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Die drei Arten von Lügen

Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer weist einmal mehr auf die Vorteile der verschränkten ganztägigen Schule hin. So gaben an verschränkten Ganztagsschulen signifikant weniger Eltern an, täglich mit ihren Kindern zu lernen bzw. für Nachhilfe zu bezahlen“, meinte BM Gabriele Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. (1) Zwei Tage später verstärkte sie diese Aussage noch. „Der wahre Schlüssel, um nachhaltig Kosten für Eltern zu senken, liege nicht in Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung, sondern in einer verschränkten ganztägigen Schule, wo für SchülerInnen Abwechslung zwischen Bewegung, Kreativität und Wiederholen des Lernstoffes möglich ist, wie die Ministerin meint.“ (2)

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Nun findet sich in der besagten AK-Studie tatsächlich folgender Satz: „Einen positiven Effekt auf eine Reduzierung der bezahlten Nachhilfe hat offenkundig die Ganztagsschule. Eltern, deren Kind in eine solche Schulform geht, haben zu geringeren Anteilen auf eine bezahlte Nachhilfe zurückgreifen müssen (17 %).“ (3) Insgesamt geben laut AK-Studie 21 % der Eltern an, dass sie im Lauf des Schuljahres für „Nachhilfe“ Geld ausgegeben haben. (4) (Dazu werden auch Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien gerechnet.) Die Unterrichtsministerin hat also scheinbar recht, aber eben nur scheinbar.

Die ganztägige Schule in ihrer verschränkten Form, also die klassische „Ganztagsschule“, gibt es insgesamt wegen mangelnder Nachfrage nur sehr selten, dann aber in erster Linie im Volksschulbereich. (5) Und nur 5 % der Eltern von Volkschulkindern geben an, bezahlte Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. (6) Man darf seriöserweise daher die 17 % nicht mit den 21 % vergleichen (siehe vorigen Absatz), sondern viel eher mit den 5 %. Die Ganztagsschule erhöht also den Nachhilfebedarf!

Das ist übrigens keine Neuigkeit, sondern ein hinlänglich bekanntes Faktum. „In Ländern mit Ganztagsschulen sind die außerschulischen Aufwendungen um ein Vielfaches höher“, stellte etwa Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann erst vor wenigen Monaten in einem Interview fest. (7)

Was manche PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und JournalistInnen aus Zahlen ableiten, lässt mich an ein wohl fälschlicherweise dem einstigen britischen Premierminister Benjamin Disraeli zugeschriebenes Zitat denken: „Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, infame Lügen und Statistik.“ (8)

(1) Heinisch-Hosek am Weltelterntag: Ganztägige Schulformen bringen mehr Chancen für Kinder und Eltern. OTS-Aussendung vom 1. Juni 2015.

(2) Vorläufige Ergebnisse der schriftlichen Zentralmatura liegen vor. Parlamentskorrespondenz Nr. 593 vom 3. Juni 2015.

(3) IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015), S. 24.

(4) AK-Studie, S. 26. Das steht in keinem Widerspruch zur Angabe in meinem Posting „Das halbvolle Glas“ vom 23. Mai 2015, dass nur 13 % der SchülerInnen bezahlte „Nachhilfe“ bekommen haben. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen den Eltern, die ja im Schnitt nicht nur ein Kind haben, und den SchülerInnen.

(5) Ich habe einander sehr stark widersprechende Zahlen gefunden, die aber insofern übereinstimmen, dass sie „Ganztagsschule“ v. a. im Volksschulbereich umgesetzt sehen. Lt. BMUKK (Bildungspolitische Sommergespräche, Teil 1. Die Ganztagsschule im Praxistest (Wien, 20. August 2013), S. 9) haben im Schuljahr 2012/2013 14.236 PflichtschülerInnen und 2.061 AHS-SchülerInnen Ganztagsschulen besucht. Lt. BIFIE (BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2 (Graz 2012), S. 286) besuchten 2011/2012 „hochgerechnet“ 11.800 VolksschülerInnen und 9.200 SchülerInnen der Sekundarstufe I Ganztagsschulen.

(6) AK-Studie, S. 26.

(7) Michael Prock, „Bitte keine Modellversuche“. In: Vorarlberger Nachrichten online vom 13. September 2014.

(8) „There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.“ Dieser Ausspruch wurde v. a. durch Mark Twain bekannt, der ihn Benjamin Disraeli zuschrieb. Allerdings ist er in Disraelis Schriften nicht zu finden und tauchte erstmals Jahre nach dessen Tod auf.

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Das halbvolle Glas

Irgendwie ist es schön, dass es in unserer schnelllebigen Zeit noch Konstanten gibt. Eine davon ist die „Nachhilfestudie“, die das IFES-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien jährlich erstellt. Die daraus abgeleiteten Forderungen inkl. Pressemeldungen liegen seit Jahren in den Schubladen und werden jeden Mai hervorgezogen.

on whiteDie Studie zeige „sehr deutlich, dass Wien mit dem Projekt der Gratis-Nachhilfe für 6 bis 14-Jährige genau auf dem richtigen Weg ist“, betont der Wiener SPÖ-Bildungsstadtrat. (1) Für den Leiter der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien sind die verschränkte Ganztagsschule sowie die Gratisnachhilfe in Wien „Lichtblicke“. (2) Der steirische AK-Präsident „fordert, gemäß SPÖ-Parteilinie, den Ausbau von Ganztagesschulen mit verschränktem Unterricht, sowie die Etablierung kostenloser Nachhilfe in den Schulen.“ (3) AK-Präsident Rudolf Kaske behauptet: „Die klassische Halbtagsschule nimmt zu wenig Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder wahr.“ (4)

Auch „Bildungsexperten“ (5) sondern – alle Jahre wieder – ihre Expertise ab. Andreas Salcher trete schon „seit Jahren“ für „echte Ganztagsschulen“ ein (Was sind eigentlich unechte?), aber auch die Lehrerausbildung müsse dringend verbessert werden. „In Mathematik gibt es ein massives pädagogisches Problem. Viele Lehrer sind zwar fachlich gut ausgebildet, haben aber nicht gelernt, wie sie ihr Wissen rüberbringen.“ (6) Salchers legendäre Blamage bei „Wir sind Kaiser“ (7) legt nahe, dass er aus eigener Erfahrung spricht.

Aber werfen wir doch einen Blick in die Studie selbst! (8) Davor noch eine wichtige Anmerkung: In die Kosten für „Nachhilfe“ sind – und das ist eine üble Täuschung der Öffentlichkeit – auch alle Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien eingerechnet, ohne dass deren Höhe extra ausgewiesen wird. Bei den Preisen für derartige Ferienangebote wird es sich wohl um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln. Jedenfalls entfällt mehr als ein Viertel der 119 Millionen an „Nachhilfekosten“ auf die Sommerferien.

13 % der österreichischen Schüler nehmen bezahlte „Nachhilfe“ in Anspruch und geben dafür im Mittel 1,8 Euro pro Tag aus.

Nicht einmal bei jedem dritten Schüler (32 %), der „Nachhilfe“ bekommt, geht es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern.

Nur 4 % der Volksschüler erhalten „Nachhilfe“, um die Aufnahme in die AHS zu erreichen, was anderslautende Behauptungen von „Experten“ als Propaganda entlarvt.

Das jahrzehntelange migrations- und integrationspolitische Versagen schlägt brutal durch: „Auf externe Nachhilfe in Deutsch mussten in überdurchschnittlichem Ausmaß Eltern mit nicht-deutscher Muttersprache zurückgreifen (42 %). Besonders hoch ist der Bedarf an externer Deutsch-Nachhilfe bei jenen, die zu Hause nur zum Teil Deutsch sprechen (58 %).“ In den von Migration besonders betroffenen Bundesländern Wien und Vorarlberg liegen die Ausgaben für „Nachhilfe“ um ein Viertel (Wien +25 %, Vorarlberg +28 %) über dem Mittel der anderen sieben Bundesländer.

Um die Kosten für Nachhilfe zu reduzieren, wünschen sich

  • 84 % aller befragten Eltern „Klassenteilungen in einzelnen Fächern“,
  • ebenfalls 84 % „kostenlose Nachhilfeangebote an den Schulen“,
  • 71 % „generell mehr Förderunterricht an den Schulen“,
  • 64 % eine „bessere Beratung seitens der Lehrkräfte über passenden Schultyp“, aber
  • nur 46 % „Ganztagsschulen mit verpflichtender Anwesenheit und individueller Förderung“.

Und wie sieht es im internationalen Vergleich mit Nachhilfe aus? (9)

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Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Gewerkschaft fordert seit Jahren Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülern – für die Kompensation von Defiziten ebenso wie für die Entfaltung besonderer Begabungen. Wenn es nach uns geht, könnten und sollten wir das in Österreich im internationalen Vergleich sehr geringe Aufkommen an privater Nachhilfe noch weiter reduzieren. Der Ausbau qualitativ hochwertiger Angebote ganztägiger Schulen steht daher ebenfalls seit Jahren auf der Forderungsliste der Gewerkschaft. Unerträglich finde ich allerdings dieses permanente Schlechtreden unserer Schule – noch dazu in einem Bereich, in dem wir international sehr gut dastehen.

Jean Cocteau hat es treffend formuliert: „Ein halbleeres Glas Wein ist zwar zugleich ein halbvolles, aber eine halbe Lüge mitnichten eine halbe Wahrheit.

(1) Nachhilfe – Oxonitsch: „Arbeiterkammer bestätigt Wiener Weg!“ OTS-Aussendung vom 20. Mai 2015.

(2) Nachhilfebedarf bei Schulkindern steigt leicht. In: Salzburger Nachrichten online vom 20. Mai 2015.

(3) Kosten für Nachhilfe explodieren in Steiermark. In: Kleine Zeitung online vom 20. Mai 2015.

(4) Maria Kern, Armutszeugnis: Jedes vierte Kind braucht Nachhilfe. In: Kurier online vom 21. Mai 2015.

(5) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(6) Kern, Armutszeugnis.

(7) Der „Bildungsexperte“ Andreas Salcher blamiert sich beim „Kaiser“ am 23. Mai 2014.

(8) Alle folgenden Angaben stammen, wenn nicht anders angemerkt, aus IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015).

(9) PISA 2012-Datenbank, Abfrage vom 8. Februar 2015.

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Es ist ja Fasching …

Während ich als einziger Frühaufsteher in der Familie alleine meinen Morgenkaffee schlürfe, versuche ich mir einzureden, dass die verschiedenen Meldungen der letzten Tage, die ich während des Frühstücks lese, nur durch ein Faktum erklärt werden können: Es ist Fasching.

bigstock-toy-the-clown-7166853_blogDer Vizekanzler antwortet auf die Frage, ob die ÖVP gegen die Gesamtschule sei: „Im Mittelpunkt stehen das Kind und die Eltern, die derzeit zu viel an Nachhilfe zahlen müssen. Ich möchte die Frage der Gesamtschule aber auch nicht aussparen. Auch da werden wir einen Weg finden – mit Modellregionen zum Beispiel.“ (1) Diese Aussage ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Einerseits haben sich bei der Abstimmung im Rahmen des intensiv beworbenen „Evolutionsprozesses“, an der nur ÖVP-Mitglieder teilnehmen konnten, 84 % „für ein differenziertes Schulsystem“ ausgesprochen. Andererseits gehört Österreich international zu den Ländern mit dem geringsten Nachhilfeaufkommen. (2)

Seit Jahren ist bekannt, dass in diesen Tagen rund 20.000 SchülerInnen ihre „Vorwissenschaftlichen Arbeiten“ auf einen Server hochladen müssen. Die Beherrschung von Grundrechnungsarten reicht, um sich daraus die zu erwartende Serverbelastung ausrechnen zu können – und trotzdem steht alles still. Diese Panne war wirklich zu vermeiden, die erste Reaktion des Ministeriums peinlich und falsch („Die Verzögerung bzw. Fehlermeldung beim Upload passiert nur bei Arbeiten mit sehr umfangreicher Datenmenge (etwa durch nicht komprimierte Bilder bzw. Grafiken).“), und die Problembehebung mehr als mangelhaft. Und es wird kein Fettnapf ausgelassen. Obwohl die Daten diesmal nicht auf einem rumänischen Kapsch-Server liegen, lieferte die Sicherheitsprüfung der Domain die Bewertung „F“, was einem Sechser in unserem Notensystem entspräche. Einen Tag, nachdem ich diese Unglaublichkeit medial aufgezeigt habe, ist es immerhin schon ein „C“ geworden, was beweist, wie leicht es wäre … (3)

Aber Gott sei Dank gibt es „unabhängige Experten“ wie den Präsidenten des Rechnungshofes. „Warum uns der aufgeblähte Staat Milliarden kostet“, erklärt er der für ihren Qualitätsjournalismus bekannten „Krone“. (4) Der Anteil der Beschäftigen „in general government as a percentage of the labour force“ liegt in den am Hungertuch nagenden skandinavischen Staaten Finnland, Schweden, Dänemark oder Norwegen exorbitant über dem in Österreich (114, 145, 182 bzw. 187 % darüber). Im OECD-Mittel ist der Anteil immerhin noch um 45 % größer als hierzulande, und selbst in den USA, bekannt als Hort der staatlichen Planwirtschaft, liegt der Anteil um 35 % über dem in der Alpenrepublik. (5)

Und dann lese ich zum Abschluss folgende Meldung: „Schon vor der Notverstaatlichung Ende 2009 galt die Krisenbank Hypo Alpe-Adria als Eldorado für Berater. Vor allem aber in der Zeit danach, ab 2010, wurden jede Menge Experten, Gutachter und Consultants unter Vertrag genommen. Dafür wurden bis Ende 2013 bereits wieder Summen jenseits von 250 Mio. Euro ausgegeben.“ (6)

Mich beschleicht leider der Verdacht, dass dieses närrische Treiben am Aschermittwoch nicht zu Ende sein wird …

(1) Oliver Pink, Mitterlehner: „SPÖ schaut halt nicht zu, wie wir uns profilieren“. In: Presse online vom 11. Februar 2015.

(2) Bei PISA 2012 gaben 23 % der getesteten österreichischen Jugendlichen an, Mathematiknachhilfe zu bekommen. In Finnland waren es 47 %, in Südkorea 65 %, in Singapur 67 %, in Japan 70 % und in Shanghai 71 %. Siehe dazu PISA 2012-Datenbank, Abfrage vom 14. Februar 2015.

(3) Siehe Bernadette Bayrhammer, Zentralmatura: Sicherheitslücke bei Maturaplattform. In: Presse online vom 13. Februar 2015.

(4) Manfred Schumi, RH-Präsident Moser: Warum uns der aufgeblähte Staat Milliarden kostet. In: Kronen Zeitung online vom 13. Februar 2015.

(5) OECD (Hrsg.), Government at a Glance 2013, S. 103. Und falls sich der Herr Präsident mit Englisch ein bisschen schwer tut, kann er sich das auch in einem Bericht des Bundeskanzleramts ansehen: BKA (Hrsg.), Das Personal des Bundes 2014. Daten und Fakten (Wien 2014), S. 14.

(6) Staatsbank Hypo machte 250 Mio. Euro für Berater locker. In: ORF online vom 14. Februar 2015.

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Ausnahmen bestätigen die Regel

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern auch die „Nachhilfestudie“, die das IFES-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien erstellt. Und alle Jahre wieder wird daraufhin das Lied von den angeblich skandalös hohen Nachhilfekosten in Österreich gesungen. „Nachhilfe kostet jeden 666 Euro“, titelte etwa ein kleinformatiges „Qualitätsmedium“. (1) Die politische Intention dahinter: diesmal erstaunlicherweise keine Propaganda für die Gesamtschule, sondern für „ganztägig verschränkte Schulformen“, also die Ganztagsschule. (2) In einer Presseaussendung des Unterrichtsministeriums liest man: „,Kinder werden in der verschränkten Ganztagsschule optimal gefördert‘, so die Bildungsministerin anlässlich der Präsentation des AK Nachhilfebarometers 2014. Eine ganztägige Betreuung verringert Aufwand und die Kosten für Nachhilfe beträchtlich, das belege das AK-Barometer deutlich.“ (3)

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Werfen wir doch einen Blick auf einige zentrale Ergebnisse der aktuellen IFES-Studie:

  • Österreichweit wurden im Lauf von 12 Monaten 109 Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben, womit sich der Trend eines Rückganges der Nachhilfekosten fortsetzt (9 Millionen Euro weniger als im Vorjahr). (4)
  • 88 % der Schüler (5) Österreichs haben das gesamte Jahr über keine bezahlte Nachhilfe erhalten. (6)
  • Für die 12 % der Schüler Österreichs, die bezahlte Nachhilfe bekommen haben, wurden im Mittel 1,8 Euro pro Tag für die Nachhilfe ausgegeben. Betrachtet man alle Schüler, waren es im Mittel 26 Cent pro Tag (7,9 Euro pro Monat). Ein Päckchen Zigaretten kostet rund 4 Euro …
    Dazu muss man noch wissen, dass in die Kosten für „Nachhilfe“ auch alle Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien eingerechnet werden, ohne ihre Höhe extra auszuweisen. Bei den Preisen derartiger Ferienangebote macht dies zweifellos einen nennenswerten Anteil aus – wohl einen deutlich zweistelligen Prozentsatz. (7)
  • Nicht einmal bei jedem vierten Schüler, der Nachhilfe bekommen hat, ging es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern – fast ein Drittel weniger als noch 2012. (8)
  • 0 (in Worten: Null) % der Volksschüler erhalten Nachhilfe, um die Aufnahme in die AHS zu ermöglichen, was anderslautende Behauptungen von „Experten“ als reine Propaganda entlarvt. (9)

Wie aus solchen Ergebnissen die Forderung nach der Ganztagsschule abgeleitet werden kann, weiß nicht einmal IFES: „Auch bei der Ganztagsschule sind bis Dato [sic!] noch keine positiven Effekte in Richtung einer Eindämmung des externen Nachhilfebedarfs erkennbar.“ (10) Dass Ganztagsschulen das Nachhilfeaufkommen nicht reduzieren, ist überhaupt keine Überraschung, sondern gehört zum Allgemeinwissen seriöser Bildungswissenschaftler. (11)

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Gewerkschaft fordert seit Jahren Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülern – für die Kompensation von Defiziten ebenso wie für den Ausbau besonderer Begabungen. Wenn es nach uns geht, könnten und sollten wir das in Österreich im internationalen Vergleich sehr geringe Aufkommen an privater Nachhilfe noch weiter reduzieren. Der Ausbau qualitativ hochwertiger Angebote ganztägiger Schulformen steht ebenso seit Jahren auf der Forderungsliste der Gewerkschaft, nicht aber die peinliche Propaganda unseres Dienstgebers.

Laut „Nachhilfestudie“ hat in nur 8 % der Fälle Nachhilfe die in sie gesetzte Hoffnung nicht erfüllt. (12) Obwohl wir Arbeiterkammer und Unterrichtsministerinnen regelmäßig „Nachhilfe“ erteilen (13), zeigt sie bei den Adressaten wenig Wirkung. Ausnahmen bestätigen eben die Regel …

(1) Nachhilfe kostet jeden 666 Euro. In: Österreich online vom 21. Mai 2014.

(2) Grossmann: Ausbau ganztägiger Schulformen bringt Reduktion von Nachhilfekosten für Eltern. Presseaussendung des SPÖ-Parlamentsklubs vom 21. Mai 2014.

(3) Heinisch-Hosek zu AK-Nachhilfebarometer: Ganztagsschule entlastet Kinder und Eltern. Presseaussendung des BMBF vom 21. Mai 2014.

(4) IFES (Hrsg.), AK-Studie: Nachhilfestudie Österreich. Bundesweite Elternbefragung 2014, S. 42, und IFES (Hrsg.), AK-Studie: Nachhilfe in der Steiermark. Elternbefragung 2013, S. 35f.

(5) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(6) IFES 2014, S. 7.

(7) IFES 2014, S. 38f.

(8) IFES 2014, S. 33.

(9) IFES 2014, S. 34.

(10) IFES 2014, S. 25.

(11) „Ganztagsschulländer haben in der Regel mehr Nachhilfe.“ Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Referat beim „Weis(s)en Salon“ am 16. Oktober 2013.

(12) IFES 2014, S. 35.

(13) Siehe etwa die Posts „Kammerdiener“, „Gerhard Riegler: AK-Propaganda“ oder „Gerhard Riegler: Freizeitkiller Kind“.

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Das beste Wort

Ferienbeginn und Wahlkampf – die Zeit fokussierter Unintelligenz (© Michael Häupl) – führen heuer zu einem besonders tollen Treiben. „FP-Günther fordert von Lehrern kostenlose Nachhilfe in den Schulferien“, lautete vorgestern der Titel einer Presseaussendung der FPÖ. „Androsch-Attacke: „Lehrer müssen in Ferien arbeiten““, titelte gestern „Österreich“. HA und HC stehen einander nicht nur mit ihren Initialen nahe, sondern auch in ihrem schwer erträglichen Populismus. Erstaunlich, welche Allianzen in Vorwahlzeiten plötzlich heilig werden!

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So wichtig Sensibilität in unserem pädagogischen Wirken ist, sollten wir politische und mediale Auswüchse intellektueller Inkontinenz an uns abprallen lassen und eine Empfehlung beherzigen, die das Lexikon der Pädagogik des Herder-Verlages im Jahr 1914 festgehalten hat. Dort heißt es, die Erregung der LehrerInnen über die Zerrbilder und Karikaturen zu ihrem Berufsstand sei „zwar verständlich, im Grund jedoch sollte diese Erregung mit dem Gedanken besänftigt werden, dass Spott und Hohn bei einem so hochstehenden Berufe in der allgemeinen Unvollkommenheit der Menschen ihre Erklärung finden, und dass diesem Spott und Hohn deshalb am besten mit vornehmer Ignorierung begegnet wird.“ (1)

Ich wünsche Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, die psychische Kraft zu dieser „vornehmen Ignorierung“, die in den nächsten Monaten – ich denke nur an die Dienstrechtsverhandlungen – noch gehörig auf die Probe gestellt werden wird. Sammeln Sie genügend Energie in den wohlverdienten Ferien!

Der US-amerikanischen Journalist und Autor Hunter Stockton Thompson war bekannt für seine gründlichen Recherchen. Er fuhr ein Jahr lang mit den kalifornischen Hell‘s Angels, bevor er 1966 sein Buch „Hell‘s Angels: The Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs“ veröffentlichte. Es wird erzählt, dass sich seine Honorarforderung auf zwölf Dollar pro Wort belief. Aus Jux schickten ihm daraufhin ein paar Studenten zwölf Dollar mit der Bitte, Thompson solle ihnen dafür sein bestes Wort zukommen lassen – und es kam postwendend: „Danke!“

Dem schließe ich mich ohne jede Honorarforderung von ganzem Herzen an. Danke für Ihre Arbeit und Ihr Engagement trotz vieler widriger Umstände! Belohnt werden wir dafür von unseren SchülerInnen. Auf Dankbarkeit von HA, HC und anderen ihnen nahe Stehenden werden wir wohl vergeblich warten.

Freiherr von Knigge schrieb 1788 in seinem Band „Über den Umgang mit Menschen“: „Der geringste Dorfschulmeister, wenn er seine Pflicht treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate als der Finanzminister.“ (2) Wir Lehrerinnen und Lehrer wirken nämlich über die Biographie unserer Schülerinnen und Schüler mindestens ein halbes Jahrhundert in die Zukunft hinein. Welcher Berufsstand kann das schon von sich behaupten?

(1) Zit. n. Josef Kraus, Der Lehrer als glücklicher Sisyphos? (10. Juli 2010).

(2) Zit. n. Otto Schöffl, Schule im Wandel (2011), S. 41.

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Gerhard Riegler: Freizeitkiller Kind

AK-Präsident Rudolf Kaske versteht die Welt nicht mehr. 82 Millionen Stunden an Freizeit wurden im Vorjahr österreichischen Müttern und Vätern gestohlen! (1) Nicht von kapitalistischen Ausbeutern, sondern von ihren eigenen Kindern!

bigstock-Toddler-watching-TV--Vector-12782915_blogDie „Nachhilfebarometer“-Erhebung der Arbeiterkammer hat zutage gefördert, was als dunkler Verdacht schon länger im Raum stand: Bildungsaffine Eltern, linken Vorkämpfern der Gesamtschule schon immer ein Dorn im Auge, setzen subversive Schritte gegen die Chancengerechtigkeit. Sie drehen nämlich abends den Fernseher ab, enthalten ihren Kindern damit die dort laufende Dokusoap „Teenager werden Mütter“, ja selbst den Dokumentarfilm „Kampftrinken für Anfänger“ vor und sprechen mit ihren Kindern über die Schule.

Manche Eltern treiben es sogar so weit, mit ihren Kindern über schulische Probleme zu reden und ihnen bei den Hausübungen zu helfen. Besonders schlimm ist es bei Volksschulkindern: Dort ist der von der AK erhobene Freizeitraub exorbitant. Denn viele Eltern scheuen nicht einmal mehr davor zurück, mit ihren Kleinen das Einmaleins zu üben.

Diesem unerträglichen Treiben ist, da wird jeder Kabel-TV-Abonnent zustimmen, umgehend ein Ende zu bereiten. Schluss mit der „privaten Nachhilfe“ für Tobias und Andrea, damit Chantal und Kevin endlich auch ihre faire Bildungschance haben! Manchem Kämmerer sollen Herrn Kaskes Forderungen aber nicht weit genug gehen. Eine Vollkasko-Ganztagsgesamtschule muss her, am besten in der Zeit vom Frühstücksfernsehen bis zur ZIB 24.

Mit Grauen stelle ich mir vor, wie viele Millionen Freizeitstunden unseren MitbürgerInnen Jahr für Jahr entgehen, weil sie ihren Kindern die Zehennägel schneiden müssen. Es wird sich doch ein AK-Institut finden, das Pedikürekurse für VolksschullehrerInnen anbietet, um die armen Eltern auch von dieser Last zu befreien.

Ähnliches gilt für das Waschen des Turnzeugs: Wie kommen Eltern dazu, die verschwitzte Kleidung ihrer Kinder zu waschen, ist doch die Schule an der gesteigerten Transpiration ihrer Kinder schuld. Daheim vorm Fernseher schwitzen Chantal und Kevin nie.

So einfach ließe sich Kaskes schöne neue Welt in die Realität umsetzen, hunderte Millionen Freizeitstunden wären gewonnen, und alles wäre gut, wäre da nicht die böse Lehrergewerkschaft!

Übrigens: Im Mittel wurden im Schuljahr 2012/13 nicht einmal 10 Euro im Monat für Nachhilfe ausgegeben. Damit ließ sich selbst für die Arbeiterkammer schwer Wirbel schlagen. Also musste man die Eltern schlagen, die ihren Kindern Aufmerksamkeit und Zuwendung widmen.

Kein Wunder, dass angesichts solcher Präsidenten Kammern auf Pflichtmitgliedschaft angewiesen sind.

(1) Studie: 81 Prozent der Eltern geben „Nachhilfe“. In: Presse Online vom 26. Juni 2013.

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Gerhard Riegler: AK-Propaganda

85 Prozent der Kinder erhalten keine bezahlte Nachhilfe. Für die anderen 15 Prozent geben deren Eltern in mehr als der Hälfte der Fälle weniger als 1,10 Euro (in Worten: einen Euro und zehn Cent) pro Tag aus. Unter „bezahlte Nachhilfe“ rechnet die Arbeiterkammer dabei auch Feriencamps, Sprachurlaube und ähnliche Formen kostenpflichtiger Feriengestaltung. Dies erfährt man in einer aktuellen AK-Studie. (1)

Diese Ergebnisse hindern aber die Propaganda-Abteilung der AK nicht daran, das österreichische Schulsystem wegen angeblich exorbitanter Nachhilfekosten anzuprangern. Alle Jahre wieder schwingt die AK die sattsam bekannte Keule: Umgehend sei das Gymnasium abzuschaffen, Ganztags- und Gesamtschule würden die Nachhilfekosten der Familien schlagartig auf Null sinken lassen. Alleine die Lektüre ihrer eigenen Studie sollte die AK eines Besseren belehren, aber vielleicht hilft hier externe Nachhilfe. Ich versuche es:

  1. Die Statistik Austria hat vor einem Jahr erhoben, welche Beträge österreichische Haushalte wofür ausgeben: durchschnittlich 71 Euro pro Monat für Alkohol und Tabak, für Bildung hingegen nur 28 Euro – all inclusive, und das pro Haushalt! (2) Manchem AK-Funktionär ist Bildung offenbar nicht einmal ein Drittel dessen wert, was er in Rauschmittel investiert.
  2. Berauscht von ideologischen Stehsätzen übersieht man in der AK, dass Frankreich und England, die klassischen Gesamtschulstaaten Europas, beim Nachhilfe-Aufkommen europaweit an der Spitze liegen. „Frankreich führt mit rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr die Spitze der Ausgaben für den zusätzlichen Unterricht“, hätten AK-Funktionäre vor einem Jahr in den Salzburger Nachrichten (3) lesen können.
  3. Auch ein Blick ins Wirtschaftsblatt könnte der AK helfen: „Unter den Teilnehmern aus den OECD-Staaten benötigen 17 Prozent Förderunterricht in der Unterrichtssprache und in Naturwissenschaften. In Mathematik sucht mehr als ein Viertel der Schüler den Rat vom Profi. Und in Österreich? Knapp vier Prozent der PISA-Teilnehmer bekommen Deutsch-Nachhilfe. Und knapp 13 Prozent lassen sich privat die Geheimnisse der Mathematik nochmals näher bringen.“ (4)
  4. Wollte sich die AK gar am PISA-Sieger Shanghai orientieren, könnte ein Blick in die Süddeutsche Zeitung Licht ins Dunkel bringen: „Manche Eltern zahlen mehr als 5000 Yuan (Anm.: fast 600 Euro) pro Monat für die Nachhilfeschule ihres Kindes. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt in Shanghai derzeit bei knapp 3000 Yuan. Solche Erziehungsausgaben aber werden als absolutes Muss betrachtet.“ (5)

Doch was scheren die AK all diese Fakten. „Weg mit dem Gymnasium!“, lautet die Parole, die getrommelt wird. „Die Nachhilfe hatte im Regelfall auch den gewünschten Erfolg. In 80 Prozent der Fälle wurde damit das angestrebte Ziel tatsächlich erreicht“, liest man in der aktuellen AK-Studie. Mein Versuch aber wird wohl das angestrebte Ziel verfehlen. Denn mein Nachhilfeschüler trommelt und will dabei nicht gestört werden.

(1) AK-Studie „Nachhilfe 2012“ (Mai 2012)

(2) Statistik Austria am 12. April 2011

(3) Salzburger Nachrichten vom 4. Juni 2011

(4) Wirtschaftsblatt vom 20. Juli 2011

(5) Süddeutsche Zeitung vom 8. Jänner 2011

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