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Gerhard Riegler: Die halbe Wahrheit

Es gibt verschiedene Parameter, anhand derer man die Qualität eines Schulwesens messen kann. Einer der wichtigsten ist meines Erachtens die Anzahl der SchulabbrecherInnen, also die Quote jener jungen Menschen, die das Schulwesen verlassen, ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht zu haben.

Frühe Bildungsabbrecherinnen und -abbrecher sind in ihrem persönlichen und beruflichen Fortkommen massiv beeinträchtigt. […] Ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem System ohne ausreichende Qualifikationen schafft persönliche Perspektivenlosigkeit, verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten im Bildungssystem und gefährdet die gesellschaftliche Stabilität.“ (1)

Dieser Aussage, die in einer Publikation der Industriellenvereinigung zu lesen ist, stimme ich ebenso zu wie der folgenden: „Rund 49.000 junge Menschen zwischen 18 bis 24 – das sind 7 Prozent der entsprechenden Alterskohorte – zählten im Jahr 2014 zu sogenannten „Early School Leavern“ [sic!].“ (2)

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Was der Industriellenvereinigung keine Erwähnung wert ist, möchte ich ergänzen – den internationalen Vergleich und damit die Bewertung dieser Tatsache:

  • Österreich gehört mit seiner Schulabbrecherquote von 7,3 % zu den EU-Staaten mit den wenigsten 18- bis 24-Jährigen, die keinen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreichen. Der EU-Mittelwert liegt mit 11,0 % immerhin um die Hälfte über dem Österreichs. (3) In Südtirol, wohin sich unsere Unterrichtsministerin vor einer Woche auf der Suche nach einem schulpolitischen Vorbild verirrt hat, verlassen sogar fast doppelt so viele junge Menschen (13,1 %) erfolglos das Schulwesen. (4)
  • Österreichs Schulwesen und seinen LehrerInnen gelingt dieser so wichtige Erfolg trotz Rahmenbedingungen, die nicht mit dem internationalen Durchschnitt mithalten können, und trotz einer integrationspolitischen Herausforderung, die europaweit ihresgleichen sucht.

Dass darauf in der oben erwähnten Publikation der Industriellenvereinigung nicht hingewiesen wird, empfinde ich als unredlich. Nur die halbe Wahrheit auszusprechen täuscht die LeserInnen und ist Österreichs LehrerInnen und unserem Schulwesen gegenüber infam.

(1) IV (Hrsg.), Beste Bildung für Österreichs Zukunft (2016), S. 16.

(2) a.a.O.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 25. Oktober 2016.

(4) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 25. Oktober 2016.

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Eine Geschichte der Revolte

Die Industriellenvereinigung schlägt vor, einen neuen Fächerkanon zu schaffen und dafür „totes Wissen“ aus den Lehrplänen zu entfernen. […] So sollen Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik und Werken das neue große Fach Science & Technology bilden. Bei der Verschränkung dieser Fächer stünde der Bezug zur Praxis in Wissenschaft und Technik im Vordergrund“, las ich vor wenigen Tagen in der „Presse“. (1)

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Ich habe Chemie studiert, traue es mir aber ganz bestimmt nicht zu, Mathematik, Physik, Biologie, Informatik und Werken auf einem Niveau zu unterrichten, das meinen Ansprüchen auch nur ansatzweise genügt. Aber vielleicht verstehe ich unter Qualität etwas anderes als die Industriellenvereinigung.

Mindestens ebenso beachtenswert finde ich die Forderung nach einem stärkeren „Bezug zur Praxis“. Die Forderung ist so alt wie die Institution Schule selbst. Diese hat nämlich immer schon zwei grundlegende Funktionen zu erfüllen – Enkulturation und Qualifikation.

Schule hat eine Enkulturationsfunktion, indem sie grundlegende Symbolsysteme wie Sprache und Schrift ebenso lehrt wie grundlegende Wertorientierungen. Es geht dabei um die Reproduktion kultureller Fertigkeiten und Verständnisformen der Welt.

Schule hat aber stets auch eine Qualifikationsfunktion. Sie soll jenes Wissen und Können vermitteln, das für die Integration in die Berufswelt erforderlich ist. Derzeit erleben wir durch die Ökonomisierung des Bildungsbegriffs, wie der gesellschaftliche Fokus vor allem auf die Qualifikationsfunktion gerichtet wird, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

Beide Funktionen sind zweifellos wichtig und unverzichtbar. Bildung und Ausbildung müssen gemeinsam Platz in einer Institution haben, deren Name sich vom griechischen Wort für „Muße“ ableitet. „Die Qualität von Bildungseinrichtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Freiheit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel Wissen, wie viel ästhetische Erfahrung, wie viel Nutzloses, ja wie viele – geistige – Seitensprünge sie erlauben. Daran wird eine Schule der Zukunft zu messen sein, nicht an einem vermeintlichen Qualitätsmanagement, einer hochtrabenden Organisationsterminologie, kompetenzorientierten Curricula und fadenscheinigen Testergebnissen.“ (2)

In einem Interview formulierte es Konrad Paul Liessmann so: „Kultur war immer schon definiert, dass in ihr das vermeintlich Überflüssige, das vermeintlich Nutzlose seinen Platz hat und seinen Platz haben darf. Und ich finde es einigermaßen paradox, dass die entwickeltste und reichste Gesellschaft, die es auf dieser Erde je gab, nämlich die westliche wissenschaftlich-technische Zivilisation, dass die glaubt, auf Kultur, auf Kultivierung verzichten zu können. Eine rein durchökonomisierte Gesellschaft mag erfolgreich sein, aber sie wird nichtsdestotrotz barbarisch sein.“ (3)

Doch im ersten Kommentar des neuen Jahres möchte ich optimistisch enden. Auf die Frage, ob Liessmann trotz alledem Grund zur Hoffnung habe, antwortete er: „Aber natürlich, und zwar weil ich glaube, dass man den Menschen bestimmte Grundbedürfnisse nach Bildung, nach Kultivierung, nach dem Schönen, nach Kunst, nach Erkenntnis nicht austreiben kann. Wir halten es als Menschen im Grunde nicht aus, immer nur von einem von anderen uns vorgegebenen Zweck fremdbestimmt zu sein. Der Bildungsprozess, die Bildungsgeschichte war immer auch eine Geschichte der Revolte, der Emanzipation, der Autonomie und der Selbstbehauptung des Menschen, und das wird sich auch nicht ändern.“ (4)

(1) Dominik Perlaki, Industriellenvereinigung will Schulfächer komplett umkrempeln. In: Presse online vom 4. Jänner 2016.

(2) Konrad Paul Liessmann, Schule zwischen Reformzwang und Marktanpassung – Abschied von Bildung? Vortrag gehalten auf einer Veranstaltung der GÖD/FCG am 24. Mai 2012 in Wien.

(3) Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann in den „NZZ Standpunkten“ vom 2. November 2014. Eine dreieinhalbminütige Kurzfassung des Interviews findet man hier, die Langversion (rund 50 Minuten) hier.

(4) a.a.O.

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Gerhard Riegler: Demokratie ausschalten?

Die Schuldemokratie werde durch „Modellregionen“ doch nicht abgeschafft, versichern BildungspolitikerInnen und ihre „ExpertInnen“ treuherzig. Was aber sonst bedeutet der Plan, den die Koalitionsparteien am Dienstag im Rahmen der „Bildungsreform 2015“ verkündet haben? Nach diesem Übereinkommen, das manche als „fast geil“ (1) empfinden, bekommen die demokratischen Mitwirkungsrechte der Schulpartner neun „EIN/AUS“-Schalter, die, wenn es die Unterrichtsministerin erlaubt, von neun Landesfürsten nach Belieben betätigt werden können.

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15 Prozent – wenn es nach dem Wiener Bürgermeister, dem Vorarlberger Landeshauptmann und den Grünen geht, sogar 100 Prozent – der Gymnasien sollen künftig nicht mehr zustimmen müssen, bevor die Politik aus ihnen Gesamtschulen macht. Im 20. Jahrhundert mühsam errungene Elemente der schulischen Demokratie sollen außer Kraft gesetzt werden, um ideologische Ziele gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen zu können.

Für diejenigen, die sich der Zwangskonvertierung nicht unterwerfen wollen, hatte die Bildungsministerin bei der Präsentation der „Bildungsreform“ eine „Lösung“ zur Hand: „Wenn Eltern ihr Kind nicht in eine solche Schule schicken wollen, müssen sie ausweichen.“ (2) Ob diese Worte Ausdruck eines erschreckenden Zynismus sind oder sich die Bildungsministerin dessen nicht bewusst war, wie undemokratisch ihr Amtsverständnis ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wohin sich Zwangsbeglückte „schleichen“ sollen, hat sie meines Wissens nicht erklärt. Sollen 10- bis 14-jährige Kinder in ländlichen Regionen stundenlange Schulwege in Kauf nehmen? In welche Gymnasien sollen Kinder in städtischen Ballungsräumen, deren Gymnasien schon jetzt überfüllt sind, „ausweichen“?

Oder setzt die sozialdemokratische Bildungsministerin darauf, dass ohnehin sündteure Privatschulen gegründet werden, für die es nach der Liquidierung öffentlich finanzierter Gymnasien künftig auch in Österreich Bedarf geben wird? Ein Blick in Europas traditionsreiche Gesamtschulstaaten Frankreich und England zeigt, dass Eltern, die es sich leisten können, genau dorthin „ausweichen“. Eltern aber, die sich monatliche Schulgebühren von über 1000 Euro nicht leisten können, sind bereit, ihre Wohnung zu verpfänden, um ihre Kinder staatlichen Einheitsschulen zu entziehen. Dass am Dienstag in der IV und der Wirtschaftskammer die Champagnerkorken geknallt haben, ist nicht belegt, aber vorstellbar.

Der Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss (B-SGA) hat zu diesem Versuch, die Betroffenen vor Ort zu entmündigen, eine unmissverständliche Antwort gegeben, die auf demokratischem Weg erarbeitet worden ist. (3)

Man darf Frösche nicht fragen, wenn man ihren Teich trockenlegen will.“ (4) Diese Devise beschreibt das derzeitige „Demokratieverständnis“ gewählter RepräsentantInnen unserer Demokratie leider trefflich. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen vehement zur Wehr setzen werden, wenn man ihr Gymnasium „trockenlegen“ will.

Wie erfolgreich dieser Widerstand für die Schule und wie verheerend er für eine abgehobene Politschickeria sein kann, hat der Aufstand der Hamburger Bevölkerung gegen die damals bereits beschlossene Amputation des Gymnasiums im Jahr 2010 bewiesen. Das Gymnasium überstand den Hamburger Anschlag unversehrt, Politikerkarrieren aber endeten abrupt, und Parteien wurde bei der folgenden Wahl von der Bevölkerung die Rechnungen präsentiert, die sie sich verdient hatten.

Wer glaubt, die von der Schule unmittelbar Betroffenen entmündigen zu können, soll und wird erfahren, dass nicht jede Prinzessin, die einen Frosch gegen die Wand wirft, dadurch ihr Glück erfährt.

(1) So charakterisiert Staatssekretär Mag. Dr. Harald Mahrer die „Bildungsreform“. Siehe ZiB2 vom 17. November 2015.

(2) Zit. n. Julia Neuhauser und Bernadette Bayrhammer, Reform: „Mutlos“ und „Nordkorea“: Gesamtschule polarisiert. In: Presse online vom 17. November 2015.

(3) Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss: Entmündigung der Schulpartner inakzeptabel. OTS-Aussendung vom 20. November 2015.

(4) Univ.-Prof. Dr. Detlef Müller-Böling, zit. n. Thomas Schuler, Bertelsmannrepublik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik (Frankfurt 2010), S. 150.

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Geschwätz

Die Familie Kapsch verfügt über ein Vermögen von 740 Millionen Euro. Bei Hannes Androsch ist man nicht so sicher. 100 bis 300 Millionen werden es wohl sein. (1) Wenn sich solche Großindustrielle den Kampf für die Rechte der „kleinen Leute“ an die Fahnen heften, beschleicht mich immer ein ungutes Gefühl, und wenn sie gar eine „Revolution“ fordern, schrillen bei mir die Alarmglocken. (2)

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Nun ist es wieder einmal so weit. „Androsch, Kapsch & Co. machen für Schul-Revolution mobil“, lautete diese Woche eine Schlagzeile im „Kurier“ anlässlich einer Pressekonferenz von „Neustart Schule“ der Industriellenvereinigung. „In kaum einem anderen Land entscheidet der Bildungsstand der Eltern so stark darüber, welchen Bildungsweg Kinder einschlagen. Bildung wird in Österreich immer noch sozial vererbt. Österreich gehört zu jenen drei Länder [sic!] in der OECD, in denen der Bildungsaufstieg am schlechtesten gelingt“, liest man auf der zugehörigen Website.

Bemerkenswert ist nicht das gebetsmühlenartige Wiederholen solcher Phrasen, die im Widerspruch zu unzähligen bildungswissenschaftlichen Publikationen stehen. Bemerkenswert ist vielmehr eine Publikation der Industriellenvereinigung selbst aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen“. Der „Grad der intergenerationalen sozialen Mobilität wurde kürzlich von der OECD für die EU-Staaten erhoben. Bemerkenswert dabei ist, dass in Österreich mit Abstand der höchste Grad an sozialer Mobilität in allen untersuchten Staaten vorhanden ist – sowohl bei der Bildung als auch bei den Einkommen. Beim Mittelwert der Frauen und Männer liegt nur Dänemark bei der Bildungsmobilität vor Österreich. Das bedeutet, dass die oft zitierte „gläserne Decke“ bei Bildung und Einkommen in Österreich am durchlässigsten ist und damit die Frage von Armut und Bildungsniveau in Österreich am wenigsten unter allen OECD-Staaten eine Frage der Geburt ist. Es entscheidet also in Österreich weniger die „Geburtsprämie“ als vielmehr die eigene Motivation und Leistung über Einkommen und Bildung“, wusste die Industriellenvereinigung noch vor drei Jahren zu berichten. (3)

Wurden die Verhältnisse in Österreich innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt, oder wechselt die „Expertise“ der Industriellenvereinigung je nach politischer Auftragslage? „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, sagte schon Konrad Adenauer …

(1) Siehe Die 100 reichsten Österreicher. In: Trend online vom 26. Mai 2015.

(2) Siehe dazu Lisa Nimmervoll, AHS-Lehrervertreter will keine „kognitiven Mastschweine“. In: Standard online vom 21. November 2014 und meinen Kommentar „Des Großschneiders Revolution“ vom 22. November 2014.

(3) Industriellenvereinigung (Hrsg.), Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen (Wien, August 2012, 4. überarbeitete Auflage), S. 27. Hervorhebung im Original.

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Gerhard Riegler: Das Gymnasium hat Zukunft!

Die „Schicksalswahlen“ für das Gymnasium endeten vorgestern mit einem erfreulichen Ergebnis.

K1024_OEPU-buttonIch danke allen Kolleginnen und Kollegen, die der ÖPU / FCG in so schwierigen und kritischen Zeiten bei den Personalvertretungswahlen ihr Vertrauen geschenkt haben. Mit einem Stimmenanteil von fast 60 Prozent werden wir uns weiterhin mit aller Kraft für das Gymnasium, das wir in seiner Lang- und Kurzform für einen unverzichtbaren Wert halten, und seine Lehrerinnen und Lehrer einsetzen.

Wie wichtig dieses für Politik und Medien unübersehbare Votum ist, zeigen die laut Medienberichten geradezu skurrilen Ergebnisse der gestern präsentierten „Studie“ zur „Gemeinsamen Schule“ in Vorarlberg: Für eine „Schule für alle“ waren 56 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern, für den Erhalt des aktuellen Systems gab es Zustimmung vom 51 Prozent der Eltern mit Volksschulkindern. (1) Offenbar handelt es sich bei der Auswertung um „kompetenzorientiertes“ Prozentrechnen.

Für LH Wallner, den Grünen Bildungssprecher Walser (2) und den IV-Präsidenten Kapsch bedeutet diese „Studie“ wohl trotzdem Wasser auf ihre Gesamtschulmühlen.

Meine bayrischen KollegInnen, mit denen ich seit Jahren in intensivem Kontakt stehe, schütteln ob dieser Gesamtschul-Initiativen nur ungläubig den Kopf. Der Wirtschaftsstandort Bayern, der keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht, basiert auf einem höchst vielfältigen Schulsystem.

Auch die Vorarlberger Bevölkerung lehnt laut jüngsten Umfragen die Gesamtschule mit weit über 70 Prozent ab. Doch Vorarlbergs und Tirols Landeshauptleute wenden bei ihrem Blick über die Grenze Bayern den Rücken zu und fabulieren vom Vorbild Südtirol. „Studien“ wie die zur „Gemeinsamen Schule“ in Vorarlberg sollen dafür dann auch noch den Auftrag der Bevölkerung simulieren.

Gemeinsam werden wir der Abschaffung des Gymnasiums entschlossenen Widerstand entgegensetzen. Das Wahlergebnis ist ein eindrucksvoller Auftrag dafür!

(1) Siehe Julia Neuhauser, Gesamtschule: Mehrheit sieht Vorteile. In: Presse online vom 27. November 2014.

(2) Siehe Gesamtschule: „Frau Minister, worauf warten Sie noch?“ In: Presse online vom 28. November 2014.

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Eine marxistisch-antikapitalistische Verschwörung

Armin Wolf kritisierte mich gestern auf „Twitter“ wegen meiner Zweifel am „Bildungskonzept“ der Industriellenvereinigung. Wörtlich zwitscherte er: „Polemischer als der Chef der AHS-Lehrergewerkschaft kann man das IV-Schulkonzept wohl kaum mehr kommentieren: https://quinecke.wordpress.com/2014/11/22/des-grosschneiders-revolution/“.

Das wäre ja noch nicht bemerkenswert, denn in meiner Funktion bin ich sehr oft der Kritik aller möglichen Personen, Parteien und Institutionen ausgesetzt. Wirklich erheitert haben mich allerdings folgende Kommentare:

141122 Armin Wolf IV-Konzept anonym

Ich bin enttarnt und meine MitverschwörerInnen auch! Es gibt sogar einen Verein, die „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“, die solch revolutionäres Gedankengut ausbrütet und der auch Gerhard Riegler und ich angehören – ein ebensolcher Revolutionär, wie er im Ö1-Journal-Panorama bewiesen hat. Und wenn man sich Vorstand und Beirat obiger Gesellschaft ansieht, kann man wirklich nur feststellen: ein Ableger der „Roten Armee Fraktion“ mit Universitäts-„TerroristInnen“ wie Liessmann, Reichenbach, Klein, Burchardt, Frost, Ladenthin, Dollase, Rödler, Nida-Rümelin, Krautz, Hackl, Meyerhöfer und vielen anderen mehr.

Jetzt ist jedoch die Weltrevolution bedroht, denn Armin Wolf hat die marxistisch-antikapitalistische Verschwörung aufgedeckt …

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Des Großschneiders Revolution

Dieser Kommentar fasst meine Argumentation in einem Gespräch mit der „Standard“-Journalistin Mag.a Lisa Nimmervoll zusammen.

Die Aufgabe der Industriellenvereinigung ist es, die Interessen von Großindustriellen zu vertreten, und genau das tut die IV mit ihrem „neuen Bildungskonzept“, an dem nichts neu ist (1) und das wenig mit Bildung zu tun hat. Ihr Ziel: eine für fast alle verpflichtende, neunjährige Gesamtschule, in die ein fünfjähriges Kind aufgenommen, in der es den Eltern mehr oder weniger täglich zwischen 7:00 und 19:00 Uhr abgenommen und aus der ein 14-Jähriger (2) entlassen wird, der über gewisse Mindestqualifikationen und -kompetenzen verfügt.

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Präsident Kapsch erledigt damit als tapferes Schneiderlein – oder eher als Großschneider – sieben Fliegen auf einen Streich:

  • Die Eltern stehen dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt zur Verfügung, ungestört vom „Belastungsfaktor“ Kind.
  • Die Eltern sind nur noch für die Kleinkindphase zuständig. Der Staat formt danach die Jugend zu unkritischen „Produktionsfaktoren“. Das hatten wir in der Geschichte schon öfter – und es hat noch nie zur Stärkung von Demokratie und Menschrechten geführt, um es ganz vorsichtig auszudrücken.
  • Schule nach dem IV-Konzept bildet aus, und zwar auf einem Mindestniveau. Sie bildet aber nicht. Die Qualifizierung, der Nützlichkeitsaspekt, steht im Vordergrund. Die Kultivierung, die Persönlichkeitsbildung, ist nur insofern relevant, als sie dem erstgenannten Ziel dient.
  • Kinder werden zu „kognitiven Mastschweinen“ (3), zu „Kompetenzbündeln“. Der „als kompetent Geprüfte soll später einmal ebenso Babynahrung produzieren können wie Landminen. Angesichts der Kriterien von PISA (und einer auf PISA ausgerichteten Schule) sind beide Aufgaben gleich gültig. Und sie bedürfen der gleichen Kompetenzen.“ (4)
  • Das humanistische Bildungskonzept wird entsorgt, da es prinzipiell subversiv ist, indem es mit Kant die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit begreift – und das geziemt sich für einen „Produktionsfaktor“ nun wirklich nicht. „In der ganzen Welt geht es nur noch um Produktionsprozesse, die Finanzwirtschaft hat die Herrschaft erobert, und die PISA-Studie ist ihr Instrument. Ich halte das für verbrecherisch.“ (5)
  • Für die (ökonomische) Oberschicht ist das alles kein Problem. Sündteure Privatschulen bieten für die Kinder der Großindustriellen neben Qualifizierung auch Bildung. Der IV-Präsident macht es heute schon vor. Er schickt seine eigenen Kinder in eine Schule, an der jährlich 15.000 Euro Schulgeld pro Kind zu bezahlen ist. (6)
  • Für Kapsch & Co. ist das nicht nur kein Problem, sondern eine riesige, wirtschaftliche Chance. Der Bildungsmarkt (teure Privatschulen, teure Nachhilfeinstitute etc.) ist, wie Gesamtschulstaaten demonstrieren, ein Wachstumsmarkt, der höchste Renditen abwirft. „Für jeden öffentlichen Platz, den ich schließe, würden zwei private hochkommen. In den USA ist inzwischen die Mehrheit der Kinder, die auf eine öffentliche Schule gehen, unter der Armutsgrenze. Wenn die öffentliche Schule mir nicht das Extra gibt, nach dem ich suche, sind diese Eltern auch bereit, die Hälfte des Familieneinkommens zu investieren.“ (7)

Um das zu erreichen, ruft der Großindustrielle Kapsch die „Bildungs-Revolution“ (8) aus, was mich an eine dem australischen Politiker John Carrick zugeschriebene Metapher denken lässt. Carrick beschrieb die Revolution als „das Feuer, an dem die einen verbrennen und die anderen ihre Suppe kochen.

(1) Das bestätigte – allerdings mit Stolz – auch der „Bildungsexperte“ Bernd Schilcher in der ZiB2 am 19. November 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Dr. Wolfram Meyerhöfer, Universitätsprofessor für Mathematikdidaktik, in einem Interview mit Jens Wernicke, Schluss mit PISA? In: www.heise.de vom 13. Juni 2013.

(4) Volker Ladenthin, PISA und Bildung? In: Neue Ruhr Zeitung, 18. November 2007. Univ.-Prof. Dr. Volker Ladenthin lehrt Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.

(5) Nikolaus Harnoncourt, zit. n. Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky, Schaffen unsere Schulen jetzt den Musikunterricht ab? In: News Nr. 43/2014, S. 22.

(6) Ö1-Journal Panorama vom 19. November 2014.

(7) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann im Interview mit Bernadette Bayrhammer, Gesamtschuldebatte: „Die Schulform verändert wenig“. In: Presse online vom 19. November 2014.

(8) Siehe OTS-Aussendung „Industrie: Brauchen eine Bildungsrevolution – Neues Schulkonzept der IV“ vom 18. November 2014.

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