Gerhard Riegler: Ferien-Fachmann Faymann

Böse Zungen unterstellen unserem Bundeskanzler den chronischen Mangel an Expertise, obwohl er laut eigenen Aussagen „einiges inskribiert“ hat. In einem ORF-Interview listete er auf: „Ich habe Jus, ich habe Kunstgeschichte inskribiert, auch einmal Politikwissenschaft, habe auch Einzelvorlesungen besucht.“ (1)

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Ob die ausführliche Auseinandersetzung mit all diesen universitären Angeboten 12 oder 14 Semester dauerte, ist umstritten. Als sicher gilt aber, dass der Bundeskanzler während dieser Zeit einzelne Vorlesungen besuchte. Der Mühe des Ablegens von Prüfungen dürfte er sich nicht unterzogen haben. Ob er deshalb auch auf Familienbeihilfe, Studentenfreifahrt etc. verzichtet hat, wird nicht überliefert.

Wenn man dem Herrn Bundeskanzler für den Besuch einzelner Vorlesungen großzügigerweise ein ganzes Semester anrechnet, gönnte er sich mindestens 11 Semester Ferien, an deren Ende schon ein Wiener Landtagsmandat auf ihn wartete. Zumindest in Ferienfragen kann sich Faymann, das darf er mit Fug und Recht für sich beanspruchen, auf seine Expertise berufen.

Berufen fühlte sich Faymann jetzt, eine populistische Attacke auf die angeblichen „Privilegien“ von Österreichs Lehrerinnen und Lehrer zu reiten. Österreichs PädagogInnen ließen für Kuraufenthalte und Fortbildungsveranstaltungen unzählige Unterrichtsstunden entfallen, was horrende Supplierkosten verursache. Hier, so verkündete der Ferien-Experte auf einer Parteiveranstaltung der SPÖ, müsse nun gespart werden. (2)

Zu den Fakten: Selbst wenn die 120.000 österreichischen LehrerInnen nur jedes zweite Jahr eine Woche Fortbildung besuchten, bedeutete dies 300.000 Nächtigungen pro Sommer. Die nötigen Quartiere dafür im Juli und August aufzutreiben, ist wohl ebenso unmöglich wie zu Hochsaisonpreisen unerschwinglich – von den tausenden dafür erforderlich ReferentInnen ganz zu schweigen.

Noch schlimmer ist allerdings die Attacke des Ferien-Experten Faymann auf die Kuraufenthalte von Lehrkräften während des Unterrichtsjahres. Denn es bekommen schon jetzt nur jene LehrerInnen Kuren und Rehabilitationen während des Unterrichtsjahres bewilligt, deren Krankheiten keinen Aufschub dulden. Will der Bundeskanzler in Zukunft LehrerInnen nach einem Infarkt von Oktober bis zum Juli des nächsten Jahres auf die Reha warten lassen?

„Si tacuisses …“, verlockt es einen hier zu sagen, aber um „philosophus“ bleiben zu können, hätte man erst einer sein müssen.

(1) ORF-Sommergespräch mit Werner Faymann am 10. September 2012.

(2) Bernhard Gaul, Lehrer sind stinksauer auf Kanzler. In: Kurier online vom 27. April 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

5 Antworten zu “Gerhard Riegler: Ferien-Fachmann Faymann

  1. Franz Kriechhammer

    Treffend ausgedrückt. Vielen Dank.

    • Nun wenn jeder Arbeitnehmer die Kur im Urlaub macht, dann freut das die Wirtschaft. Genau wie Lehrer müssen auch andere Dienstnehmer vertreten werden. Wenn es für alle gilt ok, ansonsten ist es Diskriminierung einer Berufsgruppe!

  2. Dr. Ulrike Sedlbauer

    Ja, ja Fachleute braucht man nicht, Fachmann ist man selbst und zwar immer und überall, natürlich auch ohne entsprechende Ausbildung. Wozu noch studieren, manche wissen auch so alles. Beneidenswert!

  3. Erich Wallner

    Das ist wieder mal eine typische Wortmeldung eines Standesvertreters: Der Vorschlag der Fortbildung nur in den Ferien sei abzulehnen, weil es sich leider, leider, mit den Quartieren nicht ausgeht. (Das ist ähnlich scheinheilig wie: Keine Erhöhung der Lehrverpflichtung, weil der Lehrer dann dem einzelnen Kind weniger Zeit widmen kann. Oder: Keine Nulllohnrunde, weil die geminderte Kaufkraft schlecht für die Wirtschaft ist.)
    Einspruch, Herr Vorsitzender: Der Vorschlag nach Fortbildung überwiegend oder gar ausschließlich in den Ferien ist nicht abzulehnen, weil es Probleme mit der Umsetzbarkeit gibt.
    Er ist vielmehr abzulehnen, weil wir Lehrer ein Recht darauf haben, unsere Ferien so zu gestalten, wie wir wollen. So einfach ist das.
    Ein Automechaniker kann auch von seinem Chef nicht im Urlaub auf einen Kurs geschickt werden – egal, wie es mit der Quartier-Situation aussieht.
    Wenn wir Lehrer so tun, als wollten wir eh gerne alle Kröten fressen, die man uns vorwirft (sofern es technisch nur möglich ist), dann machen wir uns zu Hampelmännern – und glaubwürdig sind wir dabei sowieso nicht.

    P.S.: In Diskussionen über die Ferien mit Nicht-Lehrern könnte man z.B. einmal erläutern, wie das mit Erkrankungen ist: Im ASVG unterbricht eine Erkrankung den Urlaub. Wenn ein Lehrer in den Ferien krank wird, hat er schlicht und ergreifend Pech gehabt …
    Oder: Urlaubsansprüche im ASVG steigen mit dem Dienstalter – bei mehr als 25 Jahre in einer Firma stehen sechs Wochen Urlaub zu. Bei den Lehrern steigt nix, höchstens der Blutdruck …

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