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Durchwachsen

Jetzt ist das Gesetzespaket, das so hochtrabend „Bildungsreformgesetz 2017“ genannt wird, also im Nationalrat beschlossen worden. Bis vor kurzem sprach man noch vom „Autonomiepaket“. Beide Namen verschleiern den wahren Inhalt: Es handelt sich in erster Linie um ein Strukturpaket (Stichwörter „Bildungsdirektion“, „Schulcluster“ …), das kaum etwas zur Lösung der konkreten Herausforderungen an den Schulen beitragen wird. Aber das ist bei der von der Regierung selbst verordneten „Kostenneutralität“ der Reform in vielen Bereichen auch nicht möglich. Es ist zu hoffen, dass eine zukünftige Bundesregierung die Unterdotierung des österreichischen Schulwesens endlich beendet. (1)

Der Namenswechsel kommt wohl auch daher, dass die beschlossenen Gesetze wesentliche Materien enthalten, die niemals in Begutachtung gewesen sind. „Wir halten fest, dass Teile des zwischen SPÖ, ÖVP und Grünen akkordierten Gesetzespakets (Modellregionen für eine gemeinsame Schule, „Mischcluster“, also Cluster mit Bundes- und Pflichtschulen, etc.) nie mit der Gewerkschaft verhandelt worden sind und deshalb keine sozialpartnerschaftliche Einigung vorliegen kann.“ (2)

Das soll allerdings nicht heißen, dass in den Verhandlungen nichts erreicht worden ist. Am Beginn lag uns ein völlig inakzeptabler Text vor, dem die meisten Giftzähne gezogen werden konnten. Entgegen der medialen Aussagen von PolitikerInnen handelte es sich nämlich ursprünglich nicht um ein Ermöglichungs-, sondern um ein Entmachtungspaket der Schulen. Die „Autonomie“ wäre bloß eine der Behörde gewesen, den Schulen wäre sie entzogen worden.

Die Gewerkschaft hat neben vielen anderen Dingen in den manchmal sehr harten und emotionalen, aber konstruktiven Verhandlungen u. a. Folgendes erreicht:

  Ausgangslage Beschlossen
Klassen- und Gruppengröße Festlegung durch die Schulleitung Einvernehmen zwischen Schulleitung und Schulpartnern notwendig; Berufungsmöglichkeit
Schulcluster Bund oder Land entscheidet allein über Einrichtung Einbeziehung einer Schule nur mit Zustimmung der Lehrerkonferenz (Ausnahme: Schulen, die von Schließung bedroht sind)
Schulpartner weitgehende Entmachtung Rechte bleiben weitgehend bestehen
Ressourcenzuteilung keine Absicherung Status quo im Gesetz abgesichert
Flexibilisierung der Unterrichtszeit kein Schutz gegen Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung keine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung
Umstellung auf unbefristete Verträge im neuen Lehrerdienstrecht max. 5 Jahre aufeinanderfolgend befristete Verträge max. 5 Jahre befristete Verträge (unabhängig von der zeitlichen Lage)
Zeitausgleich im Rahmen des Quinschen Zeitkontos Inanspruchnahme nur möglich, wenn Ersatzarbeitskraft eingestellt wird Nachbesetzung kann unterbleiben, wenn sie personalwirtschaftlich nicht sinnvoll ist
Betreuung chronisch kranker Kinder Amtshaftung für LehrerInnen, die die Betreuung (ausschließlich freiwillig) übernehmen

Das „Bildungsreformgesetz 2017“ enthält also nach einem heftigen Tauziehen, das sich über mehr als ein halbes Jahr erstreckt hat, nicht nur Negatives, sondern auch Positives. Die Bilanz ist am Ende des Tages „durchwachsen“.

Mit Sicherheit wird eine nächste Bundesregierung die nächste „Bildungsreform“ umsetzen wollen. Vielleicht berücksichtigen die zukünftigen PolitikerInnen folgende Worte Konrad Paul Liessmanns: „Viel wäre gewonnen, würde man anstelle der üblichen Mischung aus Bildungsschwärmerei und Managementrhetorik einen klaren Blick für die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen, für die Chancen, aber auch die Risiken von Bildungsprozessen bekommen.“ (3) Die Hoffnung stirbt zuletzt …

(1) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD vom 22. Juni 2017 zur Finanzierung des österreichischen Schulwesens.

(2) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD vom 22. Juni 2017 zum „Autonomiepaket“.

(3) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung (Wien 2014), S. 29.

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Gerhard Riegler: Das Recht geht vom Volk aus

Sowohl ein Unterricht, der chronisch unterfordert als auch ein Unterricht, der beständig überfordert, ist nicht sinnvoll. Passend ist ein Unterricht dann, wenn die gestellten Anforderungen in einem Bereich liegen, der oberhalb des aktuellen Wissensstands liegt, aber auch nicht zu weit davon entfernt.“ (Univ.-Prof. Dr. Miriam Vock)

All modern school systems engage in some differentiation of the learning environment.“ (Univ.-Prof. Dr. Magnus Bygren)

Die Idee, dass man durch eine Einheitsschule mehr soziale Gerechtigkeit oder Bildungsgerechtigkeit schaffen könnte, ist längst eindeutig widerlegt worden.“ (Univ.-Prof. Dr. Rainer Dollase).

Großbritannien liegt hinsichtlich der sozialen Mobilität unterhalb von südamerikanischen Ländern wie Argentinien.“ (Univ.-Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin)

Die erhoffte soziale Chancengleichheit ist ein Irrtum. Fast alle Gesamtschulländer haben alternative Formen der Segregation entwickelt.“ (Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann)

Wenn nach Leistung differenziert unterrichtet wird, gibt es weniger große Unterschiede zwischen Migranten und Nicht-Migranten, als wenn nicht leistungsdifferenziert unterrichtet wird.“ (Univ.-Prof. Dr. Janna Teltemann)

Auch das BIFIE bestätigte, dass es Österreichs differenzierter Sekundarstufe I gelingt, den enormen Leistungsrückstand, den 10-Jährige mit Migrationshintergrund aufweisen, deutlich zu reduzieren. (1)

Selbst die OECD musste inzwischen zugeben, in welche Richtung international gesehen Reformen deshalb gehen: „In recent decades, reforms in many countries have tended to give greater choice to parents and students, to enable them to choose the schools that meet the child’s education needs or preferences.“ (2)

All das und noch viel mehr können Bildungsinteressierte auf http://www.bildungswissenschaft.at/ in der Kategorie „Gesamtschule/Differenzierung“ erfahren. Österreichs Politik hingegen hält es noch immer für innovativ, schulische Vielfalt und Wahlmöglichkeiten via „Modellregionen“ abzuschaffen.

Der lange im Raum stehende totalitäre Ansatz ist gescheitert. Ich danke allen, die mit ihrem konsequenten Einsatz dazu beigetragen haben, dass die Gesamtschule auch in Zukunft nicht gegen den Willen der Betroffenen möglich sein wird.

Ich frage mich am Ende eines schulpolitisch verrückten Jahres erschöpft, aber erleichtert: Glaubt Österreichs Politik allen Ernstes, dass die Betroffenen zur Beseitigung der Differenzierung mehrheitlich die Zustimmung erteilen? Oder sieht sie ohnehin ein, dass die Betroffenen vor Ort sehr wohl wissen, was die Bildungswissenschaft immer und immer wieder von neuem bestätigt? Stellt sich die Politik ahnungslos oder ist sie es?

Wie gut, dass das Recht vom Volk ausgeht!

(1) Siehe BIFIE (Hrsg.), PIRLS & TIMSS 2011 (2015), S. 79.

(2) OECD (Hrsg.), PISA 2015 Results. Policies and Practices for Successful Schools (2016), S. 126.

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Herbert Weiß: Potemkinsche Dörfer

Österreichs BildungspolitikerInnen haben ebenso wie Österreichs selbst- oder von der Politik ernannte „BildungsexpertInnen“ gegenüber den viel gescholtenen LehrergewerkschafterInnen einen großen Vorteil: Sie werden bei der Entwicklung ihrer Utopien nicht durch Kenntnisse über die wirkliche Situation in den österreichischen Schulen belastet und gebremst.

Während die LehrergewerkschafterInnen lange Jahre selbst LehrerInnen waren und meist auch noch sind, kennen Politik und „BildungsexpertInnen“ die Schulen – abgesehen von ihrer Schulzeit – meist nur von außen oder von lange vorangekündigten und wohl vorbereiteten Besuchen, die ihnen oft Potemkinsche Dörfer zeigen. Manche der Damen und Herren halten dies vielleicht tatsächlich für die schulische Realität.

Wenn diese Personen nun glauben, dass man im österreichischen Schulwesen alles umkrempeln müsse, und so viel Unsinn verzapfen, dass wir kaum mehr mit den Richtigstellungen nachkommen, könnte man ob ihrer Ahnungslosigkeit fast schon Mitleid empfinden. Ich erwarte mir aber von Leuten, die sich als BildungspolitikerInnen bezeichnen oder mit ihren „Expertisen“ über die Schule viel Geld verdienen, mehr Bezug zur Realität.

Dass aber jemand, der selbst lange Zeit Schuldirektor war, wie dies beim Bildungssprecher der Grünen der Fall ist, auch nur darüber nachdenken kann, einer Reform wie dem „Autonomiepaket“ zuzustimmen, die den Weg für größere Klassen und Gruppen an Österreichs Schulen ebnet, ist mir unbegreiflich. Kann es vielleicht daran liegen, dass er in seiner ideologischen Verbohrtheit, endlich die Gesamtschule in Österreich etablieren zu wollen, alle Nachteile billigend in Kauf nimmt? Oder will er gar die Staatsfinanzen auf Kosten der Bildungsqualität in Österreich sanieren? Dafür spräche folgende Forderung, die Mag. Dr. Harald Walser als Bildungssprecher der Grünen schon vor über drei Jahren gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Faymann aufgestellt hat: „Machen Sie eine gemeinsame Schule, da hätten Sie ein Einsparungspotenzial.“ (1)

Wie treffend formulierte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Was das Bildungsverständnis betrifft, sind auch viele unserer Bildungsexperten und Bildungspolitiker Bildungsferne.“ (2)

(1) Faymann verteidigt Heinisch-Hosek. In: Niederösterreichische Nachrichten online vom 24. April 2014.

(2) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild: Potemkin Village Facade Auckland, Wikimedia Commons.

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Im Reich der Mythen und Märchen

Es ist vorbei“. So lautet der Titel eines Zeitungsartikels vom Mittwoch. (1) Zitiert wird damit BM Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmied, die mit dieser Aussage das „Autonomiepaket“ meint. Am Donnerstag klingt das schon wieder anders. „Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP“, titelt da eine andere Zeitung. (2) Das nenne ich Flexibilität.

Qualitätsjournalismus à la „Österreich“ liefert der „Kurier“ mit der Schlagzeile vom selben Tag: „Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter“. (3) Als ob die im „Autonomiepaket“ vorgesehenen Maßnahmen zur Lösung der tatsächlichen Probleme in den Schulen Nennenswertes beitragen könnten! Bemerkenswert ist die der SPÖ zugeschriebene Aussage: „Der fertige Entwurf für das Bildungspaket liege seit Monaten fertig am Tisch.“ (4) Ich frage mich, worüber wir verhandelt haben, wenn alles seit Monaten „fertig“ ist.

Besonders erheitert hat mich dann eine APA-Meldung, die ausschließlich Wortspenden der Grünen beinhaltet und in vielen Medien ihren Niederschlag gefunden hat. Darin werden der „Wiener ÖVP-Chef Gernot Blümel“ und ich als „ÖVP-interne Heckenschützen“ bezeichnet. (5) „Mahrer und der designierte ÖVP-Chef Sebastian Kurz hätten diese zwar versucht, zur Räson zu bringen, seien aber gescheitert. Anschließend habe man zunächst das Junktim mit der Studienplatzfinanzierung gebracht und dann eine Einigung überhaupt in Abrede gestellt.“ (6)

Gestatten Sie mir, geschätzte Leserinnen und Leser, das Reich der Mythen und Märchen zu verlassen und einen Blick auf die Tatsachen zu werfen:

  • Weder der Begutachtungsentwurf noch der nach der Begutachtungsfrist mit der Gewerkschaft verhandelte Gesetzestext enthält „Mischcluster“ (also Cluster mit Bundes- und Pflichtschulen) oder Modellregionen zur Gesamtschule. Beides hat nichts mit dem „Autonomiepaket“ zu tun, das in Begutachtung war.
  • Die ARGE LehrerInnen in der GÖD hat zum „Autonomiepaket“ im Namen aller fünf Lehrergewerkschaften ihre Positionierung beschlossen und schriftlich festgehalten. (7)
  • Das gesamte „Autonomiepaket“ ist unter der Prämisse der Kostenneutralität entwickelt worden. Eine kostenneutrale Modellregion zur Gesamtschule wird von allen Lehrergewerkschaften und allen Fraktionen – selbst den gesamtschulaffinen – abgelehnt und wurde – vielleicht auch deshalb – mit uns nie verhandelt.
  • Für den Beschluss des „Autonomiepakets“ bedarf es einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Dafür müssten die Grünen oder die FPÖ das Gesetzespaket unterstützen. Beide Oppositionsparteien stellen dafür Bedingungen wie etwa die flächendeckende Gesamtschule in Vorarlberg (Die Grünen würden sich mit einer kostenneutralen Variante zufrieden geben.) oder eigene Sprachklassen vor Eintritt in den „normalen“ Unterricht (FPÖ). Ersteres könnte die SPÖ mittragen, Letzteres die ÖVP – aber nicht vice versa.
  • Flächendeckende Gesamtschule steht ebenso wenig in den Regierungsbeschlüssen zur „Bildungsreform“ wie eigene Sprachklassen.
  • „… die Bildungsreform ist zwar kein großer Wurf, aber es sind durchaus sinnvolle Maßnahmen dabei“, sagte BM Sebastian Kurz in der ZiB2 am Mittwoch. Diese Aussage trifft es eher als die oben zitierte „Kurier“-Schlagzeile.

Die „fokussierte Unintelligenz“ von Wahlkampfzeiten (© Dr. Michael Häupl) zieht offenbar wieder einmal besonders große Kreise. Mich lassen viele Kommentare an Worte von Josef Kraus denken, dem langjährigen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands: „Ein großer Teil der Bildungspolitik löst keine Probleme, sondern schafft Probleme. Oder noch härter: Bildungspolitik ist in weiten Teilen eine Maßnahme zur vermeintlichen Lösung von Problemen, die es ohne eine bestimmte Bildungspolitik nicht gäbe.“ (8)

(1) Brigitte Pechar, „Es ist vorbei“. In: Wiener Zeitung online vom 7. Juni 2017.

(2) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP. In: Kleine Zeitung vom 8. Juni 2017.

(3) Raffaela Lindorfer, Bernhard Gaul, Christian Böhmer, Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter. In: Kurier online vom 7. Juni 2017.

(4) a.a.O.

(5) „Größtmöglicher innenpolitischer Schaden“. In: ORF online vom 8. Juni 2017.

(6) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP.

(7) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD zum „Autonomiepaket“ vom 1. Juni 2017.

(8) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

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Gerhard Riegler: En Marche!

Emmanuel Macron hat mit einer neuen politischen Partei namens „En Marche“ das Vertrauen großer Teile der französischen Bevölkerung und damit am vergangenen Sonntag die Präsidentschaftswahlen überlegen gewonnen. Frankreichs bisherige Großparteien waren schon im ersten Wahlgang abgewählt worden.

Besonders beeindruckend waren für mich der hohe Anteil junger Menschen und deren Begeisterung bei den Wahlfeiern: junge Menschen, die ihre Hoffnung auf einen Jungpolitiker setzen, dessen Hauptbotschaft die ist, für eine neue Politik sorgen zu wollen.

Die Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand ist unter Frankreichs Jugend zurecht riesengroß. Es geht ihr im internationalen Vergleich wahrlich nicht gut. Dass dies so ist, liegt nicht zuletzt an Frankreichs Bildungssystem, das sich gerne mit dem Wort „égalité“ schmückt, dessen Wirklichkeit aber so weit von Chancengerechtigkeit entfernt ist wie in nur wenigen Staaten Europas. Das muss selbst die Bertelsmann Stiftung, die Gesamtschulsysteme gerne bewirbt, eingestehen: „The worst performers with regard to the influence of socioeconomic background on students’ educational success are Hungary, France, Bulgaria and Slovakia.“ (1)

Auch die EU-Kommission bestätigt, dass Frankreich Schulsystem soziale Ungleichheit nicht annähernd auszugleichen versteht, sondern sie sogar massiv verstärkt: „PISA surveys show that France is one of the countries in which the school system contributes most to widening inequalities.“ (2)

Frankreich setzte auf „Matura für alle“, wofür sich auch in Österreich manche PolitikerInnen aussprachen. In Frankreich kann man die Folgen dieses Irrwegs studieren: „In Frankreich machen drei Viertel eines Jahrgangs das Abitur (Baccalauréat). Diese außerordentlich hohe Studienanfängerquote wird nicht nur mit dem Preis einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit von 22 Prozent, also rund zweieinhalbmal so hoch wie in Deutschland, bezahlt, sondern auch mit einer exorbitant hohen Abbrecherquote in Höhe von 50 Prozent eines Jahrgangs!“ (3)

Auf eine Politik, die vielleicht wirklich an eine Chancengleichheit durch gleiche Abschlüsse für alle glaubte, folgte allerdings beinharte soziale Selektion: „Während normale Universitäten in Frankreich nichts kosten, zahlt man für ein Aufbaustudium an Elite-Unis wie der ENA, den „grandes écoles“, zwischen 7000 und 12000 Euro jährlich.“ (4) „Normale Universitäten“ werden immer mehr zu Stätten der Hoffnungslosigkeit, zu einem Parkplatz für junge Menschen, die nach dem Baccalauréat keinen Platz im Berufsleben finden. „Only students from elite schools or with a Doctorate stand a very good chance at getting top level jobs.“ (5)

Statt hier noch weitere Belege für das Scheitern des französischen Bildungssystems mit seinen verheerenden Auswirkungen auf Frankreichs Jugend anzuführen, appelliere ich an Österreichs BildungspolitikerInnen: Nehmt eure Aufgabe ernst, übt sie seriös aus, verspielt nicht die Chancen der Jugend! Beendet euer politisches Spiel, bevor ihr zu Recht das Vertrauen der Jugend verspielt. En Marche!

(1) Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Social Justice in the EU – Index Report 2015 (2015), S. 29.

(2) EU-Kommission (Hrsg.), Investing in children: Breaking the cycle of disadvantage. A study of national practices (2014), S. 72.

(3) Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer, Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten (2015), S. 39.

(4) Thomas Spang, Info: So viel zahlt man für Universitäten in Europa. In: Stuttgarter Nachrichten online vom 10. Mai 2015.

(5) Marie Duru-Bellat, Access to Higher Education: the French case (2015), S. 36.

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Im Fokus

Am Dienstag wurden die Ergebnisse der im Frühjahr 2016 durchgeführten Standardtests in Deutsch in der achten Schulstufe veröffentlicht. Die Auswertung zeigt, wie erwartet, große Problemgruppen. Die politischen Reaktionen darauf – nun ja, lesen Sie selbst:

Die Unterrichtsministerin „setze hier besonders auf methodische, didaktische und pädagogische Maßnahmen (z.B. Weiterbildung), um die Resultate zu verbessern“. (1) Anders formuliert: Die LehrerInnen sind schuld.

Das Lösungskonzept des Grünen Bildungssprechers: „Die Gemeinsame Schule ermöglicht die bessere Durchmischung der SchülerInnen. Damit steigen die Chancen auf höhere Leistungen“. (2) Anders formuliert: Mit der Gesamtschule wird alles gut.

Der freiheitliche Bildungssprecher beschränkt sich in erster Linie auf eine Diagnose und kann damit nicht viel falsch machen: „Die Ergebnisse zeigen, dass das derzeitige Bildungssystem nicht das richtige Konzept darstellt, um den vorgesehenen Bildungsstandard zu erreichen“. (3)

Wir brauchen endlich einen echten Sozialindex und finanzielle Autonomie für die Verteilung der Ressourcen an die Schulstandorte“, meint der NEOS-Chef. (4) Von zusätzlichen Mitteln ist allerdings nichts zu lesen, also anders formuliert: Nehmt den Standorten mit besseren Ergebnissen Ressourcen weg!

Mit dem Autonomiepaket, das sich derzeit in Begutachtung befindet, geben wir den einzelnen Standorten mehr Freiheit und Eigenverantwortung und ermöglichen individuelle Förderung“, meint die ÖVP-Bildungssprecherin. (5) Grundsätzlich hätte sie damit recht, wenn mit dem „Autonomiepaket“ auch mehr Ressourcen an die Schulen kämen. Der Gesetzesentwurf steht aber unter der Prämisse der Kostenneutralität.

Belustigt hat mich schließlich der Versuch, ein neues Wording einzuführen. Hießen bis vor wenigen Tagen Schulen, die aufgrund des sozio-ökonomischen Hintergrundes ihrer SchülerInnen schlechte Ergebnisse erzielten, „Brennpunktschulen“ (6), so sind aus ihnen in der „Regierungssprache“ nun „Fokusschulen“ (7) geworden. Wer glaubt allen Ernstes, dass das die Situation an diesen Schulen verbessern wird? Aber der Fokus auf „Neusprech“ ist jedenfalls eine kostenneutrale Maßnahme …

(1) Hammerschmid: Bildungsstandard-Ergebnisse sind „akute Handlungsaufforderung“ – Umfangreiches Maßnahmenpaket. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(2) Walser zu Bildungsstandards: Ergebnisse sind gerade noch rechtzeitiges Alarmsignal. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(3) FPÖ-Mölzer: Weniger als die Hälfte der Schüler erreicht den vorgesehenen Bildungsstandard. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(4) NEOS zu Bildungsstandards: Herausforderungen mit finanzieller Autonomie und Sozialindex direkt an den Schulen lösen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(5) Jank: Ergebnisse beim Lesen weiterhin dramatisch – Fokusschulen jetzt in den Mittelpunkt der Arbeit stellen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(6) Siehe etwa Bernadette Bayrhammer, Sozialtopf durch größere Klassen finanzieren? In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

(7) Siehe etwa die unter (1) und (5) genannten OTS-Aussendungen.

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Problemlösungskompetenz

In unserer kompetenzvernarrten Bildungswelt wäre es schön, wenn die zuständigen PolitikerInnen Problemlösungskompetenz bewiesen. Gelegenheit dazu gäbe es genug, wie allein die Lektüre der Tageszeitungen vom 21. und 22. Februar zeigt.

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So war etwa am Dienstag in der „Presse“ (1) zu lesen, dass ein Viertel der Schüler zuhause nicht Deutsch spricht, und in Wien der Anteil von SchülerInnen mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch bereits 50 Prozent beträgt, womit die Bundeshauptstadt in eine Situation geraten ist, die es meines Wissens OECD-weit in keiner anderen Metropole gibt. Dass Arabisch und Rumänisch beim Zuwachs ganz vorn liegen, wird die pädagogischen Herausforderungen wohl auch nicht verringern.

Ein weiterer „Presse“-Artikel beschäftigte sich am darauffolgenden Tag mit der aktuellen Allianz-Studie zum Thema Stress. Darin heißt es wörtlich: „Am meisten gestresst sind die Lehrer (45 Prozent), gefolgt von der Handelsbranche (43 Prozent) und dem Transportwesen (42 Prozent)“. (2)

Zweifellos ist die in den letzten Jahren konstant gewachsene Stressbelastung der LehrerInnen nicht monokausal mit der drastischen Zunahme des Anteils jener Kinder verknüpft, die zuhause nicht Deutsch sprechen, gibt es doch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es Eltern schwer machen, ihren Aufgaben in Erziehung und Förderung ihrer Kinder gerecht zu werden. Schule verkommt seit vielen Jahren immer mehr zur Reparaturwerkstätte sozialer Nöte. Dass angesichts all dieser Umstände die Stressbelastung für annähernd die Hälfte der PädagogInnen mittlerweile unerträglich geworden ist, kann nur praxisferne „ExpertInnen“ verwundern.

Müssten die zuständigen PolitikerInnen nach Lektüre der beiden Artikel nicht darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist, und überlegen, was sie für Österreichs Schule und ihre LehrerInnen tun können? Hätten sie nicht jeden Grund dazu, ihre Problemlösungskompetenz zu beweisen? „Handreichungen“ der Lehrergewerkschaften, mit welchen dringend gebotenen Schritten dem Burnout der LehrerInnen und dem Kollaps der Schule entgegengewirkt werden müsste, stehen ihnen in jeder Menge zur Verfügung.

Die Bildungsministerin hat sich tatsächlich prompt zu Wort gemeldet: „Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt“, titelte die „Presse“ (3) am Donnerstag. Die „Modellregionen“ seien „nicht vergessen und nicht gestorben“, sagte die Ministerin. Ist das Problemlösungskompetenz?

(1) Ein Viertel der Schüler spricht zuhause nicht Deutsch. In: Presse online vom 21. Februar 2017.

(2) Stress-Studie: Am meisten leiden die Lehrer. In: Presse online vom 22. Februar 2017.

(3) Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt. In: Presse online vom 23. Februar 2017.

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