Herbert Weiß: Missverständnis oder Umdenken?

Im Vorwort zu dem Buch „Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen“ schreibt Andreas Schleicher: „Heute wollen wir sicherstellen, dass Menschen einen zuverlässigen Kompass und Fähigkeiten zur sicheren Navigation entwickeln, so dass sie ihren eigenen Weg finden, um durch eine zunehmend unsichere, unbeständige und mehrdeutige Welt zu steuern. Heute können wir nicht mit Gewissheit vorhersagen, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Wir werden oft überrascht und müssen auch anhand von Ausnahmefällen lernen.“ (1) Diese Worte gerade von jenem Mann zu lesen, der durch seine Tätigkeit für die OECD mitverantwortlich für viele Fehlentwicklungen ist, die in den letzten beiden Jahrzehnten im Bildungswesen stattgefunden haben, lässt mich aufhorchen und in mir Hoffnung aufkeimen.

Durch die von der OECD verschuldete Überbetonung von Kompetenzen, den Glauben an die Vermessbarkeit von Bildung und die Verwechslung von Bildung und Ausbildung wurden in den letzten Jahren die Freiheiten der LehrerInnen bei der Unterrichtsgestaltung und der Gewichtung der Inhalte massiv eingeschränkt und die Allgemeinbildung sträflich vernachlässigt. Auf den Punkt brachte das Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann im „science.talk“: „Dass es um Bildung geht, spürt man genau dort, wo man diese Nützlichkeitsaspekte, diese Anwendungsaspekte zurückschraubt und einmal nur eine Gelegenheit offeriert. Humboldt sprach einmal von der Mannigfaltigkeit der Situationen, der junge Menschen ausgesetzt werden müssen. Sie müssen nicht alle ergreifen.“ (2)

In das gleiche Horn blies Univ.-Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin: „Die humanistische Bildungstradition seit Platon legt Wert darauf, dass Bildung ein Selbstzweck sei, dass sich Bildung nicht erst als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke rechtfertigt. Im Zentrum des Humanismus steht daher die Persönlichkeitsbildung (nicht Macht, Reichtum, Sieg etc.).“ (3)

Bildung zielt auf ebenso selbstständige wie empathiefähige Persönlichkeiten, nicht auf das bloße ökonomische Funktionieren von Menschen. Dieses Verständnis von Bildung scheint seit der Jahrtausendwende leider im PISA-Wirbel untergegangen zu sein. „Die Betonung der allgemeinen Bildung ist auch kein Relikt von Elitedenken oder klassenspezifischer Erziehung. Führende amerikanische Pädagogen verknüpften von Anfang an allgemeinbildende Erziehung mit der Heranbildung gut informierter, selbstständig denkender und empathiefähiger demokratischer Bürger“, rief Univ.-Prof. Dr. Martha Nussbaum trefflich in Erinnerung. (4)

Es ist dringend an der Zeit, dass die für Bildungspolitik Verantwortlichen auch in unserem Land endlich begreifen, dass man der Expertise der LehrerInnen wieder mehr Vertrauen schenken muss. Gebt den Fachleuten der Schulwirklichkeit endlich wieder mehr Freiheiten, um Kinder und Jugendliche für Ideale zu begeistern, und die Zeit, sich der Entwicklung ihrer Persönlichkeit widmen zu können! Mindestanforderungen haben natürlich ihre Berechtigung. Die Norm und das Fokussieren auf deren Erfüllung dürfen aber nicht mit Bildung verwechselt und wahrhaftige Bildung nicht am PISA-Altar geopfert werden.

(1) Charles Fadel u. a., Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen (2017), S. 1.

(2) ORF III vom 10. September 2014.

(3) Julian Nida-Rümelin, Der Akademisierungswahn (2014), S. 48.

(4) Martha Nussbaum, Nicht für den Profit! Warum Demokratie Bildung braucht (2012), S. 31f.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Herbert Weiß: Missverständnis oder Umdenken?

  1. Einspruch, Einspruch!
    “ … wurden in den letzten Jahren die Freiheiten der LehrerInnen bei der Unterrichtsgestaltung und der Gewichtung der Inhalte massiv eingeschränkt und die Allgemeinbildung sträflich vernachlässigt.“
    Wenn in Bezug auf die Allgemeinbildung Vernachlässigungen stattgefunden haben (sollten), dann lag es an uns Lehrenden. Niemand zwingt mich als Lehrperson bei allem, was auch immer so „Furchtbares“ mir aufgetragen
    wird zu unterrichten – Warum tue ich das? – , „informierte, selbstständig denkende und empathiefähige“, „für Ideale begeisterte“, dem „Humanismus“ zugetane, in ihrer „Persönlichkeit“ gebildete Menschen heranzuziehen. Das gelingt m. M. am besten durch Vorbildwirkung und bedarf keiner weiteren Werteinheiten.
    Walther Stuzka, PG Neulandschule, 910026

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