Schlagwort-Archive: Bildung

Eine Geschichte der Revolte

Die Industriellenvereinigung schlägt vor, einen neuen Fächerkanon zu schaffen und dafür „totes Wissen“ aus den Lehrplänen zu entfernen. […] So sollen Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik und Werken das neue große Fach Science & Technology bilden. Bei der Verschränkung dieser Fächer stünde der Bezug zur Praxis in Wissenschaft und Technik im Vordergrund“, las ich vor wenigen Tagen in der „Presse“. (1)

bigstock-Rusty-Iron-Chains-Broken-With--89607872_blog

Ich habe Chemie studiert, traue es mir aber ganz bestimmt nicht zu, Mathematik, Physik, Biologie, Informatik und Werken auf einem Niveau zu unterrichten, das meinen Ansprüchen auch nur ansatzweise genügt. Aber vielleicht verstehe ich unter Qualität etwas anderes als die Industriellenvereinigung.

Mindestens ebenso beachtenswert finde ich die Forderung nach einem stärkeren „Bezug zur Praxis“. Die Forderung ist so alt wie die Institution Schule selbst. Diese hat nämlich immer schon zwei grundlegende Funktionen zu erfüllen – Enkulturation und Qualifikation.

Schule hat eine Enkulturationsfunktion, indem sie grundlegende Symbolsysteme wie Sprache und Schrift ebenso lehrt wie grundlegende Wertorientierungen. Es geht dabei um die Reproduktion kultureller Fertigkeiten und Verständnisformen der Welt.

Schule hat aber stets auch eine Qualifikationsfunktion. Sie soll jenes Wissen und Können vermitteln, das für die Integration in die Berufswelt erforderlich ist. Derzeit erleben wir durch die Ökonomisierung des Bildungsbegriffs, wie der gesellschaftliche Fokus vor allem auf die Qualifikationsfunktion gerichtet wird, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

Beide Funktionen sind zweifellos wichtig und unverzichtbar. Bildung und Ausbildung müssen gemeinsam Platz in einer Institution haben, deren Name sich vom griechischen Wort für „Muße“ ableitet. „Die Qualität von Bildungseinrichtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Freiheit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel Wissen, wie viel ästhetische Erfahrung, wie viel Nutzloses, ja wie viele – geistige – Seitensprünge sie erlauben. Daran wird eine Schule der Zukunft zu messen sein, nicht an einem vermeintlichen Qualitätsmanagement, einer hochtrabenden Organisationsterminologie, kompetenzorientierten Curricula und fadenscheinigen Testergebnissen.“ (2)

In einem Interview formulierte es Konrad Paul Liessmann so: „Kultur war immer schon definiert, dass in ihr das vermeintlich Überflüssige, das vermeintlich Nutzlose seinen Platz hat und seinen Platz haben darf. Und ich finde es einigermaßen paradox, dass die entwickeltste und reichste Gesellschaft, die es auf dieser Erde je gab, nämlich die westliche wissenschaftlich-technische Zivilisation, dass die glaubt, auf Kultur, auf Kultivierung verzichten zu können. Eine rein durchökonomisierte Gesellschaft mag erfolgreich sein, aber sie wird nichtsdestotrotz barbarisch sein.“ (3)

Doch im ersten Kommentar des neuen Jahres möchte ich optimistisch enden. Auf die Frage, ob Liessmann trotz alledem Grund zur Hoffnung habe, antwortete er: „Aber natürlich, und zwar weil ich glaube, dass man den Menschen bestimmte Grundbedürfnisse nach Bildung, nach Kultivierung, nach dem Schönen, nach Kunst, nach Erkenntnis nicht austreiben kann. Wir halten es als Menschen im Grunde nicht aus, immer nur von einem von anderen uns vorgegebenen Zweck fremdbestimmt zu sein. Der Bildungsprozess, die Bildungsgeschichte war immer auch eine Geschichte der Revolte, der Emanzipation, der Autonomie und der Selbstbehauptung des Menschen, und das wird sich auch nicht ändern.“ (4)

(1) Dominik Perlaki, Industriellenvereinigung will Schulfächer komplett umkrempeln. In: Presse online vom 4. Jänner 2016.

(2) Konrad Paul Liessmann, Schule zwischen Reformzwang und Marktanpassung – Abschied von Bildung? Vortrag gehalten auf einer Veranstaltung der GÖD/FCG am 24. Mai 2012 in Wien.

(3) Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann in den „NZZ Standpunkten“ vom 2. November 2014. Eine dreieinhalbminütige Kurzfassung des Interviews findet man hier, die Langversion (rund 50 Minuten) hier.

(4) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Your ticket to change the world

Dieses Posting widme ich „meinen“ Maturaklassen.

Meine Lieben!

Die offizielle Feier ist zwar erst am Mittwoch, aber ihr habt schon alle eure Maturaprüfungen hinter euch. Daher möchte ich mich von euch verabschieden.

Old movie tickets on a white background..

Als ich 1998 an „unserer“ Schule zu unterrichten begonnen habe, bin ich bei einem Interview für die Schulzeitung nach meinem Lieblingszitat gefragt worden. Meine Antwort: „To be perfectly just is an attribute of the divine nature; to be so to the utmost of our abilities, is the glory of man.” (Joseph Addison, englischer Dichter, Politiker und Journalist; 1672-1719) Das sind für mich keine leeren Worte. Es war mir immer ein großes Anliegen, jede und jeden von euch fair und mit Respekt zu behandeln. Sollte mir das nicht immer gelungen sein, bitte ich aufrichtig um Entschuldigung.

Ich wünsche euch die Kraft, drei Dinge zu tun:

Unser aller Zeit ist limitiert. Verschwendet sie nicht dafür, das Leben anderer zu leben! Lasst nicht den Lärm der Meinung anderer eure innere Stimme übertönen, und habt den Mut, eurem Herzen zu folgen und euren eigenen Weg zu gehen!

Seid aktiv! Ihr werdet es nicht einmal merken, dass eure Träume in Erfüllung gehen, wenn ihr das Leben verschlaft. Also, hinaus mit euch! Versucht, eure Träume zu verwirklichen, und bleibt nicht im Warten gefangen! Dabei dürft ihr aber nie vergessen, dass euer Leben hier und jetzt geschieht. Es ist zweifellos wichtig, die Zukunft zu planen, aber in ihr leben kann man nicht. Wichtig ist, was ihr hier und heute tut. „Man muss sich einmal überlegen, was das für eine Form von Selbstverachtung ist, wenn man sich immer sagt: Das, was ich jetzt mache, ist eigentlich vollkommen bedeutungslos, bestenfalls vorläufig, immer überbietbar.“ (2)

Ich habe nicht nur einige Prüfungen abgenommen, sondern auch bei einigen zugehört. Teilweise waren eure Leistungen wirklich hervorragend. Vergesst aber bitte nie, dass ihr nicht durch eure Noten oder Diplome definiert werdet. Sie sagen nichts darüber aus, welche Menschen ihr seid – und ich kann euch nur sagen, jede und jeder von euch ist wunderbar einzigartig. Ihr werdet mir fehlen.

Lasst mich mit einer Bitte schließen: „You are educated. Your certification is in your degree. You may think of it as the ticket to the good life. Let me ask you to think of an alternative. Think of it as your ticket to change the world.“ (3)

Alles Gute! Danke dafür, dass ich euch ein kleines Stück eures Lebensweges begleiten durfte.

Herzliche Grüße

Eckehard Quin

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Judith Hecht, Liessmann: „Die Zukunft ist überbewertet“. In: Presse online vom 27. Juni 2015.

(3) Diese Zitat stammt von Tom Brokaw. Er ist ein US-amerikanischer Journalist, der mehr als zwanzig Jahre hindurch für den Fernsehsender NBC die allabendliche Nachrichtensendung „Nightly News“ moderiert hat.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: Freude an der Leistung

Was ihre schulische Leistung betrifft, werden Kinder heute oft überfordert. Zugleich werden sie im Alltag unterfordert, indem ihnen möglichst wenig zugemutet und zu wenig zugetraut wird.“ (1)

Dieser Befund der „Neuen Zürcher Zeitung“ deckt sich wohl mit den Erfahrungen vieler LehrerInnen. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Allan Guggenbühl mahnt, „dass Jugendliche in einem Zustand der Infantilität behalten werden“. Es bestehe die Gefahr, „dass die Jugendlichen zu spät in die Eigenverantwortlichkeit übergeben werden.“ (2)

Leistung sei durch die 68er-Bewegung ‚zu einem Unwort‘ gemacht worden. Das Vergnügen sei immer mehr in den Vorder- und die Verantwortung in den Hintergrund gerückt“, formuliert es der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Albert Wunsch. Denn: „Die Gesellschaft verstand sich immer mehr als Spaßgesellschaft.“ (3)

In seinem Buch „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“, dessen Lektüre ich Österreichs Schulpolitik dringend empfehle, erinnert der Philosoph Konrad Paul Liessmann an Selbstdisziplin und Übung, die Säulen erfolgreicher Pädagogik, und stellt bedauernd fest: „In einer Zeit, in der die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zu einem Ideal auch der Pädagogik geworden ist, haben diese Begriffe keine Bedeutung mehr.“ (4)

… man wird nicht drumherum kommen, den Jugendlichen klar zu machen: Schule ist nicht was Spielerisches. Man muss lernen, dass es letztlich immer auch um ein Mindestmaß an Leistungs- und Einsatzbereitschaft geht.“ So „reaktionär“ formuliert es der Vorstandsvorsitzende der Voestalpine Wolfgang Eder. (5)

Wer Leistung und Anstrengung zu Missgunst-Vokabeln macht, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft“, brachte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in seinem Referat, zu dem ihn der Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss nach Wien eingeladen hatte, auf den Punkt. (6) Freude an der Leistung ist meines Erachtens nicht nur Voraussetzung für Bildungserfolg, sondern auch ein wichtiger Inhalt von Bildung.

Wir LehrerInnen sind dazu berufen, einer gestrigen Politik entgegenzutreten, die Zukunftschancen unserer SchülerInnen verspielt, indem sie jungen Menschen vorgaukelt, Anstrengung sei nur im Sport gefragt. Denn ohne Anstrengung und Leistung werden diese jungen Menschen, für die wir gemeinsam mit ihren Eltern Verantwortung tragen, unseren heutigen Wohlstand morgen nicht mehr genießen können.

(1) Daniela Kuhn, Die Eltern als beste Freunde des Kindes. In: NZZ online vom 11. Mai 2015.

(2) „Es herrscht eine Kultur des Verlangens“. In: Blick online vom 26. Jänner 2015.

(3) Johann A. Bauer, Wider die Spaßpädagogik. In: Sonntagsblatt online vom 11. Dezember 2014.

(4) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 175f.

(5) Thomas Winkler, voestalpine-Chef fordert von Politik: „Wir brauchen jetzt Entscheidungen“. In: Bezirksrundschau Linz online vom 26. August 2014.

(6) Josef Kraus, Schule von morgen: Darf Selbstverständliches wieder gelten? Referat im Rahmen der B-SGA-Veranstaltung „Was macht Schule gut?“ am 21. November 2013.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Sprung verweigert!

Es war zu befürchten: Der Wiener Bürgermeister hat es am 1. Mai nicht geschafft, über seinen Schatten zu springen!

Gold Fish jumping from one fish bowl to another

Der Tag der Arbeit, 70 Jahre nach Kriegsende, wäre für eine nüchterne und ermutigende Analyse des österreichischen Wegs zu Frieden und Wohlstand und einen daran anschließenden richtungsweisenden Appell ein idealer Zeitpunkt gewesen. Ein idealer Zeitpunkt darauf hinzuweisen,

  • dass wir uns trotz aller Schwierigkeiten, die es zu lösen gilt, in einer Situation befinden, um die wir zu Recht beneidet werden,
  • dass Österreich seit Jahren gemeinsam mit Deutschland EU-weit die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweist – eine Leistung, von der die Gründungsväter dieser 2. Republik wohl nicht einmal geträumt haben,
  • dass bei uns so wenige junge Menschen die Schule ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II verlassen wie in kaum einem anderen Staat der Welt,
  • dass Österreichs Schulwesen dies schafft, obwohl so viele SchülerInnen in einer Sprache unterrichtet werden, die sie außerhalb der Schule nicht sprechen – schwierigste Bedingungen, wie sie weltweit in nur wenigen Staaten zu finden sind,
  • dass es das Bildungswesen war, auf das die Menschen vor 70 Jahren ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gesetzt haben,
  • dass Österreichs Bevölkerung kaufkraftbereinigt um 50 % höhere Nettolöhne bezieht, sich um die Hälfte mehr leisten kann, als dies im EU-Mittel der Fall ist – 70 Jahre, nachdem Österreich in Trümmern lag, und viele dieses Land vor einer erbärmlichen Zukunft sahen,
  • dass unsere Heimat durch den Rohstoff Bildung zum zweitreichsten EU-Staat aufgestiegen ist,
  • dass Österreichs Schulwesen nach zwei Jahrzehnten Ressourcenentzugs aber der akuten Gefahr ausgesetzt ist, in einen ausgehungerten staatlichen und einen privilegierten, von den Eltern selbst finanzierten Teil zu zerfallen, wie dies in etlichen OECD-Staaten geschehen ist,
  • dass die Bildung auch in Zukunft auf die Besten der Besten als LehrerInnen angewiesen ist, und
  • dass solche PädagogInnen nur dann gefunden werden können, wenn sie fair entlohnt, wertgeschätzt und bei ihrer ebenso schwierigen wie wertvollen Arbeit in einem Ausmaß unterstützt werden, wie es in anderen Staaten inzwischen längst der Fall ist.

Hoffentlich ist Österreichs Bundesregierung fähig, wozu der Wiener Bürgermeister nicht fähig war!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Kompetenzorientierungskompetenz

Wird die Schule zur Quasselbude?“, fragt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in einem meiner Meinung nach höchst lesenswerten Artikel mit dem Titel „Der Kompetenz-Fetisch“ (1). Der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann stand Pate für diese Headline, gilt er doch im deutschsprachigen Raum als einer der prominentesten Kritiker dieser via OECD-„Bildungsstudien“ über den großen Teich transportierten Fehlentwicklung.

Competence wooden sign with a street background

Bei einer Tagung der „Gesellschaft für Bildung und Wissenschaft“ (GBW), an der auch ich teilnehmen konnte, setzte sich Liessmann in seinem Referat mit dem „Kompetenzfetischismus“ auseinander, der immer skurrilere Blüten treibt: Auf „stolze 4500 Kompetenzen“ komme der schweizerische „Lehrplan 21“ bereits für die Grundschulen. „Ungeklärt bleibe laut Karl [sic!] Liessmann allerdings oft, wie genau Kompetenzen wie ,lebendige Vorstellungen beim Lesen von Texten entwickeln‘, ,Inhalte zuhörend verstehen‘, ,zu Texten Stellung nehmen‘, ,bei der Beschäftigung mit Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken und Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen‘ abgeprüft werden sollen, wie auch: ,Texte auf Wirkung überprüfen‘ oder ,Lernereignisse präsentieren‘“, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrem Beitrag, der selbst leidenschaftlichste KompetenzfetischistInnen zum Nachdenken anregen sollte. (2)

… seine Wiener Universität habe, um die Kompetenzorientierung in der Lehrerausbildung zu forcieren, eigens eine Expertengruppe eingerichtet. Zentral sei in der Wiener Lehrerausbildung nun die Aneignung von etwa 30 Kernkompetenzen wie zum Beispiel der Innovationskompetenz, der Reflexionskompetenz, der Prüfungskompetenz, des Durchhaltevermögens oder gar der Kompetenzorientierungskompetenz. Das letzte war kein Scherz. Die Aneignung von Fachkompetenz (vormals: ,Wissen‘) nehme nur noch einen erschreckend niedrigen Stellenwert ein, sagte Liessmann.“ (3)

Ein Blick auf die VWA-Beurteilungsbögen, in denen Leistungen in ihre Atome zerlegt werden, um sie „objektiviert“ und „kompetenzorientiert“ bewerten zu lassen, und manch Skurrilität lassen in mir den Verdacht aufkommen, dass selbst die Kompetenz von „ExpertInnen“ ihre Grenzen kennt.

Dunkel erinnere ich mich ans finstere 20. Jahrhundert, in dem die Leistungen junger Menschen ganzheitlich betrachtet und bewertet werden sollten. Im Ernst: Hätte ich als Junglehrer beurteilt, wie es jetzt „von oben“ gewünscht wird, wäre ich wohl nicht lange Lehrer gewesen. Meine Landesschulinspektorin hätte mir das erforderliche pädagogische Verständnis abgesprochen.

Die FAZ drückt aus, was ich empfinde: „Im Kern steht die Sorge, ob die reformierte Schule besser in der Lage sein wird, Individuen hervorzubringen. Oder eher Abiturienten, die über Produktionskompetenzen verfügen.“ (4)

(1) Klara Keutel und Jan Grossarth, Der Kompetenz-Fetisch. In: FAZ online vom 18. Februar 2015.

(2) a.a.O.

(3) a.a.O.

(4) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

10 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Kein Arsenal, sondern ein Horizont

Der Schweizer Pädagoge Roland Reichenbach, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, ließ vor einigen Tagen mit einem Interview im „Standard“ aufhorchen. Auf die kürzlich in Deutschland entflammte Debatte, ob die Schule ausreichend auf „das Leben“ vorbereite, merkte Reichenbach kritisch an: „Das sogenannte Leben hat einen sehr guten Ruf, die sogenannte Schule weniger. Die pädagogische Forderung nach „Lebensnähe“ der Schule bleibt unkritisch bejaht.“ (1)

Near Space photography - 20km above ground / real photo

Selbstverständlich ist der Kanon an Inhalten und Fertigkeiten, die Schule vermitteln soll, nicht in Stein gemeißelt, sondern in laufender Veränderung. Wer aber Bildung auf den Aspekt der Nützlichkeit und Anwendbarkeit reduziert, darf sich nicht wundern, wenn der Mensch zur Humanressource degeneriert. Lassen Sie mich Konrad Paul Liessmann und Julian Nida-Rümelin zitieren:

  • Wer sich nur dem widmet, was er unmittelbar benötigt, wer sich immer nur an Brauchbarkeit und an Verwertbarkeit orientiert, wird letztlich beschränkt bleiben.“ (2)
  • Die humanistische Bildungstradition seit Platon legt Wert darauf, dass Bildung ein Selbstzweck sei, dass sich Bildung nicht erst als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke rechtfertigt. Im Zentrum des Humanismus steht daher die Persönlichkeitsbildung (nicht Macht, Reichtum, Sieg etc.).“ (3)

Reichenbach, der sich seit Jahren mit Bildung im Fernen Osten beschäftigt, weist auf einen grundlegenden Unterschied in der Wertschätzung für Bildung und damit im Ansehen der LehrerInnen hin: „Der Lehrer und die Lehrerin – auf allen Schulstufen – genießen gerade in Südkorea, das sehr konfuzianisch geprägt ist, eine hohe gesellschaftliche Anerkennung, gerade weil die Schule eine hohe gesellschaftliche Anerkennung erfährt und nicht als notwendiges Übel gegen das sogenannte Leben positioniert wird.“ (4)

Bildung, so zitiert Professor Reichenbach Hans Blumenberg „ist kein Arsenal, sondern ein Horizont. Mit einem Horizont können Sie nichts anfangen. Es geht bei dieser Metapher um Einsicht in die Dinge und die Welt. Und es ist immer gut, wenn Menschen einen „weiten Horizont“ haben, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen können, nicht nur aus jener des unmittelbaren Nutzens.“ (5)

Die Politik, gerade auch die Wirtschaftspolitik, muss die akuten Krisen mit weitem Horizont und aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen. Gebildete Persönlichkeiten werden Europa hoffentlich vor Perspektivlosigkeit bewahren können!

(1) Lisa Nimmervoll, Schweizer Pädagoge: „Die Reformitis ist eine globale Entzündung“. In: Standard online vom 13. Jänner 2015.

(2) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 41.

(3) Julian Nida-Rümelin, Der Akademisierungswahn (edition Körber-Stiftung 2014), S. 48.

(4) Nimmervoll, Reformitis.

(5) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Schöne neue Bildungswelt

An Juvenals „difficile est saturam non scribere“ erinnerte mich ein Kommentar Rudolf Öllers mit dem vielsagenden Titel „Die Bildungsbegrenzungsverordnung“. Er zeichnet ein völlig verrücktes Szenario, was aber nicht heißen soll, dass es völlig realitätsfern ist.

Dark abstract concrete interior. Man stands in the light of opening.

Die „Bildungsstaatsanwaltschaft“ verfolgt in dieser düsteren Vision Vergehen wie das illegale Betrachten von naturwissenschaftlichen Dokumentationen und Verbrechen wie das illegale Unterrichten der Infinitesimalrechnung.

Manch‘ LeserIn wird Öllers Zukunftsszenario für maßlos übertrieben halten, vielleicht auch als Panikmache zur Seite schieben wollen. Das taten wohl auch viele, als sie dereinst Orwells Roman „1984“ gelesen hatten. Mittlerweile sind Orwells düstere Prognosen nicht nur dank NSA in manchen Bereichen von der Realität übertroffen worden.

Zurück zur „Bildungsbegrenzungsverordnung“: Ziel „fortschrittlicher“ Bildungspolitik ist es, Chancengleichheit in erster Linie durch „Chancenbegrenzung“ zu erreichen. Kinder sollen möglichst früh und möglichst lang dem Einfluss ihrer Eltern entzogen werden. Die schöne neue „hausübungsfreie“ Welt wird gelebt. Eltern sollen in ihrer „Freizeit“ gemeinsam mit ihren Kindern der Spaß- und Konsumgesellschaft huldigen: vom Freizeitpark in den Shoppingtempel und abends ab vor das Pay-TV-Gerät. Das kurbelt den Konsum an und belebt die Wirtschaft.

Eltern, die mit ihren Kindern das Einmaleins üben oder gar Vokabel wiederholen, wird von der „ExpertInnen“-Propaganda das schlechte Gewissen vermittelt, sie seien schuld, wenn sich MitschülerInnen aus bildungsferneren Familien schlecht fühlen. „Gute“ Eltern wünschen sich Kinder, die ganztagsschulbetreut um 18:00 Uhr lächelnd und hausübungsfrei im trauten Heim erscheinen, um sich schulstressfrei der Nutella-Familienidylle hingeben zu können.

Dass weder die Ganztagsschule noch die Gesamtschule – Österreichs „BildungsexpertInnen“ verwechseln die Begriffe aus Einfalt oder Absicht noch immer – mehrheitsfähig sind, kümmert eine „fortschrittliche“ Bildungspolitik wenig. Wer Widerstand leistet, wird zwangsbeglückt. Völlig verrückt, aber leider gar nicht realitätsfern!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar