Geschwätz

Die Familie Kapsch verfügt über ein Vermögen von 740 Millionen Euro. Bei Hannes Androsch ist man nicht so sicher. 100 bis 300 Millionen werden es wohl sein. (1) Wenn sich solche Großindustrielle den Kampf für die Rechte der „kleinen Leute“ an die Fahnen heften, beschleicht mich immer ein ungutes Gefühl, und wenn sie gar eine „Revolution“ fordern, schrillen bei mir die Alarmglocken. (2)

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Nun ist es wieder einmal so weit. „Androsch, Kapsch & Co. machen für Schul-Revolution mobil“, lautete diese Woche eine Schlagzeile im „Kurier“ anlässlich einer Pressekonferenz von „Neustart Schule“ der Industriellenvereinigung. „In kaum einem anderen Land entscheidet der Bildungsstand der Eltern so stark darüber, welchen Bildungsweg Kinder einschlagen. Bildung wird in Österreich immer noch sozial vererbt. Österreich gehört zu jenen drei Länder [sic!] in der OECD, in denen der Bildungsaufstieg am schlechtesten gelingt“, liest man auf der zugehörigen Website.

Bemerkenswert ist nicht das gebetsmühlenartige Wiederholen solcher Phrasen, die im Widerspruch zu unzähligen bildungswissenschaftlichen Publikationen stehen. Bemerkenswert ist vielmehr eine Publikation der Industriellenvereinigung selbst aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen“. Der „Grad der intergenerationalen sozialen Mobilität wurde kürzlich von der OECD für die EU-Staaten erhoben. Bemerkenswert dabei ist, dass in Österreich mit Abstand der höchste Grad an sozialer Mobilität in allen untersuchten Staaten vorhanden ist – sowohl bei der Bildung als auch bei den Einkommen. Beim Mittelwert der Frauen und Männer liegt nur Dänemark bei der Bildungsmobilität vor Österreich. Das bedeutet, dass die oft zitierte „gläserne Decke“ bei Bildung und Einkommen in Österreich am durchlässigsten ist und damit die Frage von Armut und Bildungsniveau in Österreich am wenigsten unter allen OECD-Staaten eine Frage der Geburt ist. Es entscheidet also in Österreich weniger die „Geburtsprämie“ als vielmehr die eigene Motivation und Leistung über Einkommen und Bildung“, wusste die Industriellenvereinigung noch vor drei Jahren zu berichten. (3)

Wurden die Verhältnisse in Österreich innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt, oder wechselt die „Expertise“ der Industriellenvereinigung je nach politischer Auftragslage? „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, sagte schon Konrad Adenauer …

(1) Siehe Die 100 reichsten Österreicher. In: Trend online vom 26. Mai 2015.

(2) Siehe dazu Lisa Nimmervoll, AHS-Lehrervertreter will keine „kognitiven Mastschweine“. In: Standard online vom 21. November 2014 und meinen Kommentar „Des Großschneiders Revolution“ vom 22. November 2014.

(3) Industriellenvereinigung (Hrsg.), Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen (Wien, August 2012, 4. überarbeitete Auflage), S. 27. Hervorhebung im Original.

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