Gerhard Riegler: Lobrede auf die LehrerInnen

Alex Rühle schrieb als Redakteur im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ vor über einem Jahr eine „Lobrede auf die Lehrer“ und untertitelte sie „Motivationsdroge Mensch“. (1)

Am Ende eines turbulenten Unterrichtsjahres zitiere ich gerne aus diesem Artikel. Zum einen, weil Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sich dieses Lob mehr als verdient haben. Zum anderen, weil meine Zeilen auch am Minoritenplatz gelesen werden und ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass sie dort jemand beherzigt.

Group of diverse people holding sign Thank

Alex Rühle nimmt zwar auf Deutschland Bezug, seine Analyse trifft aber auf Österreichs Schulwesen mindestens genauso zu: „Aber insgesamt ist doch eher das Wunder, wie viel guter Unterricht in diesem Land abgehalten wird. Trotz des geradezu absurd anmutenden Reformwirrwarrs. Trotz der kultusministerialen Bürokratie. Trotz des krakenhaft wuchernden Verwaltungsirrsinns, der heute neben der pädagogischen Arbeit von allen Lehrern zu bewältigen ist.

Seit Jahrzehnten wird in bildungspolitischen Sonntagsreden von Entbürokratisierung und Verwaltungsvereinfachung gesprochen. Die Realität schaut leider ganz anders aus: „Schaut man sich mal an, was sich Monat für Monat an Direktiven, Erlassen, Konzeptpapieren aus den Kultusministerien in die Lehrerzimmer ergießt, könnte man meinen, Lehrer seien selbst betreuungsintensive Förderschüler. Hier pars pro toto ein paar Empfehlungen aus einem nordrhein-westfälischen Schulamtsblatt: Wichtig ist demzufolge die „Schaffung einer positiven Lernkultur“, wobei man als Pädagoge die „ressourcenorientierte Beratung auf systemisch-lösungsorientierter Basis“ und das „bedarfsorientierte Training nach dem Mini-Max-Prinzip“ genauso wenig aus dem Blick verlieren soll wie die „Vermittlung lernstilorientierter Strategien“ […]“

Angesichts dieser Flut an „Experten“-Sprech haben LehrerInnen einen großen Wunsch, der alles andere als unbescheiden ist: „Auf die Frage, was die Lehrer sich am dringendsten wünschten für einen besseren Unterricht, antworteten alle, egal, ob sie nun am Gymnasium, einer Haupt-, einer Grund- oder einer Realschule tätig waren: Zeit. Zeit für die Klasse. Zeit für den Stoff. Und Zeit für den einzelnen Schüler.

Alex Rühles Dank schließe ich mich aus vollem Herzen an: „Ihnen allen sei hier nochmals gedankt. Für die Zeit, die sie sich genommen haben für diese Gespräche. Vor allem aber für die Anteilnahme, Begeisterung und, ja, Liebe, mit der sie jeweils von ihrem Beruf und ihren Schülerinnen und Schülern sprachen.

(1) Alex Rühle, Lobrede auf den Lehrer. Motivationsdroge Mensch. In: Süddeutsche Zeitung online vom 19. Februar 2013.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Eine Antwort zu “Gerhard Riegler: Lobrede auf die LehrerInnen

  1. Alfred Schirlbauer

    lieber kollege riegler, sie haben natürlich recht…aber in unserem BMBF wird sie niemand verstehen. dort hat man nämlich Begriffe wie „stoff“ oder „unterricht“ längst entsorgt. man treibt es dort sogar noch toller als das nrw-schulamtsblatt es schafft. lesen sie bitte einmal unsere ministeriellen vorgaben für die gestaltung der curricula für die pädagoginnenbildung-neu. – zum haareraufen!!

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