Gerhard Riegler: AK-Propaganda

85 Prozent der Kinder erhalten keine bezahlte Nachhilfe. Für die anderen 15 Prozent geben deren Eltern in mehr als der Hälfte der Fälle weniger als 1,10 Euro (in Worten: einen Euro und zehn Cent) pro Tag aus. Unter „bezahlte Nachhilfe“ rechnet die Arbeiterkammer dabei auch Feriencamps, Sprachurlaube und ähnliche Formen kostenpflichtiger Feriengestaltung. Dies erfährt man in einer aktuellen AK-Studie. (1)

Diese Ergebnisse hindern aber die Propaganda-Abteilung der AK nicht daran, das österreichische Schulsystem wegen angeblich exorbitanter Nachhilfekosten anzuprangern. Alle Jahre wieder schwingt die AK die sattsam bekannte Keule: Umgehend sei das Gymnasium abzuschaffen, Ganztags- und Gesamtschule würden die Nachhilfekosten der Familien schlagartig auf Null sinken lassen. Alleine die Lektüre ihrer eigenen Studie sollte die AK eines Besseren belehren, aber vielleicht hilft hier externe Nachhilfe. Ich versuche es:

  1. Die Statistik Austria hat vor einem Jahr erhoben, welche Beträge österreichische Haushalte wofür ausgeben: durchschnittlich 71 Euro pro Monat für Alkohol und Tabak, für Bildung hingegen nur 28 Euro – all inclusive, und das pro Haushalt! (2) Manchem AK-Funktionär ist Bildung offenbar nicht einmal ein Drittel dessen wert, was er in Rauschmittel investiert.
  2. Berauscht von ideologischen Stehsätzen übersieht man in der AK, dass Frankreich und England, die klassischen Gesamtschulstaaten Europas, beim Nachhilfe-Aufkommen europaweit an der Spitze liegen. „Frankreich führt mit rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr die Spitze der Ausgaben für den zusätzlichen Unterricht“, hätten AK-Funktionäre vor einem Jahr in den Salzburger Nachrichten (3) lesen können.
  3. Auch ein Blick ins Wirtschaftsblatt könnte der AK helfen: „Unter den Teilnehmern aus den OECD-Staaten benötigen 17 Prozent Förderunterricht in der Unterrichtssprache und in Naturwissenschaften. In Mathematik sucht mehr als ein Viertel der Schüler den Rat vom Profi. Und in Österreich? Knapp vier Prozent der PISA-Teilnehmer bekommen Deutsch-Nachhilfe. Und knapp 13 Prozent lassen sich privat die Geheimnisse der Mathematik nochmals näher bringen.“ (4)
  4. Wollte sich die AK gar am PISA-Sieger Shanghai orientieren, könnte ein Blick in die Süddeutsche Zeitung Licht ins Dunkel bringen: „Manche Eltern zahlen mehr als 5000 Yuan (Anm.: fast 600 Euro) pro Monat für die Nachhilfeschule ihres Kindes. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt in Shanghai derzeit bei knapp 3000 Yuan. Solche Erziehungsausgaben aber werden als absolutes Muss betrachtet.“ (5)

Doch was scheren die AK all diese Fakten. „Weg mit dem Gymnasium!“, lautet die Parole, die getrommelt wird. „Die Nachhilfe hatte im Regelfall auch den gewünschten Erfolg. In 80 Prozent der Fälle wurde damit das angestrebte Ziel tatsächlich erreicht“, liest man in der aktuellen AK-Studie. Mein Versuch aber wird wohl das angestrebte Ziel verfehlen. Denn mein Nachhilfeschüler trommelt und will dabei nicht gestört werden.

(1) AK-Studie „Nachhilfe 2012“ (Mai 2012)

(2) Statistik Austria am 12. April 2011

(3) Salzburger Nachrichten vom 4. Juni 2011

(4) Wirtschaftsblatt vom 20. Juli 2011

(5) Süddeutsche Zeitung vom 8. Jänner 2011

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

 

 

 

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

3 Antworten zu “Gerhard Riegler: AK-Propaganda

  1. Gabriele Schmid

    Es tut mir wirklich leid, hier eine derartige unseriöse Darstellung unserer AK-Aktivitäten rund um das Thema Nachhilfe vorzufinden. Ich finde es beschämend wie hier unsere seriöse Studie verunglimpft wird und wie tausende Eltern in ihren Bemühungen verhöhnt werden.
    Gabriele Schmid, AK-Wien Abteilungsleiterin Bildungspolitik

  2. Liebe Frau Mag. Schmid,

    ein bisschen einfach machen Sie es sich mit dieser Reaktion schon. Hätten Sie in Ihrer Funktion nicht die Aufgabe gehabt, meine Zahlen zu überprüfen und die eine oder andere womöglich zu widerlegen?

    Aber vielleicht tue ich Ihnen Unrecht. Vielleicht haben Sie es ohnehin im Lauf der beiden vergangenen Wochen (vergeblich) versucht.

    Nichts für ungut: Ich bin mir dessen bewusst, dass Sie einen politischen Auftrag umzusetzen haben.

  3. Pingback: Ausnahmen bestätigen die Regel | QUINtessenzen

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