„Unterrichtszerstörer“

Das Handy ist ein Unterrichtszerstörer“, meinte der HAK-Lehrer Andreas Ferner, der v. a. als Kabarettist bekannt ist, in einem Interview. Er befürworte den Weg, den Frankreich gewählt habe – ein Handyverbot in den Schulen. (1)

In nur dreißig Stunden gab es rund 860 Onlinekommentare dazu. Das Thema emotionalisiert wie eine Onlinediskussion über die Maulkorbpflicht für Hunde. Da prallen Welten aufeinander. Smartphones machen dumm und psychisch krank, und jedes Kind soll für die Schule gratis ein Tablet erhalten. Manchmal senden Medien und Politik diese Botschaften praktisch gleichzeitig. Kommt das nur mir paradox vor?

Smartphones oder Tablets sind Werkzeuge wie Bleistift oder Zirkel, die manches erleichtern und deren Anwendung ein gewisses Maß an Übung bedarf. Mit Bildung haben sie aber gar nichts zu tun. „Solange Bildung mit dem Beherrschen grundlegender Kulturtechniken, der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, dem Erwerb von Wissen, dem Verständnis von Zusammenhängen, den Kenntnissen der bedeutenden Dokumente der Künste und Literaturen, der Formung der eigenen Persönlichkeit in Hinblick auf Mündigkeit und Autonomie, der Schulung moralischer Sensibilität zu tun hat, ist für diesen Prozess die Frage der Digitalisierung einfach sekundär.“ (2)

Der zu frühe oder falsche Einsatz von digitalen Endgeräten kann den Lernfortschritt verlangsamen, weil das Ablenkungspotenzial sehr groß ist. Ferner berichtet von einem Experiment in einer Klasse, bei dem die Handys laut aufgedreht wurden, was zu 300 hörbaren Unterbrechungen in einer Unterrichtsstunde führte. (3) „… die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, Flüchtigkeit wird zur dominanten Aneignungsform, Fantasie und Kreativität werden stranguliert, die Gedächtnisleistungen leiden ebenso darunter wie der Sinn für einen langen Atem, ohne den Bildung nicht gelingen kann.“ (4)

Natürlich wird die Digitalisierung immer mehr Lebensbereiche durchdringen, was positive und negative Aspekte hat. Die besten Chance in dieser veränderten Welt werden aber die jungen Menschen haben, „deren Kenntnisse und Fähigkeiten nicht automatisiert werden können und die imstande sind, mit Automaten zu leben und zu arbeiten, ohne sich in deren Abhängigkeit begeben zu müssen.“ (5)

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Aufgabe der Schule nicht darin besteht, sich blind der Digitalisierung zu unterwerfen, sondern den uns anvertrauten jungen Menschen Bildung zu vermitteln, die es ihnen erlaubt, dem Prozess der Digitalisierung gestaltend und selbstbewusst begegnen zu können.

(1) Peter Mayr, Karin Riss, Lehrer und Kabarettist Ferner: „Das Handy ist ein Unterrichtszerstörer“. In: Standard online vom 17. Februar 2020.

(2) Konrad Paul Liessmann, Wie digital soll das Bildungssystem der Zukunft sein? In: Standard online vom 2. September 2018.

(3) Siehe Unterrichtszerstörer.

(4) Liessmann, Bildungssystem der Zukunft.

(5) Ebenda.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “„Unterrichtszerstörer“

  1. Nachdem ich schon zu den älteren Semestern gehöre und auch die Diskussion um „Kinder vor dem Fernseher“ mitgemacht habe, erinnern mich die Kommentare zu den Smartphones genau an diese Zeit: Fernsehen macht dumm, die Strahlung ist schädlich, die Leute verblöden (was bei den heutigen Privatsender-Inhalten eher der Fall zu sein scheint!)
    Vielleicht machen sich diese Unkenrufer auch einmal die Mühe, sich Gedanken über den effektiven Einsatz dieser Medien zu machen. So wie es im TV Unterrichtsfilme gegeben hat, so ist das Smartphone im Unterricht für Recherche, um nur ein Beispiel zu nennen, geradezu optimal.
    Danke für den Beitrag!

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