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Nicht ums Verrecken

Der Bundeskanzler träumte in seiner „Osterbotschaft“ von einer „massiven“ Veränderung der Lehrverpflichtung zur Budgetsanierung. (1)

Breaking The Bank

Reaktionen folgten schnell. Auf politischer Ebene stellte der niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka in einer Presseaussendung mit dem Titel „Lehrerbashing löst kein einziges Problem“ zu Recht fest, dass die öffentlich Bediensteten „angesichts der Flüchtlingssituation im Besonderen gefordert sind. Gerade die Lehrerinnen und Lehrer haben dabei viel zu schultern“. (2) Auch die niederösterreichische Bundesrätin Sandra Kern kritisierte die Äußerungen des Bundeskanzlers. Er „dürfte wohl noch immer nicht verstanden haben, dass mit diesem unbedachten Populismus keinem Schulkind und schon gar nicht unserem Bildungssystem geholfen ist.“ (3)

Paul Kimberger, Vorsitzender der ARGE LehrerInnen in der GÖD, wurde in der „Presse“ so wiedergegeben: „Das ist ein Affront, eine riesengroße Sauerei […] Es ist eine Aussage der übelsten Sorte – allertiefste Schublade. Dort befindet er sich eh in guter Gesellschaft mit Michael Häupl […] Wenn Faymann glaubt, dass er den Boden erneut für eine Einsparungsdiskussion auf Kosten der Lehrer aufbereiten kann, dann hat er sich getäuscht.“ Von mir war folgende Bewertung des Kanzlers zu lesen: Dass er Lehrerbashing betreibt, zeugt von seiner politischen Qualität“, sagt Eckehard Quin zur „Presse“. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Lehrer durch den Flüchtlingsstrom vor besonderes großen Herausforderungen stehen, eine Debatte über die Arbeitszeit zu beginnen, zeuge von einem „unheimlich großen Populismus, um am Stammtisch zu gewinnen“.“ (4) Und gefragt nach den Möglichkeiten des Kanzlers, die 550 Millionen Euro-Lücke im Unterrichtsbudget zu schließen, meinte ich: „Wenn dem Kanzler nichts anderes einfällt als Lehrerbashing, dann wäre er einzusparen.“ (5)

Natürlich ist damit das Budgetproblem nicht gelöst. „Der Vorsitzende der Gewerkschaft der AHS-Lehrer, Eckehard Quin, hat zuletzt vor schwarzen Lehrervertretern [Anm.: beim Bundeslehrertag in Linz vor ca. 1.200 Personen] seinem Unmut darüber Luft gemacht, dass das Budget für 2016 im Herbst des vergangenen Jahres mit einer Unterdotierung beschlossen wurde. „Ich finde es schon eine Chuzpe, wenn der Nationalrat ein Budget beschließt, wenn er weiß, dass beim Unterricht eine halbe Milliarde Fehlbedarf ist.“ Dabei wisse jeder, dass das mit den geplanten Mitteln nicht zu schaffen sei. „Es geht nicht ums Verrecken“, warnte er.“ (6)

Ich habe einen recht simplen Lösungsansatz, den hoffentlich alle EntscheidungsträgerInnen verstehen: Das durch die Finanzierung von Pleitebanken verursachte Budgetdefizit betrug 2015 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (7) Das ist so viel Geld, wie Österreichs Schulwesen fehlt, um das OECD-Mittel zu erreichen (3,1 gegenüber 3,7 Prozent). (8) 0,6 Prozent des BIP sind fast 2 Milliarden Euro. Damit ließe sich tatsächlich ein pipifeines Schulsystem realisieren.

Die Bundesregierung muss sich wohl die Frage gefallen lassen, ob ihr die Finanzierung einer Bankenpleite tatsächlich mehr wert ist als die Bildung unserer Kinder. Ich glaube, die Antwort zu kennen.

(1) Siehe Oliver Pink, Faymann: „Sehr gespanntes Verhältnis zu Merkel“. In: Presse online vom 26. März 2016.

(2) NÖAAB-Sobotka zu Faymann: Lehrerbashing löst kein einziges Problem. Presseaussendung vom 28. März 2016.

(3) Kern/Quin: Populismus hat im Bildungssystem nichts verloren – Lehrerschaft verdient Respekt und Wertschätzung. Presseaussendung vom 30. März 2016.

(4) Julia Neuhauser, Mehr Arbeit für Lehrer: „Ein Affront, eine riesengroße Sauerei“. In: Presse online vom 29. März 2016.

(5) a.a.O.

(6) Karl Ettinger, 550-Millionenloch im Schulbudget. In: Presse online vom 6. März 2016.

(7) Schellings Coup: Österreich am Weg zum „echten Nulldefizit“. In: Trend online vom 31. März 2016.

(8) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

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Philippi

Eines muss man der „Krone“ lassen: Sie kann für Aufregung sorgen. Am Donnerstagabend erschien online ein Artikel mit der Überschrift „Lehrer müssen jetzt mehr unterrichten“. (1) Am Freitag war es auf der Titelseite zu lesen.

Philippi

Dass eine solche Forderung auftaucht, ist nicht überraschend, wenn 2015 343 Millionen, 2016 548 Millionen und 2017 578 Millionen im Unterrichtsbudget fehlen und über 90 % der Ausgaben in Lehrergehälter fließen. Neu ist freilich, dass es diesmal niemand sein möchte, der diese Forderung erhoben hat – die Unterrichtsministerin genauso wenig wie der Finanzminister.

Hinter vorgehaltener Hand wurde mir mehrfach eine andere Geschichte erzählt: Es handle sich um eine Initiative des Bundeskanzlers, dessen Verbindung zur „Krone“ ja bestens bekannt ist. Claus Pándi, der Autor des „Krone“-Artikels, ist „nicht nur schon ewig mit SPÖ-Kanzler Werner Faymann befreundet“. Auch Angelika Feigl, Pándis Ehefrau, „fügt sich […] perfekt in diese kleine Welt. Sie war […] Sprecherin Faymanns, der immer die Nähe zum einflussreichen Kleinformat gesucht hat.“ (2)

Sei es, wie es sei. Klar ist jedenfalls die Haltung der Gewerkschaft. Der GÖD-Vorstand hat am 10. April 2015 eine Resolution beschlossen, in der die „unsachliche und populistische Berichterstattung“ verurteilt wird, „die falsch informiert und Feindbilder schafft. […] Sollte die bewährte Sozialpartnerschaft missachtet werden, würde das eine entsprechende Reaktion der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst hervorrufen.“ (3) Paul Kimberger, der Vorsitzende der ARGE Lehrer (4) in der GÖD, hatte zuvor betont: „Sollte sich das [eine Erhöhung der Lehrverpflichtung] bestätigen, werden wir entsprechend reagieren. Dann kann ich Kampfmaßnahmen garantieren.“ (5) Und ich werde zur Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung im „Standard“ mit den Worten zitiert: „Inakzeptabel. Das kommt absolut nicht infrage. Das gibt eine offene Feldschlacht, wenn die Regierung meint, das realisieren zu wollen.“ (6)

Wer eine solche gewinnt, ist offen, aber niemand tritt Arbeitnehmerrechte politisch ungestraft mit Füßen. Denn die große Mehrheit der Wahlberechtigten sind Arbeitnehmer, und rund 120.000 Lehrer sind wichtige Meinungsbildner. „Tuus sum, inquit, Brute, malus genius; in Philippis me videbis.“

(1) Claus Pándi, Lehrer müssen jetzt mehr unterrichten. In: Krone online vom 9. April 2015.

(2) Julia Ortner, Kleiner Mann, ganz groß. In: Falter online Nr. 5/2011.

(3) Resolution des GÖD- Vorstandes der GÖD vom 10. April 2015.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Gewerkschaft kampfbereit zu Lehrerarbeitszeiten. In: ORF online vom 10. April 2015.

(6) Lisa Nimmervoll, Heinisch-Hosek will über „Neubewertung“ der Lehrerarbeitszeit reden. In: Standard online vom 10. April 2015.

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Gerhard Riegler: Ferien-Fachmann Faymann

Böse Zungen unterstellen unserem Bundeskanzler den chronischen Mangel an Expertise, obwohl er laut eigenen Aussagen „einiges inskribiert“ hat. In einem ORF-Interview listete er auf: „Ich habe Jus, ich habe Kunstgeschichte inskribiert, auch einmal Politikwissenschaft, habe auch Einzelvorlesungen besucht.“ (1)

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Ob die ausführliche Auseinandersetzung mit all diesen universitären Angeboten 12 oder 14 Semester dauerte, ist umstritten. Als sicher gilt aber, dass der Bundeskanzler während dieser Zeit einzelne Vorlesungen besuchte. Der Mühe des Ablegens von Prüfungen dürfte er sich nicht unterzogen haben. Ob er deshalb auch auf Familienbeihilfe, Studentenfreifahrt etc. verzichtet hat, wird nicht überliefert.

Wenn man dem Herrn Bundeskanzler für den Besuch einzelner Vorlesungen großzügigerweise ein ganzes Semester anrechnet, gönnte er sich mindestens 11 Semester Ferien, an deren Ende schon ein Wiener Landtagsmandat auf ihn wartete. Zumindest in Ferienfragen kann sich Faymann, das darf er mit Fug und Recht für sich beanspruchen, auf seine Expertise berufen.

Berufen fühlte sich Faymann jetzt, eine populistische Attacke auf die angeblichen „Privilegien“ von Österreichs Lehrerinnen und Lehrer zu reiten. Österreichs PädagogInnen ließen für Kuraufenthalte und Fortbildungsveranstaltungen unzählige Unterrichtsstunden entfallen, was horrende Supplierkosten verursache. Hier, so verkündete der Ferien-Experte auf einer Parteiveranstaltung der SPÖ, müsse nun gespart werden. (2)

Zu den Fakten: Selbst wenn die 120.000 österreichischen LehrerInnen nur jedes zweite Jahr eine Woche Fortbildung besuchten, bedeutete dies 300.000 Nächtigungen pro Sommer. Die nötigen Quartiere dafür im Juli und August aufzutreiben, ist wohl ebenso unmöglich wie zu Hochsaisonpreisen unerschwinglich – von den tausenden dafür erforderlich ReferentInnen ganz zu schweigen.

Noch schlimmer ist allerdings die Attacke des Ferien-Experten Faymann auf die Kuraufenthalte von Lehrkräften während des Unterrichtsjahres. Denn es bekommen schon jetzt nur jene LehrerInnen Kuren und Rehabilitationen während des Unterrichtsjahres bewilligt, deren Krankheiten keinen Aufschub dulden. Will der Bundeskanzler in Zukunft LehrerInnen nach einem Infarkt von Oktober bis zum Juli des nächsten Jahres auf die Reha warten lassen?

„Si tacuisses …“, verlockt es einen hier zu sagen, aber um „philosophus“ bleiben zu können, hätte man erst einer sein müssen.

(1) ORF-Sommergespräch mit Werner Faymann am 10. September 2012.

(2) Bernhard Gaul, Lehrer sind stinksauer auf Kanzler. In: Kurier online vom 27. April 2014.

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Das zentrale Prinzip der Demokratie

Die Schülerunion kritisierte gestern in einer Presseaussendung (1) Bundeskanzler Faymann ungewöhnlich scharf, weil er die Vorsitzende der SPÖ-Schülerorganisation AKS (2) als einzige Schülervertreterin in den ORF-Publikumsrat entsendet, obwohl die Schülerunion 95 % der Mandate in der Schülervertretung besetzt.

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Der Bundeskanzler handelt gesetzeskonform, denn es obliegt ihm, nach seinem Gutdünken einen Vertreter (3) zu bestellen, der für den Bereich der Schüler „repräsentativ“ ist. (4) Viel schlimmer noch: Ich behaupte sogar, Werner Faymann handelt im Sinn des ORF-Gesetzes, denn es ist bewusst so konstruiert, dass die jeweilige Kanzlerpartei möglichst große Kontrolle über den ORF ausüben kann. Geschaffen wurde dieses Konstrukt von Bundeskanzler Schüssel, dessen ÖVP nun wie so manche Oppositionspartei die „schlechte Behandlung“ durch den Staatsfunk beklagt.

Ebenfalls gestern berichtete die Parlamentskorrespondenz von einer im Auftrag der Parlamentsdirektion durchgeführten Studie. Ein zentrales Ergebnis: Die Wahlbeteiligung der Erstwähler lag bei der Nationalratswahl 2013, anders als noch 2008, deutlich unter der allgemeinen Wahlbeteiligung. (5) Etwas bodenständiger ausgedrückt: Viele Jugendliche finden Politik total uncool und wenden sich von ihr mit Grausen ab.

Ist das verwunderlich, wenn man sich ein wie oben beschriebenes Agieren von Spitzenpolitikern vor Augen führt? Die Oppositionsparteien stehen in ihrem Tun den Regierungsparteien in nichts darin nach, den politischen Diskurs auf ein Niveau zu senken, gegen das das Tote Meer wie der Titicacasee wirkt: „Spindi ist tot“, twittert ein prominenter Grüner. (6) Ein Blauer bezeichnet die EU als „Negerkonglomerat“. (7) Die pinken Flügerlheber räumten im Nationalratswahlkampf ÖVP- und SPÖ-Politiker in Form von Pappkameraden aus dem Weg. (8)

Montesquieu hat in seinem berühmten Werk „Vom Geist der Gesetze“ die Tugend als das zentrale Prinzip der Demokratie beschrieben. (9) Wenn dieses Prinzip fehlt, gerät sie ins Wanken. Wollen das unsere Politiker wirklich, oder wissen sie nicht, was sie tun?

(1) ORF-Publikumsrat: Vertreter der Schülerschaft ohne demokratische Legitimation parteipolitisch besetzt. OTS-Aussendung der Schülerunion vom 25. März 2014.

(2) Das ist keine Unterstellung von mir, sondern auf der Website der SPÖ wird die AKS als „Sozialdemokratische Organisation“ ausgewiesen.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) Siehe dazu § 28 Abs. 4 und 11 ORF-Gesetz.

(5) Wählen mit 16: Wahlbeteiligung der Jugendlichen ging zurück. Parlamentskorrespondenz Nr. 241 vom 25. März 2014.

(6) „Spindi tot“: Pilz-Tweet empört ÖVP. In : Presse online vom 25. März 2014.

(7) „Negerkonglomerat“: Mölzer-Sager auf Band. In: ORF online vom 24. März 2014.

(8) Zu sehen etwa im finalen Wahlkampfspot.

(9) „Mais dans un état populaire, il faut un ressort de plus, qui est la VERTU.“ Charles de Secondat, Baron de Montesquieu, De L’esprit des Loix (1748), Livres troisième, Chapitre III.

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Gerhard Riegler: Die Schöpfung der Krone

Am 22. August 2008 hatte „Kritikrax“ in den „Salzburger Nachrichten“ eine „kleine Rätselfrage“ gestellt: „Ist Werner Faymann die Krone der Schöpfung – oder ist er bloß eine Schöpfung der ‚Krone‘?“ Ein Kommentar in der vorgestrigen Abendausgabe dieses kleinformatigen Blatts erinnerte mich an die Zeiten, in denen „Onkel Hans“ Dichand und der damalige Wiener Wohnbaustadtrat Werner Faymann ein Herz und eine Inseratenseele waren.

bigstock-dog-wearing-crown--english-bu-47388769_blogDie Kronenzeitung hat sich offenbar dazu entschlossen, mit einem von Budgetdesaster und gebrochenen Wahlversprechen gebeutelten Bundeskanzler in Sachen Lehrerdienstrecht ins Feld zu ziehen. Und sie tut das gleich einmal mit einem Griff in die untersten Schubladen des Boulevard-Journalismus.

Den im Raum stehenden Lehrerstreik interpretiert die „Krone“ locker-flockig in eine von LehrerInnen herbeigesehnte Weihnachtsferienverlängerung um. Der Redakteur macht sich Sorgen, ob denn die Lehrergewerkschaften bei den anderen Berufsgruppen des öffentlichen Dienstes die nötige Zustimmung für Kampfmaßnahmen erhalten, ob diese „viel Verständnis für die Minderleister im Staatssold aufbringen“. (1)

Letztlich packt die „Krone“ auch noch staatstragend die Rechtskeule aus und bezweifelt „ob eine Gewerkschaft für Kollegen streiken kann, die es noch nicht gibt“ (2) – ganz brav im Sinne des inhaltlich falschen „Arguments“ von Heinisch-Hosek, dass es ja ohnehin „nur“ die Jungen betreffe.

Werner Faymann wird den Kommentar der „Krone“ mit breitem Dauergrinsen wohlwollend zur Kenntnis genommen haben. Der Herr Bundeskanzler wird aber auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich weder die von der „Krone“ genannten anderen Berufsgruppen im öffentlichen Dienst noch die LehrerInnen von höchst kleinformatiger Propaganda daran hindern lassen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für ihre Rechte und die ihrer künftigen KollegInnen zu kämpfen. Das ist nämlich nicht nur unser gutes Recht, sondern unsere Pflicht! Uns geht es um die Zukunft des Schulwesens und damit unseres Landes. Österreich wird nämlich, wenn es seinen Platz unter den Top 10 der Welt behaupten will, auch in Zukunft auf Menschen angewiesen sein, deren Bildung sie zu mehr befähigt als zum Lesen der Kronenzeitung.

(1) Lehrerstreik als Erholungspause. In: Krone, Abendausgabe vom 14. November 2013.

(2) a.a.O.

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Spitzenbolidiger

Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Schüler (1) würde in einem Text das Wort „Bolidig“ schreiben und Sie könnten das, phantasiebegabt oder berufserfahren wie Sie sind, als „Politik“ erkennen. Sie würden es wohl korrigieren. Stellen Sie sich weiters vor, der Schüler würde mit fast manischer Hartnäckigkeit an seiner kreativen Schreibweise festhalten. Sie würden es wohl wieder und wieder ausbessern.

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Kurios wird die Situation, wenn der Schüler nach einiger Zeit beginnt, sich aufzuregen, und seine Eltern Sie beflegeln, weil Ihnen der Sohn nun doch schon wirklich oft genug mitgeteilt habe, es hieße „Bolidig“. Erzürnt bringen sie schließlich ein Schreiben zum Aushang, in dem sie feststellen, „Bolidig“ sei richtig. Jeder, der das Gegenteil behaupte, sei ein Betonierer, ein pädagogisches Fossil und unfähig, orthographische Regeln zu durchschauen. Man bitte aber – großzügig wie man ist – um Rückmeldung.

Das Ergebnis: 1.700 Schüler und Eltern geben das gewünschte Feedback – einzigartig in der Geschichte der Schule, da bei ähnlichen Umfragen sonst nur 30 bis 40 Rückmeldungen eintrudeln. Über 99 % klären die „Rechtschreiboriginellen“ darüber auf, dass es tatsächlich „Politik“ heißt, was diese aber nicht davon abhält, an ihrer Behauptung starrsinnig festzuhalten.

Wenn Sie meinen, das seien aber schon sehr eigenartige Menschen, dann kann ich Ihnen nur zustimmen. Leider könnte es sich dabei um einige österreichische „Spitzenbolidiger“ handeln.

Der Entwurf zu einem neuen Lehrerdienstrecht wurde ohne sozialpartnerschaftliche Einigung in Begutachtung geschickt. Dem entspricht seine Qualität. Über 99 % der 1.700 Stellungnahmen sind negativ, was Bundeskanzler Faymann und Bundesministerin Heinisch-Hosek nicht davon abhält, diesen „Schmarr’n“ (© Fritz Neugebauer) praktisch unverändert noch vor Weihnachten im Ministerrat durchboxen zu wollen. Nur „technische und kleine inhaltliche Anpassungen“ soll es geben. (2) Notfalls wolle man das Gesetz auch ohne Zustimmung der Gewerkschaft beschließen.

Paul Kimberger, Vorsitzender der APS-Gewerkschaft und der ARGE LehrerInnen in der GÖD, meinte dazu: „Was ich nicht nachvollziehen kann, sind Aussagen von Exbildungsministerin Claudia Schmied und Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (beide SPÖ). Zuerst wünschen sie sich Stellungnahmen, und dann sagen sie: „Jetzt sind sie uns eh wurscht.“ Dieses eigenartige Demokratieverständnis lehne ich ab.“ (3)

Ich wünsche mir Politiker, die Menschen und demokratische Instrumente respektieren. Solche Politiker verdienen es auch, dass man weiß, wie man sie schreibt.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Bernhard Gaul und Karin Leitner, Heinisch will Dienstrecht mit ÖVP-Sanktus abschließen. In: Kurier online vom 23. Oktober 2013.

(3) Kimberger: „Dieses Demokratieverständnis lehne ich ab“. In: Standard online vom 23. Oktober 2013.

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Die Mächte der Finsternis

In einem Interview antwortete BM Schmied auf die Frage, ob sie die neue Lehrerausbildung und das neue Lehrerdienstrecht „in Richtung Gesamtschule“ gemacht habe, mit: „Natürlich.“ Und auf den Hinweis der Journalistin, sie könne dann wohl den Vorwurf der AHS-Gewerkschaft, das Dienstrecht sei ein „ideologisches Machwerk“, kaum von der Hand weisen, kam die Antwort: „Machwerk ist entwertend. Ich habe nichts gegen den Begriff Ideologie einzuwenden.“ (1)

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Der Ideologin vom Minoritenplatz passte es natürlich nicht in den Kram, dass die NMS vom damaligen BIFIE-Direktor Josef Lucyshyn scharf kritisiert wurde, weil sie die Ministerin als ihren Erfolg und als einen entscheidender Schritt in Richtung Gesamtschule verkaufen wollte. „Im Jahr 2009 war das Bifie per Parlamentsbeschluss beauftragt worden, den Modellversuch NMS mit immerhin 1000 Euro Zusatzbudget pro Schüler und Jahr zu evaluieren. Ende 2012 sollte ein Bericht vorgelegt werden, der als Entscheidungsgrundlage für die generelle Einführung dienen sollte – die flächendeckende Umstellung der Hauptschulen hat die Regierung allerdings in der Zwischenzeit beschlossen.“ Diese Vorgangsweise bezeichnete Lucyshyn als „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. (2) Die Kritik an der NMS wurde auch vom zweiten Ex-BIFIE-Direktor Günter Haider bestätigt. (3)

Der offen geäußerte Tadel bekam Josef Lucyshyn nicht gut. Am 29. März 2012 wurde er von BM Schmied mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Die Vorwürfe waren schwerwiegend. Von einem Schreibtisch um 12.000 Euro war die Rede, von verschwundenen Blackberrys und von mehreren unrechtmäßigen Vertragsvergaben. Auch ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet …

Von der zuständigen Disziplinarkommission wurde Lucyshyn im ersten Quartal dieses Jahres von allen Anklagepunkten freigesprochen. (4) BM Schmied berief und ging in die zweite Instanz. Das Ergebnis: Freispruch in allen Punkten. Eindeutiger können wohl die politischen Gründe für den Rausschmiss Lucyshyns nicht dokumentiert werden.

Der Ministerin bleibt jetzt theoretisch noch der Gang zum Höchstgericht. Eher aber findet sie sich bald in einer anderen Rolle. Lucyshyn wird BM Schmied wohl klagen. „Sein Anwalt prüft derzeit sowohl eine Amtshaftungsklage gegen das Unterrichtsministerium als auch eine Organhaftungsklage gegen die Ministerin persönlich.“ (5)

Der Zusammenbruch ihres ideologischen Kartenhauses lässt BM Schmied offensichtlich panisch werden. Zuletzt beschwerte sie sich sogar über die Niveaulosigkeit ihres eigenen Parteivorsitzenden: „Wenn wir eine TV-Debatte wie jene zwischen Faymann und Glawischnig miterleben und feststellen, dass kein bildungspolitisches Thema behandelt wird, dann wird klar, wo wir uns derzeit intellektuell bewegen.“ (6)

Wenn die hehre Ideologie Schiffbruch erleidet, verbleibt als letzte Erklärung der Hinweis auf die Mächte der Finsternis“, schrieb Paul Watzlawick in „Die erfundene Wirklichkeit“. Solche „Mächte der Finsternis“ scheint BM Schmied in ihrer Panik mittlerweile allerorts auszumachen – nicht nur in der Gewerkschaft.

Das ideologische Trauerspiel vom Minoritenplatz hätte im Interesse der österreichischen Schule schon längst seinen letzten Akt erleben sollen.

(1) Julia Neuhauser, Schmied: „Zweiklassen-Gesellschaft in Schulen auflösen“. In: Presse Online vom 26. August 2013.

(2) Neue Mittelschule: „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. In: Presse Online vom 28. November 2011.

(3) Siehe mein Posting „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ vom 12. September 2013.

(4) Siehe mein Posting „Die „Bin-ich“-Mentalität“ vom 11. April 2013.

(5) Julia Neuhauser, Zweite Instanz bestätigt: Schmied entließ Bifie-Chef zu Unrecht. In: Presse Online vom 17. September 2013.

(6) Stefan Grissemann, Claudia Schmied: „Kulturausgaben müssen erhöht werden”. In: Profil Online vom 14. September 2013.

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