Gerhard Riegler: Alle Jahre wieder

Seit Jahren glaubt die Arbeiterkammer, über eine Publikation namens „Nachhilfe in Österreich“ rechtzeitig vor Ende des Unterrichtsjahres Stimmung gegen unser Schulwesen machen zu müssen. Jahr für Jahr sorgt sie für mediale Schlagzeilen, die der Bevölkerung den wahrheitswidrigen Eindruck vermitteln, in Österreich werde im internationalen Vergleich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben.

Heuer ließ diese „Studie“ der Arbeiterkammer ungewohnt lang auf sich warten. Ich glaubte schon, die Arbeiterkammer würde heuer darauf verzichten, unser Schulwesen in Misskredit zu bringen und sich selbst zu blamieren. Doch gestern war es wieder einmal so weit. Schnell waren in etlichen Medien die aus den letzten Jahren sattsam bekannten Interpretationen zu lesen.

Gegenüberstellen möchte ich der Stimmungsmache, welch dramatische Ausmaße Nachhilfe gerade in den Staaten und Volkswirtschaften angenommen hat, die regelmäßig an der Spitze der PISA-Rankings zu finden sind, und beginne mit Singapur, dem aktuellen „PISA-Sieger“.

40 Prozent der Kinder besuchen […] bereits neben dem Kindergarten Hilfsschulen. Acht von zehn Grundschülern nehmen Nachhilfe, in der Oberstufe sind es dann immerhin noch 60 Prozent.“ (1)

In Japan wird nicht nur tagsüber in der Schule gebüffelt, sondern darüber hinaus fast jeden Abend nachgesessen. Von klein auf, bisweilen sogar schon im Kindergartenalter, füllen Freizeitpädagogen in sogenannten Juku-Privatschulen gegen hohe Gebühren Mädchen und Buben allabendlich mit Wissen ab.“ (2)

In Korea, students start to take additional lessons when they are still very young. On average, 15-year-old Korean students who sit the PISA test have already taken 6.4 years of extra courses.“ (3)

Südkorea hat deshalb sogar versucht, Nachhilfe nach 22 Uhr zu verbieten. Die Regierung musste das Gesetz freilich einstampfen, nachdem sich herausgestellt hat, dass sich die Minister bei ihren eigenen Kindern selbst nicht daran hielten.“ (4)

Südkoreas Eltern zahlen jährlich 18 Billionen Won, 14,5 Milliarden Euro, für die außerschulische Ausbildung ihrer Kinder – 0,8 Prozent der Wirtschaftsleistung ihres Landes.“ (5)

Aber nicht nur in Südostasien und bei „PISA-Siegern“ erlebt außerschulische Nachhilfe einen geradezu atemberaubenden Höhenflug, sondern z. B. auch in Großbritannien:

Private tuition is the hidden secret of British education. […] Estimates suggest that the industry is worth several billion pounds, but its lack of regulation means that it is difficult to get an accurate picture of the UK market.“ (6)

In Österreich werden hingegen im Mittel pro SchülerIn nicht einmal 9 Euro im Monat für „Nachhilfe“ ausgegeben. Die Anführungszeichen bei „Nachhilfe“ deshalb, weil die Arbeiterkammer auch Kosten für – oft nicht ganz billige – Sprachferienkurse zu den Nachhilfekosten rechnen ließ …

Das und einiges mehr kann der gestern präsentierten Publikation der Arbeiterkammer entnehmen, wer sie liest. Wurde deshalb gestern darauf vergessen, die gesamte Publikation auf die Website der Arbeiterkammer zu stellen? Dort waren nämlich nur sattsam bekannte „Interpretationen“ zu lesen …

(1) Ulrike Putz, Wo schon Kindergartenkinder zwölf Stunden täglich lernen. In: Spiegel online vom 2. Jänner 2017.

(2) Angela Köhler, Japan: Schulstress bis in die tiefe Nacht. In: Presse online vom 5. September 2016.

(3) OECD (Hrsg.), PISA 2015. Students’ Well-Being (2017), S. 77.

(4) Stefan Hopmann, Das Schulblatt (Printmedium des CLV Oberösterreich) vom Februar 2017, S. 11.

(5) Christoph Neidhart, Lernen, Lernen und noch mehr Lernen. In: Süddeutsche Zeitung online vom 4. Dezember 2016.

(6) Sutton Trust (Hrsg.), Shadow schooling: Private tuition and social mobility in the UK (2016), S. 1.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

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