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Gerhard Riegler: Die Bildungspolitik braucht eine Reform

Am Montag ist das schon drei Tage zuvor den Medien vollmundig präsentierte „Autonomiepaket“ nun tatsächlich in Begutachtung gegangen. Wenn ich mir ansehe, was von all dem, was ursprünglich geplant war, nicht mehr enthalten ist, bin ich sehr froh und dem Verhandlungsteam der Lehrergewerkschaften sehr dankbar.

Angesichts dessen, dass unsere Schulen dringend Hilfe bräuchten, um zusätzliche Herausforderungen meistern zu können, die nicht zuletzt durch politisches Versagen verursacht sind, und angesichts dessen, dass in diesem riesigen Paket kein bisschen Hilfe zu finden ist, packt mich allerdings die Wut. „Was jetzt gemacht wird, geht an den Kernproblemen des Bildungswesens um Lichtjahre vorbei“, lautet die Diagnose des ehemaligen Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Mag. Dr. Kurt Scholz, mit der er mir aus dem Herzen spricht. (1)

Am Dienstag ist „unsere“ Ministerin mit einer Aussage in die Öffentlichkeit getreten, die ich, um höflich zu bleiben, als Entgleisung bezeichne: „Wir haben eines der teuersten Schulsysteme im OECD-Vergleich, schneiden bei internationalen Testungen aber maximal durchschnittlich ab. Das zeigt ganz klar, dass das Problem nicht am Mangel an finanziellen Mitteln liegt.“ Und das, obwohl die Ministerin ganz genau weiß, dass unserem Schulwesen im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte massiv Ressourcen entzogen wurden, obwohl sie weiß, dass Österreichs Schulwesen jährlich zwei Milliarden Euro mehr bekommen müsste, um denselben Anteil am Brutto-Inlandsprodukt nutzen zu können, der den Schulen im OECD-Mittel vergönnt ist.

Nein, BM Mag. Dr. Sonja Hammerschmid wurde nicht falsch zitiert, nein, dieser unsägliche Sager ist ihr auch nicht im Rahmen eines Interviews durch ein intellektuelles Blackout passiert. Nein, er stammt aus einer Presseaussendung, sollte also wohlüberlegt sein. (2)

Finanziert wurde diese Presseaussendung vom Bildungsministerium, dem das Geld fehlt, um zumindest die Klassenschülerhöchstzahl 25 auch nur annähernd gesetzeskonform umzusetzen. Dessen Chefin aber verspürt das Bedürfnis, unser Schulwesen als teuer und uns LehrerInnen als das Problem hinzustellen. Österreichs Schulwesen leidet tatsächlich nicht nur unter massiver Unterfinanzierung.

Dringender Reformbedarf besteht in der Bildungspolitik, nicht im Bildungswesen“, bringt es Ronald Barazon, der langjährige Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, auf den Punkt. (3)

(1) Zit. n. Die Zukunft in Schwarz und Weiß. In: Kleine Zeitung vom 23. März 2017.

(2) Hammerschmid: Bildungssystem braucht moderne Pädagogik, nicht mehr Ressourcen. Presseaussendung vom 21. März 2017.

(3) Ronald Barazon, Die Vernichtung des Bildungswesens. Videokommentar vom 16. März 2017.

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Gerhard Riegler: Den Worten mögen Taten folgen!

Österreichs Bundeskanzler hat sich am Mittwoch in seiner „Rede zur Zukunft Österreichs“ entschuldigt. Ein mutiger und mich auch beeindruckender Schritt.

Österreichs Regierung hat allen Grund, sich ganz besonders für Österreichs Schulpolitik des letzten Jahrzehnts, die unter dem Titel „Reformpolitik“ enormen Schaden angerichtet hat, zu entschuldigen. Die Auseinandersetzung mit den unzähligen Befunden, die PISA vor einem Monat auf den Tisch gelegt hat, hat mich auf dieses Eingeständnis des Versagens hoffen lassen.

Ein Anfang ist gemacht, dem unverzüglich konkrete Maßnahmen folgen müssen. Eine Schulpolitik, die Fakten verdrängt, um ihren verhängnisvollen Weg fortsetzen zu können, muss sofort gestoppt werden. Daten geheim zu halten, die Kontextfragen zu den Bildungsstandards geliefert haben, ist ein untauglicher Versuch, das eigene Versagen zu vertuschen.

Hand holding megaphone - Facts vector illustration isolated on backgroundZurück zu PISA: Warum wurden in Österreich die Eltern- und Lehrerfragebögen nicht zum Einsatz gebracht? Hat man Angst zu erfahren, was die von Schule unmittelbar Betroffenen zu sagen haben? Deutschland ist einen anderen – einen mutigeren – Weg gegangen. In Deutschland wurden Lehrkräfte im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung auch schon befragt, als es von der OECD noch gar keine Lehrerfragebögen gab. Und zwar vom ersten PISA-Durchgang an.

Von Deutschland könnte Österreichs Schulpolitik sehr viel lernen. Auch aus einem Vergleich der höchst unterschiedlichen Ergebnisse der deutschen Bundesländer, die sich stark in der jeweiligen Schulpolitik unterscheiden, bei innerdeutschen Vergleichsstudien.

Ohne PISA-Ergebnisse überbewerten zu wollen: Deutschland, einst hinter Österreich liegend, ist ins europäische Spitzenfeld aufgestiegen. Gäbe es noch die bundeslandspezifische PISA-Auswertung, wäre Bayern inzwischen höchstwahrscheinlich Europas PISA-Sieger. Österreich hingegen ist ins Mittelfeld und in vielen Kategorien unter dieses abgerutscht.

Wer Österreichs vom BIFIE verfassten PISA-Bericht (1) mit dem Deutschlands (2) vergleicht und aus dem deutschen Bericht Daten über Österreich erfährt, die der BIFIE-Bericht verschweigt, dem wird es wohl so gehen, wie mir: Ich bin mit meiner Geduld am Ende.

Ein Beispiel gefällig?

Auffallend hohe Quoten von Schulleitungen, die das Lernen und Schulklima an ihrer Schule durch Absentismus gefährdet sehen, finden sich in Finnland (44 Prozent), Österreich (49 Prozent), Slowenien (53 Prozent) und Kanada (56 Prozent).“ (3)

Dem BIFIE war dieses erschreckende Faktum keine Erwähnung wert.

Noch eines?

Von den 15-Jährigen, von denen nur ein Elternteil zugewandert ist, sprechen in Großbritannien 6,3 % zu Hause nicht die Unterrichtssprache, in Frankreich 10,0 %, in Deutschland aber 16,4 % und in Österreich sogar 23,4 %. (4)

Dem BIFIE ist auch das keine Erwähnung wert. Wie lang will man noch die größte Herausforderung für Österreichs Schulwesen unter den Teppich kehren?

Es schmerzt: Deutschlands PISA-Bericht vergleicht die Ergebnisse der 15-Jährigen nicht einmal mehr mit denen Österreichs, sondern wählt als Vergleichsstaaten Finnland, Kanada, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz. Österreich wird als einer der „leistungsschwächeren Staaten“ erwähnt. (5)

Eine radikale schulpolitische Umkehr hat der Entschuldigung des Bundeskanzlers zu folgen, alte Konzepte sind zu verwerfen, Regierungsvereinbarungen neu zu bewerten, wenn die Talfahrt auf Kosten der österreichischen Jugend ein Ende finden soll. Den Worten mögen Taten folgen! Und zwar nicht irgendwann, sondern hic et nunc.

(1) Birgit Suchán u. a., PISA 2015. Grundkompetenzen am Ende der Pflichtschulzeit im internationalen Vergleich (2016).

(2) Kristina Reiss u. a., PISA 2015. Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation (2016).

(3) Ebenda, S. 210.

(4) Siehe ebenda, S. 328.

(5) Ebenda, S. 211.

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Gerhard Riegler: Genug der Ehre

Soll ich mich am Beginn des Schuljahres mit einem „Experten“ auseinandersetzen, der vor wenigen Tagen gefordert hat, die Mitwirkungsrechte der Lehrervertretung im Schulwesen auf ein Minimum zu reduzieren? (1) Oder ist für ihn die Erwähnung in den Fußnoten der Ehre genug?

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Soll ich in Erinnerung rufen, dass dieser „Experte“ vor einem Jahr davon geschwärmt hat, dass in der Privatwirtschaft DienstgeberInnen über „eine schlagkräftige Organisation“ verfügen, der die DienstnehmerInnen kaum etwas Gleichwertiges entgegensetzen können, und darüber geklagt hat, dass im österreichischen Schulwesen „die Situation hier offensichtlich umgekehrt gestaltet“ sei. (2) Oder ist für ihn die Erwähnung in den Fußnoten der Ehre genug?

Soll ich mich mit Aussagen von PolitikerInnen befassen, die diese nach der Präsentation der aktuellen Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ getätigt haben? Oder verdienen Menschen, die Studien kommentieren, die sie ganz offensichtlich nicht gelesen haben, nicht einmal eine Erwähnung in den Fußnoten?

Ich will es mit Eckehard Quin halten: „Ich muss nicht zu jedem Schwachsinn etwas sagen.“ (3) Ich will stattdessen grundlegende Ergebnisse der OECD-Studie skizzieren, die über 500 Seiten umfasst, zu denen noch hunderte Tabellen hinzukommen, die nur online präsentiert werden:

Österreich gehört zu den Staaten, in denen

  • die wenigsten jungen Menschen als SchulabbrecherInnen das Schulwesen verlassen,
  • SchülerInnen vergleichsweise jung den Abschluss der Sekundarstufe II erreichen und
  • die meisten jungen Menschen, von denen kein Elternteil einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht hat, diesen so wichtigen Bildungsabschluss schaffen. Da in Österreich jahrzehntelang Integrationspolitik verabsäumt wurde, gelingt Menschen mit Migrationshintergrund der Bildungsaufstieg leider weit seltener.

Österreichs Schulwesen ist im internationalen Vergleich erfolgreich, obwohl uns weit weniger Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, als uns zustünden. Auch „Education at a Glance 2016“ belegt diese gravierende Unterfinanzierung: 3,2 % des Bruttoinlandsprodukts fließen in unserem Land ins Schulwesen, 3,8 % sind es im OECD-Mittel, nicht weniger als 4,8 % in Großbritannien. (4) Im OECD-Mittel ist der BIP-Anteil für das Schulwesen in den letzten beiden Jahrzehnten leicht gewachsen, in Österreich wurde er von „Reform“ zu „Reform“ verkleinert – in Summe um nicht weniger als ein Viertel! 0,6 % des BIP, die unserem Schulwesen für eine lediglich mittelmäßige Ressourcenausstattung fehlen, bedeuten zwei Milliarden Euro jährlich!

Unterstützt wurde die Politik des Sparens auf Kosten der Bildung von „ExpertInnen“ und ihrer zweifach irrwitzigen Parole, Österreich habe ein leistungsschwaches, aber teures Schulsystem.

Österreichs Schulwesen und seinen LehrerInnen, die unter schwierigsten Rahmenbedingungen Hervorragendes leisten, kann nicht genug der Ehre widerfahren. Sie verdienen maximale Unterstützung. Der in die Fußnote verbannte „Experte“ aber verdient die scharfe Kritik des Jugendsoziologen Mag. Bernhard Heinzlmaier, die soeben auf meinem Bildschirm gelandet ist: „Heute erscheint Arroganz, Dünkel und Überheblichkeit in Kombination mit dem zügellosen Einsatz von Manipulation und parteilicher Demagogie zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden zu sein.

(1) Siehe Petra Stuiber, Experte will Schulreform mit Lehrern, aber ohne Gewerkschaft. In: Standard online vom 20. September 2016.

(2) Lorenz Lassnigg, Politics – Policy – Practice. Eckpunkte einer sinnvollen Weiterentwicklung des Schulwesens (2015), S. 45.

(3) Zit. n. Lisa Kogelnik, Lehrergewerkschaft wehrt sich. In: Standard online vom 21. September 2016.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2.

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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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Der Verrechnungshof

Betrachtet man das österreichische Bildungssystem, so zeigt sich, dass die Bildungsausgaben hierzulande im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sind.“ (1) Mit diesen Worten charakterisierte der Präsident des Rechnungshofes in einem vor wenigen Tagen im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierten Bericht die österreichische Schule. Josef Moser wurde dabei übrigens von einem weiteren „Bildungsexperten“ unterstützt: Hannes Androsch.

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Weil das österreichische Bildungssystem so teuer sei, hat der „unabhängige Experte“ Moser (Er war ja nur von 1992 bis 2003 Direktor des FPÖ-Parlamentsklubs.) auch einen Einsparungstipp auf Lager: „Die in der Unterrichtspraxis regelmäßig aufgetretenen Dauermehrdienstleistungen legten den Schluss nahe, dass die Bundeslehrerinnen und -lehrer über die Lehrverpflichtung hinausgehend zu weiteren Unterrichtstätigkeiten bereit waren. Der Rechnungshof empfahl daher dem BMBF, die Umschichtung von Mehrdienstleistungsstunden zur Grundbeschäftigung anzustreben.“ (2) Anders ausgedrückt: Moser empfiehlt eine Erhöhung der Lehrverpflichtung.

Dass LehrerInnen lt. Gesetz gegen ihren Willen zu Überstunden verpflichtet werden können und das BMBF wegen Mangels an Planstellen die Landesschulräte sogar per Erlass seit Jahren ausdrücklich dazu auffordert, vermehrt Überstunden zu vergeben, ist dem „Bildungsexperten“ des Rechnungshofes entweder nicht bekannt, oder er agiert wider besseres Wissen. Was davon schlimmer ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Wie es mit den Finanzen im österreichischen Schulwesen wirklich aussieht, zeigt die OECD-Studie „Education at a Glance 2015“. Österreich investiert 3,1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in das Schulwesen. Der OECD-Mittelwert liegt bei 3,7 %. Die pädagogisch immer wieder hochgelobten skandinavischen Länder liegen noch deutlich darüber – Finnland bei 3,9 %, Dänemark und Island gar bei 4,7 %. (3)

Österreich fehlen für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens also 0,6 % des BIP. Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

Dass der Rechnungshof von pädagogischen oder dienst- und besoldungsrechtlichen Belangen der LehrerInnen keine Ahnung hat, zeigt er immer wieder. Dass er allerdings nicht einmal sein ureigenes Geschäft beherrscht, den Umgang mit Zahlen, verblüfft doch einigermaßen, wobei ich das mit einer Mischung aus Entsetzen und Erheiterung bereits vor zwei Wochen festgestellt habe:

In einem Bericht beziffert der Rechnungshof die Lehrerpersonalkosten je SchülerIn an der NMS mit 7.496, an der Hauptschule mit 6.725 und an der AHS-Unterstufe mit 4.815 Euro und zieht daraus folgenden Schluss: „Im Vergleich waren die Lehrerpersonalkosten je Schüler an den AHS–Unterstufen nach wie vor am geringsten. Im Schuljahr 2013/2014 war der bundesweite Durchschnittswert um rd. 56 % geringer als jener der NMS bzw. um rd. 40 % geringer als jener der Hauptschulen.“ (5) Tatsächlich waren aber die Lehrerpersonalkosten je SchülerIn an der NMS um 56 % und an der Hauptschule um 40 % höher als an der AHS.

Wer an den einfachsten Hürden der Prozentrechnung scheitert, schafft bei uns kaum die zweite Klasse, geschweige denn die Mathematikmatura. Für einen Job beim Verrechnungshof reicht es aber offensichtlich allemal.

(1) Rechnungshof (Hrsg.), Effizientere Schulverwaltung – Vorschläge des Rechnungshofes für Reformen im Bildungsbereich (Mai 2016), S. 7.

(2) Rechnungshof (Hrsg.), Effizientere Schulverwaltung, S. 45.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Rechnungshof (Hrsg.), Modellversuche Neue Mittelschule; Follow–up–Überprüfung (April 2016), S. 194.

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Gerhard Riegler: Späte Einsicht

Nach Möglichkeit und bei entsprechendem Bedarf sollen Schülerinnen und Schüler […] vor dem vollständigen Eintritt in den Regelunterricht, in eigenen Sprachstartgruppen intensiv in der Unterrichtssprache Deutsch soweit auf den Regelunterricht vorbereitet werden, dass sie in diesen vollständig übertreten und diesem folgen können.“ (1)

The ostrich has buried a head in sand

So lautet ein Vorhaben der Bundesregierung, das am Donnerstag in Begutachtung geschickt wurde. Es ist höchst erfreulich, dass endlich Einsicht ideologische Blockaden zu überwinden scheint. Die katastrophalen Ergebnisse der Standardüberprüfung am Ende der Volksschule dürften das jahrelange Verdrängen der Wirklichkeit nun doch beenden. Am Tag der Präsentation hatte die Unterrichtsministerin ja noch einen kläglich-skurrilen (letzten?) Versuch unternommen, die traurige Wirklichkeit schönzureden: „Das Ergebnis zeigt, dass das österreichische öffentliche Bildungswesen sehr gut funktioniert.“ (2)

Hier einige Fakten:

  • 38 % der 10-Jährigen Österreichs verfügen über kein ausreichendes Leseverständnis. In Wien sind es sogar 44 %. (3)
  • Österreichweit erreichen fast zwei Drittel der 10-Jährigen die Lernziele beim Leseverständnis nicht oder nur teilweise. (4)
  • 10-Jährige aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss haben auf ihre gleichaltrigen MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, einen Leistungsrückstand von über drei Jahren. Sie befinden sich mit ihren Leistungen kurz vor Ende der Volksschule dort, wo die anderen bereits am Beginn standen. (5)

Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann fand im Ö1-Morgenjournal klare Worte: „Da ist es fast unmöglich, egal wie gut die Lehrkraft ist, tatsächlich alle so zu erreichen, dass sie ihre Möglichkeiten ausnutzen können. Das heißt, was wir dringend bräuchten, wäre eine Schulorganisation – schon in der Volksschule –, die es ermöglichen würde, unterschiedlichen Förderbedarf unterschiedlich zu bedienen.“ (6)

Spät kommt die Erkenntnis der Politik, für viele junge Menschen, denen durch das jahrelange Verschleppen eines dringenden Handlungsbedarfs faire Chancen geraubt wurden, viel zu spät. Deshalb mischt sich in meine Freude ein hohes Maß an Ärger und Wut. Österreichs Schulpolitik scherte sich viel zu lange keinen Deut um bildungswissenschaftliche Erkenntnisse.

Was jenseits der engen Grenzen Österreichs oder gar in englischer Sprache publiziert wird, ignoriert die Politik nahezu durchgängig. Aber zumindest den leicht verständlichen Nationalen Bildungsbericht des BIFIE hätten die Damen und Herren schon vor drei Jahren in die Hand nehmen können, statt die ewig gleichen dummen Sprüche zu klopfen. In ihm hätten sie lesen können, dass in Österreich 10-Jährige, deren Eltern höchstens über Pflichtschulabschluss verfügen, auf ihre MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, in Deutsch einen Leistungsrückstand von über drei Jahren aufweisen. Ja, genau dasselbe, was jetzt die Standardergebnisse belegen! (7)

Sollten sich PolitikerInnen, durch diesen Kommentar angeregt, vielleicht doch noch dazu bequemen, den Nationalen Bildungsbericht drei Jahre nach seinem Erscheinen in die Hand zu nehmen, werden sie auf derselben Seite erfahren, dass es unserer differenzierten Sekundarstufe I gelingt, diesen Rückstand um immerhin etwa ein Drittel zu verkleinern.

Ebenso könnten sie in BIFIE-Publikationen nachlesen, dass der enorme Rückstand, den 10-Jährige mit Migrationshintergrund aufweisen, während der differenzierten Sekundarstufe I deutlich verringert wird. (8)

In Staaten, deren öffentliches Schulwesen sich auf Gesamtschulen beschränkt, steigt die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der Sekundarstufe I. Um das zu erfahren, müssten sie zu bildungswissenschaftlicher Literatur aus dem Ausland greifen, aber das … (s. o.)

Die „Panama Papers“ führten binnen weniger Tage zu ersten Rücktritten. Das jahrelange Ignorieren, Vertuschen und Auf-den-Kopf-Stellen von Fakten durch Österreichs „Schulpolitik“ würden meines Erachtens Rücktritte nicht weniger rechtfertigen. Ignoranz und Präpotenz haben genug Schaden angerichtet und gefährden unsere Zukunft.

(1) Erläuterungen zum Schulrechtspaket 2016 vom 7. April 2016.

(2) Conrad Seidl, Vier von zehn Volksschülern können nicht sinnerfassend lesen. In: Standard online vom 1. April 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Landesergebnisbericht Wien (2016), S. 31.

(4) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 39.

(5) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 103.

(6) Ö1-Morgenjournal vom 1. April 2016, 8:00.

(7) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht, Österreich 2012 (2013), Band 2, S. 199.

(8) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Mathematik, 4. Schulstufe (2014), S. 30f; BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Englisch, 8. Schulstufe (2014), S. 50f.

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Nicht ums Verrecken

Der Bundeskanzler träumte in seiner „Osterbotschaft“ von einer „massiven“ Veränderung der Lehrverpflichtung zur Budgetsanierung. (1)

Breaking The Bank

Reaktionen folgten schnell. Auf politischer Ebene stellte der niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka in einer Presseaussendung mit dem Titel „Lehrerbashing löst kein einziges Problem“ zu Recht fest, dass die öffentlich Bediensteten „angesichts der Flüchtlingssituation im Besonderen gefordert sind. Gerade die Lehrerinnen und Lehrer haben dabei viel zu schultern“. (2) Auch die niederösterreichische Bundesrätin Sandra Kern kritisierte die Äußerungen des Bundeskanzlers. Er „dürfte wohl noch immer nicht verstanden haben, dass mit diesem unbedachten Populismus keinem Schulkind und schon gar nicht unserem Bildungssystem geholfen ist.“ (3)

Paul Kimberger, Vorsitzender der ARGE LehrerInnen in der GÖD, wurde in der „Presse“ so wiedergegeben: „Das ist ein Affront, eine riesengroße Sauerei […] Es ist eine Aussage der übelsten Sorte – allertiefste Schublade. Dort befindet er sich eh in guter Gesellschaft mit Michael Häupl […] Wenn Faymann glaubt, dass er den Boden erneut für eine Einsparungsdiskussion auf Kosten der Lehrer aufbereiten kann, dann hat er sich getäuscht.“ Von mir war folgende Bewertung des Kanzlers zu lesen: Dass er Lehrerbashing betreibt, zeugt von seiner politischen Qualität“, sagt Eckehard Quin zur „Presse“. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Lehrer durch den Flüchtlingsstrom vor besonderes großen Herausforderungen stehen, eine Debatte über die Arbeitszeit zu beginnen, zeuge von einem „unheimlich großen Populismus, um am Stammtisch zu gewinnen“.“ (4) Und gefragt nach den Möglichkeiten des Kanzlers, die 550 Millionen Euro-Lücke im Unterrichtsbudget zu schließen, meinte ich: „Wenn dem Kanzler nichts anderes einfällt als Lehrerbashing, dann wäre er einzusparen.“ (5)

Natürlich ist damit das Budgetproblem nicht gelöst. „Der Vorsitzende der Gewerkschaft der AHS-Lehrer, Eckehard Quin, hat zuletzt vor schwarzen Lehrervertretern [Anm.: beim Bundeslehrertag in Linz vor ca. 1.200 Personen] seinem Unmut darüber Luft gemacht, dass das Budget für 2016 im Herbst des vergangenen Jahres mit einer Unterdotierung beschlossen wurde. „Ich finde es schon eine Chuzpe, wenn der Nationalrat ein Budget beschließt, wenn er weiß, dass beim Unterricht eine halbe Milliarde Fehlbedarf ist.“ Dabei wisse jeder, dass das mit den geplanten Mitteln nicht zu schaffen sei. „Es geht nicht ums Verrecken“, warnte er.“ (6)

Ich habe einen recht simplen Lösungsansatz, den hoffentlich alle EntscheidungsträgerInnen verstehen: Das durch die Finanzierung von Pleitebanken verursachte Budgetdefizit betrug 2015 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (7) Das ist so viel Geld, wie Österreichs Schulwesen fehlt, um das OECD-Mittel zu erreichen (3,1 gegenüber 3,7 Prozent). (8) 0,6 Prozent des BIP sind fast 2 Milliarden Euro. Damit ließe sich tatsächlich ein pipifeines Schulsystem realisieren.

Die Bundesregierung muss sich wohl die Frage gefallen lassen, ob ihr die Finanzierung einer Bankenpleite tatsächlich mehr wert ist als die Bildung unserer Kinder. Ich glaube, die Antwort zu kennen.

(1) Siehe Oliver Pink, Faymann: „Sehr gespanntes Verhältnis zu Merkel“. In: Presse online vom 26. März 2016.

(2) NÖAAB-Sobotka zu Faymann: Lehrerbashing löst kein einziges Problem. Presseaussendung vom 28. März 2016.

(3) Kern/Quin: Populismus hat im Bildungssystem nichts verloren – Lehrerschaft verdient Respekt und Wertschätzung. Presseaussendung vom 30. März 2016.

(4) Julia Neuhauser, Mehr Arbeit für Lehrer: „Ein Affront, eine riesengroße Sauerei“. In: Presse online vom 29. März 2016.

(5) a.a.O.

(6) Karl Ettinger, 550-Millionenloch im Schulbudget. In: Presse online vom 6. März 2016.

(7) Schellings Coup: Österreich am Weg zum „echten Nulldefizit“. In: Trend online vom 31. März 2016.

(8) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

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