Faktenbasierte Politik – ein Oxymoron?

Seit den türkis-grünen „Sondierungsgesprächen“ und der schwarz-grünen Koalitionsfindung in Vorarlberg mehren sich wieder die Stimmen derer, die eine Gesamtschule fordern. Servus-TV berichtete gestern Abend unter Berufung auf Meldungen in einigen Printmedien, die Grünen würden im Falle einer Regierungsbeteiligung drei bis vier Ministerien erhalten, eines davon das Bildungsressort. (1)

Was das bedeuten kann, zeigt ein Blick ins neue Vorarlberger Regierungsprogramm. Darin heißt es wörtlich: „Das Forschungsprojekt der „Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg“ kommt klar zum Schluss, dass eine flächendeckende gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung sowohl leistungsfähiger als auch chancengerechter ist. Es ist unbestritten, dass eine spätere Bildungsweg-Entscheidung für die Kinder von Vorteil ist …“ (2)

Diese Berufung auf „unbestrittene“ Forschungsergebnisse amüsieren mich immer wieder. Das Gegenteil ist der Fall. Starke Leistungsheterogenität in der Klasse stresst SchülerInnen und LehrerInnen und verschlechtert die Lernergebnisse, was wissenschaftlich vielfach belegt ist. (3) Völlig unverdächtig ist wohl eine vom Unterrichtsministerium in Auftrag gegebene Studie, an der deklarierte Gesamtschulbefürworter mitgearbeitet haben und in der die Ergebnisse aller Schulversuche der Sekundarstufe I bilanziert werden. (4) Einige zentrale Ergebnisse seien wörtlich zitiert:

Gerade die besonders kontroverse Frage der schulischen Organisationsform der Sekundarstufe I […] erweist sich hinsichtlich Lernerfolgen, Befindlichkeit und Sozialbeziehungen der Schüler sowie Unterrichtsklima als nahezu irrelevant …“ (5)

Die Evaluationsuntersuchungen ergaben […], dass SchülerInnen vom Niveau der LG III in leistungsheterogenen Mittelschulklassen keine günstigeren Ergebnisse hinsichtlich Lernerfolgen, Befindlichkeit und Einschätzung des Klassenklimas aufwiesen als Schülerinnen der Leistungsgruppe III von Regel-Hauptschulen – obwohl in den Versuchsklassen sehr viel unternommen wurde, um sie durch Teamteaching und Methoden eines schülerorientierten Unterrichts besonders zu fördern. Demnach erbrachten die bisherigen Bemühungen der Schulversuche in der Sekundarstufe I […] trotz hohen Ressourceneinsatzes und eines starken Engagements der Lehrenden keine deutliche Verbesserung hinsichtlich fachlicher Lernerfolge, Schülerbefindlichkeit und Klassenklima.“ (6)

Wie die Evaluationsergebnisse zeigen, sind Lernerfolge, Befindlichkeit und Sozialbeziehungen der Schüler sowie das Klassenklima von der schulischen Organisationsform weitgehend unabhängig.“ (7)

Faktenbasierte Politik scheint ein Oxymoron zu bleiben …

(1) Siehe Servus TV Nachrichten vom 7. November 2019, 19:20 Uhr.

(2) Unser Vorarlberg – chancenreich und nachhaltig. Arbeitsprogramm 2019 – 2024 (November 2019), S. 10.

(3) Siehe auf www.bildungswissenschaft.at unter den Schlagworten „Gesamtschule/Differenzierung“.

(4) Günther Grogger, Werner Specht, Erich Svecnik Ferdinand Eder, Gottfried Petri, Franz Rauch, Bilanzierung aller Schulversuche der Sekundarstufe I. Metaanalyse vorliegender Evaluations- und Erfahrungsberichte (Graz 2002).

(5) Ibidem, S. 3.

(6) Ibidem, S. 5.

(7) Ibidem, S. 10.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Faktenbasierte Politik – ein Oxymoron?

  1. Wer Kurz wählt bzw. gewählt hat, bekommt Kurzsichtigkeit und Kurtz IV.
    Als roter Faden durch die Politik der letzten Jahre zieht sich die Missachtung von richtigen Einwänden gegen falsche Politik – von der Sozialhilfe über Familienbeihilfe über Familienbonus Neu über Sozialversicherungen bis hin zum „Gewaltschutz“-Paket. Bei letzterem wurde nicht einmal das Parlament selbst respektiert, sondern gegen jede Expertise von Fachleuten und ohne jede Begutachtung etwas durchgeboxt, was das Gegenteil von dem erreichen wird, was es verhindern zu wollen vorgibt.
    Warum sollte es ausgerechnet im Bildungsbereich anders sein?

  2. …dem ist sachlich nichts hinzuzufügen. Sollte Türkis tatsächlich das Bildungsministerium „opfern“ und sich vom differenzierten Bildungssystem verabschieden, kündige ich der ÖVP sofort meine aktive Unterstützung auf und trete aus …

    1. Genau das habe ich schon vor 3 Jahren gemacht.
      Seitdem der Schwindeleger das neue Lehrerdienstrecht durchgeboxt und unsere Vertreter nach 30 Scheinverhandlungen auch noch öffentlich verhöhnt hatte, kam es noch schlimmer: NOSt, „Schulautonomie“ und Bildungsdirektioneneinrichtung … Und am Ende zog noch eine schlimmere Wolke am Gewitterhorizont auf, die sich Gottseidank oder vielmehr Dank der Dummheit einiger der Hauptaktöre wieder gelichtet hat.
      Der konkrete Anlass für meinen Austritt war (damals vor drei Jahren) die Jagd mit Hubschraubern des Innenministeriums auf christliche (und akzentfrei deutsch sprechende) Kindergarten- und Volksschulkinder, für deren Bleiberecht sich Gemeinde, Bezirk und Land intensiv und einstimmig eingesetzt hatten, die die Öffentlichkeit dank großartiger Privatpersonen nicht einmal einen Cent gekostet hatten (im Gegensatz zum Hubschraubereinsatz), die dann justament nach Kroatien abgeschoben wurden.
      Die ÖVP hat sich nämlich schon lange von der Sachpolitik verabschiedet und den bequemen Weg des Überholens der FPÖ auf der rechten Seite ausgesucht. Warum argumentieren und das Richtige tun, wenn Hetzen viel leichter geht und genauso Stimmen bringt??

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