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Herbert Weiß: Freitag, der Dreizehnte

In meiner Zeit als Schüler hatten wir einen Lehrer, der aus unserer damaligen Sicht schon sehr alt und auch etwas schrullig war. Inzwischen bin ich wohl selbst ungefähr in diesem Alter. Ob mich meine SchülerInnen für schrullig halten, kann ich nicht beurteilen. Eine seiner Aussagen hat sich bei mir so eingeprägt, dass sie sich bis heute gehalten hat. Er hat Freitag, den Dreizehnten, immer als Glückstag bezeichnet. Seine Begründung war typisch für einen Mathematiker: „Minus mal Minus ergibt Plus.“

friday 13th, 3D rendering, rough street sign collectionDas ist mir sofort eingefallen, als ich am Freitag, dem 13. Jänner 2017, die folgende Aussage gelesen habe, die Bildungsministerin Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmid gegenüber den Oberösterreichischen Nachrichten getätigt hat: „Die Schulen entscheiden selbst, ob sie sich zu Clustern zusammenschließen. Wir diktieren das in keiner Weise.“ (1)

Jemandem, der nicht bei Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ dabei gewesen ist, mag das nicht so besonders erscheinen. Immerhin hat die Ministerin diese These immer wieder vertreten. Wenn man aber über einen Gesetzesentwurf verhandelt, der ganz klar ZWANGSWEISE Clusterungen von Schulen bis zu einer Gesamtgröße von 2.500 SchülerInnen vorsieht, und dabei erfährt, dass nicht daran gedacht sei, das nicht nur zu ermöglichen, sondern auch vom Ministerium aus vorzugeben, stimmt einen diese Aussage mitten im Verhandlungsprozess doch freudig. Ich möchte Ministerin Hammerschmid dafür sehr herzlich danken und sie bitten, diese Vorgabe auch im Gesetzesentwurf verankern zu lassen.

Für einen Gewerkschafter ist es eher unüblich, dass er sich bei PolitikerInnen bedankt. Das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass wir grundsätzlich allen Neuerungen negativ gegenüber stünden. Vielmehr haben sich in den letzten Jahren zu viele Reformen, die der Öffentlichkeit als Innovationen verkauft worden waren, am Ende als Sparpakete herausgestellt. Vieles, was in den Medien als großartige Innovation verkauft wurde, brachte am Ende einen Qualitätsverlust.

Ohne genauer hinzusehen würde ich als Optimist zwei weitere Ansätze für lobenswert erachten:

1) Bundeskanzler Kern verspricht in seinem Plan A jedem Volksschulkind ein Tablet und jedem Jugendlichen einen Laptop. Beide sollen in den Besitz der SchülerInnen übergehen. (2)

2) Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie „Schule 4.0 – jetzt wird’s digital“ wird eine verbindliche Übung „Digitale Grundbildung“ mit einem eigenen Lehrplan im Ausmaß von zwei bis vier Jahreswochenstunden im Lauf der Sekundarstufe I angekündigt. (3)

Bei genauerer Betrachtung stellt sich bedauerlicherweise heraus, dass man offensichtlich in beiden Fällen auf wichtige Komponenten vergessen hat. Bei der ersten Vision fehlen alle Ansätze, wie das Geld dafür aufgebracht werden könnte. Bei der zweiten sollen die Schulen wieder einmal „autonom“ den Mangel verwalten, indem sie „autonom“ bestehenden Unterrichtsgegenständen Stunden kürzen.

Mein Wunsch an die Regierenden heißt also nicht: „Keine Innovationen!“. Nein, er lautet: „Gebt den Schulen mehr Ressourcen und Freiheiten, investiert in unsere Jugend und damit in die Zukunft unseres Landes!“

Wir wollen Autonomie für unsere Schulen inklusive der dafür nötigen Finanzierung und kein „Autonomiepaket“, das in Wahrheit mehr Zentralismus und ein dickes Minus an Bildung bedeutet.

(1) Zit. n. Direktoren wehren sich gegen geplante Schulcluster. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 13. Jänner 2017.

(2) Siehe SPÖ (Hrsg.), Plan A (2017), S. 66f.

(3) Siehe BMB (Hrsg.), Schule 4.0 – jetzt wird’s digital (Presseunterlage vom 23. Jänner 2017), S. 3.

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Große Vorhaben verwirklichen

Der neue GÖD-Vorsitzende Dr. Norbert Schnedl machte sich bei seiner Antrittsrede auch Gedanken über die Folgen der Digitalisierung. Alle mir bekannten Studien zu diesem Thema sind sich darüber einig, dass in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten zwischen 40 und 55 Prozent aller heutigen Tätigkeiten von Programmen oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden. Je niedriger die Qualifikation der ArbeitnehmerInnen, umso stärker werden sie davon betroffen sein. Uneinigkeit besteht lediglich darüber, wie groß der Verlust an Arbeitsplätzen insgesamt sein wird, da durch den Wandel der Arbeitswelt immer auch neue Arbeitsplätze entstehen.

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Norbert Schnedl wagte nun die Aussage, dass Arbeit „neu verteilt werden muss. Mittelfristig ist daher auch eine 3,5-Tagewoche bei vollem Lohnausgleich denkbar. Denn von den Digitalisierungsgewinnen müssen in einer gerechten Arbeitswelt alle und nicht nur einige wenige profitieren“. (1)

Dass die Wirtschaft über solche Aussagen nicht glücklich ist, verwundert wenig. Daher ist auch der „Kurier“-Kommentar von Dr. Helmut Brandstätter wenig überraschend. Studien zu diesem Thema dürfte er allerdings keine gelesen haben, sonst würde er Norbert Schnedl nicht unterstellen zu spekulieren. (2)

Pikanter ist da schon das Statement von SPÖ-Parteichef Mag. Christian Kern, der den GÖD-Vorsitzenden wegen dieser Aussagen als „Scharlatan“ bezeichnete (3), hatte sich Kern doch selbst am SPÖ-Parteitag in Klagenfurt als ein solcher „Scharlatan“ geoutet: „Angesichts von Produktivitätsfortschritten müsse Arbeit neu verteilt werden – „Das Thema Arbeitszeitverkürzung wird auf die Agenda kommen.“ Das wird dem Koalitionspartner ÖVP nicht gefallen. Aber das ist von Kern einkalkuliert: „Die Menschen brennen nicht für Kompromisse, sie brennen für die Haltungen.“ Daher dürfe die SPÖ nicht gleich mit Kompromissangeboten in Verhandlungen gehen.“ (4) So der Herr Bundeskanzler im Juni 2016. Wie behend und/oder situationselastisch er seine Haltung ändern kann, hat er ja inzwischen nicht nur bei CETA bewiesen …

Themenwechsel: Im Sommer 2007 wagte der damalige GÖD-Vorsitzende Fritz Neugebauer einen Vorstoß: „Im Kurier-Gespräch drängt er auf neue Leistungstests: Mit Hilfe von Entwicklungspsychologen will er festschreiben, was ein Kind mit drei oder vier Jahren können sollte. Neugebauer will die Bildungsstandards erweitern, die derzeit festlegen, was Schüler können sollen.“ (5) Mehr hat er damals nicht gebraucht! Die SPÖ kritisierte, es ginge ihm „nur um Auslese-Tests, Disziplinierungsinstrumente und weitere Bildungsbarrieren“. (6) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek stellte die rhetorischen Fragen: „Was kommt als nächstes? Intelligenztests auf der Säulingsstation [sic!]?“ (7) Mittlerweile hat sich die Regierung im November 2015 auf die „Einführung einer verpflichtenden Potentialanalyse ab 3,5 Jahren“ geeinigt. (8) Österreichs Politik hat also 2015 beschlossen, was Fritz Neugebauer 2007 vorgedacht hat.

Fazit: Menschen, die die Herausforderungen der Zukunft erkennen und Lösungsansätze entwickeln, werden dafür oftmals von PolitikerInnen und JournalistInnen geprügelt, denen der nötige Weitblick fehlt. Ich bin froh, dass die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Vorsitzende hat, von denen man das nicht behaupten kann. Wie formulierte es Thomas Woodrow Wilson, Historiker und Präsident der USA, so treffend: „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnung zu erfüllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ (9)

(1) Schnedl: Arbeitszeitfrage und Digitalisierung hängen eng zusammen! OTS-Aussendung vom 14. Oktober 2016.

(2) Siehe Helmut Brandstätter, Über die vielen Wege, Unsinn zu verbreiten. In: Kurier online vom 15. Oktober 2016.

(3) Michael Bachner, 3,5-Tage-Woche ist für Kern „Scharlatanerie“. In: Kurier online vom 14. Oktober 2016.

(4) Conrad Seidl, Kern wirbt für Arbeitszeitverkürzung und Maschinensteuern. In: Standard online vom 4. Juni 2016.

(5) Bildung: Entwicklungstests für Dreijährige? In: Presse online vom 30. Juli 2007.

(6) a.a.O.

(7) a.a.O.

(8) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 1.

(9) „No man that does not see visions will ever realize any high hope or undertake any high enterprise.

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