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Gerhard Riegler: Peinlich?

Nachdem die OECD am Aschermittwoch die weiß ich wievielte Publikation zu PISA 2012 veröffentlicht hatte, ergoss sich ein Schwall an Pressemeldungen aus Österreichs Politetagen. Manche haben vielleicht wirklich geglaubt, es seien neue PISA-Ergebnisse veröffentlicht worden. Eckehard Quin (1) und ich (2) haben dieses für Österreichs Schulpolitik blamable Vorgehen kommentiert.

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Am Dienstag dieser Woche ist tatsächlich eine neue Studie erschienen: die HBSC-Studie Nr. 7 („Health Behaviour in School-Aged Children Study“) der Weltgesundheitsorganisation WHO. (3) Zu ihr war aber bisher aus denselben Politbüros nur Schweigen zu vernehmen. Hat man aus der Aschermittwoch-Blamage gelernt, Publikationen zu lesen, bevor man sie interpretiert? Es wäre ein erfreulicher Kompetenzzuwachs! Liest man aber an den knapp 300 Seiten wirklich noch immer? Oder sind manchen die Ergebnisse dieser WHO-Studie peinlich?

Ist es ihnen peinlich, dass Österreich zu den Staaten gehört, in denen sich die wenigsten SchülerInnen von der Schule belastet fühlen? Wollen sie nicht lesen, dass es in Finnland bei den 11-Jährigen drei Mal so viele sind wie in Österreich? Soll die österreichische Bevölkerung, die sich ohnehin mit aller Entschlossenheit gegen „Modellregionen“ wehrt, das nicht erfahren?

Oder schämt man sich im Ministerium, dass man noch immer keine erfolgreichen Maßnahmen gegen Gewalt unter SchülerInnen gesetzt hat? Einmal mehr gehört nämlich Österreich zu den Staaten, in denen die 11- bis 15-Jährigen Bullying unter SchülerInnen als häufiges Problem nennen. Welche Langzeitfolgen sich für die Betroffenen – für Opfer wie für TäterInnen – daraus ergeben können, könnte die Unterrichtsministerin in vielen bildungswissenschaftlichen Studien nachlesen, würde sie sich dafür Zeit nehmen. Mehr als peinlich ist es ohne Zweifel, was in Österreich unter dem Titel „Schulpolitik“ läuft!

Überhaupt nicht peinlich ist mir aber, dass wir von der WHO einmal mehr bestätigt bekommen, wie weit Österreichs „BildungsexpertInnen“ mit ihren Aussagen von der Wirklichkeit entfernt sind. Mit Freude lese ich in der am Dienstag präsentierten HBSC-Studie, dass Österreich bei den 11-Jährigen, „who like school a lot“, unter den 42 teilnehmenden Staaten den fünften Platz belegt. Dass Finnland nur den 41. und damit vorletzten Platz erreichte, scheint die Gesamtschulpropaganda zum Verstummen gebracht zu haben. Hoffentlich nachhaltig! Denn sie lähmt und verhindert dringend erforderliche Schulentwicklungsmaßnahmen.

Österreichs Schulwesen verdient ehrliche Politik statt Propaganda, die behauptet, was nicht ist, und zu vertuschen versucht, wo sich Österreichs Schulwesen auszeichnet und wo es dringenden Handlungsbedarf gibt. Es wäre höchst an der Zeit dafür.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2015.

(2) Gerhard Riegler, Vorurteile. In: QUINtessenzen vom 20. Februar 2015.

(3) Growing up unequal: gender and socioeconomic differences in young people’s health and well-being. Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC) Study: International Report from the 2013/2014 Survey.

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Gerhard Riegler: … frei von Stereotypen und Rollenbildern

Rollenbilder und Stereotype schränken uns alle ein.“ Mit diesen Worten beginnt eine Presseaussendung von BM Heinisch-Hosek. Allerdings dürfte die Bildungsministerin diese Erkenntnis und die aus ihr zu gewinnende Haltung noch nicht verinnerlicht haben, denn nachhaltig „frei von Stereotypen und Rollenbildern“ scheint sie leider nicht zu sein. (1)

bigstock-A-metal-toggle-switch-with-pla-17623520_blogBei einer internationalen Bildungskonferenz im Klagenfurter Konzerthaus distanzierte sie sich zwar von der NMS-Jubelpropaganda ihrer Vorgängerin und gestand, dass die Neue Mittelschule „nach wie vor Anlaufschwierigkeiten“ hat, fiel aber dann in alte Stereotype und Rollenbilder zurück: Schuld an den Problemen der NMS seien, so dozierte die Bildungsministerin, die Gymnasien, die durch „Ausleseverfahren“ bewirkten, dass sich „schwierige Kinder, mit Migrationshintergrund oder soziökonomischen [sic!] Schwierigkeiten,“ in den NMS sammeln. (2)

Diese Aussage von BM Heinisch-Hosek beweist, dass der Weg zur leider auch von ihr angestrebten Gesamtschule offenbar mit massiven Vorurteilen gepflastert ist:

  • Ich vermute einmal, dass BM Heinisch-Hosek das, was sie damit zum Ausdruck bringt, eigentlich gar nicht zum Ausdruck bringen möchte. Die Botschaft der Bildungsministerin ist aber eindeutig: Kinder mit Migrationshintergrund und aus Familien mit niedrigem Einkommen sind schwierige Kinder. Eine starke Aussage für eine sozialdemokratische Politikerin!
  • Ein Blick in die Statistik ihres eigenen Ressorts hätte der Ministerin gezeigt, dass z. B. in Wien im vorigen Schuljahr 33,5 Prozent der SchülerInnen der AHS-Unterstufe Deutsch nicht als Umgangssprache hatten. Dass dieser Wert in vielen Wiener Gymnasien bei über 50 Prozent liegt, ist der zuständigen Ministerin entweder gänzlich unbekannt oder wird von ihr bewusst verschwiegen.

Wer durch die ideologische Brille schaut, übersieht offensichtlich, wo soziale Selektion im Bildungswesen tatsächlich stattfindet, nämlich in Ländern mit staatlichen Gesamtschulen. Dort versammeln sich die unterprivilegierten SchülerInnen tatsächlich in Eintopfschulen, während die Begüterten ihren Sprösslingen in sündteuren Privatinstituten einen uneinholbaren Bildungsvorsprung sichern.

Ich hoffe, dass sich BM Heinisch-Hosek möglichst bald aus der Rolle ihrer gescheiterten Vorgängerin befreit und sich ein Bild von der Wirklichkeit macht. Gerne stelle ich ihr dafür Fakten zur Verfügung – im persönlichen Austausch oder in aller Öffentlichkeit:

  1. In England, a child’s socio-economic status is the best predictor of their educational attainment.“ (3)
  2. In keinem anderen OECD-Staat bestimmt der finanzielle Hintergrund des Elternhauses den Schulerfolg dermaßen wie in Frankreich. (4)
  3. Bei den vor eineinhalb Wochen präsentierten PISA-Ergebnissen zum Problemlösen blieben 15-Jährige, die im Ausland geboren sind, in keinem anderen OECD-Staat derart weit auf einheimische zurück wie in Finnland. (5)

Rollenbilder und Stereotype schränken ein, Frau Bundesminister! Unsere SchülerInnen verdienen eine faktenbasierte Politik – unabhängig davon, ob sie Ayse, Ibrahim oder Irene heißen. Gönnen wir sie ihnen!

(1) Heinisch-Hosek: „Mädchen und junge Frauen motivieren, selbstbestimmt ihren Weg zu gehen – frei von Stereotypen und Rollenbildern“. OTS-Aussendung vom 9. April 2014.

(2) Anlaufschwierigkeiten für Neue Mittelschule. In: ORF online vom 31. März 2014.

(3) Loic Menzies, Educational Aspirations: How English schools can work with parents to keep them on track (Jänner 2013), S. 2.

(4) Raphaela Schlicht-Schmälzle und Kathrin Ackermann, Logics of Educational Stratification: A Cross-National Map of Educational Inequality (2012), S. 7.

(5) OECD (Hrsg.), PISA 2012 Results: Creative Problem Solving (2014), S. 209.

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Gerhard Riegler: Mit der Unbekümmertheit eines Ahnungslosen

Wenn ein Milliardär nach Revolution ruft, denkt man unwillkürlich an Frank Stronach. Doch während dieser in Kanada seine politischen Ambitionen wohl endgültig auf Eis legt, ruft Georg Kapsch, seit 2012 Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, für Österreich die bildungspolitische Revolution aus und fordert u. a. die Ganztags- und Gesamtschule. (1)

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Als Begründung für seinen Ruf nach einer Bildungsrevolution stellt Kapsch eine Reihe von Behauptungen auf, die dem „reality check“ aber nicht annähernd standhalten. Aus Platzgründen nur drei Beispiele dazu:

Kapsch-Behauptung 1: „Wir haben unzufriedene Schülerinnen und Schüler.

Fakt ist: Was die HBSC-Studien der Weltgesundheitsorganisation immer wieder belegen, zeigt auch PISA 2012: die hohe Zufriedenheit unserer SchülerInnen mit ihrer Schule. 82 % unserer SchülerInnen erklären sich mit ihrer Schule zufrieden, 77 % stellen ihr sogar die Beurteilung „Things are ideal in my school“ aus. Damit liegt Österreich weit vor Finnland (51 %) oder Italien (32 %), den Lieblingsländern der österreichischen GesamtschulanhängerInnen. (2)

Kapsch-Behauptung 2: „Das österreichische Bildungssystem ist um ein Drittel teurer als im OECD-Durchschnitt.

Fakt ist: Gemessen am BIP liegt Österreich mit seinen Ausgaben für das Schulwesen (3,6 %) nicht nur weit hinter Norwegen (5,1 %), Dänemark (4,8 %) und auch Finnland (4,1 %), sondern sogar unter dem OECD-Durchschnitt (4,0 %). (3)

Kapsch-Behauptung 3: „Die PISA-Tests sind unterdurchschnittlich.“ (Anm.: Ich denke, der Herr Präsident will damit behaupten, dass Österreich beim PISA-Test im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich abschneidet, und keine Kritik am PISA-Test an sich artikulieren.)

Fakt ist: Unter 65 Volkswirtschaften, die an PISA 2012 teilgenommen haben, belegt Österreich die Plätze 18 (Mathematik), 23 (Naturwissenschaften) und 27 (Lesekompetenz). Nach Kapsch’scher Lesart ist dies unterdurchschnittlich. Wie bewertet der Herr IV-Präsident dann die Ergebnisse der fünf Gesamtschulstaaten aus dem hohen Norden Europas, von denen vier (alle bis auf Finnland) schlechter abgeschnitten haben als Österreich? Um dies zu erfahren, hätte Kapsch nicht einmal eine OECD-Publikation zur Hand nehmen müssen. Das hätte er vor fünf Wochen sogar diversen Tageszeitungen entnehmen können.

Je weniger Ahnung jemand hat, desto mehr Spektakel macht er und ein desto höheres Gehalt verlangt er“, hat Mark Twain einst geschrieben. (4) Was Spektakel und Gehalt anbelangt, trifft der Spruch auf den IV-Präsidenten zweifellos zu. Was die Ahnungslosigkeit betrifft, überlasse ich die Beurteilung der geschätzten Leserschaft.

(1) Othmar Pruckner, „Wir brauchen Revolution!“ In: Format online vom 7. Jänner 2014.

(2) OECD (Hrsg.), Ready To Learn: Students’ Engagement, Drive And Self-Beliefs (2013), Seite 251.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2013: OECD Indicators (2013), Seite 184.

(4) „… the less a man knows the bigger the noise he makes and the higher the salary he commands.” Mark Twain, How I Edited an Agricultural Paper, S. 68. In: Mark Twain, Editorial Wild Oats (New York, London 1906), 52-69.

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Geld oder Leistung

Ich finde es gut, wenn die 8-jährige Langform des Gymnasiums erhalten bleibt.“ Die Zustimmung zu dieser Aussage ist unter den wahlberechtigten Österreichern (1) mehr als doppelt so hoch wie die Ablehnung. (2)

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Zu diesem Ergebnis kommt eine vom „Standard“ in Auftrag gegebene Umfrage des Market-Instituts – und die Blattlinie des „Standard“ kann man wohl kaum als gesamtschulfeindlich charakterisieren. Die genauere Analyse ergibt, dass sich „sogar unter SPÖ-Wählern […] eine relative Mehrheit dafür“ findet – „und damit für eine Absage an die Gesamtschule.“ Selbst die Anhänger der Grünen sind „mit einer sehr schwachen relativen Mehrheit für das Gymnasium“. (3)

Davon hebt sich deutlich ab, was ich vor wenigen Tagen gelesen habe. Die „rote“ Schülerorganisation fordert die Gesamtschule mit folgenden Worten: „Die Leistung von jungen Schülerinnen und Schülern hängt nach wie vor nicht von den Begabungen der Kinder ab, sondern vom Geldbeutel der Eltern. […] Das Gymnasium in seiner jetzigen Form und auch mit zusätzlichen Aufnahmetests fördert nur eine Elite, die das Geld hat sich das zu leisten und alle anderen fallen unter den Tisch.“ (4) Und der Grüne Bildungssprecher sieht „durch das absurde Aussortieren“ von Zehnjährigen überhaupt „die pädagogische Steinzeit“ am Horizont heraufziehen. Mit der Forderung nach einer AHS für Leistungsstarke „wäre der Zugang nur noch für Kinder aus gutbürgerlichen Haushalten gewährleistet, die durch massive privat finanzierte Nachhilfe ihrem Kind einen Zugang zum Gymnasium ermöglichen würden“. (5)

Es ist zweifellos richtig, dass der Schulerfolg in beträchtlichem Maß vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängt – und zwar in allen Staaten der Welt. In keinem Teilnehmerland am „Erwachsenen-PISA“ PIAAC (6) hängt die Lesekompetenz jedoch derart stark vom sozioökonomischen Hintergrund ab wie in den USA, einem Gesamtschul-Urgestein. Europas traditionsreiche Gesamtschulstaaten Frankreich, England und Italien folgen auf den Plätzen. Aber auch in Finnland, dem Liebling der Gesamtschulapologeten, ist diese Abhängigkeit größer als in Österreich. (7)

Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Differenzierung erfolgt nach Leistung oder nach Geld. Wird auf Leistung gesetzt, haben in einem qualitativ hochwertigen, staatlich finanzierten Schulwesen auch Kinder aus unterprivilegierten Verhältnissen eine reelle Chance auf bestmögliche Bildung. Führt man ein staatliches Gesamtschulwesen ein, bringen die Reichen – koste es, was es wolle – ihre Kinder in exklusiven Privatschulen unter, was alle Gesamtschulländer mit langer Tradition beweisen. Mir ist es daher nach wie vor unverständlich, dass Politiker, die in Sonntagsreden ständig von sozialer Gerechtigkeit reden, ein derart unsoziales System fordern können.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Der Aussage stimmen 59 % der wahlberechtigten Österreicher zu. Lediglich 27 % tun das nicht. Die restlichen Befragten machten keine Angaben. Siehe Conrad Seidl, Umfrage: Mehrheit will Ehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle. In: Standard online vom 3. November 2013. Die Grafik findet man hier.

(3) a.a.O.

(4) Presseaussendung der AKS vom 7. November 2013.

(5) Presseaussendung der Grünen vom 7. November 2013.

(6) PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“.

(7) OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 117.

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Aurea prima sata est aetas …

Jeder (1), der früher ein Gymnasium besucht hat, kennt diese Worte aus den „Metamorphosen“ Ovids, der das erste Weltzeitalter als das goldene beschreibt. Aber ist die „gute alte Zeit“ wirklich so gut gewesen?

bigstock-Northern-Deer-37307023_blogIch gehöre definitiv nicht zu den Personen, die meinen, alles würde schlechter. (2) Ich bin aber ebenso felsenfest davon überzeugt, dass etwas Neues nicht per se besser ist als das Alte.

Finnland wird von den Gesamtschulapologeten gerne als das Gelobte Land dargestellt. Die gemeinsame Schule der 10- bis 14-, 15- oder gar 18-Jährigen wäre die einzige Möglichkeit, unser sozial ach so selektives Schulsystem zu verbessern.

Im „Erwachsenen-PISA“, der OECD-Studie namens PIAAC (3), deren Ergebnisse vor eineinhalb Wochen erstmals präsentiert worden sind, findet man dazu interessante Daten. PIAAC setzt in altbewährter OECD-Tradition vom Probanden erbrachte Leistungen mit dem höchsten Bildungsabschluss seiner Eltern in Korrelation. Daraus ergibt sich ein „slope of the socio-economic gradient“. Je höher der Wert, umso stärker hängt die bei der Testung erbrachte Leistung vom sozio-ökonomischen Hintergrund der Testperson ab – oder wertend ausgedrückt, wie es die OECD so gerne tut, umso „ungerechter“ ist ein Bildungssystem. Zur Überraschung aller, die die PISA-Studien und ihre „Interpretationen“ durch Ideologen im Expertengewand ernstgenommen haben, zeigt jetzt die OECD-Studie PIAAC, dass der „Slope“ Finnlands über dem Österreichs liegt, dass also Finnlands Bildungssystem im Sinne der OECD ungerechter ist.

Dieser „Slope“ beträgt bei der Lesekompetenz der 16- bis 24-jährigen Finnen 21,3, bei den 45- bis 65-Jährigen allerdings nur 16,4. Die meisten der Letzteren haben die finnische Schule besucht, als diese noch keine „gemeinsame“, sondern eine differenzierte gewesen ist. Die Abhängigkeit der Leistungen vom sozio-ökonomischen Hintergrund hat sich in Finnland seit der Einführung der Gesamtschule also massiv erhöht! (4)

Im hohen Norden ist das „goldene Zeitalter“ der Schule Geschichte. Hoffen wir für Österreich, dass die „hohe Politik“ nicht denselben Fehler begeht. Bei manchen politisch Verantwortlichen muss ich nämlich an das „eiserne Zeitalter“ denken, über das Ovid schreibt: „fugere pudor verumque fidesque; in quorum subiere locum fraudesque dolusque insidiaeque et vis et amor sceleratus habendi.“ (5) Vor einer Ehrenbeleidigungsklage fühle ich mich sicher, denn die, an die ich dabei in erster Linie denke, verstehen das ohnehin nicht. 😉

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe dazu etwa mein Posting „Reif“ vom 27. Juni 2013.

(3) PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“.

(4) OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 283f.

(5) „Es flohen Schamgefühl, Wahrheit und Treue; an deren Stelle traten sowohl Betrug als auch Hinterlist, Hinterhalt, Gewalt und vor allem die verbrecherische Habsucht.“

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Frontal finnisch

Wenn „Experten“ (1) vom finnischen Schulsystem schwärmen, „vergessen“ sie penetrant zwei Bereiche – einen wohl aus Ignoranz, den anderen wahrscheinlich aus ideologisch motivierter Absicht:

  • Finnische Kinder lesen beim Fernsehen, und zwar nicht, weil sie begeisterte „Multi-Tasker“ wären, sondern zwangsweise. Die US-Massenware an mehr oder weniger dümmlichen TV-Serien wird in Finnland nämlich nicht synchronisiert, sondern mit finnischen Untertiteln versehen.
  • Finnische Lehrer sind Weltmeister im „Frontalunterricht“.

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Allein das Wort „frontal“ löst bei vielen kalte Schauer aus, kommt es doch in der Alltagssprache häufig in negativem Zusammenhang vor (Frontalzusammenstoß, Frontalangriff etc.). Seit den Sechzigerjahren kursiert der Begriff, der von Haus aus darauf angelegt war, der Gruppenarbeit ein Monopol auf pädagogische Fortschrittlichkeit und Sinnhaftigkeit zu sichern. (2) Ich bevorzuge daher seit langem den nicht pejorativen Begriff „direkte Instruktion“.

Auch hierzulande ist die direkte Instruktion seit Jahrzehnten verpönt. Insbesondere in der Aus- und Fortbildung werden alle möglichen anderen didaktischen Konzepte gepriesen. „Das Image des Frontalunterrichts ist so schlecht, dass Lehrer nur mit schlechtem Gewissen auf diese Weise Stoff vermitteln“, stellt der Bildungsökonom Guido Schwerdt vom Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo fest. (3)

Guido Schwerdt hat sich zusammen mit seiner Kollegin Amelie Wuppermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf ideologisch spiegelglattes Parkett gewagt und „den Frontalunterricht rehabilitiert“. In einer groß angelegten Analyse wurde nachgewiesen, „dass Schüler in Tests umso besser abschneiden, je mehr Zeit der Lehrer für die frontale Vermittlung des Stoffs aufgewendet hat“. (4) Die Neue Zürcher Zeitung zitiert Guido Schwerdt weiter: „Wenden Lehrer nur 10 Prozent mehr Zeit für Frontalunterricht auf, zeigen die Schüler einen Leistungsvorsprung, der einem Wissenszuwachs von 1 bis 2 Monaten Schulbildung entspricht.

Die Analyse räumte auch mit einer weiteren Mär auf: „Mehr Frontalunterricht verbessert die schulische Leistung sowohl von schwächeren als auch von begabteren Schülern.“ Endgültig schwarz vor Augen wird manchem Schreibtisch-„Experten“ wohl bei der Lektüre des folgenden Satzes: „Von den modernen Ansätzen profitierten vor allem die Schüler aus bildungsnahen Gesellschaftsschichten.“ Die direkte Instruktion verhilft also besonders Kindern mit benachteiligendem sozio-ökonomischen Hintergrund zu besseren Lernerfolgen. (5)

Im Gegensatz zu den „Experten“ wundern uns Lehrer diese Erkenntnisse wohl wenig. Wir haben längst erkannt, dass ein sinnvoller Methodenmix, angepasst an die jeweilige Klasse, den optimalen Lernerfolg sichert.

Wir werden Finnland nicht blind hinterherlaufen, beim Unterricht Marke „brutal frontal“ ebenso wenig wie bei der Gesamtschule. Für sinnvoll eingesetzte direkte Instruktion genieren müssen wir Lehrer uns aber sicher nicht.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) „Wiechmann (2000) hat den Ursprung des Worts „Frontalunterricht“ auf einen Aufsatztitel von Petersen und Petersen (1954) zurückverfolgen können; seit den 1960ern wurde der Ausdruck wie selbstverständlich benutzt, zumeist in pejorativer Absicht, um die favorisierte Gruppenarbeit davon abzuheben. Obwohl der Frontalunterricht der am meisten verwendete Unterrichtsstil im Schulalltag ist, ist er ein Stiefkind der wissenschaftlichen Didaktik.“ Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Klassenunterricht.

(3) Zit. n. Katharina Bracher, Eintrichtern ist besser. In: NZZ am Sonntag vom 6. Jänner 2013, S. 53.

(4) a.a.O.

(5) a.a.O.

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Gerhard Riegler: Hampelmänner und Hampelfrauen

Österreich brauche eine „Finnlandisierung“, so die Parole des Dr. Hannes Androsch, die das Finale seines mit großem Aufwand betriebenen Werbefeldzuges prägte.

Fordert der vormalige Kreisky-Kronprinz und nunmehrige Salzbaron damit vom ORF, analog zum finnischen Fernsehen amerikanische Filme und Fernsehserien nur mehr in Originalsprache mit deutschen Untertiteln zu senden, um so die Lesekompetenz von Fernsehkonsumenten zu erhöhen?

Nein, Österreichs Bildungs„volks“begehrer meint damit natürlich nur seinen Gesamtschul-Fetisch, mit dem er Österreich beglücken will. Österreichs Bevölkerung soll also „begehren“,

  • dass unsere SchülerInnen die Schule ebenso ablehnen, wie dies Finnlands SchülerInnen tun,
  • dass auch in Österreich mehr SchülerInnen bloß einen Pflichtschulabschluss schaffen oder nicht einmal den und
  • dass sich in Österreich die Anzahl arbeitsloser Jugendlicher verdreifacht?

Bei der Fragestellung, ob sich SchülerInnen in der Schule sehr wohl fühlen, belegt Österreich laut WHO (1) bei den 11-Jährigen den fünften Rang, Finnland den 38. und damit viertletzten unter allen bewerteten Staaten.

Um Finnlands Dropoutquote zu erreichen, müsste Österreichs Schulwesen 14 Prozent mehr SchülerInnen ohne Abschluss einer weiterführenden Schule aus dem System fallen lassen.

Wer eine „Finnlandisierung“ der Jugendarbeitslosigkeit fordert, muss die Österreichs verdreifachen: Österreich hat 7,1 % arbeitslose Jugendliche, Finnland erschreckende 20,4 %.

Ich bin bei Jochen Krautz, dessen Buch „Ware Bildung“ ich Sehschwachen dringend als Medizin empfehle: Hinter den Schlagwörtern und der Propaganda der grassierenden Bildungsreformitis steckt eine weltweit agierende Finanzlobby, die Bildung als Milliardenmarkt für ihre Zwecke entdeckt hat. In Zeiten, in denen immer mehr Wertpapiere zu wertlosem Papier verkommen, könnte es für so manchen höchst lukrativ sein, das öffentliche Bildungswesen in den Abgrund zu manövrieren, um als Betreiber sündteurer Privatinstitute große Profite zu machen. Und endlich könnte „die Wirtschaft“ vorschreiben, welche Lehrinhalte wertvoll sind und welche auf die Halde überkommener Bildungsideale gehören. Und einen gewinnmaximierenden Arbeitgeber stört es auch nicht, wenn viele junge Menschen um ihren Arbeitsplatz zittern und sich billig verkaufen müssen.

Eine Bildungsministerin, die aus dem Vorstand einer in den Ruin geführten Bank ans Steuerruder unseres Schulwesens gehievt wird, und ein beinharter Großkapitalist als Bildungs„volks“begehrer passen ebenso ins erschreckende Bild wie eine OECD, die ohne jede Legitimation über ihre PISA-Studie bereits heute vorgibt, was unter Bildung zu verstehen ist. BildungsministerInnen werden so zu Hampelmännern und Hampelfrauen degradiert.

(1) HBSC-Studie 2008

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