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Gerhard Riegler: Den Worten mögen Taten folgen!

Österreichs Bundeskanzler hat sich am Mittwoch in seiner „Rede zur Zukunft Österreichs“ entschuldigt. Ein mutiger und mich auch beeindruckender Schritt.

Österreichs Regierung hat allen Grund, sich ganz besonders für Österreichs Schulpolitik des letzten Jahrzehnts, die unter dem Titel „Reformpolitik“ enormen Schaden angerichtet hat, zu entschuldigen. Die Auseinandersetzung mit den unzähligen Befunden, die PISA vor einem Monat auf den Tisch gelegt hat, hat mich auf dieses Eingeständnis des Versagens hoffen lassen.

Ein Anfang ist gemacht, dem unverzüglich konkrete Maßnahmen folgen müssen. Eine Schulpolitik, die Fakten verdrängt, um ihren verhängnisvollen Weg fortsetzen zu können, muss sofort gestoppt werden. Daten geheim zu halten, die Kontextfragen zu den Bildungsstandards geliefert haben, ist ein untauglicher Versuch, das eigene Versagen zu vertuschen.

Hand holding megaphone - Facts vector illustration isolated on backgroundZurück zu PISA: Warum wurden in Österreich die Eltern- und Lehrerfragebögen nicht zum Einsatz gebracht? Hat man Angst zu erfahren, was die von Schule unmittelbar Betroffenen zu sagen haben? Deutschland ist einen anderen – einen mutigeren – Weg gegangen. In Deutschland wurden Lehrkräfte im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung auch schon befragt, als es von der OECD noch gar keine Lehrerfragebögen gab. Und zwar vom ersten PISA-Durchgang an.

Von Deutschland könnte Österreichs Schulpolitik sehr viel lernen. Auch aus einem Vergleich der höchst unterschiedlichen Ergebnisse der deutschen Bundesländer, die sich stark in der jeweiligen Schulpolitik unterscheiden, bei innerdeutschen Vergleichsstudien.

Ohne PISA-Ergebnisse überbewerten zu wollen: Deutschland, einst hinter Österreich liegend, ist ins europäische Spitzenfeld aufgestiegen. Gäbe es noch die bundeslandspezifische PISA-Auswertung, wäre Bayern inzwischen höchstwahrscheinlich Europas PISA-Sieger. Österreich hingegen ist ins Mittelfeld und in vielen Kategorien unter dieses abgerutscht.

Wer Österreichs vom BIFIE verfassten PISA-Bericht (1) mit dem Deutschlands (2) vergleicht und aus dem deutschen Bericht Daten über Österreich erfährt, die der BIFIE-Bericht verschweigt, dem wird es wohl so gehen, wie mir: Ich bin mit meiner Geduld am Ende.

Ein Beispiel gefällig?

Auffallend hohe Quoten von Schulleitungen, die das Lernen und Schulklima an ihrer Schule durch Absentismus gefährdet sehen, finden sich in Finnland (44 Prozent), Österreich (49 Prozent), Slowenien (53 Prozent) und Kanada (56 Prozent).“ (3)

Dem BIFIE war dieses erschreckende Faktum keine Erwähnung wert.

Noch eines?

Von den 15-Jährigen, von denen nur ein Elternteil zugewandert ist, sprechen in Großbritannien 6,3 % zu Hause nicht die Unterrichtssprache, in Frankreich 10,0 %, in Deutschland aber 16,4 % und in Österreich sogar 23,4 %. (4)

Dem BIFIE ist auch das keine Erwähnung wert. Wie lang will man noch die größte Herausforderung für Österreichs Schulwesen unter den Teppich kehren?

Es schmerzt: Deutschlands PISA-Bericht vergleicht die Ergebnisse der 15-Jährigen nicht einmal mehr mit denen Österreichs, sondern wählt als Vergleichsstaaten Finnland, Kanada, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz. Österreich wird als einer der „leistungsschwächeren Staaten“ erwähnt. (5)

Eine radikale schulpolitische Umkehr hat der Entschuldigung des Bundeskanzlers zu folgen, alte Konzepte sind zu verwerfen, Regierungsvereinbarungen neu zu bewerten, wenn die Talfahrt auf Kosten der österreichischen Jugend ein Ende finden soll. Den Worten mögen Taten folgen! Und zwar nicht irgendwann, sondern hic et nunc.

(1) Birgit Suchán u. a., PISA 2015. Grundkompetenzen am Ende der Pflichtschulzeit im internationalen Vergleich (2016).

(2) Kristina Reiss u. a., PISA 2015. Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation (2016).

(3) Ebenda, S. 210.

(4) Siehe ebenda, S. 328.

(5) Ebenda, S. 211.

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Gerhard Riegler: Höhenflüge statt Talfahrten

Eineinhalb Wochen habe ich inzwischen in die Analyse der PISA-Daten investiert. Mit den PISA-Daten meine ich natürlich nicht nur den äußerst knapp gehaltenen Bericht des BIFIE, sondern die internationalen Berichte und die Auseinandersetzung mit den Rohdaten.

Ein Editorial bietet nicht ansatzweise den Rahmen, innerhalb dessen auf Details eingegangen werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich erst einen kleinen Teil der Arbeit geleistet habe, die ich leisten möchte. PISA-Daten liefern nämlich in der Tiefe ungemein viele Informationen, die wertvoll wären, würde sich die Politik auf sie einlassen, was in Österreich bisher leider nicht gelungen ist. Statt „leider“ hätte ich vielleicht zutreffender „skandalöserweise“ schreiben sollen.

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Es drängt sich zunächst ein Vergleich zwischen PISA 2006 und PISA 2015 auf, da bei beiden Durchgängen mit den Naturwissenschaften dieselbe Hauptdomäne im Mittelpunkt stand. Der Vergleich der Ergebnisse der derzeit 28 EU-Staaten zeigt:

Österreichs 15-Jährige belegten vor dem Jahrzehnt der „Reformpolitik“ bei PISA 2006 die Plätze 7 (Mathematik), 7 (Naturwissenschaften) und 12 (Lesen), neun Jahre später sind sie auf die Plätze 10 (Mathematik), 12 (Naturwissenschaften) und 18 (Lesen) abgerutscht.

Eine verantwortungsbewusste Politik hätte spätestens an den Ergebnissen von PISA 2006 erkannt, dass das jahrzehntelange Verdrängen und Vertuschen des integrationspolitischen Handlungsbedarfs unübersehbare Folgen nach sich gezogen hat: Nicht wie in den beiden anderen Kompetenzbereichen am Ende des ersten Viertels des internationalen Orchesters, sondern nur im Mittelfeld landeten unsere 15-Jährigen mit ihrer Lesekompetenz bei PISA 2006. Dass Schwächen in der Lesekompetenz sehr stark auf die anderen Bereiche ausstrahlen, dass also in der Mathematik und den Naturwissenschaften noch weit bessere Platzierungen als am Ende des ersten Viertels möglich gewesen wären, sei ergänzend erwähnt.

Statt aber ehrlich zu sein, die Folgen einer jahrzehntelangen Vogel-Strauß-Politik einzugestehen und sich unverzüglich an die Behebung des von ihr verursachten Schadens zu machen, griff Österreichs Schulpolitik zur Propagandatrommel. Schlag um Schlag wurde die Verleumdungspolitik gegen unser Schulwesen und uns LehrerInnen geführt, ein Anschlag auf die Qualität unseres Schulwesens nach dem anderen unternommen.

Verkauft wurde dieses destruktive Treiben als „Reformen“. Um sich dafür in Medien Unterstützung zu verschaffen, holte man sich – zusätzlich zu den sündteuren Inseraten und „Medienkooperationen“ auf Kosten des Steuerzahlers – skurrile Typen, die sich „ExpertInnen“ nannten und unser Schulwesen medial mit völlig verrückten Vorwürfen überschütteten.

Die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hat erheblichen Schaden angerichtet, die Bilanz liegt in aller Ausführlichkeit auf dem Tisch. Jede Unternehmensleitung würde gegenüber den dafür Verantwortlichen rechtliche Schritte prüfen. Österreichs Schulpolitik ist angesichts dieser Bilanz zumindest aufgefordert, ihr Tun unverzüglich, ehrlich und schonungslos zu reflektieren. Reformen, die zu einem so deutlichen Qualitätsverlust geführt haben, sind als Fehlentscheidungen einzugestehen und schnellstens zurückzunehmen.

Um wieder dort zu landen, wo wir waren, bevor der Absturz provoziert wurde – nämlich am Ende des ersten Viertels –, sind schulpolitische Höhenflüge einzuleiten. Manche Aussage, die nach der Präsentation der aktuellen PISA-Ergebnisse zu hören oder lesen war, halte ich für eine Zumutung gegenüber allen an der Schule Beteiligten. Wer nach diesem Desaster der Reformen des letzten Jahrzehnts, die für diese Talfahrt sorgten, eine Beschleunigung der Reformen fordert, kommt mir vor wie ein Autofahrer, der von der Straße abkommt, über die Böschung fährt und glaubt, sich durch Vollgas retten zu können. Abgesehen von Irren und Selbstmördern würde dies niemand tun, es sei denn, er ist in Panik. Dass Panik Personen erfasst, deren schulpolitische Positionen zu diesem Schaden geführt haben, ist verständlich.

Irrsinn und Panik sind gleichermaßen schlechte Berater. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein mögen endlich Österreichs Schulpolitik bestimmen!

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Herbert Weiß: Sozial, demokratisch, für das Volk?

Wenn man aus den Namen der beiden Parteien, die derzeit die Geschicke Österreichs bestimmen, auf ihre Arbeit schließen könnte, wäre unser Land im Moment wohl in bester Hand.

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In der Realität sieht das aber leider „etwas“ anders aus. Ich will mich bei meiner Beurteilung nicht auf eine Stufe mit jenen PolitikerInnen oder „BildungsexpertInnen“ stellen, die Studien wie PISA bewerten, ohne sie je gelesen zu haben. Eine Aussage sei mir in diesem Zusammenhang aber gestattet: Ein Land wie Österreich, das im Zeitraum von 1999 bis 2013 den Anteil der Ausgaben für das Schulwesen am BIP von 4,2 % auf 3,2 % gesenkt hat, kann nicht erwarten, in internationalen Studien zu den Gewinnern zu zählen. (1)

Bundeskanzler Mag. Christian Kern stellte zu diesem Thema in seiner Ansprache beim Bundeskongress der GÖD am 11. Oktober 2016 Folgendes fest: „Es wird nicht gelingen, die Qualität bei wachsenden Aufgaben, aber gleichbleibenden Ressourcen zu erhalten oder zu steigern.“ (2) Bei den wachsenden Aufgaben werden ihm alle, die das österreichische Schulwesen von innen kennen, beipflichten, woher er allerdings die Information über die „gleichbleibenden Ressourcen“ hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das aktuelle PISA-Ergebnis lässt in jedem Fall folgende Interpretation zu: Die bei PISA 2015 getesteten 15-Jährigen gehören einem Jahrgang an, der eine vielen Reformen ausgesetzte Schule durchlebt (hat). Die um drei Jahre älteren, also die bei PISA 2012 Getesteten haben noch nicht so viele schulpolitische „Segnungen“ über sich ergehen lassen müssen.

Nun aber zurück zu den Regierungsparteien. Die größere der beiden bezeichnet sich als sozial und demokratisch. Für ihre Bildungssprecherin sind die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie „aufrüttelnd“ und „nicht länger hinnehmbar“. In ihren weiteren Ausführungen wird dann der massive Ausbau von Ganztagsschulen als ein zentrales Element der notwendigen Reform bezeichnet, um die Kinder besser zu fördern. Das Tüpfelchen auf dem „I“ ist für mich aber folgende Aussage: „Der nächste Schritt muss die Schulautonomie sein: Motivierte LehrerInnen und Schwerpunktsetzungen an Schulen nach den Eignungen und Neigungen der SchülerInnen sind gut für das Lernklima und die Unterrichtsqualität; und genau diese Qualität ist ein Schlüssel zum Lernerfolg – das zeigen auch die besten Pisa-Länder“. (3) Von „Autonomie“ zu sprechen, wo in Wahrheit Einsparungen und die Beseitigung gewachsener demokratischer Strukturen gemeint sind, ist einer demokratischen Repräsentantin unwürdig.

Großbritannien liegt hinsichtlich der sozialen Mobilität unterhalb von südamerikanischen Ländern wie Argentinien.“ (4) Dass es sozial sein soll, mit einem Gesamtschulsystem jenen Kindern, die aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, aus ideologischen Gründen die Chance zu nehmen, sich aufgrund ihrer Leistung nach oben zu arbeiten, verstehe ich ganz und gar nicht. Was bleibt also von „demokratisch“ und „sozial“ übrig?

Es ist aus meiner Sicht aber auch nicht christlich, eine Politik mitzutragen, die in letzter Konsequenz nur mehr den Betuchten ermöglicht, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen: „Alle Gesamtschulsysteme haben andere Modi der Segregation entwickelt. Der einfachste und banalste, der übrigens im Moment massiv im Vormarsch ist – da gibt es eine wunderbare 16-Cities-Studie, die sechzehn Großstädte in mehreren Ländern vergleicht –, ist Trägerschaft: öffentlich, privat, frei.“ (5)

Damit sind wir bei der zweiten Regierungspartei, die sich manchmal auch christlich-sozial nennt. Ob sie den Namen „Volks“-Partei verdient, sei ebenso dahingestellt. Denn immerhin spielt sie bei allen Reformen des Schulsystems willfährig mit, auch wenn sie sich damit, wie etwa bei der verpflichtenden Ganztagsschule oder der Gesamtschule, eindeutig gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des „Volkes“ stellt.

Wenn sich Österreichs Parteien statt auf Dogmen mehr auf das Wohl der Bevölkerung konzentrierten, sähe ich der Zukunft unseres Landes und vor allem der unserer Jugend mit größerem Optimismus entgegen.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2. OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2002 (2002), Table B2.1b.

(2) Zit. n. Kern verspricht mehr Personal für die Ämter. In: Standard online vom 11. Oktober 2016.

(3) PISA – Grossmann: Ergebnisse „nicht hinnehmbar“ – Schluss mit Reformblockaden. OTS-Aussendung vom 6. Dezember 2016.

(4) Julian Nida-Rümelin, „Profil“ (Zeitung des dphv) vom September 2016, S. 20.

(5) Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt?. Keynote beim „Weis[s]en Salon“ vom 10. Dezember 2015.

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Gerhard Riegler: Peinlich?

Nachdem die OECD am Aschermittwoch die weiß ich wievielte Publikation zu PISA 2012 veröffentlicht hatte, ergoss sich ein Schwall an Pressemeldungen aus Österreichs Politetagen. Manche haben vielleicht wirklich geglaubt, es seien neue PISA-Ergebnisse veröffentlicht worden. Eckehard Quin (1) und ich (2) haben dieses für Österreichs Schulpolitik blamable Vorgehen kommentiert.

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Am Dienstag dieser Woche ist tatsächlich eine neue Studie erschienen: die HBSC-Studie Nr. 7 („Health Behaviour in School-Aged Children Study“) der Weltgesundheitsorganisation WHO. (3) Zu ihr war aber bisher aus denselben Politbüros nur Schweigen zu vernehmen. Hat man aus der Aschermittwoch-Blamage gelernt, Publikationen zu lesen, bevor man sie interpretiert? Es wäre ein erfreulicher Kompetenzzuwachs! Liest man aber an den knapp 300 Seiten wirklich noch immer? Oder sind manchen die Ergebnisse dieser WHO-Studie peinlich?

Ist es ihnen peinlich, dass Österreich zu den Staaten gehört, in denen sich die wenigsten SchülerInnen von der Schule belastet fühlen? Wollen sie nicht lesen, dass es in Finnland bei den 11-Jährigen drei Mal so viele sind wie in Österreich? Soll die österreichische Bevölkerung, die sich ohnehin mit aller Entschlossenheit gegen „Modellregionen“ wehrt, das nicht erfahren?

Oder schämt man sich im Ministerium, dass man noch immer keine erfolgreichen Maßnahmen gegen Gewalt unter SchülerInnen gesetzt hat? Einmal mehr gehört nämlich Österreich zu den Staaten, in denen die 11- bis 15-Jährigen Bullying unter SchülerInnen als häufiges Problem nennen. Welche Langzeitfolgen sich für die Betroffenen – für Opfer wie für TäterInnen – daraus ergeben können, könnte die Unterrichtsministerin in vielen bildungswissenschaftlichen Studien nachlesen, würde sie sich dafür Zeit nehmen. Mehr als peinlich ist es ohne Zweifel, was in Österreich unter dem Titel „Schulpolitik“ läuft!

Überhaupt nicht peinlich ist mir aber, dass wir von der WHO einmal mehr bestätigt bekommen, wie weit Österreichs „BildungsexpertInnen“ mit ihren Aussagen von der Wirklichkeit entfernt sind. Mit Freude lese ich in der am Dienstag präsentierten HBSC-Studie, dass Österreich bei den 11-Jährigen, „who like school a lot“, unter den 42 teilnehmenden Staaten den fünften Platz belegt. Dass Finnland nur den 41. und damit vorletzten Platz erreichte, scheint die Gesamtschulpropaganda zum Verstummen gebracht zu haben. Hoffentlich nachhaltig! Denn sie lähmt und verhindert dringend erforderliche Schulentwicklungsmaßnahmen.

Österreichs Schulwesen verdient ehrliche Politik statt Propaganda, die behauptet, was nicht ist, und zu vertuschen versucht, wo sich Österreichs Schulwesen auszeichnet und wo es dringenden Handlungsbedarf gibt. Es wäre höchst an der Zeit dafür.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2015.

(2) Gerhard Riegler, Vorurteile. In: QUINtessenzen vom 20. Februar 2015.

(3) Growing up unequal: gender and socioeconomic differences in young people’s health and well-being. Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC) Study: International Report from the 2013/2014 Survey.

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Gerhard Riegler: Hoch lebe die Courage!

„Achtung, die Lektüre kann zu depressiven Verstimmungen führen.“ So oder so ähnlich könnte der Beipacktext lauten, würden Printmedien in Apotheken feilgeboten.

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In der letzten Woche konnte ich jedoch mehrere Medienbeiträge lesen, ohne meine Gesundheit zu gefährden. Besonders beeindruckt hat mich die Courage, die zwei Damen und zwei Herren beweisen. Lassen Sie mich zuerst die vier Personen beschreiben:

  1. eine britische Philosophin
  2. eine österreichische Journalistin
  3. ein deutscher Universitätsprofessor
  4. ein österreichischer Landesschulinspektor

Und hier deren vier Aussagen. Versuchen Sie bitte, diese via Multiple-Choice-Verfahren, das durch PISA & Co in den OECD-weiten Olymp aufgestiegene Prüfungsformat, den vier Personen zuzuordnen, noch bevor Sie den Blick in Richtung Fußnoten lenken:

Zitat 1: „Lösen wir uns auch endlich von der Illusion, dass alle Schüler gleich begabt sind, fördern wir (auch handwerklich!) Begabte mehr, stärken wir den Gründergeist.“ (1)

Zitat 2: „PISA war der demokratisch nicht legitimierte normgebende Angriff auf das bis dahin im deutschsprachigen Raum mehr auf Allgemeinbildung Wert legende Bildungssystem […]. Normgebend auch deshalb, weil die PISA-Studien keinesfalls die geltenden Lehrpläne in irgendeiner Form berücksichtigen, sondern angeblich Kompetenzen abprüfen, in denen halt problemorientierte Anwendungen, notfalls auch Scheinanwendungen vorgeben werden, die oftmals durch Lesekompetenz und geschickten Umgang mit Multiple-Choice-Verfahren nach dem „Wer wird Millionär“ Ausschlussprinzip erfolgreich zu lösen sind.“ (2)

Zitat 3: „Um Kinder zu inspirieren, sind vor allem Lehrer extrem wichtig. Aber wir können nicht erwarten, dass sie die gesamte Verantwortung alleine tragen. Die ganze Gesellschaft muss ihren Teil beisteuern: Eltern, Großeltern, Künstler, Wissenschaftler, Politiker und auch Unternehmer. Als ich jung war, hieß es immer: ‚Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen‘. Ich sage: es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen.“ (3)

Zitat 4: „Ob es allerdings im Sinne der Volkswirtschaft wäre, die Zahl der Lehrlinge weiter zu senken und jene der (arbeitslosen) Akademiker zu steigern, ist mehr als fraglich.“ (4)

Wenn Ihnen die Zuordnung nicht gelungen ist, wundert mich dies nicht. Ich glaube nämlich, dass sich die AutorInnen selbst nicht nur mit der jeweils eigenen Aussage identifizieren könnten. Sollten aber auch Sie den Zitaten zustimmen, werden Sie keine Bestseller auf Kosten des Schulwesens verkaufen, weil Sie die kompetenzorientierte Aufnahmeprüfung in den Kreis der „BildungsexpertInnen“ NICHT bestanden haben, wozu ich Ihnen herzlich gratuliere.

(1) Martina Salomon, Die Illusion von der Gleichheit. In: Kurier online vom 27. Februar 2016. Dr. Martina Salomon ist stellvertretende Chefredakteurin des „Kurier“.

(2) Axel Göhring, „Deutschland ist auf dem Weg in die Inkompetenz“. In: Wirtschaftswoche online vom 1. März 2016. Die zitierte Aussage stammt von Univ.-Prof. Dr. Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt.

(3) Jürgen Klatzer, „Es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen“. In: Kurier online vom 27. Februar 2016. Das Zitat stammt von Univ.-Prof. Dr. Angela Hobbs, Professorin für Public Understanding of Philosophy an der University of Sheffield in England.

(4) Thomas Plankensteiner, Das Handwerk als Bildungschance begreifen. In: Tiroler Tageszeitung vom 2. März 2016. HR Mag. Dr. Thomas Plankensteiner ist AHS-Landesschulinspektor in Tirol.

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Gerhard Riegler: Vorurteile

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat.“ (1)

bigstock-Set-Of-Stamps-60259196_blogSo hat Eckehard Quin die Flut an Presseaussendungen aus Politbüros infolge einer weiteren OECD-Publikation zu den PISA-Ergebnissen des Jahres 2012 vor einer Woche kommentiert. Ich habe die angesprochene Publikation inzwischen studiert und muss ihm völlig Recht geben.

Auch wenn der ministerielle Vorstoß, die Leistungsbeurteilung in den ersten drei Klassen der Volksschule ebenso wie das Repetieren abschaffen zu wollen, im Moment die Medien füllt, möchte ich heute darlegen, was in der OECD-Publikation „Low-Performing Students“ wirklich zu lesen gewesen wäre und noch immer zu lesen ist.

Meine Forderung nach einer gemeinsamen Schule hat positive Auswirkungen auf die Leistungen der SchülerInnen“, glaubte Österreichs Unterrichtsministerin der Studie entnehmen zu können. (2) Wo sie dies gelesen hat, wird sie uns vielleicht noch verraten. Ich entnehme Seite 184, dass Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen international im Kommen ist („Ability grouping appears to be becoming popular again“), und Seite 142, dass im OECD-Mittel inzwischen nur mehr an jeder vierten Schule auf leistungsdifferenzierten Unterricht verzichtet wird: „On average across OECD countries, 26 % of students attend schools whose principal reported that ability grouping is not used in any classes …

Auf Seite 183 nennt die OECD (!) Österreich sogar als Beispiel für einen jener Staaten, die ein hohes Ausmaß an äußerer Differenzierung aufweisen und im internationalen Vergleich wenig SchülerInnen haben, die beim PISA-Test schwache Leistungen erbringen: „Austria, Belgium and the Netherlands, for example, have high values on the index (Anm.: Ausmaß an äußerer Differenzierung) but small shares of underachieving students …

Da ich nicht annehme, dass die Englischkompetenz der österreichischen Unterrichtsministerin dermaßen schwach ist, dass sie deshalb den Text nicht verstand, und da ich einer Ministerin nicht unterstellen will, die Bevölkerung in einer ministeriellen Presseaussendung vorsätzlich hinters Licht zu führen, kann ich nur schließen, dass Eckehard Quins Einschätzung unsere Unterrichtsministerin betreffend korrekt war. Für die meisten der anderen Presseaussendungen, die die OECD-Publikation wenige Stunden nach ihrer Präsentation kommentierten, gilt dies analog.

Ich könnte die Flut an skurrilen Wortmeldungen als verspäteten und völlig misslungenen Faschingsscherz abtun, wären in dieser Publikation nicht so viele Themen angesprochen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienen:

  • Österreichs Politik hätte erfahren, dass es einen starken Zusammenhang gibt zwischen der pädagogischen Freiheit, die man LehrerInnen gewährt, und dem Unterrichtserfolg.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie bedeutend Disziplin und Arbeitshaltung der SchülerInnen für ihren Lernerfolg sind, z. B. auf Seite 112:„… being perseverant and determined is important for academic success.
  • Österreichs Politik, die immer wieder von einer Schule ohne Hausübungen träumt, hätte vom starken Zusammenhang zwischen der in Hausübungen investierten Zeit und dem PISA-Ergebnis gelesen, z. B. auf Seite 108: „Performance in mathematics is strongly associated with the time spent on homework.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie wichtig fachspezifisch ausgebildete Lehrkräfte für den Unterrichtserfolg sind, und auch, dass OECD-weit mehr als ein Drittel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund zur Gruppe der Low-Performer zählt, in Österreich 37 %, in Finnland sogar 45 %.

Aber all das scheint die meisten SchulpolitikerInnen der Alpenrepublik nicht zu interessieren. Offensichtlich wollen sie nicht erfahren, wie weit ihre bildungspolitischen Vorurteile von der Wirklichkeit entfernt sind.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2016.

(2) Heinisch-Hosek: PISA-Ergebnisse bestätigen Konzept der Ganztagsschule. Presseaussendung vom 10. Februar 2016.

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Unfug

Ich kenne aufgrund meiner Tätigkeit viele Politiker (1) persönlich und gestehe vielen von ihnen zu, ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Aber manche Wortmeldungen lassen mich verstehen, warum Politiker mittlerweile ein deutlich schlechteres Image haben als Prostituierte. (2) Die drei „Highlights“ der letzten Tage:

bigstock-Shocked-and-surprised-boy-with-105925043_blogDie Modellregionen zur 8-jährigen Volksschule – pardon, der „Schule der 6- bis 14-Jährigen“, wie es im Papier zur „Bildungsreform“ heißt – wird von der Tiroler Landespolitik so beschrieben: „Eine „Gemeinsame Schule“ ist eine Schule der Vielfalt, bei der gymnasiale Ausbildung und Schwerpunkte der NMS wie Sport, Musik, Technik und Sprachen weiter bestehen bleiben.“ (3)

Nun heißt es aber im Papier der Bundesregierung zur „Bildungsreform“ wörtlich: „Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen (alle Kinder, die die Volksschule positiv abgeschlossen haben, Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen die Volksschule oder Sonderschule lediglich besucht haben).“ Ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (4) Da dürfte eine Schwerpunktsetzung schwierig werden …

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat. Ich würde mir die Redlichkeit erwarten, gewisse Aussagen zumindest auf ihre Plausibilität zu prüfen. Wenn das Unterrichtsministerium in einer Presseaussendung behauptet, die Studie belege, dass die Einführung der NMS positive Effekte erziele, erheitert mich das. Bei PISA 2012 wurden im Frühjahr 2012 15-Jährige getestet. Die NMS wurde aber erst im Herbst 2012 aufsteigend für 10-Jährige im Regelschulwesen eingeführt.

Ähnlich skurril ist die Forderung, die etwa auch von Personen der Wirtschaftskammer, des Wirtschafts- oder des Bauernbundes erhoben wird: Der Bundeszuschuss zu den Pensionen müsse drastisch gesenkt werden.

Nun ist es zweifellos legitim, über die Aufkündigung eines seit Jahrzehnten bestehenden gesellschaftspolitischen Konsenses zu diskutieren, gemäß dem die Pensionen zu je einem Drittel vom Arbeitnehmer, vom Arbeitgeber und von der öffentlichen Hand zu finanzieren sind. Absurd wird es aber, wenn man sich ansieht, wer diese Forderung erhebt. Würde man alles unverändert belassen und „nur“ den Bundeszuschuss streichen, würden die ASVG-Pensionen, also die der unselbständig Erwerbstätigen, um 18,2 % sinken, die in der gewerblichen Wirtschaft um 49,2 % und die der Bauern gar um 77,8 %! (5) Damit können wohl nur Großindustrielle oder Großgrundbesitzer leben, die auf keine Pension angewiesen sind.

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern“, schrieb Erich Kästner.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Politiker: Image ist schlechter als das von Prostituierten. In: Trend online vom 24.  November 2013.

(3) LR Palfrader: „Kein Gymnasium wird geschlossen!“. In: Bezirksblätter online vom 5. Februar 2016.

(4) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(5) Die Zahlen stammen aus der ORF-Sendung „Hohes Haus“ vom 31. Jänner 2016.

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