Mist-Reiter

Die Schulpartner des Gymnasiums Landeck hielten Mitte Jänner in einer gemeinsamen Presseaussendung fest:

Cleaning BoxDie Absicht, die gymnasiale Unterstufe abzuschaffen, stößt überall auf Ablehnung. […] Das derzeit geltende Recht auf Mitbestimmung der Schulpartner (Eltern, Schüler- und Lehrervertretung der betroffenen Schule) soll auch nach ihrem Wunsch [Anm: dem Wunsch der Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader] durch eine Gesetzesänderung aufgehoben werden. Wir brauchen nicht in Polen oder anderswo nach demokratiepolitisch bedenklichen Regierungsaktivitäten suchen! […]

Unsere begabten Kinder gegenüber Kindern in anderen Bezirken von einer gymnasialen Bildung fernzuhalten, kommt für uns nicht in Frage. […] Wir fordern den Erhalt der freien Schulwahl für Eltern und Kinder statt einer Zwangszuteilung in eine Gesamtschule.“ (1)

Gezeichnet wurde diese Aussendung vom Schulsprecher, dem Obmann des Elternvereins und dem Direktor. Offenbar legten die Landecker Schulpartner damit den Finger in eine offene Wunde, denn die Bildungslandesrätin reagierte ungewöhnlich. Der Direktor des Gymnasiums HR Mag. Josef Röck wurde wie viele PflichtschuldirektorInnen gezwungen, am 23. Februar allen SchülerInnen der Unterstufe einen von ihr unterzeichneten Brief zu übergeben. Ich erlaube mir, kommentarlos daraus zu zitieren und diesen Zitaten ein paar andere gegenüberzustellen.

Elternbrief Palfrader: „Ebenso ist vollkommen klar, dass vor allem die Eltern als ganz besonders wichtige Gruppe in die Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einbezogen werden.

Ich [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] gehe nicht davon aus, dass eine Schule von sich aus bereit ist, mitzumachen.“ (2)

Sie [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] werde Eltern, Schüler und Lehrer zwar in die Überlegungen einbinden, im Ernstfall aber auch gegen diese entscheiden.“ (3)

Elternbrief Palfrader: „Die AHS-Direktoren und -Direktorinnen, die bereits von mir zur Mitarbeit eingeladen wurden, haben ihre Mitwirkung unverständlicherweise abgelehnt. […] Für mich ein etwas merkwürdiges Demokratieverständnis für eine Gruppe, die sich in jedem zweiten Satz auf die demokratischen Grundsätze beruft.

Die politische Entscheidung, in Tirol eine Modellregion bzw. langfristig die Gesamtschule einzuführen, ist schon vor der Installierung der Steuerungsgruppe erfolgt. An dieser Entscheidung wurden AHS-LehrerInnen und AHS-DirektorInnen nicht beteiligt. Offenbar soll nun nachträglich der Öffentlichkeit signalisiert werden, dass auch die AHS in den Entscheidungs- und Umsetzungsprozess eingebunden ist. Für ein derartiges Manöver stehen wir nicht zur Verfügung.“ (4)

Elternbrief Palfrader: „Eine ganz besonders dreiste Falschaussage ist, dass es in einer neuen gemeinsamen Schulform keine Schwerpunkte mehr geben wird. Genau das Gegenteil ist der Fall!

Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen“, ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (5)

Elternbrief Palfrader: „Wenn Herr Dir. Röck die Frage stellt, „warum Kinder mit unterschiedlichen Begabungen den gleichen Unterricht erhalten sollen“, dann beweist er, dass er ganz offensichtlich nicht nur die aktuellen Forschungserkenntnisse nicht kennt bzw. nicht einmal die Entwicklungen in den Neuen Mittelschulen wahrgenommen hat, sondern auch dass er diese nicht wahrnehmen will.

Eine relative Verbesserung der Situation der leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht argumentieren; die Ergebnisse weisen vielmehr überwiegend in die umgekehrte Richtung. […]

Überproportional viele Schülerinnen und Schüler geben in der NMS explizit an, dass sie keine positiven Schulerfahrungen zu berichten hätten; in diesem Punkt unterscheiden sie sich stark von der AHS, wo dieser Schüleranteil deutlich unter der statistischen Erwartung liegt. […]

Als unerwünschte Effekte erweisen sich partielle Überforderung von Leistungsschwächeren sowie partielle Unterforderung von Leistungsstärkeren – mit einer Tendenz zur Nivellierung des Anforderungsniveaus und der Leistungsbeurteilungskriterien nach unten.“ (6)

Elternbrief Palfrader: „Eine weitere unglaubliche Falschinformation stellt die Aussage dar, dass die Langform der AHS abgeschafft wird.

Schule der 6- bis 14-Jährigen […] In einer Modell-Region sind alle Schulen der Region eingebunden“. (7)

Am besten aber gefällt mir die Bezeichnung derer, die gemeinsam mit dem Direktor gegen die Bestrebungen der Bildungslandesrätin ankämpfen: „Mistreiter“. Tippfehler oder Freud’sche Fehlleistung? Sei es, wie es sei. Aber gegen diesen Mist kann man nur ankämpfen, wenn einem Schulpartnerschaft, Schuldemokratie und Bildung ein Anliegen sind.

(1) Presseaussendung der Schulpartner des Landecker Gymnasiums vom 15. Jänner 2016.

(2) Mag. Dr. Beate Palfrader über Modellregionen. Zit. n. Peter Nindler, Modellregion für gemeinsame Schule wird zur Konfliktzone. In: Tiroler Tageszeitung online vom 14. Jänner 2016.

(3) Julia Neuhauser, Länder basteln an der Gesamtschule. In: Presse online vom 19. Jänner 2016.

(4) Brief des Tiroler AHS-Direktorenvereins an Mag. Dr. Beate Palfrader vom 28. Jänner 2016.

(5) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(6) Ferdinand Eder et al., Evaluation der Neuen Mittelschule (Salzburg und Linz 2015), S. 151, 236 und  436.

(7) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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