Gerhard Riegler: Wir haben nichts zu verschenken

Ein Schulwesen, das dem unterschiedlichen Leistungsvermögen von SchülerInnen durch unterschiedliche Anforderungsniveaus gerecht zu werden versucht, stellt einen hohen Wert dar. Um den Mehrwert eines vielfältigen Schulwesens zu verstehen, hätte es nicht des vor Ostern präsentierten „Nationalen Bildungsberichts 2018“ bedurft.

Wer erfahren möchte, wie weit Leistungen 14-jähriger NMS-SchülerInnen bei gleicher Beurteilung hinter denen der Hauptschule mit ihren Leistungsgruppen zurückbleiben, kann sich nun auch auf Seite 187 des ersten Bandes des „Nationalen Bildungsberichts 2018“ ein Bild machen. Nicht einmal jährlich über 200 Millionen Euro an zusätzlichen Ressourcen konnten ausgleichen, was die Abschaffung der Hauptschule mit ihren Leistungsgruppen an Schaden angerichtet hat.

Dass dieses Experiment notwendig war, um Österreichs Politik endlich zur Erkenntnis dessen gelangen zu lassen, was jenseits unserer Grenzen längst erwiesen war, ist eine Tragödie. Ein Blick nach Deutschland hätte genügt, aber der Horizont schulpolitischer EntscheidungsträgerInnen war dafür leider zu eng. PolitikerInnen, denen die Einsicht aber jetzt noch immer nicht gelingen will, empfehle ich dringend die Lektüre der inzwischen über 200 Einträge der Rubrik „Gesamtschule/Differenzierung“ auf www.bildungswissenschaft.at.

In Summe 14 Stunden Bahnfahrt zur Generalversammlung der ÖPU Vorarlberg und retour boten mir genug Zeit, auch die 564 Seiten des zweiten Bandes des „Nationalen Bildungsberichts“ zu studieren. Ich empfinde es ehrlich gesagt als Skandal, dass in ihm noch immer zu lesen ist: „Die Ergebnisse der Studien deuten darauf hin, dass Gesamtschulen Leistungsheterogenität am effektivsten nutzen können, um das Leistungsniveau von Lerngruppen insgesamt zu erhöhen.“ (1) Der Blick auf dessen Autorenteam zeigt mir Personen, die Österreichs Schulpolitik jahrelang auf ihrem Irrweg Applaus zollten.

Meinen Ärger darüber versuchte ich zu verdrängen, indem ich mich fragte, wer sich außer mir die Zeit gönnen wird, die 900 Seiten des „Nationalen Bildungsberichts“ zu lesen. Doch der Gedanke an die Kosten des „Nationalen Bildungsberichts“ ließ mich angesichts des Gebotenen beim Verdrängen des Ärgers scheitern. Für das Geld wüsste ich mehr als genug sinnvolle Verwendung im Schulwesen. Bei der Generalversammlung der ÖPU Vorarlberg erfuhr ich z. B., dass an Vorarlbergs AHS heuer mangels Ressourcen keine Förderkurse mehr genehmigt werden.

Österreichs Schulwesen braucht und verdient mehr Ressourcen UND einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen.

(1) BMBWF (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2018. Band 2 (2019), S. 26.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Wir haben nichts zu verschenken

  1. Ad.: „Der Blick auf dessen Autorenteam zeigt mir Personen, die Österreichs Schulpolitik jahrelang auf ihrem Irrweg Applaus zollten.“
    Kollege Riegler spricht hier einen Personenkreis an, dessen Größe höchstens zweistellig ist; rechnet man die einschlägigen Politiker hinzu, dreistellig. Diese Leute weigern sich, Fakten zur Kenntnis zu nehmen.

    Demgegenüber steht ein Personenkreis von 20.000 AHS-Lehrkräften: Von niemandem aus dieser riesigen Gruppe habe ich je irgendeine schriftliche Äußerung gelesen über den wundersamen Leistungssprung in den Sprachen nach der Einführung der Zentralmatura 2015. Wir haben jetzt in allen Sprachen (D und FS) 20-25 Prozent Sehr gut österreichweit – also inklusive ORG – und praktisch keine Nicht genügend mehr. Seit der Einführung der Zentralmatura ist der Notenschnitt in den Sprachen um fast einen Grad gestiegen.
    Dass das ein potemkinsches Dorf ist, will niemand wahrhaben.

    Mit welchem Recht kritisieren wir da andere potemkinschen Dörfer?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.