Gerhard Riegler: Mehr Mut zur Wahrheit!

Die berufliche Ausbildung (Vocational Education and Training – VET) ist in vielen OECD-Ländern ein wichtiger Teil des Sekundarbereichs II. […] In einigen Ländern wurde die berufliche Ausbildung jedoch in den bildungspolitischen Diskussionen vernachlässigt und spielte nur eine untergeordnete Rolle, oft stand sie im Schatten der zunehmenden Betonung allgemeinbildender/akademischer Bildung. Gleichwohl erkennt eine wachsende Zahl von Ländern, dass eine gute berufliche Erstausbildung einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit leisten kann.“ (1)

Diese Zeilen in der aktuellen Ausgabe der alljährlich erscheinenden OECD-Publikation „Bildung auf einen Blick“ zu lesen, rief in mir Freude und Ärger zugleich hervor.

Die OECD hat die Maturanten- und Akademikerquote seit der Jahrtausendwende zu Fetischen werden lassen, um die die Bildungspolitik zu tanzen hatte, koste es, was es wolle. Dass endlich auch die OECD den Wert eines vielfältigen Bildungsangebots und seiner den individuellen Begabungen und Interessen junger Menschen entsprechenden Nutzung zu erkennen scheint, freut mich sehr.

Die von der OECD jahrelang betriebene Abwertung von Bildungsgängen, die nicht in Richtung Universität führen, ist auch an Österreich nicht spurlos vorübergegangen. Das „Matura für alle“-Denken hat viel zu viele Politikergehirne erfasst und so mehr als genug Schaden angerichtet. „Wir bekennen uns aus guten Gründen zum dualen Ausbildungssystem, also auch zur Lehre, und vermitteln dennoch: ‚Wer keine Matura hat, ist nicht richtig gebildet und gehört zu den Abgehängten.‘ Ein falsches Signal.“ (2) Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann bringt es einmal mehr auf den Punkt.

Was mich ärgert, ja empört, ist die Kaltschnäuzigkeit, mit der sich die OECD aus der Verantwortung zieht bzw. ziehen will: In einigen Ländern sei die berufliche Ausbildung vernachlässigt worden und habe nur eine untergeordnete Rolle gespielt, oft sei sie im Schatten gestanden, eine wachsende Zahl von Ländern erkenne nun aber deren Wert …

Ehrlich wäre aus meiner Sicht eine Formulierung wie diese gewesen: „Die von der OECD jahrzehntelang vertretene Ansicht, möglichst viele, wenn nicht alle jungen Menschen sollten Schulen besuchen, die zur Matura führen, um anschließend ein Universitätsstudium beginnen zu können, hat sich leider als Irrtum herausgestellt. Die Staaten, die dieser Ansicht am meisten Folge leisteten, haben ihrer Jugend und in Folge ihrer Volkswirtschaft leider nichts Gutes getan. Das Phänomen Jugendarbeitslosigkeit ist seit vielen Jahren in Ländern, die der Jugend ein vielfältiges Schulwesen bieten, weit weniger präsent als in Ländern, in denen junge Menschen möglichst lang auf ein und demselben Bildungsweg unterwegs sind. Ein Übersehen oder gar Leugnen dieser Tatsache wäre unverantwortlich. Unsere Position kann also nicht länger vertreten werden und wird von der OECD als bedauerlicher Irrtum zurückgenommen.

Eine Bildungspolitik, die im Vertrauen auf OECD-Empfehlungen oder aus Angst vor medialer Kritik an einer angeblich zu niedrigen Maturanten- oder Akademikerquote den Weg in Richtung Vereinheitlichung gegangen ist, muss sich jetzt jedenfalls eigenartig fühlen – um kein Wort zu verwenden, das ich nicht zu Papier bringen möchte.

Eine Lehrervertretung, die vor dem Irrweg gewarnt hat und gegen die Zerschlagung des vielfältigen Schulwesens jahrelang massiven Widerstand geleistet hat, darf sich über jeden Kilometer Irrweg, der nicht zurückgelegt wurde, mit Blick auf die Jugend von Herzen freuen.

(1) OECD (Hrsg.), Bildung auf einen Blick 2018, S. 231.

(2) Liessmann: „Die Matura verliert dramatisch an Wert“. In: Kurier online vom 4. September 2018.


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