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Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

Ende Februar waren beim AMS insgesamt 24.500 Akademiker als arbeitslos gemeldet, um 1139 bzw. 4,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inklusive Schulungsteilnehmern waren es knapp 30.000.“ (1) Noch nie hat es in Österreich so viele arbeitslose AkademikerInnen gegeben. Zu „verdanken“ ist diese Tatsache nicht zuletzt einer Politik, die sich vom Vorwurf der OECD, Österreich habe eine zu geringe Akademikerquote, ins Bockshorn jagen ließ, statt sich dessen bewusst zu sein, dass Österreichs Schulwesen zu bieten hat, worum uns andere Staaten inzwischen beneiden.

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In unserem Land hatten und haben junge Menschen mit einem erfolgreichen Abschluss jeder Art von Sekundarstufe II – ob Lehre, mittlere oder höhere Schule – bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben als „AkademikerInnen“ in anderen Staaten. In Österreich sind nach den aktuellsten Daten der Eurostat nur sechs Prozent der 25- bis 29-jährigen AbsolventInnen einer Sekundarstufe II arbeitslos, im EU-Mittel aber über neun Prozent der JungakademikerInnen.

Entscheidend ist – nicht nur in Österreich -, die Sekundarstufe II erfolgreich abzuschließen, statt die Schullaufbahn als Dropout zu beenden. Es kommt also darauf an, dass junge Menschen den für sie richtigen Weg finden und ihn konsequent zu Ende gehen.

Während Österreichs Jugendarbeitslosenquote, noch vor wenigen Jahren die niedrigste aller EU-Staaten, langsam, aber sicher steigt, hat die Arbeitslosenquote Deutschlands den niedrigsten Wert seit einem Vierteljahrhundert erreicht. Finnlands hohe Akademikerquote, die Österreichs Politik vor die Nase gehalten wurde, und Finnlands Massen junger Menschen, die keine Arbeit finden, haben eine gemeinsame Wurzel, deren man sich bei unserem deutschen Nachbarn bewusst ist: „In Finnland gibt es kein vergleichbares System der beruflichen Bildung wie in Deutschland. Die extrem hohe Studienanfängerquote ist auch Ausdruck eines Defizits, es gibt keine nicht-akademische Berufsausbildung.“ (2)

Aber längst ist man sich nicht nur in Deutschland des Vorteils eines vielfältigen Bildungsangebots bewusst, sondern auch in immer mehr Staaten, denen die Vielfalt fehlt: „Viele Länder, u. a. das Vereinigte Königreich (modern apprenticeships), Spanien (nuevo contrato de la formación y aprendizaje) und Frankreich (apprentissage nouveau), setzen auf neue/modifizierte duale Ausbildungssysteme, um den hohen Jugendarbeitslosigkeits- und Schulabbruchquoten entgegenzuwirken.“ (3)

Bis nach Südostasien hat sich die duale Bildung als Erfolgsmodell durchgesprochen. Südkoreas Politik scheut auch nicht davor zurück, mit dem Namen „Meister Schools“ zu demonstrieren, wo man sich dieses Erfolgsmodell abgeschaut hat. „The employment rate of university graduates in 2013 was 56 %. […] For vocational institutions, the employment rate of Meister high-schools in 2013 was over 90 %.“ (4)

In Österreich aber feiert man es als Erfolg der NMS, dass mehr AbsolventInnen eine höhere Schule beginnen und weniger eine duale Bildung, als dies für die Hauptschule gegolten hat. Ob diese jungen Menschen den Weg zur Matura erfolgreich beenden oder als Dropout enden, ist für Österreichs Schulpolitik – vor wenigen Tagen einmal mehr im Unterrichtsministerium hautnah erlebt – kein Thema. Unglaublich, aber leider wahr.

(1) Anita Staudacher, Arbeitslosigkeit: Höchster Anstieg bei Akademikern. In: Kurier online vom 1. März 2017.

(2) Julian Nida-Rümelin in Hanns Seidel Stifung (Hrsg.), Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel (2016), S. 81.

(3) ibw (Hrsg.), Befragung österreichischer LehrabsolventInnen zwei Jahre nach Lehrabschluss (2016), S. 11.

(4) OECD (Hrsg.), OECD Skills Strategy Diagnostic Report Korea 2015 (2015), S. 50.

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Gerhard Riegler: Sprung verweigert!

Es war zu befürchten: Der Wiener Bürgermeister hat es am 1. Mai nicht geschafft, über seinen Schatten zu springen!

Gold Fish jumping from one fish bowl to another

Der Tag der Arbeit, 70 Jahre nach Kriegsende, wäre für eine nüchterne und ermutigende Analyse des österreichischen Wegs zu Frieden und Wohlstand und einen daran anschließenden richtungsweisenden Appell ein idealer Zeitpunkt gewesen. Ein idealer Zeitpunkt darauf hinzuweisen,

  • dass wir uns trotz aller Schwierigkeiten, die es zu lösen gilt, in einer Situation befinden, um die wir zu Recht beneidet werden,
  • dass Österreich seit Jahren gemeinsam mit Deutschland EU-weit die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweist – eine Leistung, von der die Gründungsväter dieser 2. Republik wohl nicht einmal geträumt haben,
  • dass bei uns so wenige junge Menschen die Schule ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II verlassen wie in kaum einem anderen Staat der Welt,
  • dass Österreichs Schulwesen dies schafft, obwohl so viele SchülerInnen in einer Sprache unterrichtet werden, die sie außerhalb der Schule nicht sprechen – schwierigste Bedingungen, wie sie weltweit in nur wenigen Staaten zu finden sind,
  • dass es das Bildungswesen war, auf das die Menschen vor 70 Jahren ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gesetzt haben,
  • dass Österreichs Bevölkerung kaufkraftbereinigt um 50 % höhere Nettolöhne bezieht, sich um die Hälfte mehr leisten kann, als dies im EU-Mittel der Fall ist – 70 Jahre, nachdem Österreich in Trümmern lag, und viele dieses Land vor einer erbärmlichen Zukunft sahen,
  • dass unsere Heimat durch den Rohstoff Bildung zum zweitreichsten EU-Staat aufgestiegen ist,
  • dass Österreichs Schulwesen nach zwei Jahrzehnten Ressourcenentzugs aber der akuten Gefahr ausgesetzt ist, in einen ausgehungerten staatlichen und einen privilegierten, von den Eltern selbst finanzierten Teil zu zerfallen, wie dies in etlichen OECD-Staaten geschehen ist,
  • dass die Bildung auch in Zukunft auf die Besten der Besten als LehrerInnen angewiesen ist, und
  • dass solche PädagogInnen nur dann gefunden werden können, wenn sie fair entlohnt, wertgeschätzt und bei ihrer ebenso schwierigen wie wertvollen Arbeit in einem Ausmaß unterstützt werden, wie es in anderen Staaten inzwischen längst der Fall ist.

Hoffentlich ist Österreichs Bundesregierung fähig, wozu der Wiener Bürgermeister nicht fähig war!

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Gerhard Riegler: Aufbruch in die Freiheit!

Die Auswahl der Zitate für das ÖPU-Podest vom Juli und August war heuer besonders schwierig, da es aus einer auffallend großen Menge „podestverdächtiger“ Aussagen drei auszuwählen galt.

Es freut mich, dass sich – wohl angesichts der in vielen Staaten der EU dramatisch hohen Jugendarbeitslosigkeit – immer mehr PolitikerInnen von Positionen befreien, die sich als Irrtum erwiesen haben.

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Drei der folgenden Aussagen stammen von sozialdemokratischen und Grünen PolitikerInnen. Gratulation an alle, die ohne einen vorherigen Blick auf die Fußnoten die richtige Zuordnung schaffen:

  1. Das Gesamtschulsystem anderer Länder zeigt: Die soziale Trennung ist mindestens so stark, oft aber sogar stärker als in unserem System.“ (1)
  2. Welche Schule am besten für ein Kind ist, das müssen die Bürger frei entscheiden können.“ (2)
  3. In vielen Klassenräumen, in denen ich gewesen bin, hängen Plakate mit Regeln. Aber es fehlt meist das ergänzende Plakat: Welche Konsequenzen folgen bei Regelübertretungen?“ (3)
  4. Wenn wir nicht wollen, dass uns ganze Stadtteile entgleisen, müssen wir etwas tun.“ (4)
  5. Spanische oder griechische Jugendarbeitslosigkeiten sind auch auf eine Überakademisierung zurückzuführen.“ (5)
  6. Es ist völlig illusorisch zu glauben, ein Lehrer könne für jeden Schüler einen eigenen, auf ihn zugeschnittenen Lehrplan entwickeln. Das kann zu einer Überforderung für alle Beteiligten führen.“ (6)
  7. Inklusion ist oft ein Etikettenschwindel. Kinder können im Unterricht dabei sein, aber sie werden nicht spezifisch gefördert.“ (7)
  8. In Finnland ist auch der Anteil der Akademikerkinder in den renommierten Universitäten extrem hoch. In Österreich funktioniert die soziale Durchlässigkeit besser.“ (8)

Höchst erfreulich ist es, dass sich nun endlich auch auf dem Feld der Bildungspolitik das Denken von alten Dogmen zu befreien scheint. Noch erfreulicher wäre es, wenn es diesen Aufbruch auch in Österreich gäbe. Aber in Österreich glaubt man offensichtlich noch immer, auf ahnungslose Pseudo-ExpertInnen setzen zu müssen.

Auf dem September-Podest der ÖPU sind noch drei Plätze frei. Gesucht sind PolitikerInnen, denen die Zukunft unserer Jugend ein größeres Anliegen ist als das sture Festhalten an alten Denkmustern, deren Scheitern heute sichtbarer denn je ist.

(1) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Kleine Zeitung online am 29. Juni 2014.

(2) Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im deutschen Bundestag, FAZ online am 23. August 2014.

(3) Dr. Walter Kowalczyk, Schulpsychologe und vielfacher Buchautor, bildungsklick.de am 5. August 2014.

(4) Heinz Buschkowsky, sozialdemokratischer Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Die Welt online am 28. August 2014.

(5) Dr. Klaus von Dohnanyi, sozialdemokratischer Bildungsminister Deutschlands a. D., Süddeutsche Zeitung online am 29. August 2014.

(6) Univ.-Prof. Dr. Bernd Ahrbeck, Der Spiegel vom 18. August 2014, S. 38.

(7) Univ.-Prof. Dr. Werner Dollase, profil (Zeitung des dphv) vom Juli/August 2014, S. 21.

(8) Univ.-Prof. Dr. Josef Aff, Die Presse online am 18. Juli 2014.

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Gerhard Riegler: Akademisierungswut

Nicht jeder ist für die Uni geeignet“, titelte Christoph Schwarz jüngst in der „Presse“ (1) und wagte sich damit auf das glatte Parkett der „political incorrectness“. Jahrzehntelange Propaganda hat in den Köpfen allzu vieler – unter ihnen nicht wenige JournalistInnen – die Vorstellung zementiert, dass jeder Mensch das Potenzial für einen akademischen Abschluss habe. Man müsse nur das – ach so ungerechte – Schulsystem endlich radikal reformieren, und schon stünde allen der Weg zu Universität und Nobelpreis weit offen.

bigstock-Young-Builder-521028_blogDass junge Menschen ohne Uni-Abschluss und auch ohne Matura ein erfülltes und wirtschaftlich erfolgreiches Leben führen können, wird von realitätsfernen „ExpertInnen“ penetrant geleugnet. Manchen von ihnen unterstelle ich dabei nicht einmal bösen Willen. Sie erinnern mich in ihrem blinden Eifer allerdings an den Pfadfinder, der eine alte Dame über einen Zebrastreifen zerrt, obwohl sie gar nicht auf die andere Straßenseite will. Der Pfadfinder hat aber seine tägliche gute Tat noch nicht vollbracht …

Natürlich hat die grassierende „Akademisierungswut“ (© Christoph Schwarz) auch handfeste ökonomische Hintergründe. Noch wird Studieren hierzulande aus Steuermitteln finanziert, anders als in den USA, wo sich Jahr für Jahr Millionen junger Menschen oder deren Eltern in horrende Schulden stürzen, um die Collegegebühren zu bezahlen. In Europa sind mehrere Staaten, z. B. Frankreich und England, bereits auf dem „besten“ Weg dorthin.

Die OECD-Bildungsabteilung, verantwortlich für PISA und ähnliche Unternehmen, beanstandet Jahr für Jahr die angeblich viel zu niedrige Akademikerquote Österreichs. Eine aktuelle Analyse des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) betrachtet eine Akademikerquote von 20 Prozent mittel- und langfristig als optimal. (2) Diesem Idealwert entspricht Österreichs von der OECD gerügtes Bildungswesen mit derzeit 19 Prozent fast punktgenau.

Wohin die Akademisierungswut führt, zeigt der Blick über die Grenzen:

  • Schweden und Frankreich haben unter den 25- bis 34-Jährigen eine doppelt so hohe Akademikerquote wie Österreich. (3) Dafür ist die Jugendarbeitslosigkeit in diesen Staaten dreimal so hoch. (4)
  • In Portugal ist inzwischen mehr als ein Drittel der Hochschulabsolventen arbeitslos. Massen von JungakademikerInnen sehen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um im Ausland einen Arbeitsplatz zu finden. (5)
  • In Deutschland werden händeringend Lokführer und Installateure gesucht. Der Fachkräftemangel könnte Unternehmen bald dazu zwingen, „Standorte und Stellen aus Deutschland abzuziehen, weil sie hierzulande kein ausreichend qualifiziertes Personal mehr fänden“. (6)

Christoph Schwarz fragt abschließend: „Findet sich ein Bildungspolitiker, der sich traut, das offen auszusprechen?“ (7) Ich wünsche es unseren Kindern und Enkelkindern.

(1) Christoph Schwarz, Nicht jeder ist für die Uni geeignet. In: Presse Online vom 15. Jänner 2013.

(2) Nur jeder Fünfte braucht Uni-Abschluss. In: Presse Online vom 15. Jänner 2013.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2012. OECD Indicators (2012), S. 36.

(4) www.bmask.gv.at am 17. Jänner 2013.

(5) Julia Fiedler, Akademikerflucht vor der Krise: Bis Portugal mich braucht, bin ich tot. In: Spiegel Online vom 8. Oktober 2012.

(6) Stefan von Borstel, Deutschland fehlen Lokführer und Klempner. In: Welt Online vom 10. Jänner 2013.

(7) Schwarz, Nicht jeder ist für die Uni geeignet.

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Gerhard Riegler: Advent, Advent, kein Lichtlein brennt!

Die Arbeitslosen der südspanischen Stadt Alameda können Medienberichten zufolge regelmäßig bei einer seltsamen Lotterie mitspielen, bei der als Preis ein bezahlter Job winkt. Jeden Monat werden etwa acht Frauen ausgelost, die für vier Stunden Putzarbeiten pro Tag 650 Euro im Monat erhalten. Über 600 Frauen nehmen daran teil. Die Gewinnerinnen wischen dann unter anderem in der städtischen Schule den Boden. (1)

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Die AbsolventInnen dieser und vieler anderer spanischer Schulen haben ein trostloses Schicksal vor sich. Landesweit findet nicht einmal mehr die Hälfte von ihnen Arbeit. (2) Perspektivenlosigkeit und dramatische Verzweiflung sind allgegenwärtig. Die Gewalt auf den Straßen wird uns fast schon täglich auf den Bildschirmen serviert. Selbstmorde wegen drohender Zwangsräumungen häufen sich. In Spanien gehen – durchaus wörtlich zu verstehen – nicht nur im Advent Lichter aus.

Und bei uns wischen manche „ExpertInnen“ noch immer das Argument kaltblütig vom Tisch, dass differenzierte Schulsysteme die jungen Menschen optimal – weil begabungsorientiert und vielfältig – auf den Einstieg in ein differenziertes Berufsleben vorbereiten. Nicht mehr bestreiten können sie, dass Österreich bei der Jugendbeschäftigung gemeinsam mit Deutschland EU-weiter Top-Performer ist. Fast hat man den Eindruck, dass ihnen dies unangenehm ist. Die Ursachen dafür lägen – so will man es der Bevölkerung noch immer vorgaukeln – ausschließlich außerhalb des Bildungswesens. Mangelnde Medaillenerfolge bei Olympia – die Schule ist schuld und gehört radikal reformiert! Übergewichtige Jugend – die Schule ist schuld und gehört radikal reformiert! Eine sensationell niedrige Jugendarbeitslosigkeit – das hat überhaupt nichts mit dem Schulsystem zu tun! So sehen das zumindest manche „ExpertInnen“. Und Medien zünden gerne ein „Experten“-Kerzerl an, wenn’s dafür Lebkuchen in Form von Inseraten gibt. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit!

Manchmal muss man in ausländische Medien blicken, die nicht am Tropf ministerieller Inserate hängen, um einen ungetrübten Blick auf die Wirklichkeit zu gewinnen, die wir in diesen Tagen auf unserer Insel der Seligen genießen; auf das „noch“ habe ich im letzten Satz als grenzenloser Optimist verzichtet. „Foreign Policy“ spricht vom „Austrian Miracle“: „Walking through the beautiful and bustling streets of central Vienna, one finds it hard to imagine that elsewhere in Europe thousands of demonstrators are taking to other streets to protest crippling unemployment and the imposition of punishing austerity measures.“ Einer der Hauptgründe für das „Wunder” wird auch genannt: „In a country with generally good secondary schools and effectively free higher education, the economy enjoys a well-educated workforce and stable relations between management and labor within the social-partnership system that allow for long-term planning.” (3)

Möge unserer Politik und ihren Medien endlich ein Lichtlein aufgehen! Ein Funke Ehrlichkeit würde dafür wohl meistens genügen.

(1) Ein paar hundert Euro zum Leben. In: ORF Online vom 2. Dezember 2012.

(2) Die Jugendarbeitslosigkeitsrate in Spanien liegt derzeit bei 55,9 %! (Quelle: Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz)

(3) Dardis McNamee, The Austrian Miracle. In: Foreign Policy Online vom 5. November 2012.

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Gerhard Riegler: Mutig in die neuen Zeiten…

In Österreich lebt sichs wie in der Verwandtschaft. Sie glauben nicht an das Talent, mit dem sie aufgewachsen sind. Im Österreicher ist ein unzerstörbarer Hang, den für klein zu halten, den man noch gekannt hat, wie er so klein war. Was kann an einem dran sein, den ich persönlich kenne? denkt der Österreicher.“ (1) Karl Kraus fällt mir ein, wenn ich die bildungspolitische Debatte verfolge. Denn „der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn“ (2) fehlt vielen politisch Verantwortlichen. Der ideologisch verengte und populistisch gesteuerte Tunnelblick regiert auf vielen Ebenen. Anstatt Bewährtes zu schätzen und auszubauen, wird geradezu zwanghaft nach Demolierung und Radikalreform gerufen.

Wenn man aktuelle Berichte zur horrenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa verfolgt, kann man mit Freude und Stolz feststellen, dass die „Heimat großer Töchter und Söhne“ (3) noch immer „hoffnungsreich“ ist. Denn für den Zusammenhalt der Gesellschaft und ihre positive Weiterentwicklung ist eine berufliche Perspektive für die Jungen von ganz entscheidender Bedeutung: „In fact, it is strongly perceived that there is a danger that some young people may opt out of participation in civil society or may engage at the extremes of the political spectrum“, liest man dazu in einem am Montag erschienenen Bericht der europäischen Behörde Eurofound. (4)

Selbst Technokraten, deren Denken nur von Zahlen dominiert wird, werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass eine galoppierende Jugendarbeitslosigkeit nicht „nur“ Leid verursacht und sozialen Sprengstoff produziert, sondern auch die Staatshaushalte der betroffenen Länder enorm belastet. Eurofound spricht allein für das Jahr 2011 von Kosten in der Höhe von 153 Milliarden Euro, die durch die Jugendarbeitslosigkeit europaweit entstanden sind.

Der direkte Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem und der Jugendarbeitslosigkeit wird auch von der UNESCO bestätigt: „Laut UNESCO-Experten sind die erschreckend hohen Arbeitslosenraten bei Jugendlichen etwa in Griechenland nicht nur eine Folge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch die Konsequenz mangelnder Bildung. Selbst vor der Krise hätten mehr als 40 Prozent der jungen Griechen und auch der Italiener fünf Jahre auf einen Job warten müssen, heißt es.“ (5)

Ob der Tiroler Landeshauptmann und seinesgleichen trotz dieses Italien-Befunds weiter mit dem Südtirol-Gesamtschul-Lied zum Halali auf das Gymnasium blasen oder ihnen angesichts dieser UNESCO-Analyse endlich die Spucke wegbleibt, ist, so befürchte ich, leider nur eine rhetorische Frage. (6) Allen populistisch agierenden PolitikerInnen seien jedoch zum Nationalfeiertag zwei Sätze Univ.-Prof. Taschners ins Stammbuch geschrieben: „Der Verlockung, mit dem Schielen auf den möglichen kurzfristigen Erfolg den Blick aufs Wesentliche zu verlieren, widerstehen nicht alle. Für einen Staat ist dies in heiklen Zeiten fatal. Freiheit und Sicherheit im Lande bedürfen stabiler Institutionen, die man nicht fahrlässig und leichtfertig über den Haufen werfen sollte.“ (7)

(1) Karl Kraus, Die Fackel Nr. 326/327/328, XIII. Jahr, 8. Juli 1911.

(2) Franz Grillparzer (1791 – 1872), König Ottokars Glück und Ende.

(3) Bundesgesetzblatt BGBl. I Nr. 127/2011.

(4) Eurofound, NEETs – Young people not in employment, education or training (2012), Seite 82.

(5) Düstere Zukunftsaussichten. In: ORF Online vom 24. Oktober 2012.

(6) „Dass er [LH Platter] mit seinem Vorstoß in Tirol bei der schwarzen Lehrer-Gewerkschaft auf Widerstand stößt und man in der Bundespartei keine Freude hat, weiß er, sei ihm aber egal: „Ich lasse mich von diesem Weg nicht mehr abbringen, weil ich von der Richtigkeit überzeugt bin“, gibt sich der VP-Politiker überzeugt.“ Michael Sprenger, Platter bläst bei Bildung zum „Befreiungsschlag“. In: Tiroler Tageszeitung Online vom 19. Oktober 2012.

(7) Rudolf Taschner, Drei Gründe, den Nationalfeiertag angemessen zu feiern. In: Presse Printausgabe vom 25. Oktober 2012. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner ist Wissenschaftler des Jahres 2004.

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Gerhard Riegler: Les Misérables

Frankreich brennt wieder einmal: SchülerInnen und StudentInnen gehen auf die Straße, um gegen die geplante Pensionsreform zu demonstrieren, es kommt schon wieder zu sattsam bekannten Gewaltszenen. Viele fragen sich wohl: Fordert bei uns nicht die politisch engagierte Jugend exakt die Maßnahmen im Bereich der Pensionen, gegen die die Jugend in Frankreich mit Verbitterung auf die Straße geht? Was setzt diese geballten Emotionen französischer Jugendlicher frei und Straßen in Brand?

Der wohl wichtigste Grund für das höchst unterschiedliche Verhalten französischer und österreichischer Jugendlicher: In Frankreich beträgt die Jugendarbeitslosigkeit bereits 23 Prozent und hat damit finnische Verhältnisse erreicht. Die jungen Französinnen und Franzosen solidarisieren sich mehrheitlich keineswegs mit den 55- und 60-Jährigen, sondern sehen ihre ohnehin miserablen Chancen, im Arbeitsleben Fuß zu fassen, dadurch weiter eingeschränkt, wenn ältere Menschen erst um zwei Jahre später aus dem Erwerbsleben ausscheiden dürfen.

In Österreich beschränkt sich die Jugendarbeitslosigkeit hingegen auf 8,5 %. Damit belegt Österreich UNTER ALLEN EU-STAATEN DEN BESTEN PLATZ.

Die Gesamtschullobby und ihre „ExpertInnen“ versuchen es zu vernebeln oder gar in Abrede zu stellen, aber die Fakten sprechen eine klare Sprache: Frankreich erzeugt mit seinen staatlichen Gesamtschulen eine „Generation hoffnungslos“, deren gemeinsame Sprache die der Gewalt ist. Staaten, die wie Frankreich auf der einen Straßenseite öffentlich finanzierte Gesamtschulen anbieten und ihnen auf der anderen Straßenseite sündteure Privatinstitute für Sprösslinge elitärer Kreise gegenüberstellen, treiben die Jugend in eine Sackgasse, treiben sie in die Enge, treiben sie in die Verzweiflung, aus der sie sich befreien will – und sei es mit brutaler Gewalt.

Wer auch für Österreich die Reduktion des staatlichen Schulangebotes auf Gesamtschulen propagiert, fordert französische Verhältnisse für Österreichs Jugend und Österreichs Straßen.

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