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Gerhard Riegler: En Marche!

Emmanuel Macron hat mit einer neuen politischen Partei namens „En Marche“ das Vertrauen großer Teile der französischen Bevölkerung und damit am vergangenen Sonntag die Präsidentschaftswahlen überlegen gewonnen. Frankreichs bisherige Großparteien waren schon im ersten Wahlgang abgewählt worden.

Besonders beeindruckend waren für mich der hohe Anteil junger Menschen und deren Begeisterung bei den Wahlfeiern: junge Menschen, die ihre Hoffnung auf einen Jungpolitiker setzen, dessen Hauptbotschaft die ist, für eine neue Politik sorgen zu wollen.

Die Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand ist unter Frankreichs Jugend zurecht riesengroß. Es geht ihr im internationalen Vergleich wahrlich nicht gut. Dass dies so ist, liegt nicht zuletzt an Frankreichs Bildungssystem, das sich gerne mit dem Wort „égalité“ schmückt, dessen Wirklichkeit aber so weit von Chancengerechtigkeit entfernt ist wie in nur wenigen Staaten Europas. Das muss selbst die Bertelsmann Stiftung, die Gesamtschulsysteme gerne bewirbt, eingestehen: „The worst performers with regard to the influence of socioeconomic background on students’ educational success are Hungary, France, Bulgaria and Slovakia.“ (1)

Auch die EU-Kommission bestätigt, dass Frankreich Schulsystem soziale Ungleichheit nicht annähernd auszugleichen versteht, sondern sie sogar massiv verstärkt: „PISA surveys show that France is one of the countries in which the school system contributes most to widening inequalities.“ (2)

Frankreich setzte auf „Matura für alle“, wofür sich auch in Österreich manche PolitikerInnen aussprachen. In Frankreich kann man die Folgen dieses Irrwegs studieren: „In Frankreich machen drei Viertel eines Jahrgangs das Abitur (Baccalauréat). Diese außerordentlich hohe Studienanfängerquote wird nicht nur mit dem Preis einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit von 22 Prozent, also rund zweieinhalbmal so hoch wie in Deutschland, bezahlt, sondern auch mit einer exorbitant hohen Abbrecherquote in Höhe von 50 Prozent eines Jahrgangs!“ (3)

Auf eine Politik, die vielleicht wirklich an eine Chancengleichheit durch gleiche Abschlüsse für alle glaubte, folgte allerdings beinharte soziale Selektion: „Während normale Universitäten in Frankreich nichts kosten, zahlt man für ein Aufbaustudium an Elite-Unis wie der ENA, den „grandes écoles“, zwischen 7000 und 12000 Euro jährlich.“ (4) „Normale Universitäten“ werden immer mehr zu Stätten der Hoffnungslosigkeit, zu einem Parkplatz für junge Menschen, die nach dem Baccalauréat keinen Platz im Berufsleben finden. „Only students from elite schools or with a Doctorate stand a very good chance at getting top level jobs.“ (5)

Statt hier noch weitere Belege für das Scheitern des französischen Bildungssystems mit seinen verheerenden Auswirkungen auf Frankreichs Jugend anzuführen, appelliere ich an Österreichs BildungspolitikerInnen: Nehmt eure Aufgabe ernst, übt sie seriös aus, verspielt nicht die Chancen der Jugend! Beendet euer politisches Spiel, bevor ihr zu Recht das Vertrauen der Jugend verspielt. En Marche!

(1) Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Social Justice in the EU – Index Report 2015 (2015), S. 29.

(2) EU-Kommission (Hrsg.), Investing in children: Breaking the cycle of disadvantage. A study of national practices (2014), S. 72.

(3) Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer, Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten (2015), S. 39.

(4) Thomas Spang, Info: So viel zahlt man für Universitäten in Europa. In: Stuttgarter Nachrichten online vom 10. Mai 2015.

(5) Marie Duru-Bellat, Access to Higher Education: the French case (2015), S. 36.

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Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

Ende Februar waren beim AMS insgesamt 24.500 Akademiker als arbeitslos gemeldet, um 1139 bzw. 4,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inklusive Schulungsteilnehmern waren es knapp 30.000.“ (1) Noch nie hat es in Österreich so viele arbeitslose AkademikerInnen gegeben. Zu „verdanken“ ist diese Tatsache nicht zuletzt einer Politik, die sich vom Vorwurf der OECD, Österreich habe eine zu geringe Akademikerquote, ins Bockshorn jagen ließ, statt sich dessen bewusst zu sein, dass Österreichs Schulwesen zu bieten hat, worum uns andere Staaten inzwischen beneiden.

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In unserem Land hatten und haben junge Menschen mit einem erfolgreichen Abschluss jeder Art von Sekundarstufe II – ob Lehre, mittlere oder höhere Schule – bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben als „AkademikerInnen“ in anderen Staaten. In Österreich sind nach den aktuellsten Daten der Eurostat nur sechs Prozent der 25- bis 29-jährigen AbsolventInnen einer Sekundarstufe II arbeitslos, im EU-Mittel aber über neun Prozent der JungakademikerInnen.

Entscheidend ist – nicht nur in Österreich -, die Sekundarstufe II erfolgreich abzuschließen, statt die Schullaufbahn als Dropout zu beenden. Es kommt also darauf an, dass junge Menschen den für sie richtigen Weg finden und ihn konsequent zu Ende gehen.

Während Österreichs Jugendarbeitslosenquote, noch vor wenigen Jahren die niedrigste aller EU-Staaten, langsam, aber sicher steigt, hat die Arbeitslosenquote Deutschlands den niedrigsten Wert seit einem Vierteljahrhundert erreicht. Finnlands hohe Akademikerquote, die Österreichs Politik vor die Nase gehalten wurde, und Finnlands Massen junger Menschen, die keine Arbeit finden, haben eine gemeinsame Wurzel, deren man sich bei unserem deutschen Nachbarn bewusst ist: „In Finnland gibt es kein vergleichbares System der beruflichen Bildung wie in Deutschland. Die extrem hohe Studienanfängerquote ist auch Ausdruck eines Defizits, es gibt keine nicht-akademische Berufsausbildung.“ (2)

Aber längst ist man sich nicht nur in Deutschland des Vorteils eines vielfältigen Bildungsangebots bewusst, sondern auch in immer mehr Staaten, denen die Vielfalt fehlt: „Viele Länder, u. a. das Vereinigte Königreich (modern apprenticeships), Spanien (nuevo contrato de la formación y aprendizaje) und Frankreich (apprentissage nouveau), setzen auf neue/modifizierte duale Ausbildungssysteme, um den hohen Jugendarbeitslosigkeits- und Schulabbruchquoten entgegenzuwirken.“ (3)

Bis nach Südostasien hat sich die duale Bildung als Erfolgsmodell durchgesprochen. Südkoreas Politik scheut auch nicht davor zurück, mit dem Namen „Meister Schools“ zu demonstrieren, wo man sich dieses Erfolgsmodell abgeschaut hat. „The employment rate of university graduates in 2013 was 56 %. […] For vocational institutions, the employment rate of Meister high-schools in 2013 was over 90 %.“ (4)

In Österreich aber feiert man es als Erfolg der NMS, dass mehr AbsolventInnen eine höhere Schule beginnen und weniger eine duale Bildung, als dies für die Hauptschule gegolten hat. Ob diese jungen Menschen den Weg zur Matura erfolgreich beenden oder als Dropout enden, ist für Österreichs Schulpolitik – vor wenigen Tagen einmal mehr im Unterrichtsministerium hautnah erlebt – kein Thema. Unglaublich, aber leider wahr.

(1) Anita Staudacher, Arbeitslosigkeit: Höchster Anstieg bei Akademikern. In: Kurier online vom 1. März 2017.

(2) Julian Nida-Rümelin in Hanns Seidel Stifung (Hrsg.), Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel (2016), S. 81.

(3) ibw (Hrsg.), Befragung österreichischer LehrabsolventInnen zwei Jahre nach Lehrabschluss (2016), S. 11.

(4) OECD (Hrsg.), OECD Skills Strategy Diagnostic Report Korea 2015 (2015), S. 50.

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Gerhard Riegler: Hoch lebe die Courage!

„Achtung, die Lektüre kann zu depressiven Verstimmungen führen.“ So oder so ähnlich könnte der Beipacktext lauten, würden Printmedien in Apotheken feilgeboten.

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In der letzten Woche konnte ich jedoch mehrere Medienbeiträge lesen, ohne meine Gesundheit zu gefährden. Besonders beeindruckt hat mich die Courage, die zwei Damen und zwei Herren beweisen. Lassen Sie mich zuerst die vier Personen beschreiben:

  1. eine britische Philosophin
  2. eine österreichische Journalistin
  3. ein deutscher Universitätsprofessor
  4. ein österreichischer Landesschulinspektor

Und hier deren vier Aussagen. Versuchen Sie bitte, diese via Multiple-Choice-Verfahren, das durch PISA & Co in den OECD-weiten Olymp aufgestiegene Prüfungsformat, den vier Personen zuzuordnen, noch bevor Sie den Blick in Richtung Fußnoten lenken:

Zitat 1: „Lösen wir uns auch endlich von der Illusion, dass alle Schüler gleich begabt sind, fördern wir (auch handwerklich!) Begabte mehr, stärken wir den Gründergeist.“ (1)

Zitat 2: „PISA war der demokratisch nicht legitimierte normgebende Angriff auf das bis dahin im deutschsprachigen Raum mehr auf Allgemeinbildung Wert legende Bildungssystem […]. Normgebend auch deshalb, weil die PISA-Studien keinesfalls die geltenden Lehrpläne in irgendeiner Form berücksichtigen, sondern angeblich Kompetenzen abprüfen, in denen halt problemorientierte Anwendungen, notfalls auch Scheinanwendungen vorgeben werden, die oftmals durch Lesekompetenz und geschickten Umgang mit Multiple-Choice-Verfahren nach dem „Wer wird Millionär“ Ausschlussprinzip erfolgreich zu lösen sind.“ (2)

Zitat 3: „Um Kinder zu inspirieren, sind vor allem Lehrer extrem wichtig. Aber wir können nicht erwarten, dass sie die gesamte Verantwortung alleine tragen. Die ganze Gesellschaft muss ihren Teil beisteuern: Eltern, Großeltern, Künstler, Wissenschaftler, Politiker und auch Unternehmer. Als ich jung war, hieß es immer: ‚Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen‘. Ich sage: es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen.“ (3)

Zitat 4: „Ob es allerdings im Sinne der Volkswirtschaft wäre, die Zahl der Lehrlinge weiter zu senken und jene der (arbeitslosen) Akademiker zu steigern, ist mehr als fraglich.“ (4)

Wenn Ihnen die Zuordnung nicht gelungen ist, wundert mich dies nicht. Ich glaube nämlich, dass sich die AutorInnen selbst nicht nur mit der jeweils eigenen Aussage identifizieren könnten. Sollten aber auch Sie den Zitaten zustimmen, werden Sie keine Bestseller auf Kosten des Schulwesens verkaufen, weil Sie die kompetenzorientierte Aufnahmeprüfung in den Kreis der „BildungsexpertInnen“ NICHT bestanden haben, wozu ich Ihnen herzlich gratuliere.

(1) Martina Salomon, Die Illusion von der Gleichheit. In: Kurier online vom 27. Februar 2016. Dr. Martina Salomon ist stellvertretende Chefredakteurin des „Kurier“.

(2) Axel Göhring, „Deutschland ist auf dem Weg in die Inkompetenz“. In: Wirtschaftswoche online vom 1. März 2016. Die zitierte Aussage stammt von Univ.-Prof. Dr. Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt.

(3) Jürgen Klatzer, „Es braucht das ganze Land, um Kinder großzuziehen“. In: Kurier online vom 27. Februar 2016. Das Zitat stammt von Univ.-Prof. Dr. Angela Hobbs, Professorin für Public Understanding of Philosophy an der University of Sheffield in England.

(4) Thomas Plankensteiner, Das Handwerk als Bildungschance begreifen. In: Tiroler Tageszeitung vom 2. März 2016. HR Mag. Dr. Thomas Plankensteiner ist AHS-Landesschulinspektor in Tirol.

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Studieren um jeden Preis

Sie suchen eine Versicherung gegen den Studienabbruch Ihres Kindes? In den USA kein Problem. Die amerikanische Finanzindustrie bietet sie ebenso an wie zahlreiche Finanzierungsmodelle, um sich den Hochschulbesuch der Kinder leisten zu können. Am besten beginnt man bereits bei der Geburt mit einem Sparplan für Neugeborene. (1)

bigstock-Student-Loans-Warning--32500559_blogDie Dimension der kreditfinanzierten Studien ist schier unglaublich. „Nach einer Schätzung der New York Times aus dem Jahr 2012 haben 66 Prozent der Bachelorstudenten in den USA einen Kredit aufgenommen – und dabei sind noch nicht jene Kredite eingerechnet, die Angehörige von Studenten für sie aufgenommen haben. Die Verbraucherschutzbehörde für Finanzdienstleistungen kommt zu folgendem Ergebnis: Seit 2012 beläuft sich die Summe aller Studienkredite auf über eine Billion Dollar, was sogar die gesamten Kreditkartenschulden in den USA übersteigt.“ (2)

Es handelt sich schockierenderweise nicht um einen Übersetzungsfehler, nicht um eine US-amerikanische „billion“, sondern tatsächlich um über tausend Milliarden Dollar. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler (3) sein, um eine Finanzblase ähnlich der Immobilienblase zu erkennen, deren Platzen im Jahr 2008 maßgeblich zu den Turbulenzen beigetragen hat, die wir noch lange spüren werden.

Die unheilige Allianz von profitgierigen Banken, provisionsgeilen Bankberatern und Privatuniversitäten, die ihren Aktionären verpflichtet sind, versucht gnadenlos, jedem Highschool-Absolventen ein Studium aufzuschwatzen. Der Profit des Systems steht im Vordergrund, individuelle Voraussetzungen, etwa die intellektuelle Leistungsfähigkeit des Kreditwerbers, und die Interessen der jungen Menschen verlieren an Bedeutung.

Diese Entwicklung lässt sich mit Zahlen belegen. Begannen 1995 in den USA 57 % eines Jahrganges eine tertiäre Ausbildung, so waren es 2011 bereits 72 %. Österreich „holt auf“: im selben Zeitraum von 27 % auf 52 %. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Australien, wo zwischen 2000 und 2011 die Quote von 59 % auf 96 % angestiegen ist. In Australien beginnt also praktisch jeder, der nicht sonderpädagogischen Förderbedarf aufweist, ein Universitätsstudium. (4)

Das hat natürlich auch systemisch katastrophale Auswirkungen. Zusehends sinkt das Qualitätsniveau tertiärer Bildungseinrichtungen. Die Hochschule wird zur Volkshochschule. Studienabgänger haben ein Diplom, aber keinerlei Sicherheit mehr, einen Arbeitsplatz zu ergattern, geschweige denn ein höheres Einkommen.

Den Qualitätsverlust tertiärer Bildung durch Massenakademisierung belegt die soeben erschienene PIAAC-Studie. In Österreich erreichen Jungakademiker bei der Lesekompetenz 318 Punkte, im PISA-Vorzeigeland Südkorea sind es nur 303. Dazu sollte man wissen, dass 7 PIAAC-Punkte einem Lernjahr entsprechen, die Südkoreaner also mehr als zwei Jahre Lernrückstand auf unsere jungen Landsleute aufweisen. „Dafür“ liegt dort die Akademikerquote der 25- bis 34-Jährigen bei 64 %, in Österreich hingegen nur bei 21 %. (5)

Die Analyse von Anthony Davies, Professor für Wirtschaftslehre an der George Mason University in Washington, D.C., ist ebenso plausibel wie beängstigend: „Die Hauskäufer nahmen Kredite auf, um in Immobilien zu investieren, die sie sich nie hätten leisten können. Studenten nehmen Kredite auf, um sich eine Ausbildung zu finanzieren, […] die später wirtschaftlich wertlos ist. Die Universitäten behalten die Profite, während die Steuerzahler das Risiko nichtbeglichener Studienkredite schultern. Letztendlich wird diese Blase schlimmer als die vorherige.“ (6)

Dass eine Organisation wie die OECD Staaten wie Deutschland, die Schweiz oder Österreich wegen ihrer angeblich zu niedrigen Studierendenquoten immer wieder an den Pranger stellt, hat also einen ganz simplen Grund: Auf dem gebeutelten Finanzsektor sind private Bildungseinrichtungen ein riesiger Hoffnungsmarkt. In den USA finanzieren die Studierenden bzw. deren Eltern das tertiäre Bildungswesen fast zur Hälfte selbst (47,8 %). In Österreich sind es 2,6 %. (7)

Mit Bildung oder Erfolg am Arbeitsmarkt hat das nichts zu tun. Oder frei nach Karl Kraus: Die OECD ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich ausgibt.

P.S.: Das System funktioniert genauso, wie es der deutsche Kabarettist Chin Meyer mit sehr viel schwarzem Humor gewürzt hier präsentiert.

(1) Siehe Johannes Lau, Studienkredite bremsen die Konjunktur. In: Standard Online vom 7. Oktober 2013.

(2) a.a.O.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2013: OECD Indicators (2013), S. 301.

(5) OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 203, und OECD (Hrsg.), Education at a Glance, S. 37.

(6) Lau, Studienkredite.

(7) OECD (Hrsg.), Education at a Glance, S. 207.

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Wider den akademischen Snobismus

Jahrzehntelang haben die OECD und die ihr hörigen „Experten“ (1) Deutschland und Österreich wegen ihrer im internationalen Vergleich niedrigen Akademikerquoten gescholten. Wolle man den wirtschaftlichen Wohlstand sichern, führe, so hieß es apodiktisch, kein Weg vorbei an einer massiven Akademisierung breitester Bevölkerungsschichten. Andernfalls wären Not und Elend unvermeidlich. Alle, die etwa meinten, ein Schulwart müsse kein akademisch diplomierter „Facility Manager“ sein, wurden als hoffnungslos rückschrittlich gebrandmarkt.

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Wer glaubt, das Beispiel sei übertrieben, möge einen Blick nach Spanien riskieren: „Das Madrider Museum Prado sucht elf Portiere. Dafür beworben haben sich 18.254 Menschen, viele von ihnen mit zumindest einem Studienabschluss. Als Jahresgehalt werden 13.000 Euro geboten, damit kann man in Madrid kaum eine Wohnung zahlen.“ (2)

Irlands Bildungsminister Ruairi Quinn, Sozialdemokrat und somit über den Verdacht erhaben konservativ zu sein, sprach in einem Interview mit der Zeitung „Die Presse“ jetzt offen aus, was außerhalb von „Expertenkreisen“ ohnehin jeder weiß: Die Inflation an Akademikern ist vielfach einer Deflation an akademischem Anspruch geschuldet. „Die britische Regierungschefin Margret Thatcher hatte in den 1980er-Jahren polytechnische Lehranstalten in „Universitäten“ umbenannt, was ein Desaster war. Die Menschen dachten daraufhin, sie würden eine akademische Ausbildung erhalten. In Irland haben wir in den 1990-Jahre fast den gleichen Fehler gemacht: Regionale berufsbildende Schulen wurden in „Technologische Institute“ umgetauft. Woraufhin sie die Ambition entwickelten, universitärer zu werden …“ (3)

Und Ruairi Quinn streut dem österreichisch-deutschen Modell der breitgefächerten Ausbildung Rosen: „Wenn es darum geht, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist das duale Ausbildungssystem das bessere Modell. Wir müssen uns davor hüten, in akademischen Snobismus zu verfallen.“ (4) Und trotzdem hat sich Österreich dem internationalen Akademisierungswahn zu wenig widersetzt: „Wir produzieren „Master“ am Markt vorbei, während „Meister“ gute Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten hätten.“ (5)

Wer nun meint, der irische Bildungsminister stünde mit dieser Meinung allein auf weiter Flur, muss blind und/oder OECD-Experte sein. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt nämlich bis Ende 2015 pro Jahr 70 Milliarden Euro für zinsbegünstigte Kredite zur Verfügung. Die Vergabe der Gelder an Unternehmen in den Mitgliedsländern ist aber strikt an die Schaffung von Lehrstellen gekoppelt. (6)

Die Politiker und OECD-„Experten“, die das Bildungsschiff auf die akademische Sandbank haben auflaufen lassen, gehören endlich zum Teufel gejagt. Diese Clique hat schon viel zu lange menschliches Leid und wirtschaftlichen Schaden verursacht.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Helmut Brandstätter, Faymann bietet heimische Ausbildner an. In: Kurier Online vom 29. Mai 2013.

(3) „Nicht jeder Jugendliche hat das Zeug zum Akademiker“. In: Presse Printausgabe vom 25. Mai 2013.

(4) a.a.O.

(5) Martina Salomon, Akademisierung aller Lebensbereiche. In: Kurier Online vom 27. April 2013.

(6) Margaretha Kopeinig, EU-Bank macht 70 Mrd. für Jobs locker. In: Kurier Online vom 27. Mai 2013.

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Gerhard Riegler: Akademisierungswut

Nicht jeder ist für die Uni geeignet“, titelte Christoph Schwarz jüngst in der „Presse“ (1) und wagte sich damit auf das glatte Parkett der „political incorrectness“. Jahrzehntelange Propaganda hat in den Köpfen allzu vieler – unter ihnen nicht wenige JournalistInnen – die Vorstellung zementiert, dass jeder Mensch das Potenzial für einen akademischen Abschluss habe. Man müsse nur das – ach so ungerechte – Schulsystem endlich radikal reformieren, und schon stünde allen der Weg zu Universität und Nobelpreis weit offen.

bigstock-Young-Builder-521028_blogDass junge Menschen ohne Uni-Abschluss und auch ohne Matura ein erfülltes und wirtschaftlich erfolgreiches Leben führen können, wird von realitätsfernen „ExpertInnen“ penetrant geleugnet. Manchen von ihnen unterstelle ich dabei nicht einmal bösen Willen. Sie erinnern mich in ihrem blinden Eifer allerdings an den Pfadfinder, der eine alte Dame über einen Zebrastreifen zerrt, obwohl sie gar nicht auf die andere Straßenseite will. Der Pfadfinder hat aber seine tägliche gute Tat noch nicht vollbracht …

Natürlich hat die grassierende „Akademisierungswut“ (© Christoph Schwarz) auch handfeste ökonomische Hintergründe. Noch wird Studieren hierzulande aus Steuermitteln finanziert, anders als in den USA, wo sich Jahr für Jahr Millionen junger Menschen oder deren Eltern in horrende Schulden stürzen, um die Collegegebühren zu bezahlen. In Europa sind mehrere Staaten, z. B. Frankreich und England, bereits auf dem „besten“ Weg dorthin.

Die OECD-Bildungsabteilung, verantwortlich für PISA und ähnliche Unternehmen, beanstandet Jahr für Jahr die angeblich viel zu niedrige Akademikerquote Österreichs. Eine aktuelle Analyse des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) betrachtet eine Akademikerquote von 20 Prozent mittel- und langfristig als optimal. (2) Diesem Idealwert entspricht Österreichs von der OECD gerügtes Bildungswesen mit derzeit 19 Prozent fast punktgenau.

Wohin die Akademisierungswut führt, zeigt der Blick über die Grenzen:

  • Schweden und Frankreich haben unter den 25- bis 34-Jährigen eine doppelt so hohe Akademikerquote wie Österreich. (3) Dafür ist die Jugendarbeitslosigkeit in diesen Staaten dreimal so hoch. (4)
  • In Portugal ist inzwischen mehr als ein Drittel der Hochschulabsolventen arbeitslos. Massen von JungakademikerInnen sehen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um im Ausland einen Arbeitsplatz zu finden. (5)
  • In Deutschland werden händeringend Lokführer und Installateure gesucht. Der Fachkräftemangel könnte Unternehmen bald dazu zwingen, „Standorte und Stellen aus Deutschland abzuziehen, weil sie hierzulande kein ausreichend qualifiziertes Personal mehr fänden“. (6)

Christoph Schwarz fragt abschließend: „Findet sich ein Bildungspolitiker, der sich traut, das offen auszusprechen?“ (7) Ich wünsche es unseren Kindern und Enkelkindern.

(1) Christoph Schwarz, Nicht jeder ist für die Uni geeignet. In: Presse Online vom 15. Jänner 2013.

(2) Nur jeder Fünfte braucht Uni-Abschluss. In: Presse Online vom 15. Jänner 2013.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2012. OECD Indicators (2012), S. 36.

(4) www.bmask.gv.at am 17. Jänner 2013.

(5) Julia Fiedler, Akademikerflucht vor der Krise: Bis Portugal mich braucht, bin ich tot. In: Spiegel Online vom 8. Oktober 2012.

(6) Stefan von Borstel, Deutschland fehlen Lokführer und Klempner. In: Welt Online vom 10. Jänner 2013.

(7) Schwarz, Nicht jeder ist für die Uni geeignet.

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Nicht ganz dicht

Ein Telefonat im Jahr 2025: „Ich habe einen Wasserrohrbruch. Mein Badezimmer ist überflutet. Schicken Sie mir bitte einen Installateur!“ Die Antwort aus der Notrufzentrale: „Halten Sie den Finger drauf! In einer halben Stunde ist ein Psychologe bei Ihnen. Der Installateur hat leider erst übermorgen einen Termin frei.“

Was heute noch wie ein schlechter Witz klingt, könnte morgen schon bittere Realität werden. Eine absurde Koalition aus einfachen Gemütern, linken Bildungsideologen (1) („Jedem seine Matura!“) und USA-hörigen OECD-„Experten“ hat zu einem dramatischen Prestigeverfall des Handwerks geführt. Körperliche Anstrengung und Transpiration sind nur dann chic, wenn sie in der Freizeit stattfinden – womöglich im sündteuren Fitnessstudio.

Der „goldene Boden“ des Handwerks existiert nur mehr im Sprichwort und nicht mehr in den Köpfen der Menschen, auch wenn sich die wenigen verbliebenen Meister ihres Faches längst goldene Nasen verdienen. Da Knappheit den Preis bestimmt, klaffen gesellschaftliches Prestige und persönlicher Kontostand mittlerweile weit auseinander. Während Jobsicherheit und gutes Einkommen für gute Junghandwerker selbstverständlich sind, jobben Jungakademiker – und längst nicht mehr nur Orchideenfach-Absolventen – mittlerweile massenhaft in miserabel dotierten Praktika. Bereits heute hätte jeder dritte Akademiker in Österreich sein Studium nicht für seinen Beruf benötigt! (2) Und trotzdem fordert die oben beschriebene absurde Koalition eine drastische Erhöhung der Akademikerquote…

In der Berliner Zeitung vom 30. August stellt Felix Rauner, Professor für Berufsbildungsforschung an der Universität Bremen (ein Fachmann, kein „Experte“), fest, dass der Bedarf an Hochschulabsolventen bei nur rund 20 Prozent eines jeden Jahrgangs liege. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge geht der Trend zum Studium in fast allen EU-Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit einher. „Pauschal höhere Akademikerquoten zu fordern, ist Unfug“, so das simple Fazit Rauners. (3)

Natürlich kann man einen 28-Jährigen Bachelor der Theaterwissenschaften zum Installateur umschulen. Ob eine solche Strategie allerdings unter demographischen wie volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll ist und ob sie den Installateur von morgen glücklich macht, sei dahingestellt.

Die USA kennen das Ganze seit 50 Jahren, denn sie haben mit dem gleichen Unsinn bereits ihre eigene Wirtschaft ruiniert.“ (4) Dort stiegen die Studentenzahlen bereits vor einem halben Jahrhundert stark an, worunter die Qualität der Studiengänge litt. Aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist ein Land grenzenloser Unmöglichkeiten geworden: „Es gibt dort Seminare, in denen das Ausrichten von Hochzeiten oder Haus- und Gartenpflege gelehrt wird. Das bewegt sich auf Volkshochschulniveau.“ (5)

Aus den Fehlern anderer zu lernen, ist ein Zeichen von Klugheit. Aber gelegentlich habe ich den Eindruck, dass nicht nur manche Wasserrohre nicht ganz dicht sind…

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) „Der Anteil der im Ausland geborenen AkademikerInnen, die unter ihrem Qualifikationsniveau eingesetzt werden, liegt bei etwas über 47 %, bei den im Inland geborenen AkademikerInnen bei etwas über 30 %.“ WIFO, Die ökonomischen Wirkungen der Immigration in Österreich 1989-2007 (2008), S. 39

(3) Stefan Sauer, Viele Studenten, wenig Lehrlinge. In: Berliner Zeitung Online vom 30.8.2012.

(4) Prof. Dr. Jochen Krautz, www.bildung-wissen.eu am 3. September 2012

(5) Sauer, Viele Studenten, wenig Lehrlinge

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