Herbert Weiß: Englische Kehrtwende

Vor ein paar Tagen erschien im „Guardian“ ein Artikel, den ich vielen „BildungsexpertInnen“ und auch so manchen MitarbeiterInnen des Bildungsministeriums nur wärmstens empfehlen kann. (1) In ihm wird berichtet, dass im britischen „Office for Standards in Education, Children’s Services and Skills“ (Ofsted), einem Institut, das etwa Österreichs BIFIE entspricht, in Bezug auf Schulinspektionen ein grundlegendes Umdenken eingesetzt habe. Man wolle sich in Zukunft weniger auf die Ergebnisse externer Testungen konzentrieren und mehr Augenmerk auf das Schülerverhalten und den Fächerkanon legen. Durch die Konzentration der Inspektionen auf die Prüfungsleistungen habe sich in Großbritannien der Druck auf alle in den Schulen Tätigen erhöht, die „richtigen“ Ergebnisse zu liefern. Die Qualität des Unterrichts habe darunter gelitten. In Zukunft sollten nicht jene Schulen belohnt werden, die gute Testergebnisse liefern, sondern jene, die ihren SchülerInnen ein breites Angebot bieten.

Uns LehrerInnen mögen diese Erkenntnisse nicht gerade spektakulär erscheinen. Für England ist diese Wendung aber geradezu sensationell. Denn kein anderes europäisches Land wurde von dem aus den USA gekommenen Bazillus der Ressourcensteuerung über die Ergebnisse zentraler Testungen bisher so stark infiziert wie Großbritannien.

Mich erfüllen diese Nachrichten mit Dankbarkeit und Stolz. Der Dank gilt der Politik, dass man bei uns diesem Irrweg allem Druck der veröffentlichten Meinung zuwider nicht gefolgt ist. Stolz bin ich auf unsere Arbeit als Standesvertretung. Durch unsere Warnungen vor kontraproduktiven High-Stakes-Testungen und die Hinweise auf bildungswissenschaftliche Untersuchungen, die die qualitätsmindernden Auswirkungen dieser verfehlten Politik dokumentieren, konnten wir dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Darüber bin ich glücklich, darauf bin ich stolz.

Ich betone ausdrücklich, dass ich nicht gegen Testungen an sich bin. Diese sollten aber Rückmeldungen an die SchülerInnen, ihre Eltern und die Lehrpersonen liefern, SchülerInnen motivieren, zur Verbesserung des Unterrichts beitragen und den Eltern Anhaltspunkte für die richtige Wahl einer weiterführenden Schule liefern. Sie dürfen sich aber keinesfalls auf die Ressourcenzuteilung an die Schulen auswirken und Lehrkräfte und Schulstandorte bedrohen.

Ich trete dafür ein, dass Schulen, die besondere Herausforderungen zu meistern haben (etwa durch einen besonders hohen Anteil von SchülerInnen aus Familien, die einen Bildungserfolg erschweren), zusätzliche Ressourcen bekommen. Die Betonung liegt aber auf dem Wort ZUSÄTZLICH. Es ist ein Irrglaube, dass man das Geld für diese Schulen durch Umverteilung lukrieren könnte. Zusätzliche Aufgaben bedingen zusätzliche Mittel. Und Österreichs Schulwesen hat erhebliche zusätzliche Aufgaben zu meistern, wie inzwischen auch Österreichs Schulpolitik realisiert hat.

Wer Österreichs Schulwesen die notwendigen Ressourcen verweigert, zwingt es in die Knie. Jene Eltern, die es sich leisten können, werden für ihre Kinder dann andere Wege finden und für einen Schulplatz mehr zahlen, als andere verdienen. Eine solche Entwicklung möge Bildungskonzernen wie Pearson gefallen (2), für mich wäre sie eine Horrorvision.

(1) Richard Adams und Matthew Weaver, Ofsted inspectors to stop using exam results as key mark of success. In: The Guardian online vom 11. Oktober 2018.

(2) Siehe Eckehard Quin, Wie Sex im viktorianischen England … In: QUINtessenzen vom 20. Juni 2015.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Herbert Weiß: Englische Kehrtwende

  1. Der Kern des Guardian-Artikels:
    Spielman said the new quality section would focus on the curriculum taught within a school, rewarding those that offer pupils a broad range of subjects.
    “Ofsted will challenge those schools where too much time is spent on preparation for tests at the expense of teaching, where pupils’ choices are narrowed or where children are pushed into less rigorous qualifications mainly to boost league table positions,” Spielman said.
    The other major change involves looking at behaviour and pupil attitudes in a single category, signalling a more critical view to how schools deal with classroom behaviour.
    “We believe that the tough business of behaviour and the attitudes pupils bring to learning and a school’s approach to things like attendance, bullying and exclusions are best considered separately,” Spielman said.

    1. “Broad range of subjects”: Angesichts der vorgegebenen Werteinheiten und Stunden müssten Österreichs Schulen hier eigentlich alle dieselbe Note bekommen. Es sei denn, man stufte z.B. ein RG prinzipiell besser ein als ein Gymnasium, weil die Lateinstunden, die im Gym. ja nur auf EIN Fach entfallen, im RG auf MEHRERE Fächer verteilt sind.
    2. „schools where too much time is spent on preparation of tests at the expense of teaching“: Da bin ich neugierig, was bei unserer gymnasialen Oberstufe herauskäme, wo in den Zentralmatura-Fächern “teaching to the test” auf Teufel komm’ raus betrieben wird.
    3. „looking at behaviour and pupil attitudes in a single category“: Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was mit „single category“ gemeint ist: Kürzlich hat unser Bildungsminister gesagt, leistungsbezogene Lehrergehälter werde es nicht geben (diese Forderung steht offenbar im Koalitionspakt drin), weil man diese Leistung nicht messen kann. – Recht hat er. Ebenso wenig kann man aber „behaviour“ und „attitudes“ messen.

    Zu Herbert Weiss: „Stolz bin ich auf unsere Arbeit als Standesvertretung. Durch unsere Warnungen vor kontraproduktiven High-Stakes-Testungen und die Hinweise auf bildungswissenschaftliche Untersuchungen, die die qualitätsmindernden Auswirkungen dieser verfehlten Politik dokumentieren, konnten wir dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Darüber bin ich glücklich, darauf bin ich stolz.“

    Die mit Abstand „higheste“ aller Testungen im österreichischen Schulsystem ist die Zentralmatura. Das sieht dann in der Praxis so aus:
    Karli ist ein sehr guter Schüler und schafft die Zentralmatura mit Vorzug – eine Prüfung, bei der, gesamt gesehen, vielleicht 10% durchfallen (wenn man die Nicht genügend in allen Fächern zusammenzählt).
    Ein paar Wochen später tritt er zum Aufnahmetest für Mediziner an und scheitert – kein Wunder, denn diesen Test schaffen fast 90% nicht. DAS ist eine wirkliche High-Stakes-Testung, denn da verliert man an einem Tag ein ganzes Jahr.
    Da Karli aber so gute Noten bei der Matura hatte, darf er sein Medizinstudium in Deutschland absolvieren, denn dort gilt ein numerus clausus, und zwar auch für EU-Bürger.
    Bleibt die Frage: Was für einen „wesentlichen Beitrag“ zum Thema „High-Stakes-Testungen“ hat die Standesvertretung, auf deren Arbeit H. Weiss so stolz ist, in diesem kuriosen System geleistet?

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