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Gerhard Riegler: Ein Danke an die LehrerInnen

Vieles, was derzeit an politischen Wortmeldungen über den Atlantik schallt, lässt einen je nach Temperament amüsiert, ungläubig oder betroffen den Kopf schütteln. Ich glaube nicht, jemals einen US-amerikanischen Vorwahlkampf auf ähnlichem Niveau erlebt zu haben.

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Umso schöner war es zu erfahren, was John King, seit knapp zwei Monaten US-amerikanischer Unterrichtsminister, am Montag quasi zur Eröffnung der „Teacher Appreciation Week“ zu sagen hatte:

This week, our nation recognizes and honors you for your tireless efforts on behalf of our students, everywhere from small towns and suburbs, to rural communities and Tribal lands, to big cities. Teachers have one of the most challenging and fulfilling jobs – literally shaping and changing lives …“ (1)

Es fällt mir wirklich schwer, das Zitat auf diese wenigen Zeilen zu beschränken. Ich empfehle Ihnen allen, sich diese berührende Botschaft zu Gemüte zu führen. John King spricht nämlich nicht nur als Unterrichtsminister, sondern auch als ehemaliger Schüler, Lehrer und den Lehrkräften seiner Töchter dankbarer Vater. Seine Aussagen beweisen seine Kenntnis der vielfältigen Aufgaben und Aspekte des Lehrerdaseins, hohen Respekt vor den LehrerInnen und Wertschätzung für ihre Arbeit, von der die Zukunft der Nation abhänge.

Wann werden wir solche Worte aus dem Mund unserer Unterrichtsministerin oder unseres Unterrichtsministers hören? Wer Einblick in die österreichische Schulwirklichkeit hat, wer die (nicht zuletzt infolge politischen Versagens) immens anwachsenden Herausforderungen kennt, mit denen Österreichs Schule konfrontiert ist, wer um das skandalöse Fehlen von Supportpersonal an Österreichs Schulen weiß, wer sich der immer extremeren Unterfinanzierung unseres Schulwesens bewusst ist und wer schließlich die im internationalen Vergleich beachtenswerten Ergebnisse unseres Schulwesens betrachtet, weiß, dass Österreichs LehrerInnen „for doing this incredibly challenging, but vitally important work for our nation’s children“ (2) John Kings beherzten Dank mindestens im selben Ausmaß verdienen.

Wie Studien und Meinungsumfragen immer wieder von Neuem bestätigen, vertraut Österreichs Bevölkerung unserem Schulwesen und der Arbeit von uns LehrerInnen trotz aller politischen Versuche, dieses Vertrauen durch medienwirksames Bashing zu untergraben, in einem deutlich höheren Ausmaß, als dies z. B. in den USA der Fall ist. Das muss und soll uns als Ersatz dienen, bis uns Anerkennung, Dank und Wertschätzung auch wieder von einem Unterrichtsminister oder einer Unterrichtsministerin ausgesprochen werden.

An Personen, die das dafür erforderliche Format haben, fehlt es gottlob nicht. Exemplarisch möchte ich Mag. Dr. Kurt Scholz, den amtsführenden Präsidenten des Wiener Stadtschulrats a. D., nennen und zitieren: „Krank ist nicht die Schule, krank sind nicht die Lehrerinnen und Lehrer. Aber krank ist eine Bildungsdiskussion, die mehr und mehr an Sitcoms erinnert.“ (3)

(1) John King, Thank You, Teachers. In: LinkedIn am 2. Mail 2016.

(2) a.a.O.

(3) Kurt Scholz, „Ohn‘ Fleiß kein Preis“: Das vergessene Motto der Schulreform. In: Presse online vom 19. April 2016.

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Gerhard Riegler: Lobrede auf die LehrerInnen

Alex Rühle schrieb als Redakteur im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ vor über einem Jahr eine „Lobrede auf die Lehrer“ und untertitelte sie „Motivationsdroge Mensch“. (1)

Am Ende eines turbulenten Unterrichtsjahres zitiere ich gerne aus diesem Artikel. Zum einen, weil Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sich dieses Lob mehr als verdient haben. Zum anderen, weil meine Zeilen auch am Minoritenplatz gelesen werden und ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass sie dort jemand beherzigt.

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Alex Rühle nimmt zwar auf Deutschland Bezug, seine Analyse trifft aber auf Österreichs Schulwesen mindestens genauso zu: „Aber insgesamt ist doch eher das Wunder, wie viel guter Unterricht in diesem Land abgehalten wird. Trotz des geradezu absurd anmutenden Reformwirrwarrs. Trotz der kultusministerialen Bürokratie. Trotz des krakenhaft wuchernden Verwaltungsirrsinns, der heute neben der pädagogischen Arbeit von allen Lehrern zu bewältigen ist.

Seit Jahrzehnten wird in bildungspolitischen Sonntagsreden von Entbürokratisierung und Verwaltungsvereinfachung gesprochen. Die Realität schaut leider ganz anders aus: „Schaut man sich mal an, was sich Monat für Monat an Direktiven, Erlassen, Konzeptpapieren aus den Kultusministerien in die Lehrerzimmer ergießt, könnte man meinen, Lehrer seien selbst betreuungsintensive Förderschüler. Hier pars pro toto ein paar Empfehlungen aus einem nordrhein-westfälischen Schulamtsblatt: Wichtig ist demzufolge die „Schaffung einer positiven Lernkultur“, wobei man als Pädagoge die „ressourcenorientierte Beratung auf systemisch-lösungsorientierter Basis“ und das „bedarfsorientierte Training nach dem Mini-Max-Prinzip“ genauso wenig aus dem Blick verlieren soll wie die „Vermittlung lernstilorientierter Strategien“ […]“

Angesichts dieser Flut an „Experten“-Sprech haben LehrerInnen einen großen Wunsch, der alles andere als unbescheiden ist: „Auf die Frage, was die Lehrer sich am dringendsten wünschten für einen besseren Unterricht, antworteten alle, egal, ob sie nun am Gymnasium, einer Haupt-, einer Grund- oder einer Realschule tätig waren: Zeit. Zeit für die Klasse. Zeit für den Stoff. Und Zeit für den einzelnen Schüler.

Alex Rühles Dank schließe ich mich aus vollem Herzen an: „Ihnen allen sei hier nochmals gedankt. Für die Zeit, die sie sich genommen haben für diese Gespräche. Vor allem aber für die Anteilnahme, Begeisterung und, ja, Liebe, mit der sie jeweils von ihrem Beruf und ihren Schülerinnen und Schülern sprachen.

(1) Alex Rühle, Lobrede auf den Lehrer. Motivationsdroge Mensch. In: Süddeutsche Zeitung online vom 19. Februar 2013.

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Sehnsucht nach einem neuen Juni-Ritual

In den „Salzburger Nachrichten“ wurde das „pädagogische Juni-Ritual“ so beschrieben: „Zuerst lässt das Ministerium schlagzeilentaugliche Daten durchsickern, diese werden von den Medien dankbar angenommen und in den letzten Schulwochen in verschiedensten Formen unters Volk gebracht. Die dadurch entstandene Stimmung ist für die Dienstgeberseite dann ideal, um schnell ein paar budgetschonende Husch-Pfusch-Reformen durchzudrücken, die fast immer zu Lasten der Schüler und Lehrer gehen. Und wenn Letztgenannte sich dann wehren, stehen sie – angesichts der bevorstehenden Ferien – als reformunwillige Faulpelze da.“ (1)

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Wir alle kennen das. Jedes Jahr vor den Sommerferien dürfen wir die mediale Schelte über die viel zu geringe Arbeitszeit von Lehrern (2), über die viel zu hohe Belastung von Schülern und Eltern durch Nachhilfe, über das viel zu häufige Wiederholen von Schulstufen, über die viel zu hohen Drop-out-Raten etc. über uns ergehen lassen. Da helfen auch noch so viele Daten und Studien nichts, die das genaue Gegenteil beweisen.

Wäre es nicht erfrischend, einmal auf dieses „Juni-Ritual“ zu verzichten und das Unterrichtsjahr mit Lob zu beenden? „Normalerweise werden über Lehrer Witze gerissen, sie werden beleidigt, beschimpft, für alles Unglück der Welt verantwortlich gemacht. […] Und dann gehen diese Lehrer mit diesen unseren Kindern in Schullandheime, von denen diese unsere Kinder mit leuchtenden Augen zurückkehren, weil sie feuerspucken durften und selber kochen mussten. Diese Lehrer verbringen Sonntage in Zusatzvorstellungen der Theater-AG, die sie an Montagen, Dienstagen, Mittwochen, Donnerstagen und Freitagen vorbereitet, angeleitet, ausgestattet, auf den Weg gebracht haben. Sie führen auf dem Schulfest mit bewegungsfaulen Schülern wunderbare Gruppentänze auf, sie spielen mit den Kindern aus der Bläserkids-Klasse Orchesterstücke, bei denen man sich so gar nicht an die Klänge etwa von Tochter E. beim Klarinetteüben (also Nichtüben) erinnert fühlt (also an quietschende, weil misshandelte Mäuse oder das Einlaufen eines Raddampfers in den Heimathafen). Und, und, und […] Diese Lehrer […] machen unsere Kinder (viele jedenfalls) ein bisschen weniger ungezogen, zickig, ungewaschen, vorpubertierend, impertinent, arrogant, vorlaut, unhöflich, dumm, böse, altklug und geistlos. Und dafür jetzt ein politisch völlig unkorrektes, aber von Herzen kommendes Dankeschön!“ (3)

Ich durfte heuer zwei 7. Klassen mit rund fünfzig Schülern unterrichten. Deren Leistungen in Chemie sind recht unterschiedlich, aber sie alle erinnern mich in jeder Unterrichtsstunde daran, warum ich gerne Lehrer bin. Wie viele Berufe können von sich schon behaupten, die Zukunft nachhaltig zu gestalten? Ich hoffe, dass es mir trotz der hohen Anforderungen, die ich an meine Schüler stelle, gelingt, meine Wertschätzung zu vermitteln, die jedem von ihnen unabhängig von der erbrachten schulischen Leistung gilt.

Wie wäre es mit einem neuen Juni-Ritual? Wir sagen einander ein herzliches Dankeschön. Danke Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, für Ihr Engagement und Ihre Unterstützung. Danke meinen Schülern für ihre Wertschätzung und die Nachsicht in Bezug auf meine Schwächen. Danke den Journalisten, von denen viele unter schwierigen Bedingungen um seriöse Berichterstattung bemüht sind. Und Danke auch an die verantwortlichen Politiker dafür, dass sie für ihre Funktionen zur Verfügung stehen. Bei aller inhaltlichen Kritik, mit der ich ganz bestimmt nicht spare – Hand aufs Herz, wer von uns wollte sich deren Job antun?

(1) Fritz Messner, Das pädagogische Juni-Ritual. In: Salzburger Nachrichten vom 5. Juni 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Matthias Hohnecker, Lob der Lehrer. In: Stuttgarter Zeitung vom 19. Mai 2013.

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Ohne Netz

Alex Rühle (1) ist ein mutiger Mann, versuchte er sich doch mitten in Deutschland als digitaler Eremit. Er kappte alle Kabel und Verbindungen und lebte nur noch offline, ohne Internet, E-Mail, Foren, Communities etc.

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Für mich ist Alex Rühle aber vor allem deshalb ein mutiger Mann, weil er in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Lobrede auf den Lehrer“ (2) verfasste, ein „Plädoyer für einen verkannten Beruf“. In Zeiten des inflationären Lehrerbashings hat er damit ein couragiertes Zeichen gesetzt.

Alex Rühle hat klar erkannt, unter welch betrüblichen Rahmenbedingungen wir Lehrer (3) unsere pädagogischen Aufgaben erfüllen müssen, und dies vielfach mit ungebrochenem Enthusiasmus:

  • Trotz des geradezu absurd anmutenden Reformwirrwarrs.
  • Trotz der kultusministerialen Bürokratie.
  • Trotz des krakenhaft wuchernden Verwaltungsirrsinns, der heute neben der pädagogischen Arbeit von allen Lehrern zu bewältigen ist.

Rühle lässt weiter aufhorchen, wenn er die Überforderung der Schulen auf den Punkt bringt: „Viele Schulen gleichen heutzutage pädagogischen Notfallambulanzen. In Zeiten zerfallender Familien, interkultureller Probleme und wachsender Armut müssen sie gleichzeitig kulturelle Integrationsmaschine sein und Lerninhalte vermitteln.

Auch die Rolle der Schulbehörde wird von Alex Rühle kritisch hinterfragt: „Schaut man sich mal an, was sich Monat für Monat an Direktiven, Erlassen, Konzeptpapieren aus den Kultusministerien in die Lehrerzimmer ergießt, könnte man meinen, Lehrer seien selbst betreuungsintensive Förderschüler.

Nur wenige von uns Lehrern werden wohl Alex Rühle bei seinem digital-eremitischen Selbstversuch folgen. „Ohne Netz“ müssen wir vielfach dennoch arbeiten. Bräuchten wir doch dringend ein Netz an Unterstützungspersonal, das uns auffängt, wenn die Probleme überhand nehmen. Über einem solchen Netz – da sind sich ausnahmsweise „Experten“ und Praktiker einig – ließe sich unsere pädagogische Kernarbeit viel leichter bewältigen.

Die Bildungsministerin schafft es aber nicht einmal, jenen Teil ihres Kerngeschäfts zu erledigen, der keinen Cent kosten würde, nämlich uns Lehrern glaubhaft Anerkennung und Wertschätzung zukommen zu lassen. Gegen den Wind des Boulevards und der Stammtische eine Lobrede auf den Lehrberuf zu halten, dafür reicht der Mut von Claudia Schmied offenbar nicht, denn das müsste sie ohne das Netz kleinformatiger Printmedien erledigen.

(1) Alex Rühle, geboren 1969, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Französisch, Philosophie und Theologie und ist seit 2001 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

(2) Alex Rühle, Lobrede auf den Lehrer. Motivationsdroge Mensch. In: Süddeutsche Online vom 19. Februar 2013.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

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Gerhard Riegler: Und wer hat’s erfunden?

Was noch vor wenigen Jahren Luxus war, den man sich selten vergönnte, steht heute via Internet täglich kostenfrei zur Verfügung: die Lektüre internationaler Medien, die nicht nur in ihrer Printversion Format beweisen.

Der regelmäßige Blick nach Deutschland ist mir besonders wichtig, weil er Einblicke in einen mit Österreich vergleichbaren Staat gibt, der aber aufgrund seiner extrem ausgeprägten föderalen Struktur zu vielen schulpolitischen Fragen klare Antworten gibt. Als wäre das deutsche Schulwesen ein groß angelegter Laborversuch, finden wir Gesamtschulländer neben Bundesländern mit differenziertem Schulwesen, die zwei, drei und noch mehr Schularten parallel führen. Wer sehen will, kann Erfolgsfaktoren am realen Schulwesen studieren und ist nicht auf Spekulation angewiesen.

Aber auch die Schweiz sollten wir nicht übersehen, ist deren Schulsystem unserem doch in vielerlei Hinsicht ähnlich. Völlig anders aber als wir wissen die Schweizer, dass ihre Schule einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet hat und leistet, dass ihr Land nicht gerade das Armenhaus Europas darstellt. Von internationalen Normen und OECD-Vorgaben lassen sich die Schweizer wenig beeindrucken, kaum verunsichern und schon gar nicht hetzen. Man orientiert sich am Erfolg und Zukunftsinteressen, nicht an „Experten“ und anderen Nutznießern einer Verunsicherungspolitik.

In einem Schweizer Medium habe ich vor wenigen Tagen Gedanken eines deutschen Kollegen gelesen, die derzeit noch keinen Platz in österreichischen Medien finden. Er fordert nämlich die Rehabilitierung des Pädagogischen als „optimistische Gegenoffensive zu den strukturellen wie technokratischen Sackgassen der Bildungsdebatte“. (1) Das pädagogische Rad muss – ganz im Sinne des Kollegen – nicht neu erfunden werden, es muss nur aus dem Schuppen geholt werden, der es vor dem Reformaktionismus derer schützen musste, die nur mehr Räder mit Ecken zulassen wollten.

(1) Michael Felten, „Auf die Lehrer kommt es an!“. In: Die Zeit vom 23. Februar 2010. Michael Felten arbeitet seit 28 Jahren als Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln.

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