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Wie Sex im viktorianischen England …

Anfang Mai nahm der Komiker John Oliver in seiner „Last Week Tonight“-Show standardisierte Tests in den USA aufs Korn. Diese Folge wurde seither auf YouTube über 4,3 Millionen Mal angeklickt (hier eine Kurzfassung).

Woman in victorian dress imprisoned in a dungeonUS-amerikanische Schüler (1) sind einer enormen „Testeritis“ ausgesetzt: 10-20 zentrale Testungen pro Schulstufe, durchschnittlich 113 bis zur Graduierung. (2) „Common Core State Standards Initiative“ heißt die „Bildungsreform“, die weitreichende zentrale Testungen vorsieht. „Seit einigen Monaten wächst der Widerstand gegen Common Core, in manchen Teilstaaten werden die Tests weitreichend boykottiert. Mehr als 200.000 Schüler im Staat New York haben zuletzt nicht an den Tests teilgenommen. Sie sind ins Kreuzfeuer mehrerer Gruppen gekommen, die sonst nie im selben Boot zu finden sind: So gut wie jeder republikanische Präsidentschaftskandidat geißelt sie als „Communist Core“, die Lehrervertreter laufen Sturm, und selbst politisch neutrale Elternvereine und Schulleiter sind frustriert.“ (3)

Die immer mehr um sich greifende „Testeritis“ hat extrem negative bildungspolitische Auswirkungen mit verheerenden Folgen v. a. für sozial Schwache (4), ist aber für manche ein äußerst lukratives Geschäft. Die Pearson-Gruppe ist die größte Firma im Bildungsbereich und der größte Buchverlag sowie die umsatzstärkste Verlagsgruppe weltweit – 2014 mit 6,4 Milliarden Euro Umsatz und über einer Milliarde Euro Gewinn. (5) Pearson expandiert am globalen Markt und wurde von der OECD mit der Entwicklung von PISA 2015 und PISA 2018 beauftragt. (6) Offenbar sieht niemand in der OECD einen Interessenskonflikt oder gar eine Unvereinbarkeit darin, dass Andreas Schleicher, der „Mister PISA“ der OECD (7), gleichzeitig im wissenschaftlichen Beirat von Pearson sitzt. (8)

In den USA vergab die Politik „millionenschwere Aufträge für die Erstellung von Lehrmaterialien und zur Durchführung der Tests an den britischen Medienkonzern Pearson. Laut „Washington Post“ kontrolliert Pearson heute 39 Prozent des Marktes für Schultests und verdient laut einer Studie der Brookings Institution allein damit pro Jahr eine Viertelmilliarde Dollar.“ (9) In manchen Bundesstaaten ist es sogar noch viel schlimmer. Ohio ist ein „Pearson state“: „Pearson effectively controls what is taught, who graduates, and even who gets a second chance at a high school diploma through the General Education Diploma (GED) examination. […] Since 2013, Pearson tests even license teachers in Ohio. Because the tests are designed and graded by Pearson, the company and its employees determine what teachers need to know in all particular teaching fields-English, science, history. Colleges must address what Pearson puts on the tests so that their students will be licensed to teach in Ohio initially and, later, when a teacher seeks professional advancement.“ (10) Dieses krakenhafte Pearson-Imperium veranlasste John Oliver zur zynischen Aussage: „In fact, the only test they have no hand in is the HPV test she might take in college and I can only assume that they’ll take on that as soon as they see this fucking show.“ (11)

Wie formulierte es der politisch aktive US-amerikanische Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader so treffend: „Like sex in Victorian England, the reality of Big Business today is our big dirty secret.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe Last Week Tonight with John Oliver: Standardized Testing (HBO), 2:51-2:59.

(3) Oliver Grimm, Zentrale Tests: Aufstand gegen „Communist Core“ in den USA. In: Presse online vom 12. Mai 2015.

(4) Siehe dazu Eckehard Quin, Die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Das US-amerikanische Schulwesen in der Krise. In: ÖPU-Nachrichten Nr. 3/2014, S. 8f.

(5) Siehe https://www.pearson.com/ar2014.html.

(6) Siehe die Presseaussendungen „Pearson to develop frameworks for OECD’s PISA student assessment for 2015“ vom 19. September 2011 und „Pearson to develop PISA 2018 Student Assessment 21st Century Frameworks for OECD“ vom 10. Dezember 2014.

(7) Andreas Schleicher ist Director for the Directorate of Education and Skills der OECD und für die Studien PISA, PIAAC („Erwachsenen-PISA“), TALIS und INES zuständig. Siehe dazu http://www.oecd.org/edu/andreas-schleicher.htm.

(8) Siehe Lisa Nimmervoll, Bildungsphilosoph: „Unsere Kinder werden zu Zwergen degradiert“. In: Standard online vom 10. November 2014.

(9) Grimm, Zentrale Tests.

(10) William Phillis, Ohio, a Pearson State. Veröffentlicht auf: Diane Ravitch’s blog. A site to discuss better education for all am 14. Juni 2015.

(11) Siehe Pearsons Geschäft mit standardisierten Tests, 1:15-1:24.

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Subversive Kräfte

Verbesserung der Lernprozesse, Überprüfbarkeit, Individualisierung des Lernens, Kompetenzen, Kompetenzraster, Evaluation, Quality Management, „Bildungsstandards“ (1) etc. Wer hat diese Begriffe nicht schon unzählige Male als die Mittel zur Rettung unseres ach so schlechten Bildungssystems präsentiert bekommen?

Die genannten Begriffe sind Symptome eines internationalen Prozesses, der in Richtung Privatisierung des Bildungswesens läuft. Dahinter stehen Organisationen wie die OECD. „Weil sich die ganze Unternehmung als «Reform» tarnt, verstehen die Menschen nicht, was vor sich geht. […] die Reformwellen rollen immer schneller und verändern alles, bevor man sich besinnen kann. Sie verändern grundlegend:

  • die Organisation: Auflösung von Jahrgangsstufen und Klassenverbänden,
  • die Führung: Manager statt Headmaster,
  • das Curriculum: Es gibt keine verbindlichen Inhalte mehr,
  • die Methoden, mit denen unterrichtet wird (jeder Schüler schafft für sich an seinen individuellen Lernjobs statt im gemeinsamen Klassenunterricht),
  • die Leistungsbeurteilung (Testen von Kompetenzen und Unterkompetenzen),
  • die Art wie Schüler, Schulen, Schulleiter und ganze Gemeinden bewertet werden: Wer widerspruchslos mitmacht, ist innovativ, wer sich sträubt, ist rückständig.“ (2)

Private vs Public words on a toggle switch to flip between privaDie österreichische Bundesverfassung legt fest, dass Österreich eine demokratische Republik ist und ihr Recht vom Volk ausgeht. Weiters bestimmt sie, dass die Schule Wissen, Können und bestimmte Werte vermitteln soll. (3) All das wird durch diese indirekte Steuerung von außen umgangen. (4) „Das Bildungswesen wird damit quasi unbemerkt aus der Ferne gesteuert. Ein managing Netzwerk tritt an die Stelle der staatlichen Behörden. Damit einher geht der Niedergang des Nationalstaates als der Ort, an dem Politik gemacht wird.“ (5)

Der Prozess ist aber nicht nur verfassungsrechtlich bedenklich, sondern auch eine bildungspolitische Katastrophe. Die Folgen listet sogar das BIFIE auf: Konzentration auf testmethodische und -strategische Kompetenzen, Verengung des Curriculums auf testrelevante Fähigkeiten und Inhalte, Ausschluss leistungsschwacher Schüler etc. (6) Allerdings formiert sich Widerstand – auch von Wissenschaftlern, wie etwa der im Juni 2010 gegründeten „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“. Wir alle dürfen und sollten auf den Bildungsidealen der österreichischen Verfassung beharren, auch wenn wir dafür als rückständige Betonierer an den medialen Pranger gestellt werden.

Der über jeden Verdacht des Konservativismus erhabene französische Soziologe Pierre Bourdieu formulierte: „Aber diese Kräfte der Bewahrung, die sich leicht als konservative Kräfte hinstellen lassen, sind auch in einem anderen Zusammenhang die Kräfte des Widerstandes gegen die Einführung der neuen Ordnung, die zu subversiven Kräften werden können.“ (7)

(1) „Bildungsstandards“ ist der rechtlich korrekte Begriff, aber ein Oxymoron, weshalb ich ihn immer unter Anführungszeichen setze. Zu meinen, Bildung ließe sich „standardisieren“, ist das sicherste Zeichen dafür, dass einem etwas fehlt: Bildung.

(2) Renate Caesar, Die heimliche Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens. In: Zeit-Fragen online vom 3. Februar 2015.

(3) In Artikel 14 B-VG liest man: „Demokratie, Humanität, Solidarität, Friede und Gerechtigkeit sowie Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen sind Grundwerte der Schule“. Die jungen Menschen sollen befähigt werden, „an den sozialen, religiösen und moralischen Werten orientiert Verantwortung für sich selbst, Mitmenschen, Umwelt und nachfolgende Generationen zu übernehmen.

(4) Siehe dazu Eckehard Quin, Die subversive Kraft der störrischen Lehrer. In: gymnasium, 6/2013, S. 4-7.

(5) Caesar, Privatisierung.

(6) Siehe Herbert Altrichter und Anna Kanape-Willingshofer, Bildungsstandards und externe Überprüfung von Schülerkompetenzen: Mögliche Beiträge externer Messungen zur Erreichung der Qualitätsziele der Schule, S. 374. In: Barbara Herzog-Punzenberger (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2. Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen (Graz 2012), S. S. 355-394. Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(7) „Mais ces mêmes forces de „conservation“, qu’il est trop facile de traiter comme des forces conservatrices, sont aussi, sous un autre rapport, des forces de résistance à l’instauration de l’ordre nouveau, qui peuvent devenir des forces subversives.“ Pierre Bourdieu, L’essence du néolibéralisme. In: Le Monde diplomatique, mars 1998.

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Der Mensch im Mittelpunkt

Derzeit herrscht Schulschlussstress. Alle sehnen sich nach Erholung, und doch liegt der Charme dieser Zeit nicht nur in ihrem nahenden Ende. Nun ernten wir auch die Früchte unserer Arbeit, womit ich die von Schülern (1), Eltern und Lehrern in gleicher Weise meine. Die überwältigende Mehrheit aller Beteiligten hat sich redlich bemüht und auch entsprechende Erfolge erzielt, auf die sie stolz sein kann – und damit meine ich nicht nur fachliche, sondern auch menschliche.

Students writing at high-school exam teens study campus academic class

Wer den Menschen ins Zentrum rückt, hat immer berechtigte Vorbehalte gegen „One size fits all“-Produkte. „Ich bin bei denen, die meinen, dass […] Gerechtigkeit etwas anderes ist als bundesweit über den Kamm gescherter Schwachsinn“, schreibt der Schriftsteller Egyd Gstättner in einem „Standard“-Kommentar. (2) „Ich bin dafür, dass Schularbeiten-Angaben nicht wie Hausordnungen, Gebrauchsanleitungen und kreativitätserstickende Multiple-Choice-Tests aussehen – da vergeht einem die Freude an der Sache! Kreuzchen machen ist, wie man weiß, immer demütigend und ein Instrument der Mächtigen zur Erniedrigung der Machtlosen. Ich bin dagegen, dass ein Deutschprofessor vor lauter Vergleichbarkeit, Fairness und Standardisierung eines nahen Tages 30 völlig identische Deutschmaturaarbeiten absammelt“, kritisiert Gstättner den Normierungswahn. (3)

Vor dieser Gefahr warnt auch die österreichische Interessengemeinschaft der Autorinnen und Autoren: „Die Standardisierung der schriftlichen Reifeprüfung durch die Strukturvorgaben des BIFIE wird eine Formatierung der Maturarbeiten zur Folge haben […] Quer liegende Fertigkeiten wie Selbständigkeit des Denkens und Reflexionsfähigkeit bleiben in diesem System auf der Strecke […] Der Preis, den unsere Schüler zahlen, wenn sie eine ganze Oberstufe lang einer Schreiberziehung ausgesetzt werden, die im Wesentlichen darin besteht, vorfabrizierte Elemente nach einem vorgegebenen Bauplan zusammenzusetzen, ist ihre Entmündigung.“ (4)

Aber nicht „nur“ unseren Schülern droht die Entmündigung. „Ich bin dagegen, dass man jungen Menschen als Vorbilder amtseidvergewaltigte Pflichterfüller und getriebene Befehlsempfänger vorsetzt, die abgeschmackte Absurditäten exekutieren – zum Schaden, zur Traumatisierung und Beekelung einer ganzen Generation. […] Ich bin bei denen, die meinen, dass ein guter Lehrer durch keine Schulreform der Welt zu ersetzen ist und dass man einen guten Lehrer nicht aus einem Müllberg von Bürokratie lugend erkennt, sondern – neben Fachwissen, Fachliebe – an Talent, Persönlichkeit, Menschlichkeit. […] Menschlichkeit erreicht man aber nicht durch zentralisierte, standardisierte Unmenschlichkeit.“ (5)

Vielleicht haben die Pannen bei der heurigen Zentralmatura ja auch ihr Gutes. Vielleicht nutzt die Politik die Chance, Fehlentwicklungen zu korrigieren.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Egyd Gstättner, Schluss mit dem Unsinn! In: Standard online vom 30. Mai 2014.

(3) Gstättner, Schluss mit dem Unsinn!

(4) Wolfgang Mühlbacher, Auf der Suche nach dem geeigneten situativen Kontext und für alle Schultypen passende Aufgabenstellungen (März 2014), S. 28f. Diese Untersuchung wurde im Auftrag der IG Autorinnen und Autoren durchgeführt.

(5) Gstättner, Schluss mit dem Unsinn!

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Von Schnelllesern und Kurzsatzartisten

Vielleicht war es mehr als nur Zufall, dass mir gerade am Mittwoch, dem Tag der bundesweiten Standardtestungen in Englisch, ein Artikel aus der Online-Ausgabe von „Time“ in die Hände fiel. Besonders ein Satz hat mich beeindruckt: „Current state-mandated testing is far too narrowly focused and decontextualized to reflect the skills students need to learn in the 21st century. And the endless teaching to the test takes away from the time students could be learning how to construct a thoughtful argument, analyze a work of literature or grasp good citizenry.” (1)

Test Quiz

In vielen Gesprächen mit Fachkollegen (2), die von standardisierten Testungen betroffen sind, kristallisieren sich Kritikpunkte immer klarer heraus.

Bei den Standards orte ich in erster Linie Kritik am Timing und weniger am Inhalt. Selbst „Experten“ werden wohl zugeben müssen, dass eine Testung am Ende der 3. und 7. Schulstufe deutlich mehr Sinn hätte, da ein gezieltes Arbeiten an diagnostizierten Defiziten während der folgenden Schulstufe möglich wäre. Die Lehrervertretung hat – wie die anderen Schulpartner auch – diese Forderung nach „Diagnose und Therapie“ am selben Schulstandort schon vor der Einführung der Standards immer wieder laut und deutlich artikuliert. Die Politik hat sie leider aus ideologischen Gründen überhört und ignoriert. Ein Vorliegen der Standardergebnisse vor dem Überschreiten der Nahtstellen könnte ja zu einer sinnvolleren Steuerung von Schülerströmen beitragen, was Gesamtschulapologeten ganz und gar nicht in den Kram passt.

Deutlicher und harscher fällt die Kritik der Englischlehrer an den Testformaten bei der Zentralmatura aus, wenngleich durchaus anerkannt wird, dass der Ansatz sinnvoll ist. Aber die Dosis macht die Wirkung. Wenn wir uns nicht sukzessive auf den amerikanischen Holzweg begeben wollen, werden wir rasch und entschlossen gegensteuern müssen.

Abgesehen von der Schreibaufgabe, die 25 Prozent der Gesamtnote ausmacht, sind bei der schriftlichen Matura Testformate im Einsatz, die einen Lehrer geradezu zwingen, den Unterricht intensiv auf „teaching to the test“ umzustellen, will er seine Schüler optimal auf die Zentralmatura vorbereiten. Ein Kollege formulierte es, vielleicht ein wenig überspitzt, so: „Wir trainieren geistige Akkordarbeiter, die sich möglichst schnell und fehlerlos durch ein Aufgabenfeld bewegen.“

Da alle Aufgaben unter beträchtlichem Zeitdruck zu erledigen sind, werden genaue Leser, die in einen Text eintauchen und ihn reflektieren wollen, massiv benachteiligt. „Speed reading“ ist aber immerhin trainierbar.

Anders schaut es beim Hörtext aus. Die Fähigkeit, Neben- und Hintergrundgeräusche ausblenden zu können, ist sicherlich in manchen Lebensbereichen oder Berufsfeldern vorteilhaft. Aber soll sie über die Englischnote entscheiden?

Auch von Schülerseite höre ich besonders viel Kritik an dem „Maximal vier Worte“-System, das bei vielen Testformaten zur Anwendung kommt. Mir ist klar, dass komplexere Antwortformulierungen nicht so leicht zu „standardisieren“ und damit zentral gesteuert zu beurteilen sind. Am Sonntag den Verfall der Sprach- und Denkkultur durch SMS und Chat zu beklagen und am Montag genau diese Satzfetzen bei Testantworten zu verlangen, ist aber schon ein starkes Stück.

Die internationale Forschung zeigt, dass Standard-Tests zu keiner nachhaltigen Leistungssteigerung führen eher im Gegenteil. […] Die Leistungsstarken und – schwachen werden so vernachlässigt“, konstatiert der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann. „Die Test-Industrie ist eine stark subventionierte Wachstumsbranche. […] Auf jede Bildungsstandard-Runde folgt der Ruf nach noch mehr Tests.“ (3) Auch Norbert Pachler, Leiter der internationalen Lehrerausbildung am Institute of Education der University of London, sieht massive wirtschaftliche Interessen hinter der Testindustrie. Standardisierte Tests und Rankings haben einen wachsenden ökonomischen Einfluss auf das Schulsystem. „Es gibt Firmenketten, die bis zu 30 Schulen gekauft oder gegründet haben und diese nach marktwirtschaftlichen Prinzipien leiten. Bildung ist dabei, vom Allgemeingut zur Ware zu werden.“ (4)

Erika Christakis ruft in ihrem Kommentar zu zivilem Ungehorsam gegen den Testwahnsinn auf. Ich appelliere an die Verantwortlichen, uns amerikanische Verhältnisse zu ersparen. Noch wäre Zeit dazu!

(1) Erika Christakis, What’s Really Scandalous About the Atlanta Schools Testing Scandal. In: Time Online vom 2. April 2013.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) „Wettlauf um unnützes Wissen“. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 5.

(4) Sylvia Einöder, Der genormte Schüler. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 4f.

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Gerhard Riegler: Charakterbildung

Zwei Tage nach dem Beginn der Fastenzeit erwarten Sie vielleicht einen Bezug auf den berüchtigten Aschermittwoch 2009, aber die Lektüre eines „schulfremden“ Artikels der Wiener Zeitung (1) löste in mir am späten Abend des Aschermittwochs eine Nachdenklichkeit aus, die ich heute mit Ihnen teilen möchte.

Betroffen macht wohl nicht nur mich, wie rücksichtslos Frankreich in den 60er-Jahren seine Soldaten als „Versuchskaninchen für Atomtests“ missbraucht hat. Für unverzichtbar haben es ExpertInnen der französischen Armee gehalten, 200 handverlesene Soldaten unmittelbar nach Zündung einer Atombombe bis zu 300 Meter an den Explosionsort heranzuführen, um „daraus Erkenntnisse über die physische und psychologische Auswirkung von Atomwaffen zu gewinnen“. Die ExpertInnen selbst hielten sich währenddessen weit entfernt in Sicherheit auf. Die kaltblütige Order von oben lautete: „Der Kommandant sollte niemals die verseuchte Zone betreten.“

Ein „Versuch“, nicht im Chaos eines Krieges aus finstersten Abgründen hochgespült, nicht aus der Enge einer scheinbaren Ausweglosigkeit unternommen. Nein, in friedlichen Zeiten, ohne Not, im Interesse des „Fortschritts“, auf Basis einer „Berufung“, die Vorgesetzte offensichtlich sogar dazu treiben kann, ihnen anvertraute Menschen ins Feuer zu schicken.

Wir haben als LehrerInnen alle Hände voll zu tun, um jungen Menschen unter ständigem Zeitdruck möglichst viel Wissen und Können zu vermitteln, auch wenn sie selbst nicht immer danach dürsten. Und doch scheint die Charakterbildung, die Erziehung zu wertorientiertem Denken und Handeln, die Vermittlung einer geerdeten sozialen Kompetenz noch weit wichtiger als alles, was in standardisierten oder nicht standardisierten Tests welcher Art auch immer überprüft werden kann.

(1) „Verstrahlt vom und fürs Vaterland“, Wiener Zeitung vom 17. Februar 2010

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