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„Wenn der Zweck die Mittel heiligt …

dann ist der Zweck unheilig.“ Diese Worte werden Karl Marx zugeschrieben (1) und fielen mir ein, als ich zwei „Presse“-Artikel las. Ich möchte Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, zwei Zitate präsentieren. Hätte ich raten müssen, von welchen Personen welcher Parteien sie stammen, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.

The constitution of the United States of American with a vintage flag

Es geht bei den beiden Zitaten um die Schaffung von Modellregionen für die achtjährige Volksschule – pardon, die „Schule der 6 – bis 14-Jährigen“, wie es im Regierungspapier zur „Bildungsreform“ heißt. Eine Person hielt fest, sie „werde Eltern, Schüler und Lehrer zwar in die Überlegungen einbinden, im Ernstfall aber auch gegen diese entscheiden.“ (2)

Die zweite Person meinte: „Wir wollen Modellregionen schaffen. Wir wollen sie aber nicht verordnen. Sie sollen dort geschaffen werden, wo man den Konsens mit Lehrern, Eltern und Schülern findet.“ (3)

Vor der Auflösung des Rätsels ersuche ich um einen Blick auf einen von vielen Belegen, warum der Zweck unheilig ist. 11 der 28 EU-Staaten haben an PIRLS 2006, TIMSS 2007 (4) und PISA 2012 teilgenommen. Annähernd derselbe Geburtsjahrgang wurde im Alter von zehn (PIRLS, TIMSS) und fünfzehn Jahren (PISA) in denselben Kompetenzbereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) getestet. Während der Unterstufe kommt es zu markanten Verschiebungen zwischen diesen 11 EU-Staaten:

PIRLS, TIMSS und PISA

Übersicht erstellt von Mag. Gerhard Riegler, veröffentlicht in gymnasium 1/2014, S. 17.

Österreich rückt von den Plätzen 6, 8 und 8 auf die Plätze 3, 4 und 4 vor. Der Leistungsrückstand auf andere EU-Staaten nach der Gesamtschule Volksschule wird in der differenzierten Unterstufe deutlich reduziert – eine enorme Leistung aller Schularten der Sekundarstufe I und nicht gerade ein Argument für die Gesamtschule. An EU-Staaten, die auf die Gesamtschule setzen, zieht Österreich mit seinem differenzierten Schulwesen vorbei.

Und nun zur Auflösung: Das erste Zitat stammt von der Tiroler Bildungslandesrätin, ÖVP, das zweite vom burgenländischen Landeshauptmann, SPÖ. Letzterer ist ein Polit-Profi, der offenbar die Winston Churchill zugeschriebene Aussage verinnerlicht hat: „Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen.

(1) Ich kenne nur folgenden Satz von Karl Marx: „Aber ein Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ist kein heiliger Zweck …“ Er stammt aus der „Rheinische Zeitung“ Nr. 135 vom 15. Mai 1842.

(2) Julia Neuhauser, Länder basteln an der Gesamtschule. In: Presse online vom 19. Jänner 2016.

(3) Julia Neuhauser, Integration: „Eltern, nicht der Pausenhof sind das Problem“. In: Presse online vom 19. Jänner 2016.

(4) TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) testet im Abstand von vier Jahren die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz von SchülerInnen in der 4. und 8. Schulstufe. Österreich beteiligt sich ausschließlich an der Erhebung in der 4. Schulstufe. PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) testet im Abstand von fünf Jahren die Lesekompetenz von SchülerInnen der 4. Schulstufe.

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Gerhard Riegler: Was wichtig ist, bestimme ich …

Es gebe einfach wichtige und weniger wichtige Tests“, erklärte laut Medienberichten die Sprecherin von BM Heinisch-Hosek: „Pisa gehört dazu, andere Tests nicht.“ (1)

Stammwappen der Starchemberg um 1340 (Bild von Wikimedia Commons)

Stammwappen der Starchemberg um 1340 (Bild von Wikimedia Commons)

Im barocken Palais Starhemberg am Minoritenplatz scheint der Absolutismus Renaissance zu feiern. Wozu sich mit langen Erklärungen aufhalten, die das dumme Volk ohnehin nicht versteht? Das hohe Ministerium verkündet die Wahrheit, und damit basta!

Doch dummerweise lassen sich im 21. Jahrhundert nicht alle vom Glanz imperialen Gehabes blenden. So wagte es die „Presse“-Redakteurin Mag.a Julia Neuhauser, unter dem Titel „Danke, Datenleck“ (2) geradezu Majestätsbeleidigendes zu Papier zu bringen. Sie bezeichnete Heinisch-Hoseks doppelten PISA-Salto mit anschließender PIRLS-TIMSS-Schraube als „entlarvend und demaskierend“.

Dabei wandelt die Unterrichtsministerin doch nur auf den „bewährten“ Spuren ihrer Amtsvorgängerin, der es mittlerweile noch besser als KHG gelingt, das Licht der zürnenden Öffentlichkeit zu meiden. Deren Motive wurden vom vormaligen BIFIE-Direktor DDr. Günter Haider vor elf Monaten folgendermaßen beschrieben: „Daten, die nicht entstehen, können später keinen Erklärungsnotstand für Politiker verursachen.“ (3) Bezogen haben sich diese Worte auf Schmieds skandalösen Ausstieg aus der TALIS-Studie, die den enormen Rückstand Österreichs beim Supportpersonal nachgewiesen hatte.

Haiders Erklärung passt jetzt bestens zum dreisten Versuch Heinisch-Hoseks, PIRLS- und TIMSS-Ergebnisse aus der Welt zu schaffen. Lassen Sie mich einige der, wenn sich das Volk dem Machtwort vom Minoritenplatz demütig unterwirft, letztmaligen Ergebnisse Österreichs bei PIRLS und TIMSS in Erinnerung rufen (4):

  • Österreichs 10-Jährige, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen, weisen beim Lesen im internationalen Vergleich einen der größten Leistungsrückstände auf.
  • Bei der Lesekompetenz der 10-Jährigen landet Österreich hinter allen 13 EU-Staaten, „die Österreich aufgrund ihrer ökonomischen oder geografischen Lage besonders nahe stehen, da sie zu den zehn reichsten EU-Ländern zählen und/oder ein Nachbarland sind“ (5), auf dem letzten Platz.
  • Während es 19 % der 10-Jährigen Nordirlands und 18 % derer aus England und Finnland in die Gruppe der sehr guten LeserInnen schaffen, gelingt dies in Österreich nur 5 % der 10-Jährigen. Auch diesbezüglich landet Österreich unter den 14 Vergleichsländern auf dem letzten Platz.
  • Österreich und die Tschechische Republik sind die beiden Länder, in denen sich die Mathematik-Leistungen der 10-Jährigen seit Mitte der 1990er-Jahre am meisten verschlechtert haben.

Weniger wichtig“, meint Österreichs Majestät vom Minoritenplatz, sofern die Botschaft von ihrer Sprecherin richtig verkündet wurde.

(1) Lisa Aigner, Trotz Pisa-Teilnahme: Volksschultest TIMSS bleibt abgesagt. In: Standard online vom 26. Mai 2014.

(2) Julia Neuhauser, Danke, Datenleck! In: Presse online vom 27. Mai 2014.

(3) Zit. n. Julia Neuhauser, Schmied sagt Lehrerstudie ab: Fürchtet sie Ergebnisse? In: Presse online vom 25. Juni 2013.

(4) Eine ausführliche Analyse der Ergebnisse habe ich vor einem Jahr unter dem Titel „Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen“ im „gymnasium“, der Zeitschrift der AHS-Gewerkschaft, veröffentlicht.

(5) BIFIE (Hrsg.), PIRLS & TIMSS 2011. Schülerleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft in der Grundschule. Erste Ergebnisse (Graz 2012), S. 9.

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Eine lang gediente Lüge

Seit gestern wissen wir es: Österreich wird an PISA 2015 nun doch teilnehmen, der „Volksschultest TIMSS“ bleibt abgesagt. (1) Mit fehlender Datensicherheit kann BM Heinisch-Hosek nun wohl nicht mehr argumentieren. Also warum dann diese Entscheidung?

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Die Antwort ist ganz einfach: Die international erhobenen Daten sollen – wie schon in der Vergangenheit – nicht für eine faktenbasierte Bildungspolitik, sondern ausschließlich für Propagandazwecke verwendet werden.

11 der 28 EU-Staaten haben an PIRLS 2006 (2), TIMSS 2007 und PISA 2012 teilgenommen. Annähernd derselbe Geburtsjahrgang wurde im Alter von zehn (PIRLS, TIMSS) und fünfzehn Jahren (PISA) in denselben Kompetenzbereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) getestet. Während der Unterstufe kommt es zu markanten Verschiebungen zwischen diesen 11 EU-Staaten:

PIRLS, TIMSS und PISA

Übersicht erstellt von Mag. Gerhard Riegler, veröffentlicht in gymnasium 1/2014, S. 17.

Österreich rückt von den Plätzen 6, 8 und 8 auf die Plätze 3, 4 und 4 vor. Der Leistungsrückstand auf andere EU-Staaten nach der Volksschule wird in der differenzierten Unterstufe deutlich reduziert – nicht gerade ein Argument für die Gesamtschule. Ohne Daten aus PIRLS und TIMSS können manche PolitikerInnen und „ExpertInnen“ alle Mängel im von PISA gemessenen „Outcome des Bildungssystems“ im Gegensatz zur Realität der Sekundarstufe I anlasten und die Gesamtschule weiterhin als Heiligen Gral der Pädagogik stilisieren.

Eine Wahrheit ist eine Lüge, die lange gedient hat“, wusste schon der französische Politiker Édouard Herriot … (3)

(1) Trotz Pisa-Teilnahme: Volksschultest TIMSS bleibt abgesagt. In: Standard online vom 26. Mai 2014. TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) testet im Abstand von vier Jahren die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz von SchülerInnen in der 4. und 8. Schulstufe. Österreich beteiligt sich ausschließlich an der Erhebung in der 4. Schulstufe.

(2) PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) testet im Abstand von fünf Jahren die Lesekompetenz von SchülerInnen der 4. Schulstufe.

(3) „Une vérité est un mensonge qui a longtemps servi.

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Gerhard Riegler: Keine Träne

BM Heinisch-Hosek hat anscheinend die tatsächlichen PISA-Ergebnisse erfahren. Vielleicht ist mir dies über meinen aktuellen Leitartikel in den ÖPU-Nachrichten gelungen. (1)

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Offensichtlich hat sie realisiert, dass

  • Österreich vier der fünf Gesamtschulstaaten des hohen Nordens hinter sich lässt,
  • Österreich zu den Staaten gehört, in denen die Mathematikleistung am wenigsten vom sozioökonomischen Status des Elternhauses abhängt,
  • in den Gesamtschulländern Polen, Dänemark und Finnland diese Abhängigkeit europaweit am größten ist,
  • in Österreich im internationalen Vergleich wenige 15-Jährige Mathematik-Nachhilfe bekommen,
  • in Finnland doppelt so viele SchülerInnen Mathematik-Nachhilfe nehmen,

Offensichtlich hat die neue Unterrichtsministerin auch realisiert, was PISA in Kombination mit PIRLS/TIMSS aufzeigt: Die Rückstände unserer SchülerInnen auf die anderer Staaten

  • entstehen vor Schuleintritt und während der Gesamtschule Volksschule und
  • werden während der differenzierten Sekundarstufe I deutlich reduziert.

Diese Befunde passen natürlich gar nicht zur Gesamtschul-Apotheose. Daher erließ BM Heinisch-Hosek ganz einfach den Befehl, keine PISA-, TIMSS- und PIRLS-Daten mehr zu erheben. Österreichs Bevölkerung wird also obige Fakten und Zusammenhänge nicht mehr erfahren. „Das ist, mit Verlaub, die bizarrste bildungspolitische Volte seit langem“, liest man dazu in einem „Standard“-Kommentar. (2) Die Politpropaganda kann – ungetrübt durch Fakten – munter weitergehen. Gestoppt werden auch die Standarderhebungen, deren Ergebnisse schon bisher weitestgehend geheim gehalten wurden. Was nämlich als „Ergebnis“ der Standardergebnisse präsentiert wurde, verhält sich zum Reichtum der über die Kontexthefte erhobenen Informationen wie die Vitrine eines Geschäfts zum Geschäft selbst.

Österreichs „Schulpolitik“ hat es seit dem ersten PISA-Durchgang verabsäumt, aus den Ergebnissen sinnvolle Konsequenzen zu ziehen. Dass z. B. junge Menschen, die die Unterrichtssprache nicht verstehen, vom ersten Schuljahr an, welch Wunder, chancenlos sind, hat PISA bereits vor zwölf Jahren gezeigt und zeigt es Durchgang für Durchgang. Dass die frühkindliche Förderung durch die Eltern in jedem Staat der Schlüssel zum Bildungserfolg ist, ebenso. Österreichs Politik und ihre „ExpertInnen“ haben ihr Interesse auf die Vitrine beschränkt, haben die tatsächlichen PISA-Ergebnisse entweder nicht gelesen oder bewusst auf den Kopf gestellt und danach für Propagandazwecke missbraucht.

Studien, aus denen viel zu erfahren wäre, die aber in Österreich ohnehin nur dem PR-Missbrauch dienen, weine ich keine Träne nach. Dass Österreichs „Schulpolitik“ ist, wie sie ist, und sich der Realität verschließt, ist mit Blick auf die jungen Menschen und ihre Zukunft zum Heulen.

(1) Gerhard Riegler, Zurück zur Vernunft! Appell für einen bildungspolitischen Neubeginn. In: ÖPU-Nachrichten März/April 2014, S. 4-5.

(2) Lisa Nimmervoll, Ministerin stoppt Pisa & Co: Hidden Agenda. In: Standard online vom 11. März 2014.

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Gerhard Riegler: Mit 10 sind die Würfel längst gefallen

Wir brauchen ein „radikales“ Umdenken in der Bildungspolitik. Das ist kein Zitat eines Koalitionsverhandlers, sondern meine felsenfeste Überzeugung.

bigstock-The-words-Learn-Practice-and-I-44419135_blogViel zu vielen fehlt es an grundlegenden Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. Dieses Problem ist seit Langem unübersehbar und muss endlich entschlossen an der Wurzel gepackt werden. Nicht einmal die „ExpertInnen“ aus dem Dunstkreis der scheidenden Unterrichtsministerin wagen noch zu behaupten, das diesbezügliche Können unserer 10-Jährigen sei zufriedenstellend. Das krasse Gegenteil ist nämlich der Fall.

Ich habe mich mit dem Leistungsstand der österreichischen 10-Jährigen, soweit er durch PIRLS und TIMSS gemessen wird, in einer Artikelserie des „gymnasium“, unserer Gewerkschaftszeitung, ausführlich auseinandergesetzt. (1) An dieser Stelle möchte ich daher keine weiteren wissenschaftlichen Belege für Zustand und Ursachen auflisten, sondern nur auf zwei aktuelle Zeitungsartikel hinweisen, die die Dringlichkeit eines radikalen Umdenkens in der Bildungspolitik untermauern.

Ein höchst lesenswerter Artikel aus „The Guardian“ bringt es schon in der Überschrift auf den Punkt: „Poor children’s life chances are decided in primary school“ (2). Hoffentlich wird aber nicht nur die Überschrift rezipiert! Denn im Beitrag wird – im Einklang mit bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die seit vielen Jahren auf dem Tisch liegen – festgestellt, dass Lern- und Entwicklungsrückstände von Siebenjährigen kaum mehr aufzuholen sind.

Wer Kindern aus bildungsfernem Elternhaus bessere Chancen auf sozialen Aufstieg geben will, darf Bildungspolitik nicht auf Schulpolitik reduzieren. Wer sozial Schwachen durch eine Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen helfen zu können glaubt, beweist seine eigene Bildungsferne.

Besteht nicht das Hauptproblem des österreichischen Schulwesens in dem Umstand, dass zahlreiche Kinder nach der Volksschule nur beschränkt lesen, schreiben und rechnen können? Ist nicht dieses Phänomen keineswegs auf Kinder mit dem viel zitierten Migrationshintergrund beschränkt? Leiden nicht auch die österreichischen Kinder unter für Zehnjährige unerträglichen Defiziten?“ (3)

Lassen Ronald Barazons rhetorische Fragen Menschen kalt, die heute Österreichs Bildungspolitik von morgen verhandeln? Werden sie scheuklappenbewehrt weiterhin die Einheitsschule bis 15 (oder 18) fordern? Werden sie einmal mehr gefährlich geringe Lesekompetenz und Immunität gegenüber Fakten beweisen?

(1) Gerhard Riegler, Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen. In: gymnasium Nr. 2/2013, S. 15-17, Nr. 3/2013, S. 16f, und Nr. 4/2013, S. 18-20.

(2) Randeep Ramesh, Poor children’s life chances are decided in primary school, report finds. In: The Guardian Online vom 8. Oktober 2013.

(3) Ronald Barazon, Geht es nicht um die Leseschwäche der 10-Jährigen? In: Salzburger Nachrichten Online vom 12. Oktober 2013.

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Vom Wiegen allein…

Am 11. Dezember 2012 wurden gleich drei Studien präsentiert: die Ergebnisse der Standardtestungen in Mathematik auf der achten Schulstufe, TIMSS (1) und PIRLS (2). Allein die letzten zwei umfassen zusammen rund 1.400 Seiten.fat pig measures the waist measuring tape on a light backgroundDie Reaktionen darauf waren vorhersehbar und hatten– ebenso vorhersehbar – allerhand Skurriles zu bieten: Der Kärntner Landesrat Christian Ragger (FPK) sieht die Ursache für das schlechte Abschneiden der Kärntner Schüler (3) in der Unfähigkeit der Lehrer und fordert weitreichende Kündigungsmöglichkeiten. (4) Und Josef Bucher vom BZÖ schlägt als Sofortmaßnahme eine Kürzung der Bildungsausgaben um rund 60 % vor. (5)

Ich wende mich aber lieber ernsthafteren Betrachtungen zu und möchte einige beachtenswerte Punkte herausgreifen:

  • Aus meiner Sicht nahezu banal, von der Politik aber ständig ignoriert: „Successful schools tend to be well-resourced.“ (6)
  • In Österreich besuchen nur 33 % der Schüler eine Schule, in der bei zumindest 90 % der Mitschüler die Erstsprache die Unterrichtssprache ist. Im internationalen Schnitt sind es rund 70 %, in Finnland sogar 85 %. (7) Und immer noch wird es von linken Bildungsideologen als Ghettoisierung gebrandmarkt, wenn ein grundlegendes Verständnis der Unterrichtssprache als Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme am Schulunterricht bezeichnet wird.
  • In kaum einem anderen Staat haben Lehrer mit so großen disziplinären Problemen zu kämpfen wie in Österreich. (8) Das von manchen Politikern und Journalisten lustvoll betriebene Lehrerbashing trägt sicherlich dazu bei, die Autorität von Pädagogen weiter zu untergraben. Und völlig lächerliche Verfahren zur Bekämpfung von Schulpflichtverletzungen stärken die Schule auch nicht gerade. (9)
  • Finnlands Vorsprung entsteht ausschließlich im ersten Lebensjahrzehnt und nimmt während der Sekundarstufe I ab. Dasselbe gilt auch für das traditionsreiche Gesamtschulland England und für das von einem Böcke schießenden Landeshauptmann so heiß geliebte Italien. Wer die Leistung der finnischen Schüler auf die Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen zurückführt, ist ahnungslos oder sagt bewusst die Unwahrheit. (10)
  • Leistungsorientierung, hinter der alle Schulpartner stehen und die von allen getragen wird, führt zum Erfolg. (11)

Die genannten Fakten sind für Personen, die internationale Studien verfolgen, nicht grundsätzlich neu. Viele Politiker und „Experten“ weigern sich aber, sie zur Kenntnis zu nehmen und daraus sinnvolle Handlungen abzuleiten. Dr. Günter Schmid, Gründer und langjähriger Leiter des Popper-Gymnasiums in Wien, forderte als Vorsitzender der Bildungsplattform Leistung & Vielfalt endlich „den Reset-Button in der Bildungspolitik“ zu drücken und dort den Hebel anzusetzen, wo längst „nicht nur mehr bloß der Schuh drückt, sondern der Hut brennt“. (12) Und der Fachdidaktiker Werner Peschek, dessen Institut an der Entwicklung der Test-Items für die Standardtestungen mitgearbeitet hat, meinte in einem Interview: „Insbesondere ist zu fragen, ob der immense (finanzielle) Aufwand für die Testung von 80.000 Schülern gerechtfertigt ist oder ob man das Geld nicht für andere Maßnahmen wie Schul- und Unterrichtsentwicklung, Lehrer/innenweiterbildung oder Schulausstattung sinnvoller hätte einsetzen können.“ (13) Oder volkstümlicher ausgedrückt: Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett!

(1) TIMSS steht für „Trends in International Mathematics and Science Study“ und testet im Abstand von vier Jahren die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz von Schülern in der vierten und achten Schulstufe. Österreich beteiligt sich ausschließlich an der Erhebung in der vierten Schulstufe.

(2) PIRLS steht für „Progress in International Reading Literacy Study“ und testet im Abstand von fünf Jahren die Lesekompetenz von Schülern der vierten Schulstufe.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) LR Ragger: Für schlechte Lehrer muss es Sanktionen geben. Presseaussendung der FPK vom 13. Dezember 2012.

(5) Bucher fordert, dass jedes Kind 4.000 Euro quasi als Bildungsscheck der Schule übergibt, die es besucht. Derzeit würden, so Bucher, 9.700 Euro pro Schüler ausgegeben. Das entnehme ich der APA-Meldung „Bildungsstudien: BZÖ setzt auf Privatschulen“ vom 13. Dezember 2012.

(6) Siehe International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), PIRLS 2011. International Results in Reading (2012), S. 14, International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), TIMMS 2011. International Results in Mathematics (2012), S. 14, und International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), TIMSS 2011. International Results in Science (2012), S. 11.

(7) Siehe PIRLS, S. 144, TIMSS Mathematik, S. 218, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 216.

(8) Siehe PIRLS, S. 178, TIMSS Mathematik, S. 270, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 272.

(9) Siehe mein Posting „Lei Lei!“ vom 2. Dezember 2012.

(10) Siehe TIMSS Mathematik, S. 40, 42, 66, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 38, 40, 64.

(11) Siehe PIRLS, S. 16, TIMSS Mathematik, S. 16, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 13.

(12) Die Politik des Wegschauens ist gescheitert. Presseaussendung der Bildungsplattform Leistung & Vielfalt vom 11. Dezember 2012.

(13) Lisa Nimmervoll, „Schlechte Lehrer wie leistungsschwache Schüler fördern“. In: Standard Online vom 10. Dezember 2012.

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