Gerhard Riegler: Bildungsfreiheit

Beschädigtes Image der LehrerInnen, Sokrates, rumänisches Datenleck, TALIS-Verbot, ganz zu schweigen von der Kommunalkredit … – die vormalige Herrin am Minoritenplatz hat einiges hinterlassen, mit dessen Aufarbeitung wir alle noch lange zu kämpfen haben werden.

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Ein Kennzeichen Schmiedscher Bildungspolitik war die Konstruktion Potemkinscher Dörfer mit Hilfe bunter Inserate und Broschüren. „NMS – und alles wird gut!“ war, frei formuliert, einer ihrer größten Propaganda-Schmähs. Wer sich für die NMS-Reform neben den Zusatzressourcen auch mehr pädagogische Freiheit erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Die Ex-Bankerin setzte auf Planwirtschaft pur. Egal ob Lechtal oder Neulerchenfeld, die NMS hatte überall nach demselben Konzept umgesetzt zu werden. Nur Naive und „ExpertInnen“ – ob es sich dabei um eine Tautologie handelt, sei dahingestellt – erwarteten sich das NMS-Wunder.

Selbst Neo-Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek musste jetzt gegenüber der „Presse“ eingestehen, dass bei der NMS „nicht immer alles optimal funktioniert“. „Schönreden war gestern“, schreiben die Autorinnen des Artikels und listen auf, was InsiderInnen längst wussten. (1)

Die NMS wird nicht die gewünschten Erfolge bringen, solange die Pädagogik in die Zwangsjacke gesteckt wird, solange das Politbüro das Sagen hat. Wer, wenn nicht die LehrerInnen vor Ort, erkennt am besten, wie die zusätzlichen Ressourcen optimal eingesetzt werden, um die Rendite für die SchülerInnen zu optimieren? Derartiges Denken schien der Ex-Bankerin aber fremd und verdächtig zu sein.

Stattdessen erfand sie ein siebenstufiges Notensystem, um dem bösen „Nicht genügend“ den Garaus zu machen. Doch jungen Menschen hilft man nicht über Defizite hinweg, indem man sie und ihre Eltern täuscht. Das Fieberthermometer zu manipulieren, hat noch niemanden gesund gemacht. Im Bankenbereich ist es vielleicht üblich, Probleme durch derlei Eingriffe scheinbar zu beheben. Dort funktioniert es aber genauso wenig wie in der Pädagogik. Angesichts des angerichteten Desasters haben sich die Damen und Herren da wie dort übrigens sehr schnell aus dem Staub gemacht …

Gedanken darüber, wohin es mit den Menschen gehen soll, macht sich in unserem Bildungssystem kaum noch jemand“, bilanzierte Univ.-Prof. Dr. Marian Heitger schon vor Jahren diese grauenhafte Art von Schulpolitik. (2)

Schulen brauchen Freiheit und Ressourcen, um junge Menschen zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen. PädagogInnen verdienen und brauchen das Vertrauen, dass sie Freiheit und Ressourcen optimal für die ihnen anvertrauten jungen Menschen nutzen. Was Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner der Ex-Unterrichtsministerin vergeblich zugerufen hat, rufe ich ihrer Nachfolgerin in Erinnerung: „Lassen Sie die Schulen verschieden sein. Wagen Sie Bildungsfreiheit.“ (3)

(1) Rosa Schmidt-Vierthaler Und Julia Neuhauser, Die Mängel der Neuen Mittelschule. In: Presse online vom 25. März 2014.

(2) Nachruf: Der „Erzieher der Nation“ ist tot. In: Presse online vom 10. April 2012.

(3) Bernadette Bayrhammer, Podiumsdiskussion: Schule der Zukunft. In: Presse Print-Ausgabe vom 28. Februar 2011.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

4 Antworten zu “Gerhard Riegler: Bildungsfreiheit

  1. Was hilft das Wissen, dass durch seltsame Vorgänge im ehemaligen BMUKK, das jetzt BMBF (F steht nicht für Forschung) genannt wird, offenbar viel Geld verbraten wurde und statt notwendiger Erneuerungen bildungspolitische Ziele aus dem letzten Jahrhundert (Gesamtschule etc.) verfolgt wurden? Gerhard Riegler hat (wie so oft) Recht. Doch wer wird unseren Schulen zu diesem Recht verhelfen?

  2. Vielleicht können wir von Finnland lernen: Dort entscheidet der Schulstandort, was für sinnvoll erachtet und dementsprechend gelebt wird. Was sich ministerielle Bürokraten ausdenken, ist weitgehend irrelevant.

    Ein Beispiel:
    In Finnland haben Bürokratie und Schulpolitik Zeugnisse mit Noten bis inklusive der siebenten Schulstufe abgeschafft. [Darauf berufen sich Notenabschaffer bei uns ja so gerne.]
    An den Schulen gibt es die Zeugnisse aber trotzdem, weil die Betroffenen sie für wichtig erachten. Was man in Helsinki will, ist den Schulpartnern vor Ort schnurzegal.

  3. Alfred Schirlbauer

    Es ist ziemlich überflüssig „Bildungsfreiheit“ zu fordern. Die haben wir längst. Befreit von jeglicher Bildung wursteln sich unsere Ministerinnen durch bis zum nächsten Wahltermin. Jüngstes Kuriosum: Grazer Psychologen haben herausgefunden, dass es an steirischen Volksschulen (wie steht es um die Wiener und andere VS?) zu laut ist für geistige Arbeit. Lärmpegel: 68 Dezibel (entspricht einem laufenden Staubsauger in 1m Entfernung). Empfohlen werden die Verbesserung der Raumakustik und „Lärmsensiblisierungsprojekte“. Hoffentlich kann man vor diesen Projekten ein bisschen für Ruhe sorgen. Wer befreit die Bildung von der Psychologie und einer Schulverwaltung, die solche „Forschungs“-projekte in Auftrag gibt?
    Wer befreit die Bildung von unseren bildungsbefreiten Bildungsexperten?

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