Herbert Weiß: Flagship School

Berichte über die erste Microsoft Flagship School Österreichs in Graz lassen aufhorchen. (1) An dieser Schule sollen IT-ExpertInnen und IngenieurInnen der Zukunft ausgebildet werden.

Dieses Ziel erscheint auf den ersten Blick durchaus erstrebenswert. Auf den zweiten Blick bleiben für mich aber viele Fragen offen, von denen ich hier nur die brennendsten anführe:

  • Dürfen wir unsere Schulen wirklich Konzernen wie Microsoft ausliefern? Immerhin geht es dem Konzern ja unter anderem darum, „die Tools und Ressourcen von Microsoft zu verbessern“. (2)
  • Orientiert sich der im Regierungsprogramm angekündigte Weg zur Digitalisierung von Österreichs Schulbildung mehr an den Interessen der Wirtschaft als an denen der SchülerInnen? (3)
  • Lassen wir in unserer Digitalisierungseuphorie nicht gerade jene SchülerInnen zurück, die am dringendsten einer Förderung bedürfen? Prof. DDr. Manfred Spitzer sagt dazu: „Schulen zu digitalisieren, ist das Unsozialste, was sie machen können.“ (4)

Die Digitalisierung unserer Welt und damit unserer Schulen ist natürlich nicht aufzuhalten. Eine Digitalisierungsoffensive an Österreichs Schulen muss aber mit Maß und Ziel umgesetzt werden. Was können wir (uns) leisten, und was wollen wir erreichen? Der Direktor der oben genannten Schule will die technischen Helferlein jedenfalls nur dort verwenden, wo diese einen Mehrwert haben. Ich selbst kann mir meinen GZ-Unterricht ohne den Einsatz von CAD-Programmen nicht vorstellen, würde einer Software aber auf keinen Fall die gesamte Unterrichtszeit widmen. Unterricht lebt von Vielfalt.

(1) Siehe Peter Mayr, Karin Riss, Selina Thaler, Update fürs Klassenzimmer: IT-Konzerne ziehen in die Schulen ein. In: Standard online vom 3. Februar 2020.

(2) Ebenda.

(3) Siehe Aus Verantwortung für Österreich. Regierungsprogramm 2020 – 2024, S. 293.

(4) Manfred Spitzer, Von der digitalen Demenz zur Smartphone-Pandemie. In: youtube vom 23. November 2019.

Bild: Wikipedia Commons, Die Victory, Nelsons Flaggschiff in Portsmouth um 1900.


2 Gedanken zu “Herbert Weiß: Flagship School

  1. Die Digitalisierung sollte zunächst in der Schulverwaltung und -Organisation Priorität haben, inklusive entsprechender Fortbildungen für ausnahmslos alle Lehrer/innen. Sätze wie „ich fang mir den Blödsinn gar nicht mehr an, weil ich in fünf Jahren eh in Pension gehe“ müssen der Vergangenheit angehören. Schüler/innen sollten in erster Linie das Rüstzeug mitbekommen, sich auch ohne Digitalisierung zurecht zu finden .

  2. Zitat aus dem angesprochenen STANDARD-online Artikel:

    „Tablets für alle: Hier landet man schnell, wenn man in die Debatte über digitale Unterrichtsmethoden einsteigt. Dabei sind sich vom Ministerium abwärts eigentlich alle einig: Mit der technischen Ausrüstung alleine ist es noch lange nicht getan. In Österreich nähern sich die Schulen dem Thema in ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten. An einem Ende stehen Bildungseinrichtungen, wie jene in der Steiermark, die auf eigene Faust vorne wegzischen. Am anderen Ende finden sich jene, die noch nicht einmal ordentliche Leitungen haben. Gleichzeitig scharren hierzulande Unternehmen wie Microsoft, Apple und Co in den Startlöchern, um das beste Kuchenstück am finanziell vielversprechenden Bildungsmarkt zu ergattern. Mangels bundeseinheitlichen Gesamtskonzepts [sic] haben sie dabei derzeit weitgehenden Gestaltungsfreiraum. Und der wird auch genutzt.“

    Kommentar E.W.: Stichwort „auf eigenen Faust vorne wegzischen“:
    Wenn Kollege Weiß Bedenken äußert, ob „wir“ unsere Schulen wirklich „Konzernen wie Microsoft ausliefern“ dürfen, dann hat dieses „wir“ hier einen Namen: Manfred Wacker. Er steht gleich in der zweiten Zeile des Artikels. Dipl. Päd. Manfred WACKER, BEd, M.A. ist der Direktor der betreffenden Grazer Schule und damit einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass diese Schule „auf eigene Faust vorne wegzischt“:
    manfred.wacker@nms-st-leonhard.edu.graz.at
    Es handelt sich, nota bene, um eine NMS und nicht um ein Gymnasium …

    P.S. zu: „Mangels bundeseinheitlichen Gesamtskonzepts [sic] haben sie dabei derzeit weitgehenden Gestaltungsfreiraum. Und der wird auch genutzt.“
    Wie man sieht, besteht nicht nur bei Schulen, sondern auch beim STANDARD noch Luft nach oben bei der Nutzung von digitalen Tools – zum Beispiel der Rechtschreibkorrektur …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.