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Herbert Weiß: Sozial, demokratisch, für das Volk?

Wenn man aus den Namen der beiden Parteien, die derzeit die Geschicke Österreichs bestimmen, auf ihre Arbeit schließen könnte, wäre unser Land im Moment wohl in bester Hand.

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In der Realität sieht das aber leider „etwas“ anders aus. Ich will mich bei meiner Beurteilung nicht auf eine Stufe mit jenen PolitikerInnen oder „BildungsexpertInnen“ stellen, die Studien wie PISA bewerten, ohne sie je gelesen zu haben. Eine Aussage sei mir in diesem Zusammenhang aber gestattet: Ein Land wie Österreich, das im Zeitraum von 1999 bis 2013 den Anteil der Ausgaben für das Schulwesen am BIP von 4,2 % auf 3,2 % gesenkt hat, kann nicht erwarten, in internationalen Studien zu den Gewinnern zu zählen. (1)

Bundeskanzler Mag. Christian Kern stellte zu diesem Thema in seiner Ansprache beim Bundeskongress der GÖD am 11. Oktober 2016 Folgendes fest: „Es wird nicht gelingen, die Qualität bei wachsenden Aufgaben, aber gleichbleibenden Ressourcen zu erhalten oder zu steigern.“ (2) Bei den wachsenden Aufgaben werden ihm alle, die das österreichische Schulwesen von innen kennen, beipflichten, woher er allerdings die Information über die „gleichbleibenden Ressourcen“ hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das aktuelle PISA-Ergebnis lässt in jedem Fall folgende Interpretation zu: Die bei PISA 2015 getesteten 15-Jährigen gehören einem Jahrgang an, der eine vielen Reformen ausgesetzte Schule durchlebt (hat). Die um drei Jahre älteren, also die bei PISA 2012 Getesteten haben noch nicht so viele schulpolitische „Segnungen“ über sich ergehen lassen müssen.

Nun aber zurück zu den Regierungsparteien. Die größere der beiden bezeichnet sich als sozial und demokratisch. Für ihre Bildungssprecherin sind die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie „aufrüttelnd“ und „nicht länger hinnehmbar“. In ihren weiteren Ausführungen wird dann der massive Ausbau von Ganztagsschulen als ein zentrales Element der notwendigen Reform bezeichnet, um die Kinder besser zu fördern. Das Tüpfelchen auf dem „I“ ist für mich aber folgende Aussage: „Der nächste Schritt muss die Schulautonomie sein: Motivierte LehrerInnen und Schwerpunktsetzungen an Schulen nach den Eignungen und Neigungen der SchülerInnen sind gut für das Lernklima und die Unterrichtsqualität; und genau diese Qualität ist ein Schlüssel zum Lernerfolg – das zeigen auch die besten Pisa-Länder“. (3) Von „Autonomie“ zu sprechen, wo in Wahrheit Einsparungen und die Beseitigung gewachsener demokratischer Strukturen gemeint sind, ist einer demokratischen Repräsentantin unwürdig.

Großbritannien liegt hinsichtlich der sozialen Mobilität unterhalb von südamerikanischen Ländern wie Argentinien.“ (4) Dass es sozial sein soll, mit einem Gesamtschulsystem jenen Kindern, die aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, aus ideologischen Gründen die Chance zu nehmen, sich aufgrund ihrer Leistung nach oben zu arbeiten, verstehe ich ganz und gar nicht. Was bleibt also von „demokratisch“ und „sozial“ übrig?

Es ist aus meiner Sicht aber auch nicht christlich, eine Politik mitzutragen, die in letzter Konsequenz nur mehr den Betuchten ermöglicht, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen: „Alle Gesamtschulsysteme haben andere Modi der Segregation entwickelt. Der einfachste und banalste, der übrigens im Moment massiv im Vormarsch ist – da gibt es eine wunderbare 16-Cities-Studie, die sechzehn Großstädte in mehreren Ländern vergleicht –, ist Trägerschaft: öffentlich, privat, frei.“ (5)

Damit sind wir bei der zweiten Regierungspartei, die sich manchmal auch christlich-sozial nennt. Ob sie den Namen „Volks“-Partei verdient, sei ebenso dahingestellt. Denn immerhin spielt sie bei allen Reformen des Schulsystems willfährig mit, auch wenn sie sich damit, wie etwa bei der verpflichtenden Ganztagsschule oder der Gesamtschule, eindeutig gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des „Volkes“ stellt.

Wenn sich Österreichs Parteien statt auf Dogmen mehr auf das Wohl der Bevölkerung konzentrierten, sähe ich der Zukunft unseres Landes und vor allem der unserer Jugend mit größerem Optimismus entgegen.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2. OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2002 (2002), Table B2.1b.

(2) Zit. n. Kern verspricht mehr Personal für die Ämter. In: Standard online vom 11. Oktober 2016.

(3) PISA – Grossmann: Ergebnisse „nicht hinnehmbar“ – Schluss mit Reformblockaden. OTS-Aussendung vom 6. Dezember 2016.

(4) Julian Nida-Rümelin, „Profil“ (Zeitung des dphv) vom September 2016, S. 20.

(5) Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt?. Keynote beim „Weis[s]en Salon“ vom 10. Dezember 2015.

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Wirksamkeitsnachweis

Als Autonomie bezeichnet man den Zustand der Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit. Seit einiger Zeit ist es das Lieblingswort österreichischer Bildungspolitiker (1). Leider scheinen diese eine andere Definition von „Autonomie“ entdeckt zu haben.

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Das im Ministerratsvortrag vom 18. Oktober 2016 beschriebene „Autonomiepaket“ hat eine ganz klare Zielsetzung: Stärkung des Unterrichtsministeriums und Stärkung einer neu zu schaffenden Führungsebene (Schulclusterleitungen) bei gleichzeitiger Entmachtung aller anderen, die bisher Einfluss ausüben konnten – Länder, Schulpartner, Direktoren etc.

Gesetzesentwürfe dazu sind noch nicht in Begutachtung, wohl aber zum geplanten Ausbau ganztägiger Schulformen. Hier zeigt sich dieselbe Tendenz der Bevormundung. Die politisch gewünschte, verschränkte Form der Ganztagsschule wird bevorzugt, der Ausbau offener ganztägiger Angebote massiv benachteiligt. Dass man dabei völlig am Bedarf vorbei investiert und die Wünsche der Eltern und Schüler ignoriert, scheint die Politik nicht zu interessieren. Im Schuljahr 2015/16 wurden laut BMB an 202 AHS-Standorten eine offene ganztägige Schulform, an 19 AHS-Standorten eine verschränkte Ganztagsschule und an 2 AHS-Standorten beide Varianten ganztägiger Schule geführt. (2)

Warum will man die über Jahrzehnte aufgebauten und gut funktionierenden schulpartnerschaftlichen Gremien ihrer Entscheidungsbefugnisse berauben? Warum möchte man zentralistische Durchgriffsmöglichkeiten unter völliger Missachtung des Subsidiaritätsprinzips? Wenn diese Maßnahmen alle so gut sind, wie die Politik sie darstellt, warum meint man, Eltern, Schüler und Lehrer dazu zwingen zu müssen?

Mich beschleicht das Gefühl, dass es in Wirklichkeit um Einsparungen und Machtspiele geht. Die Aufhebung der Klassenschülerhöchst- und Teilungszahlen eröffnen budgetäre Möglichkeiten. Die Anhebung der durchschnittlichen Klassenschülerzahl um nur eine Person spart 150 Millionen Euro jährlich. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt?

Jedenfalls geht es beim „Autonomiepaket“ ebenso wenig wie beim Ausbau von verschränkten Ganztagsschulen um die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Mehr Autonomie bringt nicht unbedingt bessere Leistungsergebnisse. Obwohl eine grundlegende Annahme darin besteht, dass Schulautonomie zu einer verbesserten Qualität des Lernens beitragen würde, gibt es überraschend wenig empirische Evidenz zu dieser Frage“, hält der Nationale Bildungsbericht 2015 fest. (3)

750 Millionen Euro stellt die Regierung für den Ausbau der Ganztagsschulen zur Verfügung. Für viele Familien klingt der Plan von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid nach einer wundervollen Verheißung: eine Schule, in der Nachhilfe und Nachmittagsbetreuung obsolet sind und Eltern von der Hausaufgabenbetreuung befreit werden.

Für den Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann hat dieses Bild nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun: ,Sicher löst das erst einmal ein Betreuungsproblem, womit vielen bürgerlichen Familien geholfen wird. Doch weniger Nachhilfe wird es dadurch nicht geben, wie sich in Ländern zeigt, in denen der Anteil an Ganztagsschulen hoch ist. Da geben Eltern weitaus mehr für Nachhilfe aus.‘“ (4)

Ich fordere einen Wirksamkeitsnachweis bei schulpolitischen Maßnahmen: Vor Neuerungen muss der theoretische und praktische Beweis erbracht sein, dass eine Reform pädagogischen Nutzen bringt, sonst ist sie zu unterlassen. Unsere Kinder haben schließlich nur eine, nicht wiederholbare Bildungslaufbahn.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe BMBF (Hrsg.), Ganztägige Schulformen an AHS – Schuljahr 2015/16.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 275.

(4) Ute Brühl, Was die Ganztagsschule bringt und was nicht. In: Kurier online vom 10. September 2016.

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Gerhard Riegler: Nie mehr Hausübungen?

In der vorigen Woche erreichte Gewerkschaft und Personalvertretung ein Verordnungsentwurf der Unterrichtsministerin, dessen Kurztitel „Betreuungsplan“ nichts Dramatisches vermuten ließ. Bei genauer Lektüre stellte sich allerdings heraus, dass die Implementierung dieses Entwurfs einerseits eine unerträgliche Verbürokratisierung schulischer Betreuungsformen und andererseits de facto ein Hausübungsverbot an Standorten mit Nachmittagsbetreuung nach sich zöge. Details dazu sind in den ausführlichen Stellungnahmen der Standesvertretung nachzulesen (1), sie würden den Rahmen dieses Editorials sprengen.

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Während das „schweißfreie“ Fitnessstudio nach wie vor Utopie ist, soll, wenn es nach den Vorstellungen der Unterrichtsministerin geht, die hausübungsbefreite Schule in Österreich ab Herbst geschaffen sein. „Freizeit pur“ wochentags ab 16:00 Uhr, so offensichtlich der Traum der obersten politischen Bildungsverantwortlichen, der bei den derzeit hochsommerlichen Temperaturen Urlaubsstimmung aufkommen lässt.

Dass in südostasiatischen PISA-Siegerstaaten SchülerInnen täglich bis spät in die Nacht büffeln müssen, um ihre Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zu wahren, halte ich für erschütternd und menschenverachtend. Österreichs LehrerInnen und unserem Schulwesen, um das uns immer mehr Staaten beneiden, vorzuwerfen, dass wir keine PISA-Ergebnisse aufzuweisen haben wie Südkorea, Hongkong, Singapur etc., ist meines Erachtens Ausdruck einer Politik, die von der Sache keine Ahnung hat oder aber bei ihrer Hetze auf die Ahnungslosigkeit der Bevölkerung setzt.

Ein Blick in die einschlägige Bildungsforschung zeigt, dass uns der vorliegende spaßpädagogische Ansatz des Unterrichtsministeriums aber ebenso auf einen Abweg führen würde. Der Wert des Übens für die Festigung von Wissen und Können und für das Finden des eigenen Bildungszugangs muss im dritten Jahrtausend zwar längst nicht mehr entdeckt werden, wird aber auch durch aktuelle Studien immer wieder und in immer neuen Facetten bestätigt.

Der „Zeitgeist der Unbildung“ (© Konrad Paul Liessmann) geht um und scheint im BMBF Verehrung zu finden. Manche glauben offensichtlich, dass Österreich auch morgen eine Insel der Seligen sein wird, wenn wir heute jungen Menschen vermitteln, Bildung sei ein Konsumgut, das man sich in der Schule servieren lässt.

Wachstum entsteht durch Anstrengung, durch ein eigenständiges Meistern von Aufgaben und Problemen“, so der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Albert Wunsch. „Wer nicht von klein auf Herausforderungen kennt, der wird auch später keine Herausforderungen meistern.“ (2)

Unsere Insel der Seligen ist heftiger Brandung und weltweit wirkenden wirtschaftspolitischen Beben ausgesetzt. Wer sich müßig in die Hängematte legt, wird diese Insel beim Erwachen vielleicht nicht mehr erkennen. Wenn uns unsere Jugend und ihre Zukunft am Herzen liegen, sollten wir uns keine spaßpädagogischen Träume leisten. Aufwachen, BITTE!

(1) Die Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft ist hier abrufbar.

(2) Albert Wunsch, Spaßgesellschaft und Leistungsanforderung. Vortrag im Rahmen der Herbsttagung 2014 der Ordensgemeinschaften Österreich im Kardinal-König-Haus, Wien am 26. November 2014.

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Die drei Arten von Lügen

Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer weist einmal mehr auf die Vorteile der verschränkten ganztägigen Schule hin. So gaben an verschränkten Ganztagsschulen signifikant weniger Eltern an, täglich mit ihren Kindern zu lernen bzw. für Nachhilfe zu bezahlen“, meinte BM Gabriele Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. (1) Zwei Tage später verstärkte sie diese Aussage noch. „Der wahre Schlüssel, um nachhaltig Kosten für Eltern zu senken, liege nicht in Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung, sondern in einer verschränkten ganztägigen Schule, wo für SchülerInnen Abwechslung zwischen Bewegung, Kreativität und Wiederholen des Lernstoffes möglich ist, wie die Ministerin meint.“ (2)

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Nun findet sich in der besagten AK-Studie tatsächlich folgender Satz: „Einen positiven Effekt auf eine Reduzierung der bezahlten Nachhilfe hat offenkundig die Ganztagsschule. Eltern, deren Kind in eine solche Schulform geht, haben zu geringeren Anteilen auf eine bezahlte Nachhilfe zurückgreifen müssen (17 %).“ (3) Insgesamt geben laut AK-Studie 21 % der Eltern an, dass sie im Lauf des Schuljahres für „Nachhilfe“ Geld ausgegeben haben. (4) (Dazu werden auch Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien gerechnet.) Die Unterrichtsministerin hat also scheinbar recht, aber eben nur scheinbar.

Die ganztägige Schule in ihrer verschränkten Form, also die klassische „Ganztagsschule“, gibt es insgesamt wegen mangelnder Nachfrage nur sehr selten, dann aber in erster Linie im Volksschulbereich. (5) Und nur 5 % der Eltern von Volkschulkindern geben an, bezahlte Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. (6) Man darf seriöserweise daher die 17 % nicht mit den 21 % vergleichen (siehe vorigen Absatz), sondern viel eher mit den 5 %. Die Ganztagsschule erhöht also den Nachhilfebedarf!

Das ist übrigens keine Neuigkeit, sondern ein hinlänglich bekanntes Faktum. „In Ländern mit Ganztagsschulen sind die außerschulischen Aufwendungen um ein Vielfaches höher“, stellte etwa Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann erst vor wenigen Monaten in einem Interview fest. (7)

Was manche PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und JournalistInnen aus Zahlen ableiten, lässt mich an ein wohl fälschlicherweise dem einstigen britischen Premierminister Benjamin Disraeli zugeschriebenes Zitat denken: „Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, infame Lügen und Statistik.“ (8)

(1) Heinisch-Hosek am Weltelterntag: Ganztägige Schulformen bringen mehr Chancen für Kinder und Eltern. OTS-Aussendung vom 1. Juni 2015.

(2) Vorläufige Ergebnisse der schriftlichen Zentralmatura liegen vor. Parlamentskorrespondenz Nr. 593 vom 3. Juni 2015.

(3) IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015), S. 24.

(4) AK-Studie, S. 26. Das steht in keinem Widerspruch zur Angabe in meinem Posting „Das halbvolle Glas“ vom 23. Mai 2015, dass nur 13 % der SchülerInnen bezahlte „Nachhilfe“ bekommen haben. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen den Eltern, die ja im Schnitt nicht nur ein Kind haben, und den SchülerInnen.

(5) Ich habe einander sehr stark widersprechende Zahlen gefunden, die aber insofern übereinstimmen, dass sie „Ganztagsschule“ v. a. im Volksschulbereich umgesetzt sehen. Lt. BMUKK (Bildungspolitische Sommergespräche, Teil 1. Die Ganztagsschule im Praxistest (Wien, 20. August 2013), S. 9) haben im Schuljahr 2012/2013 14.236 PflichtschülerInnen und 2.061 AHS-SchülerInnen Ganztagsschulen besucht. Lt. BIFIE (BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2 (Graz 2012), S. 286) besuchten 2011/2012 „hochgerechnet“ 11.800 VolksschülerInnen und 9.200 SchülerInnen der Sekundarstufe I Ganztagsschulen.

(6) AK-Studie, S. 26.

(7) Michael Prock, „Bitte keine Modellversuche“. In: Vorarlberger Nachrichten online vom 13. September 2014.

(8) „There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.“ Dieser Ausspruch wurde v. a. durch Mark Twain bekannt, der ihn Benjamin Disraeli zuschrieb. Allerdings ist er in Disraelis Schriften nicht zu finden und tauchte erstmals Jahre nach dessen Tod auf.

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Eine marxistisch-antikapitalistische Verschwörung

Armin Wolf kritisierte mich gestern auf „Twitter“ wegen meiner Zweifel am „Bildungskonzept“ der Industriellenvereinigung. Wörtlich zwitscherte er: „Polemischer als der Chef der AHS-Lehrergewerkschaft kann man das IV-Schulkonzept wohl kaum mehr kommentieren: https://quinecke.wordpress.com/2014/11/22/des-grosschneiders-revolution/“.

Das wäre ja noch nicht bemerkenswert, denn in meiner Funktion bin ich sehr oft der Kritik aller möglichen Personen, Parteien und Institutionen ausgesetzt. Wirklich erheitert haben mich allerdings folgende Kommentare:

141122 Armin Wolf IV-Konzept anonym

Ich bin enttarnt und meine MitverschwörerInnen auch! Es gibt sogar einen Verein, die „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“, die solch revolutionäres Gedankengut ausbrütet und der auch Gerhard Riegler und ich angehören – ein ebensolcher Revolutionär, wie er im Ö1-Journal-Panorama bewiesen hat. Und wenn man sich Vorstand und Beirat obiger Gesellschaft ansieht, kann man wirklich nur feststellen: ein Ableger der „Roten Armee Fraktion“ mit Universitäts-„TerroristInnen“ wie Liessmann, Reichenbach, Klein, Burchardt, Frost, Ladenthin, Dollase, Rödler, Nida-Rümelin, Krautz, Hackl, Meyerhöfer und vielen anderen mehr.

Jetzt ist jedoch die Weltrevolution bedroht, denn Armin Wolf hat die marxistisch-antikapitalistische Verschwörung aufgedeckt …

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Des Großschneiders Revolution

Dieser Kommentar fasst meine Argumentation in einem Gespräch mit der „Standard“-Journalistin Mag.a Lisa Nimmervoll zusammen.

Die Aufgabe der Industriellenvereinigung ist es, die Interessen von Großindustriellen zu vertreten, und genau das tut die IV mit ihrem „neuen Bildungskonzept“, an dem nichts neu ist (1) und das wenig mit Bildung zu tun hat. Ihr Ziel: eine für fast alle verpflichtende, neunjährige Gesamtschule, in die ein fünfjähriges Kind aufgenommen, in der es den Eltern mehr oder weniger täglich zwischen 7:00 und 19:00 Uhr abgenommen und aus der ein 14-Jähriger (2) entlassen wird, der über gewisse Mindestqualifikationen und -kompetenzen verfügt.

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Präsident Kapsch erledigt damit als tapferes Schneiderlein – oder eher als Großschneider – sieben Fliegen auf einen Streich:

  • Die Eltern stehen dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt zur Verfügung, ungestört vom „Belastungsfaktor“ Kind.
  • Die Eltern sind nur noch für die Kleinkindphase zuständig. Der Staat formt danach die Jugend zu unkritischen „Produktionsfaktoren“. Das hatten wir in der Geschichte schon öfter – und es hat noch nie zur Stärkung von Demokratie und Menschrechten geführt, um es ganz vorsichtig auszudrücken.
  • Schule nach dem IV-Konzept bildet aus, und zwar auf einem Mindestniveau. Sie bildet aber nicht. Die Qualifizierung, der Nützlichkeitsaspekt, steht im Vordergrund. Die Kultivierung, die Persönlichkeitsbildung, ist nur insofern relevant, als sie dem erstgenannten Ziel dient.
  • Kinder werden zu „kognitiven Mastschweinen“ (3), zu „Kompetenzbündeln“. Der „als kompetent Geprüfte soll später einmal ebenso Babynahrung produzieren können wie Landminen. Angesichts der Kriterien von PISA (und einer auf PISA ausgerichteten Schule) sind beide Aufgaben gleich gültig. Und sie bedürfen der gleichen Kompetenzen.“ (4)
  • Das humanistische Bildungskonzept wird entsorgt, da es prinzipiell subversiv ist, indem es mit Kant die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit begreift – und das geziemt sich für einen „Produktionsfaktor“ nun wirklich nicht. „In der ganzen Welt geht es nur noch um Produktionsprozesse, die Finanzwirtschaft hat die Herrschaft erobert, und die PISA-Studie ist ihr Instrument. Ich halte das für verbrecherisch.“ (5)
  • Für die (ökonomische) Oberschicht ist das alles kein Problem. Sündteure Privatschulen bieten für die Kinder der Großindustriellen neben Qualifizierung auch Bildung. Der IV-Präsident macht es heute schon vor. Er schickt seine eigenen Kinder in eine Schule, an der jährlich 15.000 Euro Schulgeld pro Kind zu bezahlen ist. (6)
  • Für Kapsch & Co. ist das nicht nur kein Problem, sondern eine riesige, wirtschaftliche Chance. Der Bildungsmarkt (teure Privatschulen, teure Nachhilfeinstitute etc.) ist, wie Gesamtschulstaaten demonstrieren, ein Wachstumsmarkt, der höchste Renditen abwirft. „Für jeden öffentlichen Platz, den ich schließe, würden zwei private hochkommen. In den USA ist inzwischen die Mehrheit der Kinder, die auf eine öffentliche Schule gehen, unter der Armutsgrenze. Wenn die öffentliche Schule mir nicht das Extra gibt, nach dem ich suche, sind diese Eltern auch bereit, die Hälfte des Familieneinkommens zu investieren.“ (7)

Um das zu erreichen, ruft der Großindustrielle Kapsch die „Bildungs-Revolution“ (8) aus, was mich an eine dem australischen Politiker John Carrick zugeschriebene Metapher denken lässt. Carrick beschrieb die Revolution als „das Feuer, an dem die einen verbrennen und die anderen ihre Suppe kochen.

(1) Das bestätigte – allerdings mit Stolz – auch der „Bildungsexperte“ Bernd Schilcher in der ZiB2 am 19. November 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Dr. Wolfram Meyerhöfer, Universitätsprofessor für Mathematikdidaktik, in einem Interview mit Jens Wernicke, Schluss mit PISA? In: www.heise.de vom 13. Juni 2013.

(4) Volker Ladenthin, PISA und Bildung? In: Neue Ruhr Zeitung, 18. November 2007. Univ.-Prof. Dr. Volker Ladenthin lehrt Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.

(5) Nikolaus Harnoncourt, zit. n. Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky, Schaffen unsere Schulen jetzt den Musikunterricht ab? In: News Nr. 43/2014, S. 22.

(6) Ö1-Journal Panorama vom 19. November 2014.

(7) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann im Interview mit Bernadette Bayrhammer, Gesamtschuldebatte: „Die Schulform verändert wenig“. In: Presse online vom 19. November 2014.

(8) Siehe OTS-Aussendung „Industrie: Brauchen eine Bildungsrevolution – Neues Schulkonzept der IV“ vom 18. November 2014.

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Gerhard Riegler: Mit der Unbekümmertheit eines Ahnungslosen

Wenn ein Milliardär nach Revolution ruft, denkt man unwillkürlich an Frank Stronach. Doch während dieser in Kanada seine politischen Ambitionen wohl endgültig auf Eis legt, ruft Georg Kapsch, seit 2012 Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, für Österreich die bildungspolitische Revolution aus und fordert u. a. die Ganztags- und Gesamtschule. (1)

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Als Begründung für seinen Ruf nach einer Bildungsrevolution stellt Kapsch eine Reihe von Behauptungen auf, die dem „reality check“ aber nicht annähernd standhalten. Aus Platzgründen nur drei Beispiele dazu:

Kapsch-Behauptung 1: „Wir haben unzufriedene Schülerinnen und Schüler.

Fakt ist: Was die HBSC-Studien der Weltgesundheitsorganisation immer wieder belegen, zeigt auch PISA 2012: die hohe Zufriedenheit unserer SchülerInnen mit ihrer Schule. 82 % unserer SchülerInnen erklären sich mit ihrer Schule zufrieden, 77 % stellen ihr sogar die Beurteilung „Things are ideal in my school“ aus. Damit liegt Österreich weit vor Finnland (51 %) oder Italien (32 %), den Lieblingsländern der österreichischen GesamtschulanhängerInnen. (2)

Kapsch-Behauptung 2: „Das österreichische Bildungssystem ist um ein Drittel teurer als im OECD-Durchschnitt.

Fakt ist: Gemessen am BIP liegt Österreich mit seinen Ausgaben für das Schulwesen (3,6 %) nicht nur weit hinter Norwegen (5,1 %), Dänemark (4,8 %) und auch Finnland (4,1 %), sondern sogar unter dem OECD-Durchschnitt (4,0 %). (3)

Kapsch-Behauptung 3: „Die PISA-Tests sind unterdurchschnittlich.“ (Anm.: Ich denke, der Herr Präsident will damit behaupten, dass Österreich beim PISA-Test im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich abschneidet, und keine Kritik am PISA-Test an sich artikulieren.)

Fakt ist: Unter 65 Volkswirtschaften, die an PISA 2012 teilgenommen haben, belegt Österreich die Plätze 18 (Mathematik), 23 (Naturwissenschaften) und 27 (Lesekompetenz). Nach Kapsch’scher Lesart ist dies unterdurchschnittlich. Wie bewertet der Herr IV-Präsident dann die Ergebnisse der fünf Gesamtschulstaaten aus dem hohen Norden Europas, von denen vier (alle bis auf Finnland) schlechter abgeschnitten haben als Österreich? Um dies zu erfahren, hätte Kapsch nicht einmal eine OECD-Publikation zur Hand nehmen müssen. Das hätte er vor fünf Wochen sogar diversen Tageszeitungen entnehmen können.

Je weniger Ahnung jemand hat, desto mehr Spektakel macht er und ein desto höheres Gehalt verlangt er“, hat Mark Twain einst geschrieben. (4) Was Spektakel und Gehalt anbelangt, trifft der Spruch auf den IV-Präsidenten zweifellos zu. Was die Ahnungslosigkeit betrifft, überlasse ich die Beurteilung der geschätzten Leserschaft.

(1) Othmar Pruckner, „Wir brauchen Revolution!“ In: Format online vom 7. Jänner 2014.

(2) OECD (Hrsg.), Ready To Learn: Students’ Engagement, Drive And Self-Beliefs (2013), Seite 251.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2013: OECD Indicators (2013), Seite 184.

(4) „… the less a man knows the bigger the noise he makes and the higher the salary he commands.” Mark Twain, How I Edited an Agricultural Paper, S. 68. In: Mark Twain, Editorial Wild Oats (New York, London 1906), 52-69.

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