Gudrun Pennitz: Je größer die Angst, desto besser die PISA-Leistung

Ich galt als gute Schülerin, und dennoch war Angst mein beständiger Wegbegleiter durch die Schulzeit. Meine MitschülerInnen und ich hatten Angst vor den Launen einzelner Lehrkräfte, Angst vor schlechten Noten, Angst, nicht genug gelernt zu haben. Eigenartigerweise funktionierte diese Angst gleichzeitig auch als mein Antriebsmotor. Ich arrangierte mich mit ihr, denn sie war normal.

Googelt man heute den Begriff „angstfreies Lernen“, erzielt man 435.000 Treffer. Viele Einträge verweisen auf pädagogische Literatur zu diesem Thema, denn seit Jahren herrscht Konsens darüber, dass die Schule ein angstfreier Ort zu sein hat. Als Lehrerin bejahe ich dieses Ideal aus tiefster Überzeugung – so wie offenbar viele meiner KollegInnen. In Österreich haben 15-Jährige unter allen OECD-Staaten (hinter den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz) am viertwenigsten Angst vor dem Versagen. (1)

Umso aufsehenerregender erscheint mir daher, was Detailauswertungen von PISA 2018 aufgedeckt haben: Je größer die Angst, desto besser die PISA-Leistung. Zwischen dem Ausmaß an Angst, das SchülerInnen in ihren Schulen empfinden, und der gemessenen Leistung besteht ein signifikanter, eindeutig feststellbarer Zusammenhang, zumindest bei den asiatischen Siegerländern: „Students in many Asian countries and economies expressed the greatest fear of failure, while students in many European countries expressed the least fear.“ (2)

Doch wie kann es sein, dass Österreichs Schulen sich vorwerfen lassen müssen, bei internationalen Leistungsvergleichen nur mittelmäßige Ergebnisse zu erzielen, statt dafür gelobt zu werden, dass sich unsere Jugendlichen in der Schule pudelwohl fühlen? Einerseits ist man sich einig, dass schulische Angstgefühle und Druck der Vergangenheit angehören müssen, andererseits schielt man auf asiatische Spitzenleistungen. Man sollte sich entscheiden.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2018 Results. What School Life Means for Students’ Lives (2019), Table III.B1.13.2.

(2) a.a.O., S. 190.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Je größer die Angst, desto besser die PISA-Leistung

  1. „Googelt man heute den Begriff „angstfreies Lernen“, erzielt man 435.000 Treffer“ (G. Pennitz)

    Wenn ich „angstfreies Lernen“ google, dann erhalte ich (soeben) 4.250 Treffer – was mir wenig vorkommt.
    Schon öfters ist mir aufgefallen, dass die Trefferquoten bei Google ganz unterschiedlich ausfallen, je nachdem, wann man abfragt: heute so, morgen so.

    Hat vielleicht jemand von den MitleserInnen eine Erklärung dafür? Bei den Zehnerpotenzen für „angstfreies Lernen“ habe ich mich jedenfalls sicher nicht verschaut – was bei den beiden zitierten Zahlen eine naheliegende Erklärung wäre.

    1. Die Erklärung ist einfach: Sie haben wohl „angstfreies Lernen“ beim Googeln unter Anführungszeichen gesetzt (also genau diese Wortkombination gegoogelt) und dann 4250 Ergebnisse bekommen (ich gerade auch). Fr. Pennitz hat wahrscheinlich die Anführungszeichen weggelassen, was gleich ein Ergebnis um das Hundertfache mehr ergibt (war auch bei mir annähernd so: 326.000). Google sucht dann ja beide Wörter auch separat.

      1. Sie haben wohl recht – anstatt einer Kollokation hat Koll. Pennitz einfach zwei Wörter gegoogelt.

        Bei mir ergab angstfreies Lernen (ohne Anführungszeichen) soeben 355.000 Treffer. Vielleicht ist Google am Sonntag großzügiger als am Samstag …

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