Gerhard Riegler: Nie mehr Hausübungen?

In der vorigen Woche erreichte Gewerkschaft und Personalvertretung ein Verordnungsentwurf der Unterrichtsministerin, dessen Kurztitel „Betreuungsplan“ nichts Dramatisches vermuten ließ. Bei genauer Lektüre stellte sich allerdings heraus, dass die Implementierung dieses Entwurfs einerseits eine unerträgliche Verbürokratisierung schulischer Betreuungsformen und andererseits de facto ein Hausübungsverbot an Standorten mit Nachmittagsbetreuung nach sich zöge. Details dazu sind in den ausführlichen Stellungnahmen der Standesvertretung nachzulesen (1), sie würden den Rahmen dieses Editorials sprengen.

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Während das „schweißfreie“ Fitnessstudio nach wie vor Utopie ist, soll, wenn es nach den Vorstellungen der Unterrichtsministerin geht, die hausübungsbefreite Schule in Österreich ab Herbst geschaffen sein. „Freizeit pur“ wochentags ab 16:00 Uhr, so offensichtlich der Traum der obersten politischen Bildungsverantwortlichen, der bei den derzeit hochsommerlichen Temperaturen Urlaubsstimmung aufkommen lässt.

Dass in südostasiatischen PISA-Siegerstaaten SchülerInnen täglich bis spät in die Nacht büffeln müssen, um ihre Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zu wahren, halte ich für erschütternd und menschenverachtend. Österreichs LehrerInnen und unserem Schulwesen, um das uns immer mehr Staaten beneiden, vorzuwerfen, dass wir keine PISA-Ergebnisse aufzuweisen haben wie Südkorea, Hongkong, Singapur etc., ist meines Erachtens Ausdruck einer Politik, die von der Sache keine Ahnung hat oder aber bei ihrer Hetze auf die Ahnungslosigkeit der Bevölkerung setzt.

Ein Blick in die einschlägige Bildungsforschung zeigt, dass uns der vorliegende spaßpädagogische Ansatz des Unterrichtsministeriums aber ebenso auf einen Abweg führen würde. Der Wert des Übens für die Festigung von Wissen und Können und für das Finden des eigenen Bildungszugangs muss im dritten Jahrtausend zwar längst nicht mehr entdeckt werden, wird aber auch durch aktuelle Studien immer wieder und in immer neuen Facetten bestätigt.

Der „Zeitgeist der Unbildung“ (© Konrad Paul Liessmann) geht um und scheint im BMBF Verehrung zu finden. Manche glauben offensichtlich, dass Österreich auch morgen eine Insel der Seligen sein wird, wenn wir heute jungen Menschen vermitteln, Bildung sei ein Konsumgut, das man sich in der Schule servieren lässt.

Wachstum entsteht durch Anstrengung, durch ein eigenständiges Meistern von Aufgaben und Problemen“, so der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Albert Wunsch. „Wer nicht von klein auf Herausforderungen kennt, der wird auch später keine Herausforderungen meistern.“ (2)

Unsere Insel der Seligen ist heftiger Brandung und weltweit wirkenden wirtschaftspolitischen Beben ausgesetzt. Wer sich müßig in die Hängematte legt, wird diese Insel beim Erwachen vielleicht nicht mehr erkennen. Wenn uns unsere Jugend und ihre Zukunft am Herzen liegen, sollten wir uns keine spaßpädagogischen Träume leisten. Aufwachen, BITTE!

(1) Die Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft ist hier abrufbar.

(2) Albert Wunsch, Spaßgesellschaft und Leistungsanforderung. Vortrag im Rahmen der Herbsttagung 2014 der Ordensgemeinschaften Österreich im Kardinal-König-Haus, Wien am 26. November 2014.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

6 Antworten zu “Gerhard Riegler: Nie mehr Hausübungen?

  1. Erich Wallner

    Im aktuellen ÖPU-Wochenspiegel fehlt ein Artikel, den ich hiermit nachtrage: „Wie die BORG der Zentralmatura geopfert wurden“:
    http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/4747287/Wie-die-BORG-der-Zentralmatura-geopfert-wurden

  2. Karin Mathis

    „Alles Gute kommt definitiv nicht von oben.“ LehrerInnen, die etwas bewegen wollen und an die langfristigen Folgen der derzeitigen Bildungspolitik denken, haben es im Moment nicht leicht.

  3. Christa Pospischil

    Gesetzlich verordnete Chancenlosigkeit als Novelle zur „Leistungsfreien Zone“

    Stolz lächelte mich ein Vater an, als ich ihm zur wiedergewonnenen „Leistungsbereitschaft“ seines Kindes gratulierte, das sich rechtzeitig seiner diesbezüglichen „Reserven“ besann und damit von „Nicht genügend“ auf „Gut“ katapultierte. Stolz war auch der Schüler selbst bei der Rückgabe der Schularbeit, ein strahlendes Lächeln lag auf den Lippen eines sonst so ruhigen Jungen. Freilich waren dieser Entwicklung Gespräche mit den Eltern, motivierender Zuspruch im Unterricht, vor allem aber dessen eigenes fleißiges Üben zuhause mit zusätzlichen Beispielen, weit über die Hausübungen hinaus, vorangegangen.
    Damit hat ER nun/ haben VIELE GENERATIONEN zuvor etwas erreicht, was jedem Einzelnen, nur nicht der verantwortlichen Politk im Land, klar ist: LEISTUNG LOHNT SICH! Sie fragt nicht nach sozialem Herkommen, sie überwindet dieses. Österreich hat lt. seriösen Prognosen gar keine andere Chance, als auf höchstmögliche Differenzierung und gerechten Leistungsanreiz im Bildungsbereich zu setzen! Wirtschaftspolitisch spielen wir in wenigen Jahren nur mehr über bestens ausgebildete und leistungsbereite FacharbeiterInnen sowie in der Exzellenz von Wissenschaft/Forschung eine Rolle. Das ist Fakt und genau das sei den ideologischen Irrlichtern allerorts ins Stammbuch geschrieben!

    • Erich Wallner

      Wenn sich Leistung wirklich lohnt, wieso werden wir Lehrer dann nach Gehaltstabellen bezahlt?
      Am 27.5. titelte „Heute“: „Neue Zentral-Matura entlarvt miese Lehrer“.
      Dass es unter 20.000 AHS-Lehrern statistisch ein paar miese geben muss, ist klar – ebenso, dass auch ein paar ausgezeichnete dabei sein müssen.
      Und was sind die Konsequenzen daraus? Was lohnt sich für wen wie?

      • Christa Pospischil

        Die von mir angesprochene Leistung dieses Schülers hat sich sehr wohl gelohnt (!) und ihn weiter angespornt…
        Im anderen Fall kann ich nur für mich antworten: Mir ist seit meinem 1.Dienstjahr klar, dass ich nach Gehaltsstufen, wie der gesamte Öffentliche Dienst überhaupt, bezahlt werde. Ob einem das gefällt oder nicht, das gehört in den Bereich der Grundsatz-Diskussion. Ich orientiere mein Empfinden für „Leistung“, die ich erbringe und die in der Öffentlichkeit nicht gesehen bzw. wenig geschätzt wird, im Ausmaß der Begeisterungsfähigkeit meiner Schüler. Dazu gehören nicht unbedingt nur die besten Noten, sondern die gesamte Entwicklung als Persönlichkeit. Lassen wir uns doch nicht ständig von außen demolieren, sondern sehen wir auch die vielen Eltern und betroffenen SchülerInnen, die unseren Einsatz sehr wohl schätzen. In diesem Sinne Kopf hoch, lieber Erich, und alles Gute für den Schulschluss!

  4. Irmgard Klein

    Von Samsung-Tablet gesendet

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