Vom Wiegen allein…

Am 11. Dezember 2012 wurden gleich drei Studien präsentiert: die Ergebnisse der Standardtestungen in Mathematik auf der achten Schulstufe, TIMSS (1) und PIRLS (2). Allein die letzten zwei umfassen zusammen rund 1.400 Seiten.fat pig measures the waist measuring tape on a light backgroundDie Reaktionen darauf waren vorhersehbar und hatten– ebenso vorhersehbar – allerhand Skurriles zu bieten: Der Kärntner Landesrat Christian Ragger (FPK) sieht die Ursache für das schlechte Abschneiden der Kärntner Schüler (3) in der Unfähigkeit der Lehrer und fordert weitreichende Kündigungsmöglichkeiten. (4) Und Josef Bucher vom BZÖ schlägt als Sofortmaßnahme eine Kürzung der Bildungsausgaben um rund 60 % vor. (5)

Ich wende mich aber lieber ernsthafteren Betrachtungen zu und möchte einige beachtenswerte Punkte herausgreifen:

  • Aus meiner Sicht nahezu banal, von der Politik aber ständig ignoriert: „Successful schools tend to be well-resourced.“ (6)
  • In Österreich besuchen nur 33 % der Schüler eine Schule, in der bei zumindest 90 % der Mitschüler die Erstsprache die Unterrichtssprache ist. Im internationalen Schnitt sind es rund 70 %, in Finnland sogar 85 %. (7) Und immer noch wird es von linken Bildungsideologen als Ghettoisierung gebrandmarkt, wenn ein grundlegendes Verständnis der Unterrichtssprache als Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme am Schulunterricht bezeichnet wird.
  • In kaum einem anderen Staat haben Lehrer mit so großen disziplinären Problemen zu kämpfen wie in Österreich. (8) Das von manchen Politikern und Journalisten lustvoll betriebene Lehrerbashing trägt sicherlich dazu bei, die Autorität von Pädagogen weiter zu untergraben. Und völlig lächerliche Verfahren zur Bekämpfung von Schulpflichtverletzungen stärken die Schule auch nicht gerade. (9)
  • Finnlands Vorsprung entsteht ausschließlich im ersten Lebensjahrzehnt und nimmt während der Sekundarstufe I ab. Dasselbe gilt auch für das traditionsreiche Gesamtschulland England und für das von einem Böcke schießenden Landeshauptmann so heiß geliebte Italien. Wer die Leistung der finnischen Schüler auf die Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen zurückführt, ist ahnungslos oder sagt bewusst die Unwahrheit. (10)
  • Leistungsorientierung, hinter der alle Schulpartner stehen und die von allen getragen wird, führt zum Erfolg. (11)

Die genannten Fakten sind für Personen, die internationale Studien verfolgen, nicht grundsätzlich neu. Viele Politiker und „Experten“ weigern sich aber, sie zur Kenntnis zu nehmen und daraus sinnvolle Handlungen abzuleiten. Dr. Günter Schmid, Gründer und langjähriger Leiter des Popper-Gymnasiums in Wien, forderte als Vorsitzender der Bildungsplattform Leistung & Vielfalt endlich „den Reset-Button in der Bildungspolitik“ zu drücken und dort den Hebel anzusetzen, wo längst „nicht nur mehr bloß der Schuh drückt, sondern der Hut brennt“. (12) Und der Fachdidaktiker Werner Peschek, dessen Institut an der Entwicklung der Test-Items für die Standardtestungen mitgearbeitet hat, meinte in einem Interview: „Insbesondere ist zu fragen, ob der immense (finanzielle) Aufwand für die Testung von 80.000 Schülern gerechtfertigt ist oder ob man das Geld nicht für andere Maßnahmen wie Schul- und Unterrichtsentwicklung, Lehrer/innenweiterbildung oder Schulausstattung sinnvoller hätte einsetzen können.“ (13) Oder volkstümlicher ausgedrückt: Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett!

(1) TIMSS steht für „Trends in International Mathematics and Science Study“ und testet im Abstand von vier Jahren die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz von Schülern in der vierten und achten Schulstufe. Österreich beteiligt sich ausschließlich an der Erhebung in der vierten Schulstufe.

(2) PIRLS steht für „Progress in International Reading Literacy Study“ und testet im Abstand von fünf Jahren die Lesekompetenz von Schülern der vierten Schulstufe.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) LR Ragger: Für schlechte Lehrer muss es Sanktionen geben. Presseaussendung der FPK vom 13. Dezember 2012.

(5) Bucher fordert, dass jedes Kind 4.000 Euro quasi als Bildungsscheck der Schule übergibt, die es besucht. Derzeit würden, so Bucher, 9.700 Euro pro Schüler ausgegeben. Das entnehme ich der APA-Meldung „Bildungsstudien: BZÖ setzt auf Privatschulen“ vom 13. Dezember 2012.

(6) Siehe International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), PIRLS 2011. International Results in Reading (2012), S. 14, International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), TIMMS 2011. International Results in Mathematics (2012), S. 14, und International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), TIMSS 2011. International Results in Science (2012), S. 11.

(7) Siehe PIRLS, S. 144, TIMSS Mathematik, S. 218, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 216.

(8) Siehe PIRLS, S. 178, TIMSS Mathematik, S. 270, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 272.

(9) Siehe mein Posting „Lei Lei!“ vom 2. Dezember 2012.

(10) Siehe TIMSS Mathematik, S. 40, 42, 66, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 38, 40, 64.

(11) Siehe PIRLS, S. 16, TIMSS Mathematik, S. 16, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 13.

(12) Die Politik des Wegschauens ist gescheitert. Presseaussendung der Bildungsplattform Leistung & Vielfalt vom 11. Dezember 2012.

(13) Lisa Nimmervoll, „Schlechte Lehrer wie leistungsschwache Schüler fördern“. In: Standard Online vom 10. Dezember 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Vom Wiegen allein…

  1. Es ist klar, warum man die drei Studien gemeinsam präsentierte: Während die Bildungsstandard-Studie gut ausging, insbesondere für die Gymnasien, waren die beiden anderen desaströs. Es gibt eben wirklich keinen vernünftigen Grund, die Gesamtschule zu fordern, wenn ausgerechnet die Volksschule als Gesamtschule so viele Risikoschüler produziert, deren Zahl dann in der Sekundarstufe I – dem differenzierten Schulwesen – wieder verringert werden kann.

  2. Die Kenntnis dieses Kommentars und seiner Inhalte möge ein unabdingbares Zulassungskriterium für BildungspolitikerInnen und BildungsjournalistInnen sein!

    Österreich braucht die Besten der Besten als LehrerInnen, kann sich aber die Schwächsten der Schwachen als BildungspolitikerInnen und BildungsjournalistInnen auf Dauer auch nicht leisten.

  3. Danke für diesen erstklassigen Kommentar! Schmieds heutiges Presse-Interview bestätigt wieder einmal: ihre Haltung gegenüber der AHS ist extrem DISKRIMINIEREND. Daher wiederhole ich mich: mit solchen Fakten und Kommentaren muss die Lehrerschaft an die Öffentlichkeit und in die Offensive, hier liegt der Ansatz für ein besseres Lehrerimage. Die Verbreitung solcher Kommentare nur in den Konferenzzimmern ist zu wenig. Schaut, was die Ärzteschaft erreicht hat!

  4. Zum Punkt „disziplinäre Probleme“:

    Immer wieder sehe ich mich gedrängt, die Dinge auf den Punkt zu bringen, in der Hoffnung, dass irgendwann einmal der stete Tropfen den Stein der Ignoranz höhlt …
    Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, heißt es doch wohl immer noch!
    Nun, das „Leben“ ist voll von Sanktionen, wenn die Spielregeln nicht eingehalten werden (z.B. für Schwarzfahrer, Schnellfahrer, Falschparker, Steuerhinterzieher usw., usw.).
    Warum aber sollen dann Kinder und Jugendliche auf dieses Leben in einem von Sanktionen freien Raum ( = Schule) vorbereitet werden??!!
    Bis jetzt konnte mir das noch keiner erklären!

    Als ich Schüler war, gab es „Strafe schreiben“ und/oder „Nachsitzen“ als klare und einfache Konsequenzen, wenn gewisse Grenzen überschritten wurden.
    Diese oder ähnliche Konsequenzen abzuschaffen und den Lehrern als einzige Maßnahme „Appelle an die Vernunft“ (von zumeist Unvernünftigen bzw. Vernunft-Unwilligen) zur Verfügung zu stellen, war vielleicht gut gemeint, mehr aber leider nicht.
    Es wäre schön langsam an der Zeit, dies als Irrtum zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern!
    Es wächst sonst eine Generation heran, deren Vertreter als einziges Verhaltensregulativ nichts anderes anerkennen als das, wonach ihnen gerade der Sinn steht. So etwas wie Selbstdisziplin als die für den Lebenserfolg vielleicht wichtigste Grundkompetenz bleibt dabei völlig auf der Strecke.
    Will man die Entwicklung von Selbstdisziplin fördern, ist es nötig, ein vernünftiges Maß an äußerer Disziplin einzufordern, deren Einhaltung durch vernünftige Sanktionen abgesichert ist.
    Ich verstehe nicht, was an diesem einfachen Sachverhalt offenbar so schwer zu verstehen ist!!

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