Gerhard Riegler: Mit der Unbekümmertheit eines Ahnungslosen

Wenn ein Milliardär nach Revolution ruft, denkt man unwillkürlich an Frank Stronach. Doch während dieser in Kanada seine politischen Ambitionen wohl endgültig auf Eis legt, ruft Georg Kapsch, seit 2012 Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, für Österreich die bildungspolitische Revolution aus und fordert u. a. die Ganztags- und Gesamtschule. (1)

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Als Begründung für seinen Ruf nach einer Bildungsrevolution stellt Kapsch eine Reihe von Behauptungen auf, die dem „reality check“ aber nicht annähernd standhalten. Aus Platzgründen nur drei Beispiele dazu:

Kapsch-Behauptung 1: „Wir haben unzufriedene Schülerinnen und Schüler.

Fakt ist: Was die HBSC-Studien der Weltgesundheitsorganisation immer wieder belegen, zeigt auch PISA 2012: die hohe Zufriedenheit unserer SchülerInnen mit ihrer Schule. 82 % unserer SchülerInnen erklären sich mit ihrer Schule zufrieden, 77 % stellen ihr sogar die Beurteilung „Things are ideal in my school“ aus. Damit liegt Österreich weit vor Finnland (51 %) oder Italien (32 %), den Lieblingsländern der österreichischen GesamtschulanhängerInnen. (2)

Kapsch-Behauptung 2: „Das österreichische Bildungssystem ist um ein Drittel teurer als im OECD-Durchschnitt.

Fakt ist: Gemessen am BIP liegt Österreich mit seinen Ausgaben für das Schulwesen (3,6 %) nicht nur weit hinter Norwegen (5,1 %), Dänemark (4,8 %) und auch Finnland (4,1 %), sondern sogar unter dem OECD-Durchschnitt (4,0 %). (3)

Kapsch-Behauptung 3: „Die PISA-Tests sind unterdurchschnittlich.“ (Anm.: Ich denke, der Herr Präsident will damit behaupten, dass Österreich beim PISA-Test im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich abschneidet, und keine Kritik am PISA-Test an sich artikulieren.)

Fakt ist: Unter 65 Volkswirtschaften, die an PISA 2012 teilgenommen haben, belegt Österreich die Plätze 18 (Mathematik), 23 (Naturwissenschaften) und 27 (Lesekompetenz). Nach Kapsch’scher Lesart ist dies unterdurchschnittlich. Wie bewertet der Herr IV-Präsident dann die Ergebnisse der fünf Gesamtschulstaaten aus dem hohen Norden Europas, von denen vier (alle bis auf Finnland) schlechter abgeschnitten haben als Österreich? Um dies zu erfahren, hätte Kapsch nicht einmal eine OECD-Publikation zur Hand nehmen müssen. Das hätte er vor fünf Wochen sogar diversen Tageszeitungen entnehmen können.

Je weniger Ahnung jemand hat, desto mehr Spektakel macht er und ein desto höheres Gehalt verlangt er“, hat Mark Twain einst geschrieben. (4) Was Spektakel und Gehalt anbelangt, trifft der Spruch auf den IV-Präsidenten zweifellos zu. Was die Ahnungslosigkeit betrifft, überlasse ich die Beurteilung der geschätzten Leserschaft.

(1) Othmar Pruckner, „Wir brauchen Revolution!“ In: Format online vom 7. Jänner 2014.

(2) OECD (Hrsg.), Ready To Learn: Students’ Engagement, Drive And Self-Beliefs (2013), Seite 251.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2013: OECD Indicators (2013), Seite 184.

(4) „… the less a man knows the bigger the noise he makes and the higher the salary he commands.” Mark Twain, How I Edited an Agricultural Paper, S. 68. In: Mark Twain, Editorial Wild Oats (New York, London 1906), 52-69.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

5 Antworten zu “Gerhard Riegler: Mit der Unbekümmertheit eines Ahnungslosen

  1. Wolf-Dieter Sterkl

    Mit der Unbekümmertheit eines Ahnungslosen … schreiben auch die meisten Journalisten, deren Vertrauen in ministerielle Angaben auch durch Rechnungshofkritik nicht zu erschüttern ist. Vielleicht könnte man versuchen, einzelne „Edelfedern“ für die gute Sache zu gewinnen . Mit Apparatschik-Getue ist bei diesen kritischen, zum Spott neigenden Leuten allerdings nichts zu gewinnen, bei Herrn Quinn könnte ich mir ein gutes Echo vorstellen.
    Nichts für ungut!
    MfG
    dietr sterkl

  2. Walter

    Es wäre nett, wenn die Mailadresse von unserem `neuen Experten´ auch hier bekanntgegeben würden, damit mal alle 🙂 KollegInnen nachfragen wie genau denn seine Äußerungen recherchiert sind und ob die gleiche Sorgfaltigkeit in der Industrie usus ist.
    Walter Dickmanns

  3. Der Herr IV-Präsident hält seine Mail-Adresse auf der IV-Website im Verborgenenen; zumindest konnte ich sie nicht entdecken.
    Wenn er aber eine Mail-Adresse in Analogie zu den anderen IV-MitarbeiterInnen hat, müsste sie g.kapsch@iv-net.at heißen.

  4. Regina Loidolt

    Ein hervorragendes Artikel!!! Es ärgert mich, dass immer Unwissende Meldungen zu Schule abgeben!!
    Danke, dass Gerhard Riegler sich in unserem Namen zu wehren weiß!

  5. Heidemarie Haid

    G.Spitzer@iv-net.at dürfte sein Büro sein!

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