – auch alle Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien eingerechnet, ohne dass deren Höhe extra ausgewiesen wird. Bei den Preisen für derartige Ferienangebote wird es sich wohl um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln. Jedenfalls entfällt mehr als ein Viertel der 119 Millionen an „Nachhilfekosten“ auf die Sommerferien.

13 % der österreichischen Schüler nehmen bezahlte „Nachhilfe“ in Anspruch und geben dafür im Mittel 1,8 Euro pro Tag aus.

Nicht einmal bei jedem dritten Schüler (32 %), der „Nachhilfe“ bekommt, geht es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern.

Nur 4 % der Volksschüler erhalten „Nachhilfe“, um die Aufnahme in die AHS zu erreichen, was anderslautende Behauptungen von „Experten“ als Propaganda entlarvt.

Das jahrzehntelange migrations- und integrationspolitische Versagen schlägt brutal durch: „Auf externe Nachhilfe in Deutsch mussten in überdurchschnittlichem Ausmaß Eltern mit nicht-deutscher Muttersprache zurückgreifen (42 %). Besonders hoch ist der Bedarf an externer Deutsch-Nachhilfe bei jenen, die zu Hause nur zum Teil Deutsch sprechen (58 %).“ In den von Migration besonders betroffenen Bundesländern Wien und Vorarlberg liegen die Ausgaben für „Nachhilfe“ um ein Viertel (Wien +25 %, Vorarlberg +28 %) über dem Mittel der anderen sieben Bundesländer.

Um die Kosten für Nachhilfe zu reduzieren, wünschen sich

  • 84 % aller befragten Eltern „Klassenteilungen in einzelnen Fächern“,
  • ebenfalls 84 % „kostenlose Nachhilfeangebote an den Schulen“,
  • 71 % „generell mehr Förderunterricht an den Schulen“,
  • 64 % eine „bessere Beratung seitens der Lehrkräfte über passenden Schultyp“, aber
  • nur 46 % „Ganztagsschulen mit verpflichtender Anwesenheit und individueller Förderung“.

Und wie sieht es im internationalen Vergleich mit Nachhilfe aus? (9)

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Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Gewerkschaft fordert seit Jahren Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülern – für die Kompensation von Defiziten ebenso wie für die Entfaltung besonderer Begabungen. Wenn es nach uns geht, könnten und sollten wir das in Österreich im internationalen Vergleich sehr geringe Aufkommen an privater Nachhilfe noch weiter reduzieren. Der Ausbau qualitativ hochwertiger Angebote ganztägiger Schulen steht daher ebenfalls seit Jahren auf der Forderungsliste der Gewerkschaft. Unerträglich finde ich allerdings dieses permanente Schlechtreden unserer Schule – noch dazu in einem Bereich, in dem wir international sehr gut dastehen.

Jean Cocteau hat es treffend formuliert: „Ein halbleeres Glas Wein ist zwar zugleich ein halbvolles, aber eine halbe Lüge mitnichten eine halbe Wahrheit.

(1) Nachhilfe – Oxonitsch: „Arbeiterkammer bestätigt Wiener Weg!“ OTS-Aussendung vom 20. Mai 2015.

(2) Nachhilfebedarf bei Schulkindern steigt leicht. In: Salzburger Nachrichten online vom 20. Mai 2015.

(3) Kosten für Nachhilfe explodieren in Steiermark. In: Kleine Zeitung online vom 20. Mai 2015.

(4) Maria Kern, Armutszeugnis: Jedes vierte Kind braucht Nachhilfe. In: Kurier online vom 21. Mai 2015.

(5) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(6) Kern, Armutszeugnis.

(7) Der „Bildungsexperte“ Andreas Salcher blamiert sich beim „Kaiser“ am 23. Mai 2014.

(8) Alle folgenden Angaben stammen, wenn nicht anders angemerkt, aus IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015).

(9) PISA 2012-Datenbank, Abfrage vom 8. Februar 2015.

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Ausnahmen bestätigen die Regel

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern auch die „Nachhilfestudie“, die das IFES-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien erstellt. Und alle Jahre wieder wird daraufhin das Lied von den angeblich skandalös hohen Nachhilfekosten in Österreich gesungen. „Nachhilfe kostet jeden 666 Euro“, titelte etwa ein kleinformatiges „Qualitätsmedium“. (1) Die politische Intention dahinter: diesmal erstaunlicherweise keine Propaganda für die Gesamtschule, sondern für „ganztägig verschränkte Schulformen“, also die Ganztagsschule. (2) In einer Presseaussendung des Unterrichtsministeriums liest man: „,Kinder werden in der verschränkten Ganztagsschule optimal gefördert‘, so die Bildungsministerin anlässlich der Präsentation des AK Nachhilfebarometers 2014. Eine ganztägige Betreuung verringert Aufwand und die Kosten für Nachhilfe beträchtlich, das belege das AK-Barometer deutlich.“ (3)

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Werfen wir doch einen Blick auf einige zentrale Ergebnisse der aktuellen IFES-Studie:

  • Österreichweit wurden im Lauf von 12 Monaten 109 Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben, womit sich der Trend eines Rückganges der Nachhilfekosten fortsetzt (9 Millionen Euro weniger als im Vorjahr). (4)
  • 88 % der Schüler (5) Österreichs haben das gesamte Jahr über keine bezahlte Nachhilfe erhalten. (6)
  • Für die 12 % der Schüler Österreichs, die bezahlte Nachhilfe bekommen haben, wurden im Mittel 1,8 Euro pro Tag für die Nachhilfe ausgegeben. Betrachtet man alle Schüler, waren es im Mittel 26 Cent pro Tag (7,9 Euro pro Monat). Ein Päckchen Zigaretten kostet rund 4 Euro …
    Dazu muss man noch wissen, dass in die Kosten für „Nachhilfe“ auch alle Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien eingerechnet werden, ohne ihre Höhe extra auszuweisen. Bei den Preisen derartiger Ferienangebote macht dies zweifellos einen nennenswerten Anteil aus – wohl einen deutlich zweistelligen Prozentsatz. (7)
  • Nicht einmal bei jedem vierten Schüler, der Nachhilfe bekommen hat, ging es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern – fast ein Drittel weniger als noch 2012. (8)
  • 0 (in Worten: Null) % der Volksschüler erhalten Nachhilfe, um die Aufnahme in die AHS zu ermöglichen, was anderslautende Behauptungen von „Experten“ als reine Propaganda entlarvt. (9)

Wie aus solchen Ergebnissen die Forderung nach der Ganztagsschule abgeleitet werden kann, weiß nicht einmal IFES: „Auch bei der Ganztagsschule sind bis Dato [sic!] noch keine positiven Effekte in Richtung einer Eindämmung des externen Nachhilfebedarfs erkennbar.“ (10) Dass Ganztagsschulen das Nachhilfeaufkommen nicht reduzieren, ist überhaupt keine Überraschung, sondern gehört zum Allgemeinwissen seriöser Bildungswissenschaftler. (11)

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Gewerkschaft fordert seit Jahren Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülern – für die Kompensation von Defiziten ebenso wie für den Ausbau besonderer Begabungen. Wenn es nach uns geht, könnten und sollten wir das in Österreich im internationalen Vergleich sehr geringe Aufkommen an privater Nachhilfe noch weiter reduzieren. Der Ausbau qualitativ hochwertiger Angebote ganztägiger Schulformen steht ebenso seit Jahren auf der Forderungsliste der Gewerkschaft, nicht aber die peinliche Propaganda unseres Dienstgebers.

Laut „Nachhilfestudie“ hat in nur 8 % der Fälle Nachhilfe die in sie gesetzte Hoffnung nicht erfüllt. (12) Obwohl wir Arbeiterkammer und Unterrichtsministerinnen regelmäßig „Nachhilfe“ erteilen (13), zeigt sie bei den Adressaten wenig Wirkung. Ausnahmen bestätigen eben die Regel …

(1) Nachhilfe kostet jeden 666 Euro. In: Österreich online vom 21. Mai 2014.

(2) Grossmann: Ausbau ganztägiger Schulformen bringt Reduktion von Nachhilfekosten für Eltern. Presseaussendung des SPÖ-Parlamentsklubs vom 21. Mai 2014.

(3) Heinisch-Hosek zu AK-Nachhilfebarometer: Ganztagsschule entlastet Kinder und Eltern. Presseaussendung des BMBF vom 21. Mai 2014.

(4) IFES (Hrsg.), AK-Studie: Nachhilfestudie Österreich. Bundesweite Elternbefragung 2014, S. 42, und IFES (Hrsg.), AK-Studie: Nachhilfe in der Steiermark. Elternbefragung 2013, S. 35f.

(5) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(6) IFES 2014, S. 7.

(7) IFES 2014, S. 38f.

(8) IFES 2014, S. 33.

(9) IFES 2014, S. 34.

(10) IFES 2014, S. 25.

(11) „Ganztagsschulländer haben in der Regel mehr Nachhilfe.“ Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Referat beim „Weis(s)en Salon“ am 16. Oktober 2013.

(12) IFES 2014, S. 35.

(13) Siehe etwa die Posts „Kammerdiener“, „Gerhard Riegler: AK-Propaganda“ oder „Gerhard Riegler: Freizeitkiller Kind“.

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Verdienen wir es?

Rund 1.700 Stellungnahmen sind zum Begutachtungsentwurf eines neuen Lehrerdienstrechts abgegeben worden. (1) Die meisten stammen von Schulen und einzelnen Lehrern. (2) Zwei zustimmende habe ich tatsächlich entdeckt – die des Wiener SP-Bildungsstadtrats Oxonitsch, des Vorsitzenden der „Kinderfreunde“, und die der Arbeiterkammer, die offenbar als SPÖ-Außenstelle betrieben wird.

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2 von 1.700 … Damit dürfte die von der Politik oft vorgebrachte Mär nicht länger haltbar sein, nur die Lehrergewerkschaften lehnten diesen „Schmarr’n“ (© Fritz Neugebauer) ab, Lehrer jedoch würden dazu in Chören Hallelujah singen (© Gabriele Heinisch-Hosek). Oder wie es die Grünen ausdrücken: „Beim Lehrerdienstrecht will Glawischnig eine Reform auch ohne Zustimmung der Gewerkschaft, weil sie glaubt, dass es nicht alle Lehrerinnen und Lehrer so sehen wie ihre Gewerkschaft.“ (3)

Welche Positionen die drei Mittelparteien SPÖ, ÖVP und FPÖ vertreten, ist jedem bekannt. Ich erlaube mir nach der Begutachtung und vor den Wahlen, die auch die Zukunft der österreichischen Schule bestimmen, einen kurzen Blick auf die Kleinen:

Dass Stronach und Gewerkschaft ein Oxymoron sind, versteht sich. Das Team Stronach benötigt aber auch noch ein bisschen Nachhilfe in politischer Bildung. Einen Beschluss des Dienstrechts in einer Sondersitzung des Nationalrats zu fordern, bevor noch die Begutachtungsfrist zu Ende ist, zeugt von einem eigenwilligen demokratischen Verständnis.

Eine besondere Liebe zum öffentlichen Dienst entwickelten die NEOS. „Lohn- und Gehaltsbremse im öffentlichen Dienst […] durch das Einfrieren der Gehaltssumme für die nächsten 5 Jahre – Einsparungspotenzial mittelfristig ca. 1 Mrd. EUR pro Jahr“, liest man in ihrem Programm. Anders ausgedrückt: Jeder im öffentlichen Dienst beschäftigten Person soll in Zukunft durchschnittlich 200 Euro monatlich als Sonderopfer abverlangt werden!

Eva Glawischnig mag zwar – wie ich – keine Legebatterien für Hühner. Für Lehrer wären sie aber in Ordnung: „Ich wünsche mir Lehrerinnen und Lehrer, die sich individuell mit jedem einzelnen Kind auseinandersetzen können, individuelle Förderung. […] Eine Kernzeit von 9 bis 15 Uhr.“ (4) Oder wie es der Grüne Bildungssprecher Walser vorrechnete: „Grüne fordern 30 Stunden Pflichtanwesenheit.“ (5) Wie ein Konferenzzimmer von innen aussieht, dürfte Frau Glawischnig nicht wissen und der karenzierte Direktor Walser schon vergessen haben.

Da ich über einen Koma-Patienten nichts Schlechtes sagen will, verkneife ich mir jede Anmerkung zum BZÖ.

Demokratie heißt, die Wahl haben. Diktatur heißt, vor die Wahl gestellt sein.“ (6) Die rund 1.700 Stellungnahmen sind für mich ein Ausdruck gelebter Demokratie – ebenso wie die Inanspruchnahme des Wahlrechts. Ich erlaube mir daher eine Bitte: Machen Sie am Sonntag von Ihrem Wahlrecht Gebrauch, so wie ich es tun werde und wie ich es bisher bei jeder Wahl getan habe, bei der ich wahlberechtigt gewesen bin. In vielen Staaten der Welt sterben Menschen im Kampf um dieses Recht, weshalb ich es als meine moralische Pflicht erachte, mein Wahlrecht zu nutzen.

Auf dem Weg zum Wahllokal werde ich wieder an George Bernard Shaw denken, der einst treffend bemerkte: „Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“ (7) Verdienen wir tatsächlich diese Schulpolitik?

(1) Lehrerdienstrecht: Rund 1.700 Stellungnahmen im Parlament eingelangt. Meldung auf der Website des Parlaments vom 26. September 2013.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek, Bundessprecherin der Grünen, Ö1 Mittagsjournal am 23. August 2013.

(4) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek, Bundessprecherin der Grünen, „Wahl 13“, ORF 2 am 17. September 2013.

(5) ORF-Online am 7. Juni 2013.

(6) Jeannine Luczak-Wild, schweizerische Literaturwissenschafterin.

(7) George Bernard Shaw: „Democracy is a device that insures we shall be governed no better than we deserve.

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Helmut Jantschitsch: Die „Prawda“ lässt grüßen

Als ich heute den „Kurier“ aufschlug, traute ich meinen Augen kaum. Auf Seite 2 wird über die Stellungnahmen berichtet, die zum neuen Lehrerdienstrecht beim Parlament eingelangt sind.

bigstock-MOSCOW-USSR--MAY--Soviet-n-27253775_blogAK hinter Schmied und kontra Neugebauer“, lautet der Titel. Auf das „unwesentliche“ Faktum, dass von den 1.500 Stellungnahmen – ein historischer Rekord – bisher nicht einmal eine Handvoll für den Begutachtungsentwurf sprechen, wird „vergessen“. (1)

In zwei von vier Spalten wird die Stellungnahme der SPÖ-dominierten Arbeiterkammer, in einer weiteren die der Industriellenvereinigung dargelegt. Beide Organisationen sind Gesamtschulbefürworter. Die IV gibt aber wenigstens nicht vor, eine Arbeitnehmervertretung zu sein.

Für die 1.500 negativen Stellungnahmen blieb dann – so ein Pech – nicht einmal eine ganze Spalte übrig.

Der Stil einer solchen Berichterstattung erinnert mich an die „Prawda“ selig, die ob ihrer „objektiven“ Reportagen legendär war und über deren Berichte massenweise Witze kursierten.

Einer davon ist mir in den Sinn gekommen, als ich den „Kurier“-Artikel gelesen habe. Ein sportlicher Wettkampf zwischen einem sowjetischen und einem US-amerikanischen Team endete mit dem Sieg der Amerikaner. In der „Prawda“ war zu lesen: „Das sowjetische Team errang die Silbermedaille. Die vom Kapitalismus verdorbenen Amerikaner mussten sich mit dem vorletzten Platz zufrieden geben.“

(1) Patricia Haller, AK hinter Schmied und kontra Neugebauer. In: Kurier Online vom 25. September 2013.

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Gerhard Riegler: Freizeitkiller Kind

AK-Präsident Rudolf Kaske versteht die Welt nicht mehr. 82 Millionen Stunden an Freizeit wurden im Vorjahr österreichischen Müttern und Vätern gestohlen! (1) Nicht von kapitalistischen Ausbeutern, sondern von ihren eigenen Kindern!

bigstock-Toddler-watching-TV--Vector-12782915_blogDie „Nachhilfebarometer“-Erhebung der Arbeiterkammer hat zutage gefördert, was als dunkler Verdacht schon länger im Raum stand: Bildungsaffine Eltern, linken Vorkämpfern der Gesamtschule schon immer ein Dorn im Auge, setzen subversive Schritte gegen die Chancengerechtigkeit. Sie drehen nämlich abends den Fernseher ab, enthalten ihren Kindern damit die dort laufende Dokusoap „Teenager werden Mütter“, ja selbst den Dokumentarfilm „Kampftrinken für Anfänger“ vor und sprechen mit ihren Kindern über die Schule.

Manche Eltern treiben es sogar so weit, mit ihren Kindern über schulische Probleme zu reden und ihnen bei den Hausübungen zu helfen. Besonders schlimm ist es bei Volksschulkindern: Dort ist der von der AK erhobene Freizeitraub exorbitant. Denn viele Eltern scheuen nicht einmal mehr davor zurück, mit ihren Kleinen das Einmaleins zu üben.

Diesem unerträglichen Treiben ist, da wird jeder Kabel-TV-Abonnent zustimmen, umgehend ein Ende zu bereiten. Schluss mit der „privaten Nachhilfe“ für Tobias und Andrea, damit Chantal und Kevin endlich auch ihre faire Bildungschance haben! Manchem Kämmerer sollen Herrn Kaskes Forderungen aber nicht weit genug gehen. Eine Vollkasko-Ganztagsgesamtschule muss her, am besten in der Zeit vom Frühstücksfernsehen bis zur ZIB 24.

Mit Grauen stelle ich mir vor, wie viele Millionen Freizeitstunden unseren MitbürgerInnen Jahr für Jahr entgehen, weil sie ihren Kindern die Zehennägel schneiden müssen. Es wird sich doch ein AK-Institut finden, das Pedikürekurse für VolksschullehrerInnen anbietet, um die armen Eltern auch von dieser Last zu befreien.

Ähnliches gilt für das Waschen des Turnzeugs: Wie kommen Eltern dazu, die verschwitzte Kleidung ihrer Kinder zu waschen, ist doch die Schule an der gesteigerten Transpiration ihrer Kinder schuld. Daheim vorm Fernseher schwitzen Chantal und Kevin nie.

So einfach ließe sich Kaskes schöne neue Welt in die Realität umsetzen, hunderte Millionen Freizeitstunden wären gewonnen, und alles wäre gut, wäre da nicht die böse Lehrergewerkschaft!

Übrigens: Im Mittel wurden im Schuljahr 2012/13 nicht einmal 10 Euro im Monat für Nachhilfe ausgegeben. Damit ließ sich selbst für die Arbeiterkammer schwer Wirbel schlagen. Also musste man die Eltern schlagen, die ihren Kindern Aufmerksamkeit und Zuwendung widmen.

Kein Wunder, dass angesichts solcher Präsidenten Kammern auf Pflichtmitgliedschaft angewiesen sind.

(1) Studie: 81 Prozent der Eltern geben „Nachhilfe“. In: Presse Online vom 26. Juni 2013.

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Gerhard Riegler: Lesekompetenz

Am 11. September hat die OECD um 11:00 ihre diesjährige Ausgabe der „Education at a Glance“-Studie präsentiert. Österreichs Grüne diagnostizierten prompt „die geringen Chancen auf einen Bildungsaufstieg in Österreich“ (1). AK-Präsident Tumpel konstatierte, dass unsere Jugend „nicht noch mehr ins Hintertreffen geraten“ dürfe. (2) Standard-LeserInnen erfuhren sofort, dass die von Schmied beabsichtigte Erhöhung der Lehrverpflichtung „befeuert“ werde (3). Am schnellsten aber war dieses Jahr die Redaktion von „Heute“: „Heute nächste Ohrfeige für die Bildungspolitik!“, titelte dieses Organ bereits Stunden vor der Präsentation.

Ich habe „etwas“ länger für das Studium der 570 Seiten umfassenden Studie benötigt, dafür habe ich sie aber tatsächlich gelesen. Ein paar Belege:

  • Apropos „Bildungsaufstieg“: In Österreich haben nur mehr 18 % der 25- bis 64-Jährigen keinen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II. Im OECD-Mittel sind es noch 26 %, im Gesamtschulland Frankreich sogar 29 %. Die daraus resultierenden Arbeitslosendaten sind bekannt.
  • Apropos „Kosten“: 42 % der Sekundarstufen-LehrerInnen sind jenseits der 50 und somit aufgrund des steilen Gehaltsstaffels nicht mehr im Bereich der für AkademikerInnen beschämend niedrigen Anfangsbezüge. Ein Dienstgeber, der es seit Jahrzehnten nicht schafft, Anfangsbezüge zu erhöhen und den Verlauf zu verflachen, darf uns seinen Mangel an Weitblick nicht vorwerfen.
  • Apropos „Arbeitszeit“: Dass in diesen Tagen keiner der üblichen Verdächtigen auch nur ein Wörtchen über Finnland verliert, ist leicht zu erklären: Finnlands LehrerInnen unterrichten weniger Stunden – und das in kleineren Klassen und unterstützt von Supportpersonal in einem Umfang, von dem wir wohl noch länger träumen werden.
  • Apropos „Migration“: 15-Jährige, deren Erstsprache nicht die Unterrichtssprache ist, fallen bezüglich der Lesekompetenz in Finnland stärker ab als in Österreich.
  • Apropos „Arbeiterkammer“: Österreichs Schulwesen ist durch einen sehr geringen Anteil privater Ressourcen geprägt. Aus Steuergeldern werden 95,7 % der Kosten finanziert, die Eltern unserer SchülerInnen tragen 2,9 % der Gesamtkosten. In Großbritannien werden nur mehr 78,7 % der Kosten für das Schulwesen über Steuern bedeckt. Meint Tumpel dieses „Hintertreffen“?

Apropos „Lesekompetenz“: Schnell mögen sie beim Lesen sein, unsere „ExpertInnen“, bei der Sinnerfassung hapert es aber noch gewaltig.

(1) http://www.gruene.at am 11.9.2012

(2) Presseaussendung vom 11.9.2012, 12:37

(3) http://www.standard.at am 11.9.2012

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