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Gerhard Riegler: Vorurteile

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat.“ (1)

bigstock-Set-Of-Stamps-60259196_blogSo hat Eckehard Quin die Flut an Presseaussendungen aus Politbüros infolge einer weiteren OECD-Publikation zu den PISA-Ergebnissen des Jahres 2012 vor einer Woche kommentiert. Ich habe die angesprochene Publikation inzwischen studiert und muss ihm völlig Recht geben.

Auch wenn der ministerielle Vorstoß, die Leistungsbeurteilung in den ersten drei Klassen der Volksschule ebenso wie das Repetieren abschaffen zu wollen, im Moment die Medien füllt, möchte ich heute darlegen, was in der OECD-Publikation „Low-Performing Students“ wirklich zu lesen gewesen wäre und noch immer zu lesen ist.

Meine Forderung nach einer gemeinsamen Schule hat positive Auswirkungen auf die Leistungen der SchülerInnen“, glaubte Österreichs Unterrichtsministerin der Studie entnehmen zu können. (2) Wo sie dies gelesen hat, wird sie uns vielleicht noch verraten. Ich entnehme Seite 184, dass Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen international im Kommen ist („Ability grouping appears to be becoming popular again“), und Seite 142, dass im OECD-Mittel inzwischen nur mehr an jeder vierten Schule auf leistungsdifferenzierten Unterricht verzichtet wird: „On average across OECD countries, 26 % of students attend schools whose principal reported that ability grouping is not used in any classes …

Auf Seite 183 nennt die OECD (!) Österreich sogar als Beispiel für einen jener Staaten, die ein hohes Ausmaß an äußerer Differenzierung aufweisen und im internationalen Vergleich wenig SchülerInnen haben, die beim PISA-Test schwache Leistungen erbringen: „Austria, Belgium and the Netherlands, for example, have high values on the index (Anm.: Ausmaß an äußerer Differenzierung) but small shares of underachieving students …

Da ich nicht annehme, dass die Englischkompetenz der österreichischen Unterrichtsministerin dermaßen schwach ist, dass sie deshalb den Text nicht verstand, und da ich einer Ministerin nicht unterstellen will, die Bevölkerung in einer ministeriellen Presseaussendung vorsätzlich hinters Licht zu führen, kann ich nur schließen, dass Eckehard Quins Einschätzung unsere Unterrichtsministerin betreffend korrekt war. Für die meisten der anderen Presseaussendungen, die die OECD-Publikation wenige Stunden nach ihrer Präsentation kommentierten, gilt dies analog.

Ich könnte die Flut an skurrilen Wortmeldungen als verspäteten und völlig misslungenen Faschingsscherz abtun, wären in dieser Publikation nicht so viele Themen angesprochen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienen:

  • Österreichs Politik hätte erfahren, dass es einen starken Zusammenhang gibt zwischen der pädagogischen Freiheit, die man LehrerInnen gewährt, und dem Unterrichtserfolg.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie bedeutend Disziplin und Arbeitshaltung der SchülerInnen für ihren Lernerfolg sind, z. B. auf Seite 112:„… being perseverant and determined is important for academic success.
  • Österreichs Politik, die immer wieder von einer Schule ohne Hausübungen träumt, hätte vom starken Zusammenhang zwischen der in Hausübungen investierten Zeit und dem PISA-Ergebnis gelesen, z. B. auf Seite 108: „Performance in mathematics is strongly associated with the time spent on homework.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie wichtig fachspezifisch ausgebildete Lehrkräfte für den Unterrichtserfolg sind, und auch, dass OECD-weit mehr als ein Drittel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund zur Gruppe der Low-Performer zählt, in Österreich 37 %, in Finnland sogar 45 %.

Aber all das scheint die meisten SchulpolitikerInnen der Alpenrepublik nicht zu interessieren. Offensichtlich wollen sie nicht erfahren, wie weit ihre bildungspolitischen Vorurteile von der Wirklichkeit entfernt sind.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2016.

(2) Heinisch-Hosek: PISA-Ergebnisse bestätigen Konzept der Ganztagsschule. Presseaussendung vom 10. Februar 2016.

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Die Mächte der Finsternis

In einem Interview antwortete BM Schmied auf die Frage, ob sie die neue Lehrerausbildung und das neue Lehrerdienstrecht „in Richtung Gesamtschule“ gemacht habe, mit: „Natürlich.“ Und auf den Hinweis der Journalistin, sie könne dann wohl den Vorwurf der AHS-Gewerkschaft, das Dienstrecht sei ein „ideologisches Machwerk“, kaum von der Hand weisen, kam die Antwort: „Machwerk ist entwertend. Ich habe nichts gegen den Begriff Ideologie einzuwenden.“ (1)

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Der Ideologin vom Minoritenplatz passte es natürlich nicht in den Kram, dass die NMS vom damaligen BIFIE-Direktor Josef Lucyshyn scharf kritisiert wurde, weil sie die Ministerin als ihren Erfolg und als einen entscheidender Schritt in Richtung Gesamtschule verkaufen wollte. „Im Jahr 2009 war das Bifie per Parlamentsbeschluss beauftragt worden, den Modellversuch NMS mit immerhin 1000 Euro Zusatzbudget pro Schüler und Jahr zu evaluieren. Ende 2012 sollte ein Bericht vorgelegt werden, der als Entscheidungsgrundlage für die generelle Einführung dienen sollte – die flächendeckende Umstellung der Hauptschulen hat die Regierung allerdings in der Zwischenzeit beschlossen.“ Diese Vorgangsweise bezeichnete Lucyshyn als „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. (2) Die Kritik an der NMS wurde auch vom zweiten Ex-BIFIE-Direktor Günter Haider bestätigt. (3)

Der offen geäußerte Tadel bekam Josef Lucyshyn nicht gut. Am 29. März 2012 wurde er von BM Schmied mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Die Vorwürfe waren schwerwiegend. Von einem Schreibtisch um 12.000 Euro war die Rede, von verschwundenen Blackberrys und von mehreren unrechtmäßigen Vertragsvergaben. Auch ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet …

Von der zuständigen Disziplinarkommission wurde Lucyshyn im ersten Quartal dieses Jahres von allen Anklagepunkten freigesprochen. (4) BM Schmied berief und ging in die zweite Instanz. Das Ergebnis: Freispruch in allen Punkten. Eindeutiger können wohl die politischen Gründe für den Rausschmiss Lucyshyns nicht dokumentiert werden.

Der Ministerin bleibt jetzt theoretisch noch der Gang zum Höchstgericht. Eher aber findet sie sich bald in einer anderen Rolle. Lucyshyn wird BM Schmied wohl klagen. „Sein Anwalt prüft derzeit sowohl eine Amtshaftungsklage gegen das Unterrichtsministerium als auch eine Organhaftungsklage gegen die Ministerin persönlich.“ (5)

Der Zusammenbruch ihres ideologischen Kartenhauses lässt BM Schmied offensichtlich panisch werden. Zuletzt beschwerte sie sich sogar über die Niveaulosigkeit ihres eigenen Parteivorsitzenden: „Wenn wir eine TV-Debatte wie jene zwischen Faymann und Glawischnig miterleben und feststellen, dass kein bildungspolitisches Thema behandelt wird, dann wird klar, wo wir uns derzeit intellektuell bewegen.“ (6)

Wenn die hehre Ideologie Schiffbruch erleidet, verbleibt als letzte Erklärung der Hinweis auf die Mächte der Finsternis“, schrieb Paul Watzlawick in „Die erfundene Wirklichkeit“. Solche „Mächte der Finsternis“ scheint BM Schmied in ihrer Panik mittlerweile allerorts auszumachen – nicht nur in der Gewerkschaft.

Das ideologische Trauerspiel vom Minoritenplatz hätte im Interesse der österreichischen Schule schon längst seinen letzten Akt erleben sollen.

(1) Julia Neuhauser, Schmied: „Zweiklassen-Gesellschaft in Schulen auflösen“. In: Presse Online vom 26. August 2013.

(2) Neue Mittelschule: „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. In: Presse Online vom 28. November 2011.

(3) Siehe mein Posting „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ vom 12. September 2013.

(4) Siehe mein Posting „Die „Bin-ich“-Mentalität“ vom 11. April 2013.

(5) Julia Neuhauser, Zweite Instanz bestätigt: Schmied entließ Bifie-Chef zu Unrecht. In: Presse Online vom 17. September 2013.

(6) Stefan Grissemann, Claudia Schmied: „Kulturausgaben müssen erhöht werden”. In: Profil Online vom 14. September 2013.

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Gerhard Riegler: Moralisch flexibel

„Ich bin nicht verlogen, ich bin nur moralisch flexibel!“ Dieser Spruch, den kürzlich ein Kollege zitierte, scheint geradezu maßgeschneidert für so manche PolitikerInnen.

bigstock-Flexibility-4715070_blogRudolf Mitlöhner, Chefredakteur der Furche, formulierte es geschliffen. Er attestierte Unterrichtsministerin Schmied „linke Dialektik vom Feinsten“ (1), weil sie ebenso spitzzüngig wie kaltschnäuzig die Lüge von gestern zur Wahrheit von heute konvertierte. Claudia Schmied gab nämlich „frank und frei zu Protokoll, dass die neue Lehrerausbildung und die angestrebten Veränderungen beim Lehrerdienstrecht dem höheren Ziel der Gesamtschule dienten“. Genau diesen nicht nur von LehrervertreterInnen immer wieder vorgebrachten Vorwurf hatte sie monatelang als böse Unterstellung entrüstet zurückgewiesen.

Auch beim Thema „Lehrerbildung neu“ hatte Schmied den Gesamtschulkonnex stets geleugnet. Erst als die Sache fixiert und im Parlament beschlossen war, ließ sie die Gesamtschulkatze aus dem Sack. Diese Katze soll mit dem zur Begutachtung ausgeschickten neuen Lehrerdienstrecht nun zum Tiger werden, der in der Vision Schmieds die Langform des Gymnasiums zerreißt.

„Unsere“ Unterrichtsministerin betrachtet ihr Ressort als „ideologische Kampfzone“, aus der heraus sie die – so ihr Kampfvokabular – „Zweiklassengesellschaft in den Schulen auflösen“ wolle. Und sie denkt ganz offenbar daran, ihre Kampfzone in der nächsten Legislaturperiode auszudehnen: „Claudia Schmied würde übrigens – was in sich durchaus logisch und stimmig ist – nach den Wahlen auch gerne Wissenschaftsministerin werden, also Schul- und Universitätsagenden unter ihrer Ägide vereinen.

Angesichts derartiger Zukunftsaussichten kommt mir mit Blick auf die Jugend und deren Zukunft ein Zitat Bundeskanzler Kurt Schuschniggs in den Sinn: „Gott schütze Österreich!“

(1) Dieses und die weiteren Zitate stammen aus Rudolf Mitlöhner, Ideologische Kampfzonen. In: Furche Online vom 28. August 2013.

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Recht (und) billig

„Recht und billig“, diese Phrase schoss mir in den letzten Tagen immer wieder durch den Kopf, während sich – meist selbsternannte – ExpertInnen zu den PISA-Ergebnissen äußerten.

Billig ist es, den KollegInnen an den Volksschulen die Schuld für das Lesedebakel in die Schuhe zu schieben. Ich weiß als Vater schulpflichtiger Kinder, dass die VolksschulpädagogInnen ihr Bestes geben, aber in der Kompensation vorschulischer Sprachdefizite von der Politik allein gelassen werden!

Recht soll es mir sein, wenn von BM Karl bis DDr. Haider öffentlich einbekannt wird, dass die Gesamtschule – egal unter welcher Tarnbezeichnung – kein Mittel zur Bekämpfung der „PISA-Krise“ ist.

Billig ist es, MigrantInnen ins Land zu holen, sie dann aber mit ihren Sprachdefiziten allein zu lassen.

Recht ist es mir, wenn angesichts ostasiatischer PISA-Triumphe in Österreich der Begriff „Leistung“ wieder aus der Schmuddelecke gezogen wird.

Recht billig ist es, wenn die Unterrichtsministerin die Schuld bei ihren VorgängerInnen (etwa auch bei Zilk, Scholten und Co.?) sucht, obwohl sie unsere Forderungen nach sinnvollen Reformen seit Jahren blockiert.

Recht und billig ist die Forderung der LehrervertreterInnen aller Schularten nach einer VOLLakademischen Ausbildung auf Master-Niveau für alle LehrerInnen. Was uns die Ministerinnen vom Minoritenplatz als „LehrerInnenbildung NEU“ auf den Tisch gelegt haben, ist aber leider nur recht billig. Wer ein Downgrading betreibt und zukünftig Bachelor-BilliglehrerInnen für alle Schularten produzieren möchte, wird die Früchte dieser Politik ernten. Sie werden noch bitterer schmecken als die der Bankenkrise!

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Nur die Besten…

„Nur die Besten sollen Lehrer werden!“ So wünschen es sich die Politikerinnen vom Minoritenplatz (1), und das wäre zweifellos auch unseren Kindern zu wünschen. Eignungsverfahren sind im „Expertenpapier“ nachzulesen, und so habe ich es auch auf der „Stakeholderkonferenz“ zur „LehrerInnenbildung NEU“ in Wien vernommen. In Finnland werde nur einer von zehn BewerberInnen zum Lehramtsstudium zugelassen.

„Nur die Besten sollen Politiker werden!“ Das wünsche ich mir, und das wäre zweifellos nicht nur für unsere Kinder, sondern für uns alle ein Segen. Stellen Sie sich vor, nur eine von zehn BewerberInnen würde am Minoritenplatz zugelassen – in der linken und der rechten Gebäudehälfte.

Derzeit habe ich nicht den Eindruck, dass wir diesen Idealzustand schon erreicht haben. Die ÖVP-WISSENSCHAFTSministerin verteidigt ihren Standpunkt, „wonach nicht alle Pädagogen eine vollakademische Ausbildung bekommen sollen“. (2) Die SOZIALDEMOKRATISCHE Bildungsministerin wiederum tut sich mit der Sozialpartnerschaft schwer und schickt einen Gesetzesentwurf in Begutachtung, obwohl am Vortag nach stundenlangen, äußerst konstruktiven Gesprächen auf Beamtenebene weitere Verhandlungen vereinbart wurden. Dabei geht es dieses Mal um kein ideologisch belastetes Thema: Qualitätsmanagement. Alle bekennen sich dazu. Funktionieren kann es aber nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Die meisten MitarbeiterInnen im BMUKK sehen das auch so, die politische Führung jedoch entscheidet anders. Das ist zur Kenntnis zu nehmen. Damit ist aber zumindest dieser Anlauf eine Totgeburt.

„Nur die Besten…“ ist wohl ein frommer Wunsch. Mir würde es fürs Erste schon reichen, wenn wir das Prinzip nicht umkehren.

(1) Bildungs- und Wissenschaftsministerium sind im selben Gebäude am Minoritenplatz 5 untergebracht.

(2) http://diepresse.com/home/bildung/schule/lehrerbildung/615575/Karl_Brauchen-nicht-fuer-alles-Lehrer-mit-Master?_vl_backlink=/home/bildung/schule/index.do

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Gerhard Riegler: „Pädagogische Manövriermasse“

„Die Universitätsausbildung wird sich stärker nach der jeweiligen Schulart richten, für die sich ein Student entschieden hat. Das Uni-Studium wird in Grund- und Hauptstudium gegliedert. Und am Ende steht wieder das gute alte Staatsexamen. Die neuen Studienabschlüsse Masters und Bachelor haben sich für Lehrer offensichtlich als völlig ungeeignet erwiesen.“ (1) So konnte man vor wenigen Tagen über Sachsens Weg zu einer neuen Ausbildung seiner LehrerInnen lesen.

Sachsens Bildungswesen ist seit einigen Jahren der neue Shootingstar: Beim jährlichen deutschen Bildungsmonitor belegt Sachsen seit 2006 konstant den ersten Platz. Bei der innerdeutschen PISA-Auswertung hat Sachsen zuletzt in allen drei Kategorien den ersten Platz erreicht – unmittelbar vor Bayern, dem altbekannten PISA-Spitzenland Deutschlands. Sachsens Bildungspolitik optimiert seine LehrerInnenausbildung, um diesen Spitzenplatz zu halten, und lässt sich nicht einmal durch Bologna von ihrem Weg abbringen: Basis für eine erfolgreiche Ausbildung künftiger LehrerInnen ist ein universitäres Studium, das auf die jeweilige Schulart abzielt und sich nicht auf den Bachelor beschränkt.

Sachsen wählt den Weg, den wir seit Jahren fordern. Warum wehren sich aber BM Schmied und BM Karl gegen diese spezialisierte LehrerInnenausbildung auf höchstem Niveau? Die Sächsische Zeitung liefert wohl des „Rätsels“ Lösung: „Das bedeutet allerdings, dass auch in Zukunft die Lehrer nicht schulartenübergreifend und damit flexibler eingesetzt werden können.“ (2) Eine gemeinsame Bachelorausbildung für alle LehrerInnen wäre die Basis für eine beliebig verschieb- und einsetzbare „pädagogische Manövriermasse“. Ein Schnellsiedekurs in Englisch für überzählige Kindergartenpädagoginnen, und schon wäre der Mangel an AnglistInnen behoben.

Wohl niemand würde behaupten, unsere wackeren Schulreformerinnen ließen sich von einem „flexibel“ umgeschulten Urologen eine Wurzelbehandlung durchführen. Wer aber hält Bildung für weniger wichtig als eine Zahnbehandlung? „Sollte es doch kein Zufall sein, dass in der offiziellen Bezeichnung des aus dem ehemaligen ‚Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur‘ zusammengestutzten ‚BMUKK‘ das Wort ‚Bildung‘ verschwunden ist?“ (3)

P.S.: Die Differenzierung erfolgt in Sachsen ebenso wie in Bayern selbstverständlich ab 10.

(1) Karin Schlottmann, Sachsen kehrt zum Staatsexamen für Lehrer zurück. In: Sächsische Zeitung Online am 20. Oktober 2010.

(2) a.a.O.

(3) HR Dr. Günter Schmid, Wiener Zeitung vom 9. November 2007

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Masterliche LehrerInnen

Die Lehrerausbildung der Zukunft kann meiner Meinung nach nur auf Masterniveau angesiedelt sein. Eine solche fünfjährige Ausbildung für LehrerInnen der Sekundarstufe ist internationaler Standard, wobei der fachwissenschaftliche Anteil meist deutlich höher liegt als in Österreich.

Notwendig ist eine gleich hochwertige, aber sicher nicht gleiche Ausbildung der LehrerInnen unterschiedlicher Schularten. Ein Volksschulkind, ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf und ein junger Erwachsener kurz vor der Reife- oder Diplomprüfung – sie alle haben andere Stärken, Schwächen und Bedürfnisse, denen nur speziell dafür ausgebildete LehrerInnen optimal Rechnung tragen können.

Die Lehrerausbildung ruht auf drei zentralen Säulen: dem fachlichen Wissen und Können (Fachwissenschaft), der Fähigkeit, dieses Wissen und Können zu vermitteln (Fachdidaktik), und der Fähigkeit und Bereitschaft, erzieherische Aufgaben zu übernehmen (gesellschaftlich bedingt von zunehmender Bedeutung). Nicht von ungefähr habe ich fachliches Wissen und Können an erster Stelle genannt. In der so genannten Coactiv-Studie unter Leitung von Jürgen Baumert, Direktor des Max- Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, wurden Eigenschaften von Mathematiklehrern der in Deutschland bei der PISA-Studie 2003/2004 getesteten Klassen analysiert. Das Ergebnis: Weder eine lange Berufspraxis noch umfangreiche fachdidaktische Kenntnisse können fachwissenschaftliche Lücken ausgleichen. LehrerInnen mit einem größeren fachlichen Wissen legen stärkeren Wert auf einen kognitiv aktivierenden Unterricht. Sie fordern ihre SchülerInnen mehr, lassen unterschiedliche Lösungswege von Aufgaben vergleichen und bewerten. Sie vermeiden ein eng geführtes Vorgehen, das den SchülerInnen nur einen möglichen Lösungsweg weist. Gleichzeitig gelingt den fachlich souveränen LehrerInnen die Klassenführung wesentlich besser als LehrerInnen mit geringerem Fachwissen. Hohe Fachkompetenz wirkt sich auch positiv auf die Disziplin einer Klasse aus.

Die fachdidaktische und pädagogische Ausbildung dient dazu, die Tragfähigkeit der beiden anderen Säulen zu garantieren. Hierbei erscheint eine enge Verwebung mit der schulischen Praxis dringend erforderlich. Auch für die Bewältigung erzieherischer Aufgaben gibt es theoretische und praktische Hilfestellungen, die den Studierenden vermittelt werden müssen. Zentrale Bedeutung kommt dabei aber der Autorität einer Person zu, womit nicht Autorität im Sinne von „Rohrstaberl“, sondern Autorität im Sinne von Persönlichkeit zu verstehen ist, für die ein hohes Maß an persönlicher Reife Voraussetzung ist.

Der Schwerpunkt des Bachelorstudiums von AHS-LehrerInnen sollte auf der fachwissenschaftlichen Ausbildung in zwei Fächern liegen. Vorgegeben könnte sein, dass die beiden Fächer „verwandt“ sein müssen, um die nötige fachwissenschaftliche Tiefe für einen „Fach-Bachelor“ garantieren zu können. Mit dem Erwerb eines solchen Bachelors stünden alle Berufsmöglichkeiten offen, die sich schon derzeit den AbsolventInnen derartiger Bachelorstudien erschließen. Eine Berufsberechtigung im pädagogischen Bereich sollte man über ein pädagogisches Masterstudium erlangen. Darin würden die nicht-fachwissenschaftlichen Studienfachbereiche gelehrt und erlernt – und zwar in einem Ausmaß, wie das derzeit an den Pädagogischen Hochschulen geschieht. Mit diesem Masterabschluss wäre dann die Lehrberechtigung an der Sekundarstufe I und II in den beiden Fächern verbunden, deren fachwissenschaftliche Kompetenzen man im Bachelorstudium erworben hat.

Die Vorteile einer solchen Studienstruktur:

  • Die Entscheidung für den Lehrberuf könnte nach einem Prozess der persönlichen Reifung und der Prüfung anderer Berufsoptionen erfolgen.
  • Die Mobilität zwischen verschiedenen Berufsfeldern würde deutlich erhöht.
  • HauptschullehrerInnen könnten durch ein 4-semestriges fachwissenschaftlich orientiertes Masterstudium die Lehrberechtigung für höhere Schulen erwerben.
  • Die Ausbildungsdauer würde um ein Semester verkürzt (derzeit 9 Semester Diplomstudium + 2 Semester Unterrichtspraktikum, dann 6 Semester Bachelor- und 4 Semester Masterstudium).

Weit ausführlicher habe ich meine Gedanken dargelegt in Eckehard Quin, Masterliche LehrerInnen?! Gedanken zur zukünftigen Ausbildung der SekundarstufenlehrerInnen. In: Erwin Rauscher (Hg.), LehrerIn werden/sein/bleiben. Aspekte zur Zukunft der LehrerInnenbildung, Baden 2008, 49-57.

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