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Herbert Weiß: Potemkinsche Dörfer

Österreichs BildungspolitikerInnen haben ebenso wie Österreichs selbst- oder von der Politik ernannte „BildungsexpertInnen“ gegenüber den viel gescholtenen LehrergewerkschafterInnen einen großen Vorteil: Sie werden bei der Entwicklung ihrer Utopien nicht durch Kenntnisse über die wirkliche Situation in den österreichischen Schulen belastet und gebremst.

Während die LehrergewerkschafterInnen lange Jahre selbst LehrerInnen waren und meist auch noch sind, kennen Politik und „BildungsexpertInnen“ die Schulen – abgesehen von ihrer Schulzeit – meist nur von außen oder von lange vorangekündigten und wohl vorbereiteten Besuchen, die ihnen oft Potemkinsche Dörfer zeigen. Manche der Damen und Herren halten dies vielleicht tatsächlich für die schulische Realität.

Wenn diese Personen nun glauben, dass man im österreichischen Schulwesen alles umkrempeln müsse, und so viel Unsinn verzapfen, dass wir kaum mehr mit den Richtigstellungen nachkommen, könnte man ob ihrer Ahnungslosigkeit fast schon Mitleid empfinden. Ich erwarte mir aber von Leuten, die sich als BildungspolitikerInnen bezeichnen oder mit ihren „Expertisen“ über die Schule viel Geld verdienen, mehr Bezug zur Realität.

Dass aber jemand, der selbst lange Zeit Schuldirektor war, wie dies beim Bildungssprecher der Grünen der Fall ist, auch nur darüber nachdenken kann, einer Reform wie dem „Autonomiepaket“ zuzustimmen, die den Weg für größere Klassen und Gruppen an Österreichs Schulen ebnet, ist mir unbegreiflich. Kann es vielleicht daran liegen, dass er in seiner ideologischen Verbohrtheit, endlich die Gesamtschule in Österreich etablieren zu wollen, alle Nachteile billigend in Kauf nimmt? Oder will er gar die Staatsfinanzen auf Kosten der Bildungsqualität in Österreich sanieren? Dafür spräche folgende Forderung, die Mag. Dr. Harald Walser als Bildungssprecher der Grünen schon vor über drei Jahren gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Faymann aufgestellt hat: „Machen Sie eine gemeinsame Schule, da hätten Sie ein Einsparungspotenzial.“ (1)

Wie treffend formulierte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Was das Bildungsverständnis betrifft, sind auch viele unserer Bildungsexperten und Bildungspolitiker Bildungsferne.“ (2)

(1) Faymann verteidigt Heinisch-Hosek. In: Niederösterreichische Nachrichten online vom 24. April 2014.

(2) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild: Potemkin Village Facade Auckland, Wikimedia Commons.

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Bretter, die die Welt bedeuten

Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.

A theater stage with a red curtain, seats and a spotlight. Vector.

Diese Aussage des Wiener Bürgermeisters hat hohe Wellen geschlagen – und sie hat etwas bewirkt, was „sein von absolutistisch-populistischer Präpotenz geprägtes Politik-Verständnis“ (1) wohl nicht erahnt hat: im Vergleich zu früher erstaunlich viele Kommentare, in denen für die Pädagogen (2) dieses Landes Partei ergriffen wird.

Es bewegt mich, dass die Diskussion sehr unsachlich und mehr als zynisch geführt wird! […] Die Politiker sollten sich nicht ungestraft mit populistischen Wortspenden ihr Mütchen kühlen“, schreibt Herbert Steinböck. (3) Christa Kummer tut es „in der Seele weh. Der Lehrer-Job sollte der höchstdotierte im Lande sein. […] Einen Quadratmeter, einen Computer für 30 Lehrer, dafür aber keine Rückendeckung vom Direktor, von den Eltern, von den Medien und von der Politik.“ (4) Reinhold Bilgeri hält den Häupl-Sager für „diffamierend. […] Die Gesellschaft sollte mit den Menschen, die unsere Kinder in den wichtigsten Entwicklungsphasen begleiten, respektvoller umgehen […] Sollen doch die Basher & Prügler einmal 7 Stunden am Tag mit jeweils 25 Pubertierenden arbeiten und dann daheim noch 60 Schularbeiten korrigieren. Ich weiß nicht, ob ihnen dann noch die Klappe aufgeht …“ (5)

Aber auch Politiker stellten sich demonstrativ hinter die Lehrer. Der FPÖ-Bildungssprecher im Nationalrat meinte lapidar, der „Wahlkampfrülpser richte sich von selbst“. (6) „Wenn Politiker anfangen, auf das eigene Personal zu schimpfen, sollten sie ihren Job an den Nagel hängen“, richtete die Wiener NEOS-Spitzenkandidatin dem Bürgermeister aus. (7) Der Grüne Bildungssprecher kritisierte, dass „die Lehrkräfte das völlig aus dem Ruder gelaufene Unterrichtsbudgets [sic!] mit zwei Stunden Gratis-Mehrarbeit retten“ sollen und fügte hinzu: „Ich unterstütze den Widerstand der Lehrkräfte.“ (8)

Auch in den Regierungsparteien regten sich einige kritische Stimmen. Der ehemalige SPÖ-Vorsitzende Oberösterreichs hielt fest: „Eigentlich ist es eine Zumutung, in einer führenden Funktion bei so einem Anlass wie 70 Jahre SPÖ so zu reden.“ (9) Die Vorsitzende der SPÖ-Frauen Oberösterreich, eine Lehrerin, twitterte: „Michel Häupl, du wärst, wenn du so arbeitest wie ich, schon Dienstag Mittag [sic!] fertig? Die Kids und ich halten meist immer bis Freitag durch.“ (10) Die Innenministerin und ÖAAB-Bundesobfrau meinte: „Die Bundesregierung hat versprochen, dass die Steuerreform eine Entlastung für alle Arbeitnehmer bringt und dass sie sie nicht selbst finanzieren müssen.“ Das, was derzeit „veranstaltet wird“, sei ein „eindeutiger Wortbruch“, was ihr aber prompt den Vorwurf des SPÖ-Bundesgeschäftsführers einbrachte, sie agiere „populistisch und unprofessionell“. (11)

„Willkommen Österreich“ nahm den Häupl-Sager aufs Korn: „Für so eine Bemerkung bekommt man normalerweise einen Fetz’n – außer man hat schon einen“, so Christoph Grissemann. „Häupl hat sich danach auch nicht im klassischen Sinn entschuldigt. Er hat gesagt, er sei bloß falsch interpretiert worden. Die Lehrer seien einfach zu blöd, ihn zu verstehen“, ergänzte Dirk Stermann. (12)

Bei alldem darf man allerdings nicht auf Faymann und Co. vergessen. „Was ich aber wirklich unerträglich finde, ist diese abgrundtief verlogene Formulierung: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen““, schreibt der AHS-Direktor Christian Schacherreiter. Diese manipulative Schönfärberei betreibt nicht nur der Bundeskanzler, sondern dieser Sprache bedienen sich auch andere Regierungsmitglieder von SPÖ und ÖVP. „Zur Ehrenrettung jener Politiker, die diese Formulierung verwenden, könnte man anführen, dass sie vielleicht sogar glauben, was sie sagen. Um dies datenbasiert zu klären, schlage ich folgenden kompetenzorientierten Test vor: Ein österreichischer Politiker sagt: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen.“ Ist er A) ignorant) B) verlogen – oder C) einfach nur ein Trottel?“ (13)

Mir fällt dazu nur das geflügelte Wort des deutschen Kabarettisten Werner Finck ein: „Auch die Bretter, die mancher vor dem Kopf trägt, können die Welt bedeuten.“

(1) Markus Ebert, Bärendienst. In: Neues Volksblatt vom 16. April 2015.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Dieter Chmelar und Christine Karner, Sprechtag. In: Kurier vom 19. April 2015, S. 40.

(4) a.a.O.

(5) a.a.O.

(6) FPÖ-Walter Rosenkranz: Häupl nur bei den anderen reformwillig. OTS-Aussendung vom 15. April 2015.

(7) NEOS Meinl-Reisinger ad Häupl: Populistische Sager bringen uns in der Bildungspolitik nicht weiter. OTS-Aussendung vom 14. April 2015.

(8) Walser zu Ministerratsbeschluss: Heinisch-Hosek wird sich eine blutige Nase holen. OTS-Aussendung vom 14. April 2015.

(9) Karin Leitner, Roter Spitzen-Gewerkschafter stellt Häupl infrage. In: Kurier online vom 16. April 2015.

(10) Lisa Nimmervoll, Schulexpertin: Generell zwei Stunden mehr Unterricht wäre „fatal und ungerecht“. In: Standard online vom 16. April 2015.

(11) Mikl-Leitner sieht Wortbruch bei Steuerreform. In: Standard online vom 17. April 2015.

(12) Häupl-Sager in „Willkommen Österreich“ vom 21. April 2015.

(13) Christian Schacherreiter, A) ignorant B) verlogen C) einfach nur ein Trottel; am 21. April 2015 auch in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ erschienen.

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Gerhard Riegler: Das Gymnasium hat Zukunft!

Die „Schicksalswahlen“ für das Gymnasium endeten vorgestern mit einem erfreulichen Ergebnis.

K1024_OEPU-buttonIch danke allen Kolleginnen und Kollegen, die der ÖPU / FCG in so schwierigen und kritischen Zeiten bei den Personalvertretungswahlen ihr Vertrauen geschenkt haben. Mit einem Stimmenanteil von fast 60 Prozent werden wir uns weiterhin mit aller Kraft für das Gymnasium, das wir in seiner Lang- und Kurzform für einen unverzichtbaren Wert halten, und seine Lehrerinnen und Lehrer einsetzen.

Wie wichtig dieses für Politik und Medien unübersehbare Votum ist, zeigen die laut Medienberichten geradezu skurrilen Ergebnisse der gestern präsentierten „Studie“ zur „Gemeinsamen Schule“ in Vorarlberg: Für eine „Schule für alle“ waren 56 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern, für den Erhalt des aktuellen Systems gab es Zustimmung vom 51 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern. (1) Offenbar handelt es sich bei der Auswertung um „kompetenzorientiertes“ Prozentrechnen.

Für LH Wallner, den Grünen Bildungssprecher Walser (2) und den IV-Präsidenten Kapsch bedeutet diese „Studie“ wohl trotzdem Wasser auf ihre Gesamtschulmühlen.

Meine bayrischen KollegInnen, mit denen ich seit Jahren in intensivem Kontakt stehe, schütteln ob dieser Gesamtschul-Initiativen nur ungläubig den Kopf. Der Wirtschaftsstandort Bayern, der keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht, basiert auf einem höchst vielfältigen Schulsystem.

Auch die Vorarlberger Bevölkerung lehnt laut jüngsten Umfragen die Gesamtschule mit weit über 70 Prozent ab. Doch Vorarlbergs und Tirols Landeshauptleute wenden bei ihrem Blick über die Grenze Bayern den Rücken zu und fabulieren vom Vorbild Südtirol. „Studien“ wie die zur „Gemeinsamen Schule“ in Vorarlberg sollen dafür dann auch noch den Auftrag der Bevölkerung simulieren.

Gemeinsam werden wir der Abschaffung des Gymnasiums entschlossenen Widerstand entgegensetzen. Das Wahlergebnis ist ein eindrucksvoller Auftrag dafür!

(1) Siehe Julia Neuhauser, Gesamtschule: Mehrheit sieht Vorteile. In: Presse online vom 27. November 2014.

(2) Siehe Gesamtschule: „Frau Minister, worauf warten Sie noch?“ In: Presse online vom 28. November 2014.

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Gerhard Riegler: Tag(e) des Gymnasiums

Am heutigen 14. November, dem „Tag des Gymnasiums“, fanden quer durch Österreich beeindruckende Demonstrationen der Vitalität der AHS statt.

Ich durfte in den letzten Wochen viele „Tage des Gymnasiums“ erleben. Im Vorfeld der Personalvertretungs- und Gewerkschaftswahlen war ich an zahlreichen Schulen eingeladen und konnte eine bunte Vielfalt schulischer Wirklichkeit erleben, konnte tausenden AHS-LehrerInnen, für die ich seit vielen Jahren als „höchster“ Personalvertreter mein Bestes zu geben versuche, in die Augen blicken und mich ihren Fragen und Anliegen stellen. 100 Mails am Tag – und meistens sind es mehr – können trotz aller Vorteile digitaler Kommunikation diesen persönlichen Kontakt nicht ersetzen!

Es bewegt mich, junge KollegInnen in den Konferenzzimmern zu sehen, um deren berufliche Existenz wir gekämpft haben und weiter kämpfen werden. Dass wir diese jungen LehrerInnen ebenso wie diejenigen, die in den nächsten fünf Jahren in unsere Berufsgruppe eintreten, dem neuen Lehrerdienstrecht im letzten Moment entreißen konnten, habe ich neben ihnen stehend als besonders beglückend empfunden.

Allen KollegInnen, die der Öffentlichkeit am „Tag des Gymnasiums“ einmal mehr vor Augen führten, dass das Gymnasium eine tragende Säule unseres differenzierten Schulwesens ist, sei herzlich gedankt! Wir bieten Österreichs Jugend Chancen, von denen ihre Altersgefährten in der Mehrzahl der EU-Staaten leider nur mehr träumen können.

Wie wichtig unser Engagement für das Gymnasium ist, beweist auch die SPÖ Tirol, die beim Bundesparteitag neben einem Antrag zur Cannabis-Legalisierung auch einen zur Abschaffung des Gymnasiums in seiner Langform einbringen will. „Ganz Tirol soll zu einer Gesamtschulmodellregion werden“, fordern die Tiroler GenossInnen. Die „Bildungsministerin müsse dafür sorgen, dass Lehrer sowie Eltern solche Schulversuche gar nicht mehr durch Abstimmung verhindern können“. (1) Schluss mit demokratischer Mitbestimmung der Betroffenen, her mit dem Diktat der Politik! Ein Aufschrei der vorgeblich „basisdemokratischen“ Grünen gegen diesen unglaublichen Anschlag auf die demokratischen Rechte von LehrerInnen und Eltern ist selbstverständlich nicht zu vernehmen. Für Vorarlberg fordern sie ja dasselbe. (2) 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer stimmt mich ein solches „Demokratieverständnis“ besonders nachdenklich. Wissen manche den Wert der Freiheit nicht mehr zu schätzen?

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Der 26. und 27. November 2014 sind besondere „Tage des Gymnasiums“. Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek, die an ihren Vorurteilen gegenüber den GymnasiallehrerInnen festhält (3), der Grüne Bildungssprecher Walser, Wirtschaftskammerpräsident Leitl und andere warten gespannt auf das Wahlergebnis: Werden die österreichischen AHS-LehrerInnen die wahlwerbenden Gruppierungen stärken, die für den Erhalt der AHS-Langform und damit auch um zwei Drittel der Arbeitsplätze im AHS-Bereich kämpfen, oder werden Sie für die angeblich „unabhängige“ Gruppierung votieren, die seit Jahren deren Abschaffung fordert?

Ich hoffe auf Festtage für das Gymnasium! Möchtegern-TotengräberInnen des Gymnasiums mögen sehr deutlich erfahren: Das Gymnasium lebt!

(1) Katharina Mittelstaedt, Roter Parteitag: Tiroler SPÖ will sich für Cannabis-Legalisierung starkmachen. In: Standard online vom 11. November 2014.

(2) Vorarlberg: Rauch (Grüne) ist „stolz“. In: Ö1-Mittagsjournal vom 8. Oktober 2014.

(3) BM Gabriele Heinisch-Hosek in der ATV-Sendung „Klartext“ am 3. November 2014.

Karikatur von Andreas Paar.

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Evolution oder Bankrotterklärung?

Die Leute, die sich rühmten, eine Revolution gemacht zu haben, haben noch immer am Tag darauf gesehen, dass sie nicht wussten, was sie taten, dass die gemachte Revolution jener, die sie machen wollten, durchaus nicht ähnlich sah“, schrieb Friedrich Engels 1885. Diese Erkenntnis scheint sich – Gott sei Dank – auch bei der österreichischen Bundesregierung durchzusetzen. Die österreichische Schule benötigt keine Revolution – und die in ihr arbeitenden SchülerInnen und LehrerInnen schon gar nicht. Evolution ist angesagt.

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Ich halte daher das „6-Punkte-Programm“ zur Bildung, das gestern nach der Regierungsklausur in Schladming präsentiert worden ist, für sehr erfreulich. Es richtet das Augenmerk auf bestehende Probleme und ihre inhaltliche Lösung – und nicht auf sinnlose bis sinnwidrige Strukturdebatten:

  1. bessere Zusammenarbeit und besserer Übergang zwischen Kindergarten und Volksschule
  2. Sprach- und Leseförderung von Anfang an
  3. mehr Entscheidungsmöglichkeiten am Schulstandort
  4. Qualitätsoffensive für ganztägige Schulformen
  5. mehr Bewegung für SchülerInnen in ganztägigen Schulformen
  6. Initiative Erwachsenenbildung v.a. zum Nachholen des Pflichtschulabschlusses

Das Wegschauen, das Gleichbehandeln von Ungleichem und der damit verbundene Raub an Chancen hat Österreich Probleme beschert, an deren Behebung noch Jahrzehnte zu arbeiten sein wird. Nur ein Beispiel: 54,6 % der VolksschülerInnen Wiens sprechen Deutsch nicht als Umgangssprache. In anderen Einwanderungsstaaten ist das Erlernen der Sprache des Einwanderungslandes eine Selbstverständlichkeit, da das eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Integration darstellt. Deshalb ist eine Formulierung in Punkt 2 so beachtenswert. Hier scheint endlich eine Denkblockade gefallen zu sein, die in der Vergangenheit hunderttausenden Menschen faire Bildungschancen geraubt hat:

Kinder und Jugendliche werden in der Unterrichtssprache Deutsch gezielt gefördert. Schüler/innen mit Sprachdefiziten (sowohl Schuleinsteiger als auch Seiteneinsteiger) sind insbesondere im Ballungsraum in vorbereitenden Klassen in der Sprache fit zu machen, damit der schnellstmögliche Eintritt in das Regelschulsystem gewährleistet werden kann. Hierbei wird schulautonom auf das Umfeld (Anteil der Schüler/innen mit Migrationshintergrund, Bildungsverbünde von mehreren Schulen in Ballungsräumen etc.) Bedacht genommen.“ (1) (meine Hervorhebung)

So viel Vernunft freut natürlich nicht jeden. Die Grüne Opposition spricht von einer „Fortschreibung der schwarzen Blockadepolitik“ und einer „Bankrotterklärung von sozialdemokratischer Bildungspolitik“. (2) Da ich zwar oftmals nicht einer Meinung mit dem Grünen Bildungssprecher bin, ihn aber für einen intelligenten Mann halte, lege ich ihm die Erkenntnis eines Teilnehmers am Wiener Kongress ans Herz: „Opposition ist die Kunst, so geschickt dagegen zu sein, dass man später dafür sein kann.“ (Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord)

(1) Der Weg zur besten Bildung: 6-Punkte-Programm (26./27. September 2014), S. 2.

(2) Regierung: Kinder sollen Deutsch möglichst früh beherrschen. In: Presse online vom 27. September 2014.

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Geld oder Leistung

Ich finde es gut, wenn die 8-jährige Langform des Gymnasiums erhalten bleibt.“ Die Zustimmung zu dieser Aussage ist unter den wahlberechtigten Österreichern (1) mehr als doppelt so hoch wie die Ablehnung. (2)

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Zu diesem Ergebnis kommt eine vom „Standard“ in Auftrag gegebene Umfrage des Market-Instituts – und die Blattlinie des „Standard“ kann man wohl kaum als gesamtschulfeindlich charakterisieren. Die genauere Analyse ergibt, dass sich „sogar unter SPÖ-Wählern […] eine relative Mehrheit dafür“ findet – „und damit für eine Absage an die Gesamtschule.“ Selbst die Anhänger der Grünen sind „mit einer sehr schwachen relativen Mehrheit für das Gymnasium“. (3)

Davon hebt sich deutlich ab, was ich vor wenigen Tagen gelesen habe. Die „rote“ Schülerorganisation fordert die Gesamtschule mit folgenden Worten: „Die Leistung von jungen Schülerinnen und Schülern hängt nach wie vor nicht von den Begabungen der Kinder ab, sondern vom Geldbeutel der Eltern. […] Das Gymnasium in seiner jetzigen Form und auch mit zusätzlichen Aufnahmetests fördert nur eine Elite, die das Geld hat sich das zu leisten und alle anderen fallen unter den Tisch.“ (4) Und der Grüne Bildungssprecher sieht „durch das absurde Aussortieren“ von Zehnjährigen überhaupt „die pädagogische Steinzeit“ am Horizont heraufziehen. Mit der Forderung nach einer AHS für Leistungsstarke „wäre der Zugang nur noch für Kinder aus gutbürgerlichen Haushalten gewährleistet, die durch massive privat finanzierte Nachhilfe ihrem Kind einen Zugang zum Gymnasium ermöglichen würden“. (5)

Es ist zweifellos richtig, dass der Schulerfolg in beträchtlichem Maß vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängt – und zwar in allen Staaten der Welt. In keinem Teilnehmerland am „Erwachsenen-PISA“ PIAAC (6) hängt die Lesekompetenz jedoch derart stark vom sozioökonomischen Hintergrund ab wie in den USA, einem Gesamtschul-Urgestein. Europas traditionsreiche Gesamtschulstaaten Frankreich, England und Italien folgen auf den Plätzen. Aber auch in Finnland, dem Liebling der Gesamtschulapologeten, ist diese Abhängigkeit größer als in Österreich. (7)

Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Differenzierung erfolgt nach Leistung oder nach Geld. Wird auf Leistung gesetzt, haben in einem qualitativ hochwertigen, staatlich finanzierten Schulwesen auch Kinder aus unterprivilegierten Verhältnissen eine reelle Chance auf bestmögliche Bildung. Führt man ein staatliches Gesamtschulwesen ein, bringen die Reichen – koste es, was es wolle – ihre Kinder in exklusiven Privatschulen unter, was alle Gesamtschulländer mit langer Tradition beweisen. Mir ist es daher nach wie vor unverständlich, dass Politiker, die in Sonntagsreden ständig von sozialer Gerechtigkeit reden, ein derart unsoziales System fordern können.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Der Aussage stimmen 59 % der wahlberechtigten Österreicher zu. Lediglich 27 % tun das nicht. Die restlichen Befragten machten keine Angaben. Siehe Conrad Seidl, Umfrage: Mehrheit will Ehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle. In: Standard online vom 3. November 2013. Die Grafik findet man hier.

(3) a.a.O.

(4) Presseaussendung der AKS vom 7. November 2013.

(5) Presseaussendung der Grünen vom 7. November 2013.

(6) PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“.

(7) OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 117.

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Verdienen wir es?

Rund 1.700 Stellungnahmen sind zum Begutachtungsentwurf eines neuen Lehrerdienstrechts abgegeben worden. (1) Die meisten stammen von Schulen und einzelnen Lehrern. (2) Zwei zustimmende habe ich tatsächlich entdeckt – die des Wiener SP-Bildungsstadtrats Oxonitsch, des Vorsitzenden der „Kinderfreunde“, und die der Arbeiterkammer, die offenbar als SPÖ-Außenstelle betrieben wird.

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2 von 1.700 … Damit dürfte die von der Politik oft vorgebrachte Mär nicht länger haltbar sein, nur die Lehrergewerkschaften lehnten diesen „Schmarr’n“ (© Fritz Neugebauer) ab, Lehrer jedoch würden dazu in Chören Hallelujah singen (© Gabriele Heinisch-Hosek). Oder wie es die Grünen ausdrücken: „Beim Lehrerdienstrecht will Glawischnig eine Reform auch ohne Zustimmung der Gewerkschaft, weil sie glaubt, dass es nicht alle Lehrerinnen und Lehrer so sehen wie ihre Gewerkschaft.“ (3)

Welche Positionen die drei Mittelparteien SPÖ, ÖVP und FPÖ vertreten, ist jedem bekannt. Ich erlaube mir nach der Begutachtung und vor den Wahlen, die auch die Zukunft der österreichischen Schule bestimmen, einen kurzen Blick auf die Kleinen:

Dass Stronach und Gewerkschaft ein Oxymoron sind, versteht sich. Das Team Stronach benötigt aber auch noch ein bisschen Nachhilfe in politischer Bildung. Einen Beschluss des Dienstrechts in einer Sondersitzung des Nationalrats zu fordern, bevor noch die Begutachtungsfrist zu Ende ist, zeugt von einem eigenwilligen demokratischen Verständnis.

Eine besondere Liebe zum öffentlichen Dienst entwickelten die NEOS. „Lohn- und Gehaltsbremse im öffentlichen Dienst […] durch das Einfrieren der Gehaltssumme für die nächsten 5 Jahre – Einsparungspotenzial mittelfristig ca. 1 Mrd. EUR pro Jahr“, liest man in ihrem Programm. Anders ausgedrückt: Jeder im öffentlichen Dienst beschäftigten Person soll in Zukunft durchschnittlich 200 Euro monatlich als Sonderopfer abverlangt werden!

Eva Glawischnig mag zwar – wie ich – keine Legebatterien für Hühner. Für Lehrer wären sie aber in Ordnung: „Ich wünsche mir Lehrerinnen und Lehrer, die sich individuell mit jedem einzelnen Kind auseinandersetzen können, individuelle Förderung. […] Eine Kernzeit von 9 bis 15 Uhr.“ (4) Oder wie es der Grüne Bildungssprecher Walser vorrechnete: „Grüne fordern 30 Stunden Pflichtanwesenheit.“ (5) Wie ein Konferenzzimmer von innen aussieht, dürfte Frau Glawischnig nicht wissen und der karenzierte Direktor Walser schon vergessen haben.

Da ich über einen Koma-Patienten nichts Schlechtes sagen will, verkneife ich mir jede Anmerkung zum BZÖ.

Demokratie heißt, die Wahl haben. Diktatur heißt, vor die Wahl gestellt sein.“ (6) Die rund 1.700 Stellungnahmen sind für mich ein Ausdruck gelebter Demokratie – ebenso wie die Inanspruchnahme des Wahlrechts. Ich erlaube mir daher eine Bitte: Machen Sie am Sonntag von Ihrem Wahlrecht Gebrauch, so wie ich es tun werde und wie ich es bisher bei jeder Wahl getan habe, bei der ich wahlberechtigt gewesen bin. In vielen Staaten der Welt sterben Menschen im Kampf um dieses Recht, weshalb ich es als meine moralische Pflicht erachte, mein Wahlrecht zu nutzen.

Auf dem Weg zum Wahllokal werde ich wieder an George Bernard Shaw denken, der einst treffend bemerkte: „Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“ (7) Verdienen wir tatsächlich diese Schulpolitik?

(1) Lehrerdienstrecht: Rund 1.700 Stellungnahmen im Parlament eingelangt. Meldung auf der Website des Parlaments vom 26. September 2013.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek, Bundessprecherin der Grünen, Ö1 Mittagsjournal am 23. August 2013.

(4) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek, Bundessprecherin der Grünen, „Wahl 13“, ORF 2 am 17. September 2013.

(5) ORF-Online am 7. Juni 2013.

(6) Jeannine Luczak-Wild, schweizerische Literaturwissenschafterin.

(7) George Bernard Shaw: „Democracy is a device that insures we shall be governed no better than we deserve.

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