Philippi

Eines muss man der „Krone“ lassen: Sie kann für Aufregung sorgen. Am Donnerstagabend erschien online ein Artikel mit der Überschrift „Lehrer müssen jetzt mehr unterrichten“. (1) Am Freitag war es auf der Titelseite zu lesen.

Philippi

Dass eine solche Forderung auftaucht, ist nicht überraschend, wenn 2015 343 Millionen, 2016 548 Millionen und 2017 578 Millionen im Unterrichtsbudget fehlen und über 90 % der Ausgaben in Lehrergehälter fließen. Neu ist freilich, dass es diesmal niemand sein möchte, der diese Forderung erhoben hat – die Unterrichtsministerin genauso wenig wie der Finanzminister.

Hinter vorgehaltener Hand wurde mir mehrfach eine andere Geschichte erzählt: Es handle sich um eine Initiative des Bundeskanzlers, dessen Verbindung zur „Krone“ ja bestens bekannt ist. Claus Pándi, der Autor des „Krone“-Artikels, ist „nicht nur schon ewig mit SPÖ-Kanzler Werner Faymann befreundet“. Auch Angelika Feigl, Pándis Ehefrau, „fügt sich […] perfekt in diese kleine Welt. Sie war […] Sprecherin Faymanns, der immer die Nähe zum einflussreichen Kleinformat gesucht hat.“ (2)

Sei es, wie es sei. Klar ist jedenfalls die Haltung der Gewerkschaft. Der GÖD-Vorstand hat am 10. April 2015 eine Resolution beschlossen, in der die „unsachliche und populistische Berichterstattung“ verurteilt wird, „die falsch informiert und Feindbilder schafft. […] Sollte die bewährte Sozialpartnerschaft missachtet werden, würde das eine entsprechende Reaktion der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst hervorrufen.“ (3) Paul Kimberger, der Vorsitzende der ARGE Lehrer (4) in der GÖD, hatte zuvor betont: „Sollte sich das [eine Erhöhung der Lehrverpflichtung] bestätigen, werden wir entsprechend reagieren. Dann kann ich Kampfmaßnahmen garantieren.“ (5) Und ich werde zur Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung im „Standard“ mit den Worten zitiert: „Inakzeptabel. Das kommt absolut nicht infrage. Das gibt eine offene Feldschlacht, wenn die Regierung meint, das realisieren zu wollen.“ (6)

Wer eine solche gewinnt, ist offen, aber niemand tritt Arbeitnehmerrechte politisch ungestraft mit Füßen. Denn die große Mehrheit der Wahlberechtigten sind Arbeitnehmer, und rund 120.000 Lehrer sind wichtige Meinungsbildner. „Tuus sum, inquit, Brute, malus genius; in Philippis me videbis.“

(1) Claus Pándi, Lehrer müssen jetzt mehr unterrichten. In: Krone online vom 9. April 2015.

(2) Julia Ortner, Kleiner Mann, ganz groß. In: Falter online Nr. 5/2011.

(3) Resolution des GÖD- Vorstandes der GÖD vom 10. April 2015.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Gewerkschaft kampfbereit zu Lehrerarbeitszeiten. In: ORF online vom 10. April 2015.

(6) Lisa Nimmervoll, Heinisch-Hosek will über „Neubewertung“ der Lehrerarbeitszeit reden. In: Standard online vom 10. April 2015.


8 Gedanken zu “Philippi

  1. Ich bin neugierig, bis wann der Tropfen kommt, der das Fass zum Überlaufen bringt …
    Heuer sind es die Lehrkräfte der AHS, die mit viel Einsatz und viel zusätzlicher Arbeit die neue Reifeprüfung durchziehen müssen, für deren Vorbereitung nicht sie, sondern das BIFIE bzw. das BMBF verantwortlich ist. Im nächsten Jahr folgen die Lehrkräfte der BHS. Davon abgesehen, werden auch die Lehrkräfte die eher oder ausschließlich die 10- bis 14-jährigen Schülerinnen und Schüler unterrichten, von Standardtests und veränderlichen Strukturen (siehe NMS) usw. „gebeutelt“. Dazu kommt, dass Lehr- und Erziehungsaufgaben von den Lehrkräften aller Schultypen mehr und mehr Kraft und Engagement abfordern. Ich könnte noch weitere Punkte aufzählen, die zeigen, wie sehr die Belastungen im Lehrberuf gestiegen sind und steigen…
    Offenbar kennen die, die meinen, man könne den Lehrerinnen und Lehrern noch mehr Aufgaben aufbürden, bzw. sie einfach noch zwei Stunden mehr in die Klasse stellen, die Realität nicht. Oder versuchen sie nur, ihre eigene Unfähigkeit, einen Staat zu führen (und finanziell abzusichern) mit populistischer Suche nach Einsparungsmöglichkeiten zu kaschieren?

  2. Verkehrte Welt! In Salzburg erhalten die Ärzte bis zu 30% mehr Gehalt bei verringerter Arbeitszeit (was ich ihnen vergönne. Ich möchte im Notfall nicht von einem Arzt, der bereits 48 Stunden ununterbrochen wach ist, behandelt werden). Das Geld dafür ist eigentlich nicht vorhanden.
    Nur bei den Lehrern soll die Arbeitszeit ausgeweitet werden. Der Beifall ist der Regierung sicher. Ich frage mich nur, was wird noch alles kommen, wenn die Sommerferien vor der Türe stehen?? Da wird doch üblicherweise jedes Jahr kübelweise Schmutz über die Lehrer ausgeschüttet.
    Ich hoffe, die GÖD ist stark genug für vernünftige Kompromisse – aber ich fürchte, die überforderte Ministerin wird auch hier „drüberfahren“.

    1. Bei den Lehrern „soll“ nicht die Arbeitszeit ausgeweitet werden, sondern sie ist schon ausgeweitet worden – im neuen Dienstrecht.
      Was ich nicht verstehe: Dieses neue Dienstrecht war ein Verhandlungserfolg der Gewerkschaft – sagt jedenfalls E. Quin. (Mißerfolge bei Verhandlungen hat es seit Generationen keine mehr gegeben.) Wieso kündigt er jetzt auf einmal eine „offene Feldschlacht“ an, wo es doch nur um einen der Punkte geht, die bereits (erfolgreich) abgehakt worden sind, nämlich um die Erhöhung der Lehrverpflichtung? Und was würde E. Quin dann erst in Aussicht stellen, wenn – analog zum neuen Dienstrecht – auch noch eine Gehaltskürzung anstünde? Einen Atomkrieg vielleicht?

      Anmerkung Quin: Entweder lebt Kollege Wallner in einer Parallelwelt, oder er behauptet Dinge wider besseres Wissen. (Landläufig bezeichnet man das als Lüge.)
      Das neue Lehrerdienstrecht – und das weiß wirklich jeder, der sich nur minimal mit der Causa auseinandersetzt – ist GEGEN den Willen der Gewerkschaft OHNE sozialpartnerschaftliche Einigung im Parlament beschlossen worden. ALLE Lehrergewerkschaften (und alle darin vertretenen Fraktionen) haben sich dagegen ausgesprochen.

      1. Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass es der Regierung völlig egal ist, ob sich die Gewerkschaft dagegen ausspricht und dass sie auch keine Dienststellungsversammlungen fürchtet.
        Falls ich mich nicht täusche, wurde vor einigen Jahren statt der erhöhten Lehrverpflichtung das Entgelt für die Mehrdienstleistungen gekürzt sowie die Bildungszulage gestrichen. Das wäre ja der blanke Hohn, wenn jetzt diese erhöhte Lehrverpflichtung doch käme.

      2. Ich zitiere den Beginn von E. Quins Leitartikel aus „Gymnasium“ vom März / April 2014:

        „Das neue Lehrerdienstrecht
        Die erreichten Änderungen

        Der Dienstgeber führte eineinhalb Jahre Scheinverhandlungen. Innerhalb kürzester Zeit waren dann im parlamentarischen Prozess sinnvolle Veränderungen möglich. Es bleibt aber noch sehr viel zu tun.

        [ … ] Ich werde [ … ] darstellen, was v.a. in den rund drei Wochen des intensiven Kontaktes mit Parlamentariern des Verfassungsausschusses im Vergleich zum Begutachtungsentwurf positiv verändert werden konnte, auch wenn die Änderungen bei weitem nicht ausreichend waren, um die Zustimmung der Gewerkschaft zum neuen Lehrerdienstrecht zu bewirken. Jedenfalls konnten wir in dieser kurzen Zeit mehr bewegen als in den eineinhalb Jahren Verhandlungen zuvor. [ … ]“

        Kommentar E.W.:
        1. „erreichte[n] Änderungen“ 2. „sinnvolle Veränderungen“ 3. „positiv verändert“ 4. „in dieser kurzen Zeit mehr bewegen als …]
        Ich habe diese vier Zitate aus dem Munde E. Quins interpretiert als „Verhandlungserfolg der Gewerkschaft“. Ein eingestandener Misserfolg klingt für mich anders – aber ich lebe ja auch in einer Parallelwelt, in der ich niemandem etwas verkaufen muss. Soviel zu „wider besseres Wissen“.

        Wenn nun E. Quin die Vergangenheit so beschreibt, dass uns das neue Dienstrecht aufs Aug’ gedrückt worden ist, dann stellt sich natürlich eine logische Frage: Wieso jetzt auf einmal „offene Feldschlacht“, wo doch der bloß drohende Schaden viel geringer ist als der bereits angerichtete massive Schaden des neuen Dienstrechts? (Die höhere Lehrverpflichtung ist ja nur ein Teil der Verschlechterungen, die das neue Dienstrecht gebracht hat.) Ist der plötzliche gewerkschaftliche Furor vielleicht damit zu erklären, dass es jetzt auch die Altlehrer treffen soll und nicht „nur“ die kommenden Junglehrer?

        Noch ein Punkt: Kollege Ganspöck weist zu Recht darauf hin, dass die Ärzte bei weniger Arbeitszeit jetzt erheblich mehr verdienen. Hat die Lehrergewerkschaft der Ärztevertretung zu diesem Verhandlungserfolg schon gratuliert?

  3. In (neoliberalen) Zeiten, in denen ausser den sog. obersten 10%, vorallem der Vermögenden, Einschränkungen erleben, sollten Fundamentalismen ALLER Beteiligten zurücktreten. (AHS-)LehrerInnen sollte nicht justament 2 Stunden U-Zeit aus Einsparungsgründen aufs Auge gedrückt werden; noch wird die Welt einstürzen, wenn LehrerInnen, beginnend mit den Jungen, 2 Stunden länger unterrichten. Ich kann mich erinnern oft monatelang 25 und mehr Std p. Woche unterrichtet zu haben …
    Die Bedingungen der Möglichkeit gelungener Bildung hängen von anderen Komponenten ab als 2 Std mehr oder weniger. Diese Bedingungen sollten einmal öffentlich diskutiert werden !
    Übrigens bin ich ein Fan der humanistischen Bildung (damit auch AHS) – für so viele wie möglich … (Lies nach bei H.J.Heydorn; bei seinen Schülern Gamm & Koneffke durfte ich einige Semester in Darmstadt studieren).
    Alles Gute!

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