Gudrun Pennitz: Umkehren verboten

Das endgültige Wahlergebnis stand noch gar nicht fest, da drehten sich die ersten Diskussionen bereits um mögliche Koalitionsvarianten. Offenbar gibt es viele, für die Türkis–Grün einen gewissen Charme besitzt.

Die AHS-Gewerkschaft hatte die wahlwerbenden Parteien vor Monaten um Beantwortung von fünf bildungspolitischen Fragen gebeten. Dass sowohl SPÖ, FPÖ als auch JETZT diese Einladung einfach ignorierten, erscheint nach Vorliegen des Wahlergebnisses in neuem Lichte.

Spannender sind im Moment ohnehin die Antworten der „Grünen“, die sich leider noch immer klar zu einer „gemeinsamen“ Schule der 10- bis 14-Jährigen bekennen:

Die Grünen treten für eine gemeinsame der Schule der 10- bis 14-Jährigen ein. Hier kann besser auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen eingegangen werden. Die höhere Flexibilität ermöglicht auch mehr Begabungsförderung. Die frühe Segregation führt nachweislich zu Bildungsungerechtigkeit. Im internationalen Vergleich erfolgt die Segregation in Österreich sehr früh und stellt ein Hemmnis beim Bildungsaufstieg dar.“ (1)

Die Position widerspricht bildungswissenschaftlicher Evidenz, könnte aber politisch hochrelevant werden. So schnell kann es gehen! Noch vor wenigen Monaten schien der Anschlag auf unser bewährtes differenziertes Schulsystem abgewehrt. Es sah so aus, als wäre die leidige Gesamtschuldebatte dorthin verbannt, wo sie hingehört, nämlich in die ideologische Mottenkiste des vorigen Jahrtausends, mitsamt der längst widerlegten Heilslehre von der sozialen Gerechtigkeit durch Gleichschaltung und Nivellierung. Und nun scheint sich die Mottenkiste wieder zu öffnen.

Es liegt an den Verantwortlichen, sich darüber klar zu werden, was eine moderne, zeitgemäße Schule wirklich braucht: eine den vielfachen Anforderungen an die Schulen gerecht werdende Ausstattung, menschenwürdige Arbeitsplätze für LehrerInnen, Supportpersonal, das zumindest dem Umfang des OECD-Schnitts entspricht, und ein Ende der öffentlichen Geringschätzung eines der wichtigsten Berufe im Dienste der Gesellschaft.

Für Österreichs Schule geht’s um eine Richtungsentscheidung. Geht’s nach vorne in Richtung zeitgemäß ausgestatteter Schulen, oder wird der Weg eingeschlagen, auf den sich andere Staaten vor Jahrzehnten begeben haben, zu staatlichen Gesamtschulen auf der einen und sündteuren Privatschulen auf der anderen Seite? Hintergrundinformationen dazu sind en masse auf www.bildungswissenschaft.at nachzulesen.

(1) Vorabdruck der Antworten der Parlamentsparteien.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


6 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Umkehren verboten

  1. Die Lehrervertretung könnte einen Beitrag zur Bildungsdiskussion leisten, indem sie – für jedermann – nachvollziehbare Argumente vorbringt. Zwei Beispiele:

    1. Die Grünen sagen, sie wollen eine Schule, wo „besser auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen eingegangen werden“ kann.
    Nehmen wir also einen Schüler her, der gerne Sport betreibt, z.B. Schifahren. Also geht er in ein Schigymnasium (z.B. Stams, Saalfelden, Schladming) oder eine Schi-NMS (z.B. Schladming, Windischgarsten, Neustift). Um dort überhaupt aufgenommen zu werden, muss er im Alter von 9 1/2 Jahren eine sportliche Aufnahmsprüfung ablegen. In der Terminologie der Grünen heißt das „Selektion“ und ist per definitionem pfui, überhaupt in einem derart zarten Alter.
    Was liegt also näher, als bei den Grünen anzufragen, wie sie sich denn eine Schi-Gesamtschule vorstellen, bei der es erstens keine Aufnahmsprüfung mehr gibt und zweitens der Begriff „gesamt“ natürlich so interpretiert wird, dass dort auch couch potatoes ihren Platz finden – denn zu den Mantras der Gesamtschule gehört ja, dass die Guten die Schlechten mit nach oben ziehen. Wenn von Haus aus aber überhaupt keine schlechten (Sportler) vorhanden sind, weil die erst gar nicht aufgenommen werden (Selektion!), wie soll dieses Prinzip dann funktionieren?

    2. Ad: „Geht’s nach vorne in Richtung zeitgemäß ausgestatteter Schulen, oder wird der Weg eingeschlagen, auf den sich andere Staaten vor Jahrzehnten begeben haben, zu staatlichen Gesamtschulen auf der einen und sündteuren Privatschulen auf der anderen Seite?“ (G. Pennitz)

    Es gilt nicht nur, gute Argumente vorzubringen, sondern auch, schlechte zu vermeiden. Das zitierte Argument ist gleich doppelt schlecht:
    a) „Zeitgemäß ausgestattet“ ist kein Gegensatz („oder“) zur Frage Gesamtschule ja oder nein. Die Ausstattung hat mit dem Schultyp nichts zu tun.
    b) Der Verweis auf andere Staaten beschreibt eine andere Situation: In den USA zum Beispiel schicken die Leute (die sich’s leisten können) ihre Kinder nicht in Privatschulen, weil dort ein anderer Schultyp eingerichtet wäre, sondern weil es dort die besseren (d.h. auch besser bezahlten!) Lehrer und die bessere Ausstattung gibt.
    Falls in Österreich die Gesamtschule kommen sollte, dann würde das natürlich auch für den Privatschulsektor gelten. (Siehe unsere früheren Privathauptschulen, die auch zu NMS mutieren mussten.) Keinesfalls würden die Eltern also die Wahl haben zwischen staatlichen Gesamtschulen und privaten Gymnasien. Sie könnten als Alternative nur eine Privat-Gesamtschule wählen. Der Anreiz dazu wäre mithin nicht größer als der Anreiz zu einer Privatschule jetzt. Das Nebeneinander von staatlich und privat würde genauso weiter laufen wie bisher.

    Im Übrigen gefällt mir als (pensioniertem) Lehrer an einem Mary-Ward-Gymnasium das populistische Bashing nicht, welches im Begriff „sündteure Privatschulen“ enthalten ist. Momentan beträgt das Schulgeld an meiner (ehemaligen) Schule im Monat € 133,30. Da geben manche mehr für Zigaretten aus.

    1. Kollege Wallner, es dürfte Ihnen der Unterschied zwischen Österreichs Privatschulen und Privatschulen in Gesamtschulländern nicht bekannt sein. Österreichs von mir als Wert geschätzte Privatschulen verlangen, worauf Sie hinweisen, ein Schulgeld, das meist unter dem Betrag liegt, den ein Raucher für seine Zigaretten ausgibt. In Gesamtschulländern schicken Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder in Privatinstitute, in denen das Zehnfache und mehr gefordert wird. Vor der Einführung solcher Privatinstitute als Konsequenz staatlicher Einheitsschulen warne0 ich in Wertschätzung für Österreichs Schulwesen mit seinen öffentlichen Schulen und Privatschulen.

      1. Ad Gudrun Pennitz 6. Oktober 8:11:

        Kollegin Pennitz, Ihre Antwort hat mit meinem Posting nichts zu tun.
        Sie beschwören einen (ausländischen) Geist, der in Österreich nicht heimisch werden kann – aus Gründen, die ich im vorletzten Absatz erkläre, und auf die Sie nicht eingehen.

  2. Frau Pennitz, waren Sie schon einmal in Finnland?
    Könnte helfen, den Horizont zu erweitern. Sprache kein Problem, fluent English- Sie doch sicher auch!

  3. Weltanschauung aus der Frage Gesamtschule oder Differenziertes Schulsystem auszuklammern ist, wie oben angedacht, angebracht. Mit http://www.bildungswissenschaft.at unterstreichen Sie ihren wissenschaftlichen statt den weltanschaulichen Zugang zu Schulthemen. Diese sind Forschungsgegenstand der Schulpädagogik.

    Vom 3.- 4. 10. 19 veranstaltete das Institut für Bildungswissenschaften Wien ein Berufungsverfahren für die Schulforschung. Wie fanden Sie die wissenschaftliche Marschrichtung dieser Veranstaltung für die Schulpädagogik?

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