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Gerhard Riegler: Déjà-vu

Am Montag hat die Statistik Austria die aktuelle Ausgabe ihres alljährlichen Monumentalwerks „Bildung in Zahlen“ präsentiert. Über 600 Seiten liefern Unmengen von Daten zu Österreichs Bildungswesen. Und einmal mehr reagierten PolitikerInnen mit Propaganda, statt sich auf die Fakten einzulassen, sie zu analysieren und aus ihnen seriöse Konsequenzen zu ziehen.

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Aus dem Mund der Unterrichtsministerin lautete dies zum Beispiel so: „Gerade in Österreich, wo Bildung nach wie vor stark vom Elternhaus vererbt wird, ist dieser Beleg für den Erfolg der Neuen Mittelschule eine weitere wichtige Bestätigung.“ (1)

Unter Erfolg versteht BM Heinisch-Hosek, dass mehr NMS-SchülerInnen nach der Sekundarstufe I in eine AHS oder BHS übertreten, während sich AbsolventInnen der Hauptschule eher für die duale Bildung entschieden hatten. Dass weniger NMS- als HauptschulabsolventInnen nach dem ersten Jahr in einer höheren Schule in die nächste Klasse aufsteigen, ist der Unterrichtsministerin egal? Dabei hätte sie für diese Information nicht einmal die Studie lesen müssen. Ein Blick in die Medien genügt: „Absolventen einer Neuen Mittelschule (NMS) schaffen zwar öfter den Aufstieg in eine AHS-Oberstufe oder an eine berufsbildende mittlere und höhere Schule (BMHS) als Hauptschulabsolventen. Sie tun sich dann aber anteilsmäßig schwerer mit dem Aufstieg in die nächste Klasse dieser Schule.“ (2)

Auch dass AbsolventInnen einer Lehre aufgrund der großen Nachfrage nach ihnen weniger von Armut bedroht sind als MaturantInnen und diesbezüglich schon fast mit den AkademikerInnen gleichgezogen haben, hätte die Unterrichtsministerin in der Studie nachlesen können. Auch dass nichts für die Zukunft eines jungen Menschen gefährlicher ist, als die Schullaufbahn ohne Abschluss der Sekundarstufe II zu beenden. (3)

Die Statistik Austria hat der Politik am Montag viel Stoff zum Nach- und Umdenken auf den Tisch gelegt. Werden sich Österreichs PolitikerInnen die Zeit fürs Lesen und Reflektieren nehmen? Wollen sie überhaupt wissen, dass noch immer 35 % der SchülerInnen der AHS-Unterstufe in Klassen unterrichtet werden, die die gesetzliche Schülerhöchstzahl von 25 sprengen? (4) Wollen sie überhaupt wissen, dass mehr als drei Viertel der SchülerInnen, deren Eltern keinen Abschluss der Sekundarstufe II erworben haben, diesen Bildungsabschluss schaffen und sich damit die Tür zum sozialen Aufstieg öffnen? (5) Wollen sie überhaupt faktenbasiertes Wissen, das ihr vermeintliches „Wissen“ als Irren entlarvt?

Manche Daten und Informationen der aktuellen Studie stimmen sehr nachdenklich, z. B. dass immer mehr junge Menschen nach Abschluss ihres Studiums unser Land verlassen: „Vergleicht man die Wegzüge österreichischer Staatsangehöriger in das Ausland nach dem Bildungsstand, so zeigen sich besonders hohe Abwanderungsraten bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen – insbesondere bei Personen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung. […] Die stärkste Abwanderung fand in den Altersklassen zwischen 25 und 35 Jahren statt.“ (6)

Antworten junge AkademikerInnen mit ihrem Exodus auf eine Politik, die sie als Gefahr für Österreichs Wohlstand von morgen wahrnehmen? Wie lange noch müssen wir uns eine propagandistische Politshow auf Kosten der Zukunft ansehen?

(1) Mehr Mittelschüler gehen ins Gymnasium als früher. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 18. April 2016.

(2) Mittelschüler vom Land haben größere Chancen als Stadtkinder. In: Salzburger Nachrichten online vom 19. April 2016.

(3) Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014-15, Schlüsselindikatoren und Analysen (2016), S. 99.

(4) ibidem, S. 80.

(5) ibidem, S. 95.

(6) ibidem, S. 102.

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Mist-Reiter

Die Schulpartner des Gymnasiums Landeck hielten Mitte Jänner in einer gemeinsamen Presseaussendung fest:

Cleaning BoxDie Absicht, die gymnasiale Unterstufe abzuschaffen, stößt überall auf Ablehnung. […] Das derzeit geltende Recht auf Mitbestimmung der Schulpartner (Eltern, Schüler- und Lehrervertretung der betroffenen Schule) soll auch nach ihrem Wunsch [Anm: dem Wunsch der Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader] durch eine Gesetzesänderung aufgehoben werden. Wir brauchen nicht in Polen oder anderswo nach demokratiepolitisch bedenklichen Regierungsaktivitäten suchen! […]

Unsere begabten Kinder gegenüber Kindern in anderen Bezirken von einer gymnasialen Bildung fernzuhalten, kommt für uns nicht in Frage. […] Wir fordern den Erhalt der freien Schulwahl für Eltern und Kinder statt einer Zwangszuteilung in eine Gesamtschule.“ (1)

Gezeichnet wurde diese Aussendung vom Schulsprecher, dem Obmann des Elternvereins und dem Direktor. Offenbar legten die Landecker Schulpartner damit den Finger in eine offene Wunde, denn die Bildungslandesrätin reagierte ungewöhnlich. Der Direktor des Gymnasiums HR Mag. Josef Röck wurde wie viele PflichtschuldirektorInnen gezwungen, am 23. Februar allen SchülerInnen der Unterstufe einen von ihr unterzeichneten Brief zu übergeben. Ich erlaube mir, kommentarlos daraus zu zitieren und diesen Zitaten ein paar andere gegenüberzustellen.

Elternbrief Palfrader: „Ebenso ist vollkommen klar, dass vor allem die Eltern als ganz besonders wichtige Gruppe in die Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einbezogen werden.

Ich [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] gehe nicht davon aus, dass eine Schule von sich aus bereit ist, mitzumachen.“ (2)

Sie [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] werde Eltern, Schüler und Lehrer zwar in die Überlegungen einbinden, im Ernstfall aber auch gegen diese entscheiden.“ (3)

Elternbrief Palfrader: „Die AHS-Direktoren und -Direktorinnen, die bereits von mir zur Mitarbeit eingeladen wurden, haben ihre Mitwirkung unverständlicherweise abgelehnt. […] Für mich ein etwas merkwürdiges Demokratieverständnis für eine Gruppe, die sich in jedem zweiten Satz auf die demokratischen Grundsätze beruft.

Die politische Entscheidung, in Tirol eine Modellregion bzw. langfristig die Gesamtschule einzuführen, ist schon vor der Installierung der Steuerungsgruppe erfolgt. An dieser Entscheidung wurden AHS-LehrerInnen und AHS-DirektorInnen nicht beteiligt. Offenbar soll nun nachträglich der Öffentlichkeit signalisiert werden, dass auch die AHS in den Entscheidungs- und Umsetzungsprozess eingebunden ist. Für ein derartiges Manöver stehen wir nicht zur Verfügung.“ (4)

Elternbrief Palfrader: „Eine ganz besonders dreiste Falschaussage ist, dass es in einer neuen gemeinsamen Schulform keine Schwerpunkte mehr geben wird. Genau das Gegenteil ist der Fall!

Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen“, ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (5)

Elternbrief Palfrader: „Wenn Herr Dir. Röck die Frage stellt, „warum Kinder mit unterschiedlichen Begabungen den gleichen Unterricht erhalten sollen“, dann beweist er, dass er ganz offensichtlich nicht nur die aktuellen Forschungserkenntnisse nicht kennt bzw. nicht einmal die Entwicklungen in den Neuen Mittelschulen wahrgenommen hat, sondern auch dass er diese nicht wahrnehmen will.

Eine relative Verbesserung der Situation der leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht argumentieren; die Ergebnisse weisen vielmehr überwiegend in die umgekehrte Richtung. […]

Überproportional viele Schülerinnen und Schüler geben in der NMS explizit an, dass sie keine positiven Schulerfahrungen zu berichten hätten; in diesem Punkt unterscheiden sie sich stark von der AHS, wo dieser Schüleranteil deutlich unter der statistischen Erwartung liegt. […]

Als unerwünschte Effekte erweisen sich partielle Überforderung von Leistungsschwächeren sowie partielle Unterforderung von Leistungsstärkeren – mit einer Tendenz zur Nivellierung des Anforderungsniveaus und der Leistungsbeurteilungskriterien nach unten.“ (6)

Elternbrief Palfrader: „Eine weitere unglaubliche Falschinformation stellt die Aussage dar, dass die Langform der AHS abgeschafft wird.

Schule der 6- bis 14-Jährigen […] In einer Modell-Region sind alle Schulen der Region eingebunden“. (7)

Am besten aber gefällt mir die Bezeichnung derer, die gemeinsam mit dem Direktor gegen die Bestrebungen der Bildungslandesrätin ankämpfen: „Mistreiter“. Tippfehler oder Freud’sche Fehlleistung? Sei es, wie es sei. Aber gegen diesen Mist kann man nur ankämpfen, wenn einem Schulpartnerschaft, Schuldemokratie und Bildung ein Anliegen sind.

(1) Presseaussendung der Schulpartner des Landecker Gymnasiums vom 15. Jänner 2016.

(2) Mag. Dr. Beate Palfrader über Modellregionen. Zit. n. Peter Nindler, Modellregion für gemeinsame Schule wird zur Konfliktzone. In: Tiroler Tageszeitung online vom 14. Jänner 2016.

(3) Julia Neuhauser, Länder basteln an der Gesamtschule. In: Presse online vom 19. Jänner 2016.

(4) Brief des Tiroler AHS-Direktorenvereins an Mag. Dr. Beate Palfrader vom 28. Jänner 2016.

(5) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(6) Ferdinand Eder et al., Evaluation der Neuen Mittelschule (Salzburg und Linz 2015), S. 151, 236 und  436.

(7) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

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Unfug

Ich kenne aufgrund meiner Tätigkeit viele Politiker (1) persönlich und gestehe vielen von ihnen zu, ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Aber manche Wortmeldungen lassen mich verstehen, warum Politiker mittlerweile ein deutlich schlechteres Image haben als Prostituierte. (2) Die drei „Highlights“ der letzten Tage:

bigstock-Shocked-and-surprised-boy-with-105925043_blogDie Modellregionen zur 8-jährigen Volksschule – pardon, der „Schule der 6- bis 14-Jährigen“, wie es im Papier zur „Bildungsreform“ heißt – wird von der Tiroler Landespolitik so beschrieben: „Eine „Gemeinsame Schule“ ist eine Schule der Vielfalt, bei der gymnasiale Ausbildung und Schwerpunkte der NMS wie Sport, Musik, Technik und Sprachen weiter bestehen bleiben.“ (3)

Nun heißt es aber im Papier der Bundesregierung zur „Bildungsreform“ wörtlich: „Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen (alle Kinder, die die Volksschule positiv abgeschlossen haben, Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen die Volksschule oder Sonderschule lediglich besucht haben).“ Ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (4) Da dürfte eine Schwerpunktsetzung schwierig werden …

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat. Ich würde mir die Redlichkeit erwarten, gewisse Aussagen zumindest auf ihre Plausibilität zu prüfen. Wenn das Unterrichtsministerium in einer Presseaussendung behauptet, die Studie belege, dass die Einführung der NMS positive Effekte erziele, erheitert mich das. Bei PISA 2012 wurden im Frühjahr 2012 15-Jährige getestet. Die NMS wurde aber erst im Herbst 2012 aufsteigend für 10-Jährige im Regelschulwesen eingeführt.

Ähnlich skurril ist die Forderung, die etwa auch von Personen der Wirtschaftskammer, des Wirtschafts- oder des Bauernbundes erhoben wird: Der Bundeszuschuss zu den Pensionen müsse drastisch gesenkt werden.

Nun ist es zweifellos legitim, über die Aufkündigung eines seit Jahrzehnten bestehenden gesellschaftspolitischen Konsenses zu diskutieren, gemäß dem die Pensionen zu je einem Drittel vom Arbeitnehmer, vom Arbeitgeber und von der öffentlichen Hand zu finanzieren sind. Absurd wird es aber, wenn man sich ansieht, wer diese Forderung erhebt. Würde man alles unverändert belassen und „nur“ den Bundeszuschuss streichen, würden die ASVG-Pensionen, also die der unselbständig Erwerbstätigen, um 18,2 % sinken, die in der gewerblichen Wirtschaft um 49,2 % und die der Bauern gar um 77,8 %! (5) Damit können wohl nur Großindustrielle oder Großgrundbesitzer leben, die auf keine Pension angewiesen sind.

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern“, schrieb Erich Kästner.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Politiker: Image ist schlechter als das von Prostituierten. In: Trend online vom 24.  November 2013.

(3) LR Palfrader: „Kein Gymnasium wird geschlossen!“. In: Bezirksblätter online vom 5. Februar 2016.

(4) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(5) Die Zahlen stammen aus der ORF-Sendung „Hohes Haus“ vom 31. Jänner 2016.

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Gerhard Riegler: Fakten auf den Tisch!

Der 2. Band einer Studie mit dem sperrigen Titel „Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg, Bildungserwartungen, Schulorganisation, Pädagogische Konzepte, rechtliche Rahmenbedingungen. Projektbericht Band 2“ (ISBN: 978-3-7065-5474-9) sorgte nicht nur in Vorarlberg in den letzten Tagen für gehörige Aufregung. Die Vorarlberger Politik nahm den Bericht als Grundlage für die Ankündigung, in Vorarlberg spätestens in zehn Jahren die Gesamtschule der 10- bis 14-Jähringen einzuführen und damit Sonderschulen, die NMS und die AHS-Unterstufe abzuschaffen.

Ich wollte dieses schicksalsschwangere Werk umgehend erwerben, um es einer seriösen Analyse zu unterziehen. Im Gegensatz zu PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und den von ihnen „gefütterten“ Medien äußere ich mich zu Bildungsstudien erst NACH deren Lektüre.

Doch meine Versuche, das Buch zu kaufen, scheiterten kläglich. Der Band würde „Ende Mai“ erscheinen, war vom Verlag zu erfahren. Genaues wisse man aber nicht, das Buch sei derzeit noch nicht erhältlich – ein unglaublicher Verstoß gegen jegliche Seriosität, von Wissenschaftlichkeit ganz zu schweigen: Die verantwortlichen Ländle-PolitikerInnen zitieren aus einer Studie, die der Öffentlichkeit bis auf Weiteres vorenthalten wird, und versuchen so, via mediale Berichterstattung Tatsachen zu schaffen, die einer seriösen Überprüfung entzogen werden.

Nach Erscheinen des ersten Bandes gelang es mir, rasch an den Bericht heranzukommen. Seine Analyse hat Vorarlberger GesamtschulfetischistInnen wenig Freude bereitet. Ein Grund für die jetzt gewählte Vorgangsweise? Ein paar Kostproben daraus:

  • 72 % der Eltern mit einem Kind an der NMS und 82 % der Eltern mit einem Kind in der AHS geben an, dass ihr Kind gerne zur Schule geht.
  • 81 % der SchülerInnen in der 6. und 8. Schulstufe an einer NMS und 84 % an der AHS sagen, sie seien mit ihrer Schule sehr zufrieden bzw. zufrieden.
  • Sehr hoch ist die Zufriedenheit der Eltern mit der Schule ihres Kindes – ohne Unterschied zwischen NMS und AHS: 90 % der Eltern wissen ihr Kind in guten Händen.
  • Sehr viele Eltern und SchülerInnen würden ihre Schule wieder auswählen.

Das durchsichtige Propagandamanöver mit der unter Verschluss gehaltenen Studie wird nach Vorliegen der Fakten wohl einmal mehr wie eine Seifenblase zerplatzen.

Die am Mittwoch veröffentlichten Ergebnisse der Mathematikklausuren bei der Zentralmaturapremiere haben bei manchen Vorarlberger Verantwortlichen aber schon jetzt für ein öffentlich wahrnehmbares Umdenken gesorgt. So berichten die „Vorarlberger Nachrichten“, dass Landesschulinspektorin Christine Schreiber „die vergleichsweise vielen Mathematik-‚Fünfer‘ auf den hohen Anteil an Oberstufenrealgymnasien“ zurückführt und – Geheimstudie hin oder her – Konsequenzen daraus zieht: „Angesichts der Ergebnisse gelte es jedenfalls, die Entscheidung, eine flächendeckende Gesamtschule einzuführen, nochmals zu überdenken …“ (1)

(1) Vorarlberg will aus „roter Laterne“ in Mathematik lernen. In: Vorarlberg online vom 27. Mai 2015.

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Die LehrerInnen sind schuld …

Wir haben uns auf ein Jahrhundertprojekt und epochales Werk geeinigt: Die Neue Mittelschule wird zur Regelschule“, erklärte die damalige Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied am 25. Oktober 2011 in einer Presseaussendung. (1) „Die Ministerin betonte außerdem, es gehe bei der NMS um mehr als den „Austausch der Türtaferl“, es handle sich um eine „neue Schulart mit besonderen pädagogischen Qualitäten“.“ (2)

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Mehr als drei Jahre später gibt es diese Unterrichtsministerin nicht mehr, wohl aber einen Bericht über den „Erfolg“ der NMS: „Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird“, heißt es in der zusammenfassenden Analyse. (3) Weniger sperrig ausgedrückt: Außer Spesen nichts gewesen. Aber die sind dafür gewaltig: 233 Millionen Euro pro Jahr „exkl. aller Begleitkosten“, gab BM Schmied im Juli 2011 bekannt. (4) Ich schätze die Gesamtkosten im Vollausbau auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Von der zusätzlichen, unbezahlten und unbedankten Arbeit der LehrerInnen rede ich gar nicht.

Das Evaluationsergebnis selbst ist nicht überraschend. „Die Praktiker wissen […] schon lange, dass es natürlich im Bereich der NMS auch Schwachstellen gibt, die die sogenannten Schreibtischtäter und Theoretiker nicht gesehen haben bzw. bis heute nicht sehen wollen“, bringt es Paul Kimberger, der Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft, auf den Punkt. (5) Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder, der Leiter der NMS-Evaluierung, weiß es schon seit 2002 – zumindest, wenn er an seine eigene Studie glaubt, in der die Ergebnisse aller Schulversuche der Sekundarstufe I bilanziert wurden:

Die Evaluationsuntersuchungen ergaben jedoch, dass SchülerInnen vom Niveau der LG III in leistungsheterogenen Mittelschulklassen keine günstigeren Ergebnisse hinsichtlich Lernerfolgen, Befindlichkeit und Einschätzung des Klassenklimas aufwiesen als Schülerinnen der Leistungsgruppe III von Regel-Hauptschulen – obwohl in den Versuchsklassen sehr viel unternommen wurde, um sie durch Teamteaching und Methoden eines schülerorientierten Unterrichts besonders zu fördern. Demnach erbrachten die bisherigen Bemühungen der Schulversuche in der Sekundarstufe I […] trotz hohen Ressourceneinsatzes und eines starken Engagements der Lehrenden keine deutliche Verbesserung hinsichtlich fachlicher Lernerfolge, Schülerbefindlichkeit und Klassenklima.“ (6)

Trotz all dieser Erkenntnisse zwingt das Unterrichtsministerium die Schulen in ein pädagogisch fragwürdiges Korsett mit verpflichtendem Teamteaching, dem faktischen Verbot der Teilung in Leistungsgruppen, einer 7-teiligen Notenskala etc. und verhindert damit eine positive Auswirkung der zusätzlichen Ressourcen. Und dann erdreistet sich die Politik auch noch, den LehrerInnen die Schuld für das bildungspolitische Versagen zu geben: „Ministerin gibt Lehrern Mitschuld“, war im „Kurier“ zu lesen. (7) Hat BM Heinisch-Hosek zwei Monate gebraucht, um diesen Schluss aus dem Bericht zu ziehen, der dem Ministerium bereits am 30. Dezember 2014 übermittelt worden ist? (8) Diese Chuzpe regt nicht nur mich auf. Auch Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann meint: „Schuld am Versagen ist die Politik, nicht die Lehrer!“ Und er äußert einen dringenden Wunsch: „Ich hätte gerne einmal eine Ministerin, die das Wort Verantwortung buchstabieren kann.“ (9)

(1) Bildungsreform – Ministerin Schmied: „Epochales Werk: Die Neue Mittelschule wird zur Regelschule“. OTS-Aussendung vom 25. Oktober 2011.

(2) Regierung schafft Hauptschule endgültig ab. In: Standard online vom 25. Oktober 2011.

(3) Ferdinand Eder, Herbert Altrichter, Johann Bacher, Franz Hofmann, Christoph Weber, Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS). Befunde aus den Anfangskohorten. Zusammenfassung (Salzburg und Linz, Februar 2015), S. 22.

(4) Beantwortung der parlamentarischen Anfrage Nr. 8542/J-NR/2011 betreffend Kosten der Neuen Mittelschule (NMS) von Dr. Walter Rosenkranz durch BM Dr. Claudia Schmied vom 13. Juli 2011.

(5) Julia Neuhauser, NMS: „Schreibtischtäter wollten Schwächen nicht sehen“. In: Presse online vom 4. März 2015.

(6) Günther Grogger, Werner Specht, Erich Svecnik Ferdinand Eder, Gottfried Petri, Franz Rauch, Bilanzierung aller Schulversuche der Sekundarstufe I. Metaanalyse vorliegender Evaluations- und Erfahrungsberichte (Graz 2002), S. 5f.

(7) Ute Brühl und Bernhard Gaul, Warum die Schulreform eine halbe Sache blieb. In: Kurier online vom 4. März 2015.

(8) Siehe Jasmin Bürger, Neue Mittelschule: Ministerium hält Bericht unter Verschluss. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 5. Februar 2015.

(9) a.a.O.

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Gerhard Riegler: … frei von Stereotypen und Rollenbildern

Rollenbilder und Stereotype schränken uns alle ein.“ Mit diesen Worten beginnt eine Presseaussendung von BM Heinisch-Hosek. Allerdings dürfte die Bildungsministerin diese Erkenntnis und die aus ihr zu gewinnende Haltung noch nicht verinnerlicht haben, denn nachhaltig „frei von Stereotypen und Rollenbildern“ scheint sie leider nicht zu sein. (1)

bigstock-A-metal-toggle-switch-with-pla-17623520_blogBei einer internationalen Bildungskonferenz im Klagenfurter Konzerthaus distanzierte sie sich zwar von der NMS-Jubelpropaganda ihrer Vorgängerin und gestand, dass die Neue Mittelschule „nach wie vor Anlaufschwierigkeiten“ hat, fiel aber dann in alte Stereotype und Rollenbilder zurück: Schuld an den Problemen der NMS seien, so dozierte die Bildungsministerin, die Gymnasien, die durch „Ausleseverfahren“ bewirkten, dass sich „schwierige Kinder, mit Migrationshintergrund oder soziökonomischen [sic!] Schwierigkeiten,“ in den NMS sammeln. (2)

Diese Aussage von BM Heinisch-Hosek beweist, dass der Weg zur leider auch von ihr angestrebten Gesamtschule offenbar mit massiven Vorurteilen gepflastert ist:

  • Ich vermute einmal, dass BM Heinisch-Hosek das, was sie damit zum Ausdruck bringt, eigentlich gar nicht zum Ausdruck bringen möchte. Die Botschaft der Bildungsministerin ist aber eindeutig: Kinder mit Migrationshintergrund und aus Familien mit niedrigem Einkommen sind schwierige Kinder. Eine starke Aussage für eine sozialdemokratische Politikerin!
  • Ein Blick in die Statistik ihres eigenen Ressorts hätte der Ministerin gezeigt, dass z. B. in Wien im vorigen Schuljahr 33,5 Prozent der SchülerInnen der AHS-Unterstufe Deutsch nicht als Umgangssprache hatten. Dass dieser Wert in vielen Wiener Gymnasien bei über 50 Prozent liegt, ist der zuständigen Ministerin entweder gänzlich unbekannt oder wird von ihr bewusst verschwiegen.

Wer durch die ideologische Brille schaut, übersieht offensichtlich, wo soziale Selektion im Bildungswesen tatsächlich stattfindet, nämlich in Ländern mit staatlichen Gesamtschulen. Dort versammeln sich die unterprivilegierten SchülerInnen tatsächlich in Eintopfschulen, während die Begüterten ihren Sprösslingen in sündteuren Privatinstituten einen uneinholbaren Bildungsvorsprung sichern.

Ich hoffe, dass sich BM Heinisch-Hosek möglichst bald aus der Rolle ihrer gescheiterten Vorgängerin befreit und sich ein Bild von der Wirklichkeit macht. Gerne stelle ich ihr dafür Fakten zur Verfügung – im persönlichen Austausch oder in aller Öffentlichkeit:

  1. In England, a child’s socio-economic status is the best predictor of their educational attainment.“ (3)
  2. In keinem anderen OECD-Staat bestimmt der finanzielle Hintergrund des Elternhauses den Schulerfolg dermaßen wie in Frankreich. (4)
  3. Bei den vor eineinhalb Wochen präsentierten PISA-Ergebnissen zum Problemlösen blieben 15-Jährige, die im Ausland geboren sind, in keinem anderen OECD-Staat derart weit auf einheimische zurück wie in Finnland. (5)

Rollenbilder und Stereotype schränken ein, Frau Bundesminister! Unsere SchülerInnen verdienen eine faktenbasierte Politik – unabhängig davon, ob sie Ayse, Ibrahim oder Irene heißen. Gönnen wir sie ihnen!

(1) Heinisch-Hosek: „Mädchen und junge Frauen motivieren, selbstbestimmt ihren Weg zu gehen – frei von Stereotypen und Rollenbildern“. OTS-Aussendung vom 9. April 2014.

(2) Anlaufschwierigkeiten für Neue Mittelschule. In: ORF online vom 31. März 2014.

(3) Loic Menzies, Educational Aspirations: How English schools can work with parents to keep them on track (Jänner 2013), S. 2.

(4) Raphaela Schlicht-Schmälzle und Kathrin Ackermann, Logics of Educational Stratification: A Cross-National Map of Educational Inequality (2012), S. 7.

(5) OECD (Hrsg.), PISA 2012 Results: Creative Problem Solving (2014), S. 209.

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Gerhard Riegler: Bildungsfreiheit

Beschädigtes Image der LehrerInnen, Sokrates, rumänisches Datenleck, TALIS-Verbot, ganz zu schweigen von der Kommunalkredit … – die vormalige Herrin am Minoritenplatz hat einiges hinterlassen, mit dessen Aufarbeitung wir alle noch lange zu kämpfen haben werden.

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Ein Kennzeichen Schmiedscher Bildungspolitik war die Konstruktion Potemkinscher Dörfer mit Hilfe bunter Inserate und Broschüren. „NMS – und alles wird gut!“ war, frei formuliert, einer ihrer größten Propaganda-Schmähs. Wer sich für die NMS-Reform neben den Zusatzressourcen auch mehr pädagogische Freiheit erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Die Ex-Bankerin setzte auf Planwirtschaft pur. Egal ob Lechtal oder Neulerchenfeld, die NMS hatte überall nach demselben Konzept umgesetzt zu werden. Nur Naive und „ExpertInnen“ – ob es sich dabei um eine Tautologie handelt, sei dahingestellt – erwarteten sich das NMS-Wunder.

Selbst Neo-Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek musste jetzt gegenüber der „Presse“ eingestehen, dass bei der NMS „nicht immer alles optimal funktioniert“. „Schönreden war gestern“, schreiben die Autorinnen des Artikels und listen auf, was InsiderInnen längst wussten. (1)

Die NMS wird nicht die gewünschten Erfolge bringen, solange die Pädagogik in die Zwangsjacke gesteckt wird, solange das Politbüro das Sagen hat. Wer, wenn nicht die LehrerInnen vor Ort, erkennt am besten, wie die zusätzlichen Ressourcen optimal eingesetzt werden, um die Rendite für die SchülerInnen zu optimieren? Derartiges Denken schien der Ex-Bankerin aber fremd und verdächtig zu sein.

Stattdessen erfand sie ein siebenstufiges Notensystem, um dem bösen „Nicht genügend“ den Garaus zu machen. Doch jungen Menschen hilft man nicht über Defizite hinweg, indem man sie und ihre Eltern täuscht. Das Fieberthermometer zu manipulieren, hat noch niemanden gesund gemacht. Im Bankenbereich ist es vielleicht üblich, Probleme durch derlei Eingriffe scheinbar zu beheben. Dort funktioniert es aber genauso wenig wie in der Pädagogik. Angesichts des angerichteten Desasters haben sich die Damen und Herren da wie dort übrigens sehr schnell aus dem Staub gemacht …

Gedanken darüber, wohin es mit den Menschen gehen soll, macht sich in unserem Bildungssystem kaum noch jemand“, bilanzierte Univ.-Prof. Dr. Marian Heitger schon vor Jahren diese grauenhafte Art von Schulpolitik. (2)

Schulen brauchen Freiheit und Ressourcen, um junge Menschen zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen. PädagogInnen verdienen und brauchen das Vertrauen, dass sie Freiheit und Ressourcen optimal für die ihnen anvertrauten jungen Menschen nutzen. Was Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner der Ex-Unterrichtsministerin vergeblich zugerufen hat, rufe ich ihrer Nachfolgerin in Erinnerung: „Lassen Sie die Schulen verschieden sein. Wagen Sie Bildungsfreiheit.“ (3)

(1) Rosa Schmidt-Vierthaler Und Julia Neuhauser, Die Mängel der Neuen Mittelschule. In: Presse online vom 25. März 2014.

(2) Nachruf: Der „Erzieher der Nation“ ist tot. In: Presse online vom 10. April 2012.

(3) Bernadette Bayrhammer, Podiumsdiskussion: Schule der Zukunft. In: Presse Print-Ausgabe vom 28. Februar 2011.

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