Schlagwort-Archive: Reformitis

Gerhard Riegler: Höhenflüge statt Talfahrten

Eineinhalb Wochen habe ich inzwischen in die Analyse der PISA-Daten investiert. Mit den PISA-Daten meine ich natürlich nicht nur den äußerst knapp gehaltenen Bericht des BIFIE, sondern die internationalen Berichte und die Auseinandersetzung mit den Rohdaten.

Ein Editorial bietet nicht ansatzweise den Rahmen, innerhalb dessen auf Details eingegangen werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich erst einen kleinen Teil der Arbeit geleistet habe, die ich leisten möchte. PISA-Daten liefern nämlich in der Tiefe ungemein viele Informationen, die wertvoll wären, würde sich die Politik auf sie einlassen, was in Österreich bisher leider nicht gelungen ist. Statt „leider“ hätte ich vielleicht zutreffender „skandalöserweise“ schreiben sollen.

bigstock-143084078_blog

Es drängt sich zunächst ein Vergleich zwischen PISA 2006 und PISA 2015 auf, da bei beiden Durchgängen mit den Naturwissenschaften dieselbe Hauptdomäne im Mittelpunkt stand. Der Vergleich der Ergebnisse der derzeit 28 EU-Staaten zeigt:

Österreichs 15-Jährige belegten vor dem Jahrzehnt der „Reformpolitik“ bei PISA 2006 die Plätze 7 (Mathematik), 7 (Naturwissenschaften) und 12 (Lesen), neun Jahre später sind sie auf die Plätze 10 (Mathematik), 12 (Naturwissenschaften) und 18 (Lesen) abgerutscht.

Eine verantwortungsbewusste Politik hätte spätestens an den Ergebnissen von PISA 2006 erkannt, dass das jahrzehntelange Verdrängen und Vertuschen des integrationspolitischen Handlungsbedarfs unübersehbare Folgen nach sich gezogen hat: Nicht wie in den beiden anderen Kompetenzbereichen am Ende des ersten Viertels des internationalen Orchesters, sondern nur im Mittelfeld landeten unsere 15-Jährigen mit ihrer Lesekompetenz bei PISA 2006. Dass Schwächen in der Lesekompetenz sehr stark auf die anderen Bereiche ausstrahlen, dass also in der Mathematik und den Naturwissenschaften noch weit bessere Platzierungen als am Ende des ersten Viertels möglich gewesen wären, sei ergänzend erwähnt.

Statt aber ehrlich zu sein, die Folgen einer jahrzehntelangen Vogel-Strauß-Politik einzugestehen und sich unverzüglich an die Behebung des von ihr verursachten Schadens zu machen, griff Österreichs Schulpolitik zur Propagandatrommel. Schlag um Schlag wurde die Verleumdungspolitik gegen unser Schulwesen und uns LehrerInnen geführt, ein Anschlag auf die Qualität unseres Schulwesens nach dem anderen unternommen.

Verkauft wurde dieses destruktive Treiben als „Reformen“. Um sich dafür in Medien Unterstützung zu verschaffen, holte man sich – zusätzlich zu den sündteuren Inseraten und „Medienkooperationen“ auf Kosten des Steuerzahlers – skurrile Typen, die sich „ExpertInnen“ nannten und unser Schulwesen medial mit völlig verrückten Vorwürfen überschütteten.

Die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hat erheblichen Schaden angerichtet, die Bilanz liegt in aller Ausführlichkeit auf dem Tisch. Jede Unternehmensleitung würde gegenüber den dafür Verantwortlichen rechtliche Schritte prüfen. Österreichs Schulpolitik ist angesichts dieser Bilanz zumindest aufgefordert, ihr Tun unverzüglich, ehrlich und schonungslos zu reflektieren. Reformen, die zu einem so deutlichen Qualitätsverlust geführt haben, sind als Fehlentscheidungen einzugestehen und schnellstens zurückzunehmen.

Um wieder dort zu landen, wo wir waren, bevor der Absturz provoziert wurde – nämlich am Ende des ersten Viertels –, sind schulpolitische Höhenflüge einzuleiten. Manche Aussage, die nach der Präsentation der aktuellen PISA-Ergebnisse zu hören oder lesen war, halte ich für eine Zumutung gegenüber allen an der Schule Beteiligten. Wer nach diesem Desaster der Reformen des letzten Jahrzehnts, die für diese Talfahrt sorgten, eine Beschleunigung der Reformen fordert, kommt mir vor wie ein Autofahrer, der von der Straße abkommt, über die Böschung fährt und glaubt, sich durch Vollgas retten zu können. Abgesehen von Irren und Selbstmördern würde dies niemand tun, es sei denn, er ist in Panik. Dass Panik Personen erfasst, deren schulpolitische Positionen zu diesem Schaden geführt haben, ist verständlich.

Irrsinn und Panik sind gleichermaßen schlechte Berater. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein mögen endlich Österreichs Schulpolitik bestimmen!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

12 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Eine Geschichte der Revolte

Die Industriellenvereinigung schlägt vor, einen neuen Fächerkanon zu schaffen und dafür „totes Wissen“ aus den Lehrplänen zu entfernen. […] So sollen Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik und Werken das neue große Fach Science & Technology bilden. Bei der Verschränkung dieser Fächer stünde der Bezug zur Praxis in Wissenschaft und Technik im Vordergrund“, las ich vor wenigen Tagen in der „Presse“. (1)

bigstock-Rusty-Iron-Chains-Broken-With--89607872_blog

Ich habe Chemie studiert, traue es mir aber ganz bestimmt nicht zu, Mathematik, Physik, Biologie, Informatik und Werken auf einem Niveau zu unterrichten, das meinen Ansprüchen auch nur ansatzweise genügt. Aber vielleicht verstehe ich unter Qualität etwas anderes als die Industriellenvereinigung.

Mindestens ebenso beachtenswert finde ich die Forderung nach einem stärkeren „Bezug zur Praxis“. Die Forderung ist so alt wie die Institution Schule selbst. Diese hat nämlich immer schon zwei grundlegende Funktionen zu erfüllen – Enkulturation und Qualifikation.

Schule hat eine Enkulturationsfunktion, indem sie grundlegende Symbolsysteme wie Sprache und Schrift ebenso lehrt wie grundlegende Wertorientierungen. Es geht dabei um die Reproduktion kultureller Fertigkeiten und Verständnisformen der Welt.

Schule hat aber stets auch eine Qualifikationsfunktion. Sie soll jenes Wissen und Können vermitteln, das für die Integration in die Berufswelt erforderlich ist. Derzeit erleben wir durch die Ökonomisierung des Bildungsbegriffs, wie der gesellschaftliche Fokus vor allem auf die Qualifikationsfunktion gerichtet wird, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

Beide Funktionen sind zweifellos wichtig und unverzichtbar. Bildung und Ausbildung müssen gemeinsam Platz in einer Institution haben, deren Name sich vom griechischen Wort für „Muße“ ableitet. „Die Qualität von Bildungseinrichtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Freiheit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel Wissen, wie viel ästhetische Erfahrung, wie viel Nutzloses, ja wie viele – geistige – Seitensprünge sie erlauben. Daran wird eine Schule der Zukunft zu messen sein, nicht an einem vermeintlichen Qualitätsmanagement, einer hochtrabenden Organisationsterminologie, kompetenzorientierten Curricula und fadenscheinigen Testergebnissen.“ (2)

In einem Interview formulierte es Konrad Paul Liessmann so: „Kultur war immer schon definiert, dass in ihr das vermeintlich Überflüssige, das vermeintlich Nutzlose seinen Platz hat und seinen Platz haben darf. Und ich finde es einigermaßen paradox, dass die entwickeltste und reichste Gesellschaft, die es auf dieser Erde je gab, nämlich die westliche wissenschaftlich-technische Zivilisation, dass die glaubt, auf Kultur, auf Kultivierung verzichten zu können. Eine rein durchökonomisierte Gesellschaft mag erfolgreich sein, aber sie wird nichtsdestotrotz barbarisch sein.“ (3)

Doch im ersten Kommentar des neuen Jahres möchte ich optimistisch enden. Auf die Frage, ob Liessmann trotz alledem Grund zur Hoffnung habe, antwortete er: „Aber natürlich, und zwar weil ich glaube, dass man den Menschen bestimmte Grundbedürfnisse nach Bildung, nach Kultivierung, nach dem Schönen, nach Kunst, nach Erkenntnis nicht austreiben kann. Wir halten es als Menschen im Grunde nicht aus, immer nur von einem von anderen uns vorgegebenen Zweck fremdbestimmt zu sein. Der Bildungsprozess, die Bildungsgeschichte war immer auch eine Geschichte der Revolte, der Emanzipation, der Autonomie und der Selbstbehauptung des Menschen, und das wird sich auch nicht ändern.“ (4)

(1) Dominik Perlaki, Industriellenvereinigung will Schulfächer komplett umkrempeln. In: Presse online vom 4. Jänner 2016.

(2) Konrad Paul Liessmann, Schule zwischen Reformzwang und Marktanpassung – Abschied von Bildung? Vortrag gehalten auf einer Veranstaltung der GÖD/FCG am 24. Mai 2012 in Wien.

(3) Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann in den „NZZ Standpunkten“ vom 2. November 2014. Eine dreieinhalbminütige Kurzfassung des Interviews findet man hier, die Langversion (rund 50 Minuten) hier.

(4) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: In memoriam Marian Heitger

Univ.-Prof. Dr. Marian Heitger (Foto privat)

Marian Heitger ist nicht mehr unter uns. Univ.-Prof. Dr. Marian Heitger war sein Leben lang kein „Experte“, sondern ein hochgebildeter Erziehungswissenschaftler. Er war ein Mann, der die Reduktion von Bildung auf ihren ökonomischen Nutzen nicht akzeptierte und daher zum bildungspolitischen „Wirrwarr“ unserer Zeit (s.u.) nicht schweigen konnte und wollte.

Im März 2011 gab Marian Heitger der Zeitung „Die Presse“ (1) ein Interview, aus dem ich heute seiner gedenkend zitieren möchte:

„Ich bin Kritiker dessen, was sich bildungspolitisch tut. Wer bei diesem Wirrwarr an Vorschlägen keinen Schauder empfindet, der soll seine Hände von der Bildung lassen.“

„Wir haben uns ja daran gewöhnt, dass alles, was neu ist, automatisch als besser gilt: Neue Mittelschule, Lehrerbildung neu, neue Curricula, neue Lehrmittel. Doch „neu“ ist noch kein Attribut, das das Bessere auszeichnet.“

„Der Wettkampf darf im Bildungsbereich nicht der einzige Zweck sein. Es geht um Menschenbildung. Es soll kein Kampf aller gegen alle sein. Denn: Konkurrenz ist immer eine Form der Rücksichtslosigkeit, eine Darstellung von Überlegenheit. Die PISA-Studie steigert diesen Konkurrenzkampf.“

„Im Grunde genommen leben wir in einem pädagogischen Kontrollstaat, wie es ihn früher so nie gegeben hat. Wir evaluieren Schüler, Schulen und Lehrer. Die Evaluierungshysterie halte ich für äußerst bedenklich.“

„Wenn ich denken lerne, muss ich argumentieren lernen – und um zu argumentieren, brauche ich Wissen.“

„Aus dem Wissen muss sich ein Gewissen bilden. Dann werden Schüler lernen, mit ihrem Wissen verantwortlich umzugehen.“

Marian Heitger ist nicht mehr unter uns. Sein Verständnis von Bildung wird uns weiterhin Licht im weit verbreiteten Dunkel sein.

(1) Kritik an Schulreform: „Wir leben in einem pädagogischen Kontrollstaat“. In: Presse Online vom 6. März 2011.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Unbekannte Medizin

Angesichts grassierender bildungspolitischer Reformitis wirkt folgende Aussage wie ein entzündungshemmendes Medikament: „Man darf Lehrern nicht das Gefühl geben, dass alles, was sie bislang gemacht haben, Mist war.“ (1) Diese Arznei war leider nicht in Österreich zu bekommen, sondern musste aus Deutschland importiert werden.

In Deutschland reißt jetzt immer mehr Eltern die Geduld. Sie sind nicht mehr bereit, ihre Kinder den Spielchen einer abgehobenen Politik auszusetzen: „Nie zuvor wurde auf Hamburgs Straßen so viel über das Reizthema Schule diskutiert. Und immer geht es um die Frage, ob Schulreformen per Zwangsverfügung und ohne klares Wählermandat einfach so über die Menschen kommen dürfen.“ (Die Zeit, 21. Jänner 2010).

Eltern, denen eine anspruchsvolle Bildung ihrer Kinder ein Anliegen ist, fragen sich empört, wie lange sich die Politik dieses überhebliche „Spiel“ leisten kann, aber auch, wie lange sie sich selbst eine solche Politik leisten können. Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bringt es in seinem jüngsten Buch einmal mehr auf den Punkt: „Am ausgeprägtesten ist die soziale Selektivität des Bildungswesens in Ländern mit öffentlichem Einheitsschulsystem und kostspieligen Privatschulen. Am Ende geben Eltern in England, Frankreich, Japan und in den USA ihre Kinder auf eine Privatschule, sofern sie sich die zehn- bis dreißigtausend Euro Schulgeld pro Kind und Jahr leisten können.“ (2)

Noch ergreifen österreichische Eltern im Vergleich zu denen Hamburgs wenig schulpolitische Initiative. Auf Dauer werden sie sich aber eine Demontage des öffentlichen Schulwesens auf ihre Kosten nicht bieten lassen. Die Politik ist vorgewarnt und darf mit massivem Widerstand rechnen. Die Eltern mit ihren berechtigten Sorgen zu ignorieren lässt diese zuerst auf die Straße gehen und, wenn das nichts mehr hilft, mit ihren Kindern einen weiten Bogen um das öffentliche Schulwesen machen – sofern sie es sich irgendwie leisten können!


(1) Wolfgang Balasus, Realschulleiter, Die Zeit, 21. Jänner 2010.

(2) Josef Kraus, Ist die Bildung noch zu retten?, S. 41.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar